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counter 30.4.2015

Europa unter nationalsozialistischer Besatzung

Nie zuvor wurde Besatzungspolitik in einem solchen Maße von einer mörderischen Ideologie angetrieben. Die Ausgangsbedingungen in den betroffenen Ländern waren nicht zuletzt unter den rasseideologischen Gesichtspunkten verschieden. Ziel Hitlers war die Neuordnung Europas. Und ein Großreich vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer.

Einmarsch deutscher Truppen unter dem Arc de Triomphe in Paris am 14. Juni 1940. (© akg-images)


Es gibt kaum ein Land in Europa, das zwischen Oktober 1938 und Mai 1945 nicht zeitweise von deutschen Truppen besetzt oder zumindest vom NS-Regime beeinflusst worden ist. Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, wäre ein großgermanisches Weltreich entstanden. Denn Hitlers Utopie einer Neuordnung Europas ging über die allenthalben geforderte Revision der Versailler Ordnung und die Vorherrschaft Deutschlands in "Mitteleuropa" weit hinaus. Ihm schwebte von vornherein – das war neu – ein "rassereines" Großreich vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer vor, das die Grundlage seiner Weltherrschaft bilden sollte. Gleichwertige "germanische Völker" unter der Vorherrschaft des Großdeutschen Reiches sollten das Rückgrat einer neuen europäischen Raumordnung bilden, in der die ost- und südosteuropäischen slawischen Völker unterjocht würden. Der osteuropäische Raum bis zum Ural war als germanisches Siedlungsgebiet gedacht. Einheimische, die dem aus rasseideologischen Gründen im Wege standen – die Rede ist von mehr als 30 Millionen Menschen! –, sollten zuvor nach Sibirien vertrieben werden, sofern sie nicht zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Nichts anderes sah der "Generalplan Ost" vor, den der Leiter des "Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums", Heinrich Himmler, 1941 abgesegnet hatte. Nach dem Angriff auf die UdSSR wurde er in die Praxis umgesetzt. Ende 1942 erreichte das besetzte Territorium seine maximale Ausdehnung.

Erlass Hitlers zur "Festigung deutschen Volkstums" vom 7. Oktober 1939

"Die Folgen von Versailles in Europa sind beseitigt. Damit hat das Großdeutsche Reich die Möglichkeit, deutsche Menschen, die bisher in der Fremde leben mußten, in seinem Raum aufzunehmen und anzusiedeln

Besetzung und Besatzung: Formen der Fremdherrschaft



Das Propagandaplakat "Deutschlands europäische Sendung" signalisiert den deutschen Machtanspruch in ganz Europa und überhöht ihn als (historische) Mission. Es veranschaulicht die Vorstellung, dass allein das Deutsche Reich – symbolisiert durch den Reichsadler – das christliche Abendland im Osten vor der Lebensgefahr retten könne, die vom Bolschewismus ausgehe. Vor diesem ideologischen Hintergrund stilisierte die NS-Propaganda den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu einem europäischen "Kreuzzug gegen den Bolschewismus". (© Deutsches Historisches Museum)

Nie zuvor wurde Besatzungspolitik in einem solchen Maße von einer mörderischen Ideologie angetrieben. Die Ausgangsbedingungen in den betroffenen Ländern waren nicht zuletzt unter den rasseideologischen Gesichtspunkten verschieden. Deshalb unterschieden sich die jeweiligen Besatzungsziele, die Okkupationspraxis sowie die Reaktionen und Handlungsspielräume der betroffenen Regierungen, Verwaltungen und gesellschaftlicher Akteure. Fünf Typen der Machtausübung lassen sich auseinanderhalten: die (übliche) Militärverwaltung, die (spezifisch nationalsozialistische) Zivilverwaltung, die Eingliederung in das eigene Staatsgebiet (Annexion), das (teilsouveräne) Protektorat sowie die Auftragsverwaltung.

Da die Niederlande und Norwegen als "germanische" Länder galten, wurden hier zivile "Reichskommissare" eingesetzt – Josef Terboven bzw. Arthur Seyß-Inquart –, die u.a. durch die Unterstützung einheimischer nationalsozialistischer Gruppierungen die Eingliederung vorbereiten sollten. In Dänemark, das nahezu kampflos besetzt worden war, aber formal souverän blieb, suchte ein "Reichsbevollmächtigter" (Werner Best) entsprechenden Einfluss auf die Regierung zu nehmen, bis 1943 der Befehlshaber der deutschen Truppen in Dänemark das Kommando übernahm. Belgien und Nordfrankreich standen bis 1944 unter Militärverwaltung; General Alexander von Falkenhausen wurde im Juli 1944 jedoch von Gauleiter Josef Grohé abgelöst, der als Reichskommissar fungierte.

Verwickelter waren die Verhältnisse in Frankreich. Nach dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 wurde das Land geteilt. Die nördliche Hälfte einschließlich der Industriegebiete sowie die französische Atlantikküste unterstanden der Militärverwaltung unter General Otto von Stülpnagel in Paris, der 1942 von seinem Vetter Carl Heinrich von Stülpnagel abgelöst wurde. Hier hatte der Kommandostab in der Militärverwaltung, die rund 1.200 Offiziere und Beamte zählte, den Befehl über die deutschen Besatzungstruppen, während der Verwaltungsstab die französische Verwaltung kontrollierte. Die nordfranzösischen Departements Nord und Pas de Calais wurden dem deutschen Militärbefehlshaber in Belgien unterstellt. Elsass und Lothringen, die Deutschland 1919 an Frankreich hatte zurückgeben müssen, wurden der Sache nach annektiert und der Zivilverwaltung der angrenzenden deutschen Gaue Baden und Saar-Pfalz zugeschlagen. Dagegen entstand im unbesetzten Süden Frankreichs das Regime von Vichy: In dem Kurort residierte ab Juli 1940 eine neue französische Regierung von Hitlers Gnaden unter Marschall Philippe Pétain. Er herrschte über rund 40 Prozent des ehemaligen Staatsgebiets und seine Kolonien sowie 100.000 Soldaten. Ab dem 11. November 1942, nach der Landung der Alliierten in Nordafrika, ließ Hitler sicherheitshalber auch die Südzone besetzen.

Aufruf Charles de Gaulles vom 18. Juni 1940

"An alle Franzosen! Frankreich hat eine Schlacht verloren! Aber Frankreich hat nicht den Krieg verloren!
Während sich die Besatzungspolitik in Nord- und Westeuropa zwischen Unterdrückung und Kollaboration bewegte, zielte sie in Ost- und Südosteuropa dagegen von Anfang an auf Ausbeutung, Deportation, Ermordung. Die Tschechoslowakei war durch den Einmarsch der Wehrmacht ins Sudetenland am 1. Oktober 1938 und die Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren" am 14./15. März 1939 noch ohne Kampfhandlungen zerschlagen worden. Fortan setzte die Okkupation fremden Staatsgebiets militärische Gewalt voraus. Weil die Besatzer auf "Lebensraum im Osten" aus waren, wurden die Länder annektiert oder unterworfen. Hitler und Stalin hatten Polen unter sich aufgeteilt. Die westpolnischen Gebiete fielen als Reichsgaue "Danzig-Westpreußen" und "Wartheland" dem Reich zu; im Osten entstand, einer Kolonie gleich, das "Generalgouvernement" unter Hans Frank. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gehörten zum "Reichskommissariat Ostland", die Ukraine zu einem weiteren Reichskommissariat, in dem einer der brutalsten Statthalter Hitlers, der Gauleiter von Ostpreußen Erich Koch, seine massenmörderische Herrschaft ausübte. Weil in der Sowjetunion der militärische Konflikt anhielt, stand dort etwa die Hälfte des eroberten Gebietes weiterhin unter Militärherrschaft. Diese war im Unterschied zu West- und Nordeuropa an die verschiedenen Armeen und Heeresgruppen gekoppelt und bezog die Verbündeten Rumänien ("Transnistrien") und Finnland (Ostkarelien) ein.

Europa unter deutscher Besatzung, 1943-1945.
PDF-Icon Hier finden Sie die Karte als hochauflösende PDF-Datei. (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)


In den besetzten Gebieten der UdSSR brachten die Einsatzgruppen der SS im Rahmen der Germanisierungspolitik den Einheimischen millionenfachen Tod und Terror. Neben den radikalen Antisemitismus trat hier wie in Südosteuropa ein Antislawismus, der die Russen, dicht gefolgt von Weißrussen und Litauern, als "Untermenschen" auf die niedrigste Stufe in der rassistischen Hierarchie verwies. Weil sie 1940/41 dem Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan beigetreten waren, existierten die Balkanländer Ungarn, Rumänien und Bulgarien – wichtige Rohstoff- und Nahrungsmittellieferanten – als formal souveräne, jedoch zunehmend abhängige Staaten fort. Der Krieg in Südosteuropa wurde als Koalitionskrieg geführt, deshalb fiel die Okkupationspolitik komplexer aus. Ungarn und der Satellitenstaat Slowakei wurden erst 1944 militärisch besetzt, im Rumänien General Ion Antonescus sicherten deutsche Verbände längst die Ölfelder. Besatzungstruppen befanden sich auch im ehemaligen Jugoslawien: im Satellitenstaat Kroatien, in dem Ante Pavelić als Führer der faschistischen Ustascha herrschte; in Serbien, das unter deutscher Militärverwaltung stand; in Griechenland, das in eine deutsche und eine italienische Besatzungszone zerfiel. Die Wehrmacht marschierte nach dem Sturz Mussolinis 1943 schließlich auch in Italien ein; die italienischen Soldaten wurden entwaffnet und als "Italienische Militärinternierte" gefangen genommen. Eine Marionettenregierung in Salò verwaltete Norditalien. Zugleich wurde Südtirol annektiert, und die südosteuropäischen Besatzungsgebiete der Italiener fielen in deutsche Hand.

Besatzungsalltag



Unter diesen – wie bereits der grobe Überblick zeigt – vielfältigen okkupationspolitischen Rahmenbedingungen fiel der Besatzungsalltag verschieden aus. Im Verlauf des Krieges änderten sich zudem die Situation lokaler Bevölkerungen, ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Alltagserfahrungen und Überlebensstrategien. Erstens verfolgten die Nationalsozialisten in ihrer Besatzungspolitik von Land zu Land unterschiedliche Absichten. Was die Wirtschaft betraf, stand mal die kurzfristige Ausbeutung der Ressourcen der besetzten Gebiete, mal der Aufbau einer europäischen "Großraumwirtschaft" im Mittelpunkt. Die verschiedenen Regionen machten ganz unterschiedliche Erfahrungen mit den wirtschaftlichen Eingriffen der Okkupationsmacht, die nicht zuletzt von den örtlichen Gegebenheiten abhingen. Zweitens wirkten sich die für das Herrschaftssystem typischen Kompetenzstreitigkeiten aus, insbesondere zwischen der Ministerialbürokratie in der Hauptstadt und den ausführenden Institutionen vor Ort. Drittens kamen die Deutschen im Besatzungsalltag nicht ohne die Zusammenarbeit mit der lokalen, regionalen und nationalen Verwaltung aus. Man brauchte einheimische, mehr oder minder freiwillige Helfershelfer, die den Besatzungsapparat am Laufen hielten. Organisation und Verwaltung folgten daher keiner klaren Linie. Gleichwohl sorgten die zentrale Steuerung und der ideologische Grundkonsens dafür, dass die Okkupation ähnlichen Prinzipien folgte.

"Ausländische Unterstützung für Hitlers Ostfront"

Ausländische Unterstützung für Hitlers Ostfront 1941 -1945. PDF-Icon Hier finden Sie die Karte als hochauflösende PDF-Datei. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Am Kampf gegen die Rote Armee beteiligten sich bereits in der ersten Phase knapp eine Million Menschen (bei drei Millionen Wehrmachtssoldaten), vor allem ehemalige Bürger der Sowjetunion. Diese Größenordnung zwinge, so argumentiert der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, zu einer Neubewertung der militärischen Dimension des Krieges im Osten. Er formuliert drei Thesen:
Der durchgehend ideologische Charakter der NS-Besatzungspolitik spiegelte sich in Nord- und Westeuropa vor allem in der Propaganda und der Steuerung der Medien wider. Ob Presse, Film oder Theater: Die Kulturpolitik zielte auf die "Nazifizierung" der Gesellschaft. Die Gewaltherrschaft im Osten ließ für derartige kulturelle "Angebote" in der Regel keinen Raum. Von der Okkupationspraxis waren Frauen, Alte und Kinder besonders betroffen, weil die Männer eingezogen oder deportiert worden waren. Versorgungsprobleme und Korruption erschwerten das tägliche Leben vor allem der städtischen Bevölkerung. Die Angehörigen der Besatzungsmacht waren im Alltag präsent; viele Einheimische richteten sich darauf ein, manche Frauen unterhielten sexuelle Tauschverhältnisse mit den deutschen Soldaten. Vorteile genossen die "volksdeutschen" Minderheiten in Ost- und Südosteuropa, und auch Einheimische zogen ihren Vorteil aus dem Raub jüdischen Eigentums, der "Arisierung". Eine Form der Kollaboration bildete die Unterstützung der Sicherheitskräfte vor Ort. Vor allem in der Sowjetunion standen schätzungsweise 1,2 Millionen Männer im Dienst der deutschen Besatzer. Neben der möglichen, aber nicht notwendigen Nähe zum Nationalsozialismus lagen die Gründe für die Bereitschaft zur Kollaboration in der Aufstiegsmöglichkeit, in der Verbesserung der Lebenssituation, im Schutz vor Deportation und Zwangsarbeit, ja vor der eigenen Ermordung.

Widerstand



Wer nicht bereit war, die Besatzung als Notwendigkeit hinzunehmen und rechtzeitig geflohen oder in den Untergrund abgetaucht war, hofften auf einen Sieg der Anti-Hitler-Koalition und setzte auf Widerstand. London entwickelte sich zu einem Zentrum des Exils. Der britische Geheimdienst SOE, die Kommunistische Partei in der Sowjetunion (seit 1952 KPdSU) und schließlich der amerikanische Geheimdienst OSS bildeten Knotenpunkte im Netz der Widerstandsgruppierungen. Viele geflohene Politiker und Militärs versuchten von London aus, mit britischer Schützenhilfe die Diktatur im Deutschen Reich zu destabilisieren und den Widerstand in den besetzten Ländern zu stärken. Zunächst griffen die Männer und Frauen in Westeuropa auf Formen des zivilen Widerstandes zurück, auf Gegenpropaganda oder Streiks. Wer hätte schon bis 1941/42 gedacht, dass die Besatzungsherrschaft nicht von Dauer sein würde? Wie in Osteuropa von Beginn an, reagierte die Besatzungsmacht auf gewaltsamen Widerstand mit sogenannten Vergeltungs-Aktionen. Die völkerrechtswidrigen Repressalien gegen (vermeintliche) Partisanen waren nicht selten rassistisch motiviert. Bei Geiselerschießungen in Serbien etwa betrug bereits 1941 das Verhältnis 1:100, das heißt für einen ermordeten Soldaten töteten die Exekutionskommandos befehlsgemäß hundert serbische Häftlinge. Rund eine halbe Million Menschen wurden im Zuge dieser, wie es im NS-Jargon hieß, "Bandenbekämpfung" allein in der Sowjetunion ermordet.

Zwar existierten Widerstandsgruppen in allen besetzten Ländern Europas, von einem "europäischen Widerstand" lässt sich gleichwohl nicht sprechen. Zu sehr klafften die politischen Vorstellungen auseinander. Regelmäßig galt der Kampf nicht nur dem Ende der Okkupation, sondern auch dem Beginn einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung. Selbst innerhalb eines Landes zogen die einzelnen Widerstandsgruppen aus politischen Gründen häufig nicht an einem Strang. In Frankreich zum Beispiel stellte die Gründung der Streitkräften des Inneren (FFI) im Februar 1944 den Versuch dar, u.a. die Freien Französischen Streitkräfte (FFL) unter de Gaulle und die primär kommunistischen Francs-Tireurs et partisans (FTP) unter eine Dachorganisation zu einigen. Angehörige der Résistance kämpften gegen das deutsche Besatzungsregime wie auch gegen die kollaborierende, ihrerseits antisemitische Vichy-Regierung. Sie spionierten für die Alliierten, verübten Attentate und sabotierten das Nachrichtenwesen oder die Bahnverbindung, vor allem nach dem Angriff auf die UdSSR im Juni 1941. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie kämpften zahlreiche Résistants Seite an Seite mit den westlichen Alliierten.

In Polen entstand auf der einen Seite die Volksarmee (Armia Ludowa, AL), in der sich kommunistische Untergrundkämpfer zusammenfanden, und auf der anderen Seite die nationalpolnische "Heimatarmee" (Armia Krajowa, AK), die als militärische Gruppierung früh mit der Exilregierung in London zusammenarbeitete. Ihr vergeblicher Versuch, die Hauptstadt aus eigener Kraft zu befreien – der Warschauer Aufstand ab dem 1. August 1944 – ragt schon wegen der 160.000 Todesopfer aus den gewaltsamen Aktionen des Widerstandes in Europa heraus.

In Russland kämpften Partisanen hinter der deutschen Frontlinie. Von Moskau gelenkt, unterstützten sie zunehmend die Rote Armee etwa durch das Sprengen der für die Wehrmacht wichtigen Eisenbahnstrecken 1944. In Griechenland einigten sich die Partisanen des "Nationalrepublikanischen Bundes" nur durch Druck von außen auf ein gemeinsames Vorgehen mit der kommunistischen "Nationalen Befreiungsarmee". Im ehemaligen Jugoslawien rivalisierten die Tschetniks – die nationalserbische Partisanenarmee – mit den kommunistischen Widerstandskämpfern unter Josip Broz ("Tito"). Dessen Armee, 1943/44 rund 300.000 Mann stark, fand schließlich die Unterstützung der Alliierten und erhielt selbst militärische Bedeutung. Dass Tito dann auch die jugoslawische Nachkriegsordnung gestalten konnte, bildete jedoch eine Ausnahme. In den meisten Fällen blieben die Gestaltungsmöglichkeiten der Widerstandsbewegungen nach 1945 hinter deren Erwartungen zurück.

Misst man schließlich die Neuordnungspolitik an ihrem eigenen Maßstab, fällt die Bilanz negativ aus. Zwar führte die auf Unterdrückung und Ausbeutung zielende Eroberungsstrategie bis 1942 tatsächlich zur Entstehung eines ausgedehnten Imperiums, das selbst die USA an Größe und Bevölkerungszahl übertraf. Doch in der Stärke des rasseideologischen Antriebs lag zugleich seine Schwäche. Wegen des ideologisch begründeten Größenwahns kamen selbst die westlichen Staaten nicht als Partner in Frage, von der Selbstüberhebung über die slawischen Völker ganz zu schweigen. Die Besatzer ließen die anfänglich deutschfreundliche Stimmung etwa der Ukrainer, welche die Wehrmacht zunächst als Befreier vom Joch Stalins begrüßt hatten, durch ihre eigene Mord- und Terrorpolitik in Feindschaft umschlagen, statt sie zur Stabilisierung ihrer Besatzungsherrschaft zu nutzen. So mangelte es dem "Tausendjährigen Reich" an tragfähigen Strukturen und qualifizierten Funktionsträgern.

Dank der militärischen Niederlage platzte die Utopie vom großgermanischen Reich. Eine friedliche, demokratische Europa-Idee setzte sich durch, die nicht zuletzt in den Konföderationsplänen des Widerstandes wurzelte. Die Erfahrungen von Besatzung, Terror und Widerstand lieferten auch den Stoff für die nationalen Gründungsmythen der Nachkriegsgesellschaften.

Ausgewählte Literatur:

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Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp

Dr. habil. Jörg Echternkamp, geboren 1963, ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Projektbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), in Potsdam. Er hatte zahlreiche Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland; 2012/13 war er Inhaber der Alfred-Grosser-Gastprofessur am Institut d'Études Politiques (Sciences Po) in Paris. Echternkamp forscht und lehrt zur deutschen und europäischen Geschichte vom 18. zum 21. Jahrhundert; Schwerpunkte bilden derzeit die Gesellschafts- und Erinnerungsgeschichte der Weltkriege, der NS-Zeit und der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zu seinen Publikationen zählen: (Hg.) Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/1-2: Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939-1945 (München 2004/2005; engl. Oxford 2008/2014), Die 101 wichtigsten Fragen: Der Zweite Weltkrieg, München 2010, Militär in Deutschland und Frankreich 1870-2010, Paderborn 2011 (hg. mit S. Martens), München 2012; Experience and Memory. The Second World War in Europe, Oxford 2010/2013 (hg. mit S. Martens); (Hg.), Wege aus dem Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, Freiburg 2012; Die Bundesrepublik Deutschland 1945/49-1969, Paderborn 2013; Gefallenengedenken im globalen Vergleich (hg. mit M. Hettling), München 2013; Soldaten im Nachkrieg 1945-1955, München 2014.


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