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counter 30.4.2015

Kriegsfolgen

6 Millionen europäische Juden fielen dem Rassewahn der Nationalsozialisten zum Opfer, in weiten Teilen Europas war jüdisches Leben ausgelöscht. Mit insgesamt 60-70 Millionen Toten steht der Zweite Weltkrieg für die Tragödie des 20. Jahrhunderts. Eine bipolare Weltordnung entstand, das Gesicht Europas veränderte sich völlig.

Ankunft der letzten deutschen Kriegsgefangenen im Auffanglager Friedland im Oktober 1955: Eine Mutter sucht nach ihrem vermissten Sohn. (© akg-images)


Tod und Verwundung im Krieg



Der Zweite Weltkrieg bedeutete in erster Linie eine menschliche Tragödie. Die Kriegshandlungen selbst sowie ihre unmittelbaren Folgen hatten weltweit etwa 60 bis 70 Millionen Menschen das Leben gekostet, in der Mehrzahl Zivilisten. Allein die Sowjetunion beklagte 27 Millionen Tote, knapp die Hälfte davon Angehörige der Roten Armee, von denen wiederum jeder Vierte nicht im Kampf fiel, sondern in

Ein amerikanischer Soldat bewacht deutsche Kriegsgefangene im Rheinwiesenlager bei Remagen (© Heimatmuseum Sinzig)

deutscher Kriegsgefangenschaft umkam. Dagegen hatte der Aggressor Deutschland mit 6,35 Millionen Toten – weit überwiegend Soldaten – sowohl absolut wie auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl deutlich weniger gelitten. Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Fernen Osten. China verzeichnete als Hauptleidtragender der japanischen Aggression zwischen 1937 und 1945 etwa 13,5 Millionen Tote, Japan dagegen "nur" 3,76 Millionen. In Indien wiederum, das lediglich am Rande Kriegsschauplatz geworden war, waren allein zwei Millionen Menschen infolge kriegsbedingter Nahrungsmittelverknappung verhungert. Am stärksten gelitten hatte jedoch Polen mit sechs Millionen Toten. Jeder sechste Einwohner des Landes war ums Leben gekommen. Diese Schreckensbilanz verbindet sich mit derjenigen des Mordes an den europäischen Juden. Denn jeder zweite getötete Pole war jüdischen Glaubens. Insgesamt fielen während des Krieges etwa sechs Millionen europäische Juden dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. In weiten Teilen Europas war jüdisches Leben so gut wie ausgelöscht.

Der Weltkrieg hatte überdies die Gesundheit von Millionen Menschen mehr

Ein Kriegsinvalider erhält auf einer Straße in Essen von Passanten Almosen, 1948. (© Bundesarchiv)

oder weniger schwer und dauerhaft geschädigt. Ihre Zahl lässt sich auch nicht annähernd genau schätzen. Noch lange Zeit nach Kriegsende prägten körperlich schwer geschädigte Opfer des Krieges das Straßenbild in den betroffenen Ländern. Sie stellten jedoch nur die "Spitze eines Eisbergs" dar. Vielen Kriegsinvaliden war ihre Versehrtheit nicht anzusehen. Weitgehend unsichtbar blieben die vom Krieg verursachten seelischen Schäden. Allein in Deutschland lebten unmittelbar nach dem Krieg eineinhalb Millionen körperlich und seelisch Versehrte beider Weltkriege, die staatliche Versorgungsleistungen erhielten. Auf solche hatten im Jahr 2000 nach Angaben der deutschen Bundesregierung immerhin noch 372.069 Menschen Anspruch. Jenseits dieser offiziell erfassten Zahl hinterließen Frontkämpfe, Kriegsgräuel, Holocaust, Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung eine ganze traumatisierte Generation. Auch wenn an dem Sachverhalt selbst kein Zweifel besteht, gibt es über Ausmaß und Folgen dieser Traumatisierung nur wenig gesicherte Erkenntnisse.

Politische Folgen



Aufruf der alliierten Militärregierung an die befreiten Angehörigen der Vereinten Nationen ("Arbeiter, Gefangene, Deportierte") in Deutschland mit Verhaltensregeln, ca. 1945. (© Bundesarchiv)

Um es vorweg zu nehmen: Der Zweite Weltkrieg veränderte das politische Gesicht der Welt gründlich. Zunächst bekamen die Verursacher des Krieges die politischen Folgen ihrer Niederlage schmerzhaft zu spüren. Die alliierten Siegermächte hielten Deutschland wie Japan über Jahre besetzt und unterwarfen beide Länder ihrem politischen Willen. Deutschland war davon in besonderer Weise betroffen. Es verlor alle Gebiete, die es sich seit 1938 mehr oder weniger gewaltsam angeeignet hatte. Das ebenfalls von den Alliierten besetzte Österreich hatte sich bereits am 27. April 1945 für unabhängig erklärt. Doch blieb auch das Deutsche Reich in seinen Grenzen von 1937 nicht bestehen. Infolge des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945 musste es seine Gebiete östlich von Oder und Neiße an Polen und die Sowjetunion abtreten und büßte damit ein Viertel seines Territoriums ein. Das übrig gebliebene Deutschland wurde von einem Alliierten Kontrollrat regiert, in dem die vier Siegermächte (Frankreich, Großbritannien, Sowjetunion, Vereinigte Staaten) durch ihre Militärgouverneure vertreten waren. Mit Proklamationen, Befehlen, Gesetzen, Direktiven und Verordnungen machte er sich an die innere

Anklage und Aufklärung: Plakat in der amerikanischen Besatzungszone mit Fotos von der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch US-Truppen, ca. 1945. (© Bundesarchiv)

Umgestaltung Deutschlands und die Umerziehung der Deutschen. Er tat dies auf der Grundlage der Beschlüsse von Potsdam, welche Deutschland die Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Demokratisierung, Dezentralisierung und Demontage verordneten. Allerdings ging die Gemeinsamkeit der Siegermächte bald verloren. Die vier Besatzungszonen, in die Deutschland eingeteilt worden war, entwickelten sich gemäß den politischen Vorgaben der jeweiligen Besatzungsmacht durchaus unterschiedlich. Die drei Westmächte richteten in ihren Zonen demokratische Systeme ein. Dies ermöglichte bis 1948 den wirtschaftlichen Zusammenschluss der drei westlichen Zonen und schließlich 1949 die Gründung der Bundesrepublik Deutschland, eines demokratischen westdeutschen Staates mit vorläufig noch eingeschränkter Souveränität. Dagegen verordneten die sowjetischen Besatzer ihrer Zone das pseudo-demokratische Modell einer "Volksdemokratie". Hieraus ging 1949 die Deutsche Demokratische Republik hervor.

Proklamation Nr. 1 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland vom 30. August 1945. (© Bundesarchiv)

Eine kommunistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild stellte sicher, dass das östliche Deutschland in völliger Abhängigkeit von Moskau blieb. Vor allem im geteilten Berlin entwickelte sich deshalb ein gespanntes Verhältnis zwischen den Alliierten, bis hin zur Blockade der westalliierten Sektoren durch die Sowjetunion in den Jahren 1948/49.

Diese Teilung Deutschlands 1949 machte deutlich, dass sich die Alliierten des Weltkrieges endgültig auseinandergelebt hatten. Das hatte nicht nur für Deutschland einschneidende Folgen, sondern veränderte Europa und die Welt. Diese Entwicklung lag im fundamentalen politisch-ideologischen Gegensatz zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion begründet. Der Zwang zum gemeinsamen Kampf gegen Hitler hatte diesen Gegensatz für die Zeit des Krieges verdeckt. Danach brach er sehr schnell auf, als die Sowjetunion ihre Eroberungen in Mittelost- und Südosteuropa skrupellos nutzte, um ihren Machtbereich dorthin dauerhaft auszudehnen und dies mit dem Export ihres totalitären Systems verband. In allen eroberten Ländern brachte sie Regime an die Macht, die ihr willfährig waren und sich auf die sowjetischen Bajonette und Panzer stützten. Schnell kam es hierüber zum Zwist mit den ehemaligen Verbündeten im Westen. Dort verstand man unter der Schaffung eines demokratischen und freien Europa, wie es die "Großen Drei" im Januar 1945 in Jalta vereinbart hatten, etwas anderes. Schon kurz nach Kriegsende sprach Churchill deshalb von einem "eisernen Vorhang", der sich auf Europa herabgesenkt habe, und meinte damit die Abschottung des unfreien sowjetischen Machtbereichs. Als schließlich auch Griechenland, die Türkei und der Iran von sowjetischer Intervention bedroht waren, brach der Konflikt 1947 offen aus. US-Präsident Truman versprach allen Ländern Wirtschafts- und Militärhilfe zur Verteidigung ihrer Freiheit und drohte der Sowjetunion sogar mit der Atomwaffe. Kaum zwei Jahre nach Kriegsende war ein "kalter" Krieg zwischen den früheren Verbündeten ausgebrochen, der Jahrzehnte dauern und das Weltgeschehen prägen sollte. Die Lager in Ost und West formierten sich in zwei großen Bündnissystemen: auf der einen Seite entstand 1949 die Nordatlantische Allianz (NATO) unter Führung der USA. Ihr stand ab 1955 die von Moskau dominierte – im Sprachgebrauch als Warschauer Pakt bekannte – Warschauer Vertragsorganisation (WVO) gegenüber. An vorderster Front des Kalten Krieges fanden sich die beiden gerade gegründeten deutschen Staaten als Gegner wieder.

Karten und Grafiken: "Kriegsfolgen"
 Die deutsche Ostgrenze und die Westverschiebung Polens Flucht und Vertreibung von Deutschen und Polen Flüchtlinge und Vertriebene, 1950 Gesamtzahl der deutschen Kriegsgefangenen. Kontinent der Vertreibungen Provisorische Kriegsgefangenenlager der Westalliierten in Deutschland gegen Kriegsende, sog. Rheinwiesenlager Lager für deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion während und nach dem Zweiten Weltkrieg Menschliche Verluste des Zweiten Weltkriegs Durchschnittliche Lebenserwartung von Rekruten des deutschen Heeres Aufteilung der Besatzungszonen nach dem Krieg


Auch der Ferne Osten wurde Teil des Ost-West-Konflikts und der neuen, bipolaren Weltordnung. Japan kam nach seiner Niederlage relativ glimpflich davon. Es verlor nur kleinere Gebiete im Norden an die Sowjetunion; sein Mutterland blieb von einer Teilung verschont. Auch beschränkte sich die westliche Besatzungsmacht unter Führung der Vereinigten Staaten darauf, Japan in eine parlamentarische Demokratie umzuwandeln. Man gab sich mit der politischen Entmachtung des Tenno zufrieden und schaffte das den Japanern heilige Kaisertum nicht ab. Nach dem Abschluss eines Friedensvertrages 1952 entließen die Westalliierten Japan wieder in die Unabhängigkeit. Politischer Zündstoff ergab sich dagegen aus dem Konkurs des japanischen Machtbereichs auf dem asiatischen Festland. Der Konflikt um die ehemalige japanische Kolonie Korea verschärfte den Kalten Krieg hier 1950/51 sogar zu einem "heißen" Krieg. Viele sahen bereits den Dritten Weltkrieg heraufziehen. Als Verbündeter Nordkoreas und der Sowjetunion trat im Koreakrieg die junge Volksrepublik China unter Mao Tse-tung erstmals nach außen und militärisch massiv in Erscheinung und vervollständigte damit den Eindruck einer politisch-ideologisch zweigeteilten Welt.

Menschliches Elend nach dem Krieg



Kaum weniger als der Weltkrieg selbst verursachte die auf ihn folgende politische Neuordnung der Welt massenhaft weiteres menschliches Elend. Hier fällt zunächst der Koreakrieg auf, der etwa vier Millionen Zivilisten und eine Million Soldaten das Leben kostete. Weitere Millionen Menschen wurden obdachlos oder verschleppt. In Europa traf es vor allem jene Deutschen hart, die in den Ostgebieten des Reiches lebten oder außerhalb der Reichsgrenzen im östlichen und südöstlichen Europa oft schon seit Generationen siedelten. Ihre Flucht aus der Heimat hatte bereits in der Endphase des Krieges

Konferenz von Potsdam, 17. Juli bis 2. August 1945: Der britische Premierminister Winston Churchill (links), US-Präsident Harry S. Truman (Mitte) und der sowjetische Staats- und Parteichef Josef Stalin beschließen über das besiegte und besetzte Deutschland. (© akg-images)

aus Furcht vor der nahenden Roten Armee begonnen. Sie war sehr oft von Übergriffen der nicht-deutschen einheimischen Bevölkerung begleitet. Häufig wurde dabei vormals selbst erlittenes Unrecht mit neuem Unrecht vergolten. Den "wilden" Vertreibungen bei Kriegsende folgte die systematische Vertreibung der Deutschen aus dem Osten aufgrund des Potsdamer Abkommens vom 2. August 1945. In Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei wurden nunmehr unter staatlicher Aufsicht die dort noch lebenden Deutschen in das Gebiet der alliierten Besatzungszonen zwangsumgesiedelt, nachdem ihr Eigentum zuvor bis auf das Handgepäck konfisziert worden war.

Opfer der Zwangsumsiedlung: Die Habe der deutschen Einwohner eines Dorfes bei Oppeln in Schlesien ist auf zwei Anhänger verladen, um zum Bahnhof gebracht zu werden; auf dem Wagen kontrolliert ein polnischer Offizier die Gepäckstücke, ca. 1945. (© Bundesarchiv)

Von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung waren zwischen 1944 und 1950 insgesamt 12 bis 14 Millionen Deutsche bzw. deutschstämmige Bürger anderer Staaten betroffen; mindestens 600.000, möglicherweise weit über eine Million, kamen dabei um. Opfer der ethnischen "Säuberungen" waren aber nicht nur Deutsche. Abermals traf es die leidgeprüften Polen mit Zwangsumsiedlungen, diesmal aufgrund der erneuten Annexion Ostpolens durch die Sowjetunion. Hauptsächlich von dort wurden bis zu eineinhalb Millionen Menschen nach Polen "repatriiert", wie es beschönigend hieß. Im Gegenzug schob man fast eine halbe Million Bürger ukrainischer Abstammung in die Ukraine ab; schließlich wurden innerhalb des neuen polnischen Staatsgebietes etwa 3,5 Millionen Menschen umgesiedelt. Auch die Balten blieben nicht verschont. Über eine Viertel Million von ihnen waren bereits 1944 vor der Roten Armee aus ihrer Heimat geflohen. Die anschließende brutale Sowjetisierung des Baltikums führte zur Deportation Zehntausender nach Sibirien.

In West- und Mitteldeutschland verschärfte die Aufnahme der aus dem Osten geflüchteten und vertriebenen Deutschen die ohnehin angespannte Lebenssituation. Auch weil die Besatzungsmächte die Versorgung der Bevölkerung vernachlässigten, starben im

Großkundgebung im Düsseldorfer Hofgarten am 28. März 1947 gegen die unzureichende Lebensmittelversorgung im Hungerwinter 1946/47. (© Bundesarchiv)

sogenannten Hungerwinter 1946/47 mehrere hunderttausend Deutsche an extremer Kälte und Lebensmittelnot. Allerdings war die Ernährungslage in den Ländern der Siegermächte, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, kriegsbedingt ebenfalls angespannt, in der Sowjetunion sogar derart katastrophal, dass dort in den Jahren 1946 bis 1948 zwei Millionen Menschen verhungerten. Besonders hart war das Leben in den zerbombten deutschen Städten. Ein Großteil der Wohnungen und der Infrastruktur war zerstört, die Wasser- und Energieversorgung für einige Zeit zusammengebrochen. Aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung und hygienischen Bedingungen verbreiteten sich Tuberkulose und Typhus. In mancher Hinsicht herrschten in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die schlimmsten Verhältnisse. Die Besatzer betrieben hier eine besonders rücksichtslose Demontagepolitik, die mehr Industriekapazität zerstörte als zuvor der Bombenkrieg, und hielten sich damit schadlos für die von den Deutschen in der Sowjetunion angerichteten Zerstörungen. Kaum weniger brutal als zuvor das NS-Regime unterdrückten sie in ihrer Zone politisch Andersdenkende. Zehntausende Deutsche, zum Teil aus geringfügigem Anlass in Misskredit geraten, starben unter elenden Haftbedingungen in Lagern der SBZ, andere gar in der Sowjetunion.

"5.000.000 fehlen – Gebt sie frei!" Plakat der SPD von 1947, das die Sowjetunion auffordert, ihre deutschen Kriegsgefangenen freizulassen. (© Bundesarchiv)

Dorthin waren viele zur Zwangsarbeit verschleppt worden. Nicht wenige wurden wegen vermeintlicher oder tatsächlicher "sowjetfeindlicher Betätigung" hingerichtet. Fast wehrlos waren die Frauen einer Willkür ganz anderer Art ausgesetzt. Im Unterschied zu den westlichen Besatzungszonen wurden sie in der SBZ massenhaft Opfer sexueller Gewalt durch Angehörige der Roten Armee, obwohl die Militärbehörden durchaus dagegen einschritten. Schätzungen gehen von bis zu zwei Millionen Opfern allein bis 1947 aus.

Kriegsgefangene und "Displaced Persons"



Ausweisekarte der westalliierten Streitkräfte für eine "Displaced Person" (D.P.), 1945. (© Deutsches Historisches Museum)

Ein eigenes Kapitel bildet das Schicksal der Kriegsgefangenen. Über 11 Millionen Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS waren in alliierte Kriegsgefangenschaft geraten, die allermeisten von ihnen in der Schlussphase des Krieges oder gar erst infolge der deutschen Kapitulation. Ihr Schicksal war, abhängig von der Gewahrsamsmacht, sehr unterschiedlich. Die geringsten Überlebenschancen hatten die fast 200.000 deutschen Soldaten in jugoslawischer Hand. In der Mehrzahl ist ihr Verbleib bis heute nicht völlig geklärt; jedenfalls kehrte nicht einmal die Hälfte zurück. Ein hartes Los traf auch die über drei Millionen deutschen Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft. Mindestens eine halbe Million starben, die meisten infolge unmenschlicher Bedingungen in den Lagern, die anderen auf dem Weg dorthin oder schon bei der Gefangennahme. Andere Berechnungen kommen sogar auf eine Million Tote. Die Freilassung der Überlebenden zog sich lange hin, weil man sie als wertvolle Arbeitskräfte für den Wiederaufbau zurückhielt. Außerdem wurden Tausende in einer Welle von Scheinprozessen 1949/50 – meist unschuldig – zu Kriegsverbrechern abgestempelt und fast ausnahmslos zu langen Haftstrafen verurteilt. Der sich verschärfende Ost-West-Konflikt machte die deutschen Kriegsgefangenen überdies zum Spielball der internationalen Politik. Erst 1955/56 kehrten die letzten 10.000 Kriegsgefangenen nach Deutschland und Österreich zurück. Hier war die Freude getrübt, weil man erheblich mehr Heimkehrer erwartet hatte und sich nun mit dem Tod Hunderttausender Vermisster abfinden musste. Kaum leichter hatten es die 1,8 Millionen nicht-deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, darunter allein 600.000 Japaner, von denen über zehn Prozent durch Zwangsarbeit in Sibirien starben.

Offizielle Wiedergutmachung des unter Stalin an den sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Unrechts

"Beschluss des Zentralkomitee der KPdSU und Ministerrat der UdSSR vom 29. Juni 1956 über die Beseitigung der Folgen grober Verstöße gegen die Gesetzlichkeit in Bezug auf ehemalige Kriegsgefangene und ihre Familienangehörigen:
Als weniger belastend und meist erheblich kürzer erfuhren deutsche Soldaten die amerikanische, britische und –

Plakat: Bekanntmachung der Stadtverwaltung Weimar zur Rückführung von Ausländern ("Displaced Persons") aus dem Juni 1945. (© Deutsches Historisches Museum)

mit Einschränkung – die französische Kriegsgefangenschaft. So waren vor allem die etwa 380.000 deutschen Gefangenen in Lagern in den Vereinigten Staaten gut versorgt. Gefahr drohte ihnen hier noch am ehesten durch den Terror unverbesserlicher Nazis in den eigenen Reihen. Insgesamt gerieten 3,8 Millionen Deutschen in amerikanische Hand. Sie blieben zu 90 Prozent in Europa, wo sie der US-Armee zeitweise Versorgungsprobleme bereiteten. Einige Tausend starben. Die geringste Sterblichkeit herrschte in britischer Obhut. Ähnlich wie bei den Amerikanern genossen hier insgesamt 3,6 Millionen deutsche Soldaten, davon 400.000 in Lagern in Großbritannien, eine prinzipiell korrekte Behandlung. Im Vergleich dazu hatten etwa 700.000 Deutsche schwierige Haftbedingungen: Sie waren gleich nach Kriegsende von Amerikanern und Briten der französischen Armee überstellt wurden. Diese setzte ihre damit über 900.000 deutschen Gefangenen unter oft harten Bedingungen zu Aufräumarbeiten, beim Wiederaufbau, in Landwirtschaft und Industrie ein. Etwa 50.000 mussten Minen räumen, was jeden Zehnten das Leben kostete. Weil Frankreich nach dem Krieg selbst große Not litt, stand es auch um die materielle Versorgung seiner Kriegsgefangenen schlecht. So erklärt es sich, dass insgesamt etwa 30-40.000 von ihnen umkamen – eine relativ hohe Zahl für westliche Verhältnisse, doch weit entfernt vom Massensterben im Osten. Die Franzosen entließen auch als letzte westliche Siegermacht Ende 1948 die letzten deutschen Gefangenen. Die Amerikaner waren damit bereits im Juni 1947 vorangegangen.

Bericht des Wehrmachtsoldaten Johann Lampert, geboren 1918, über seine französische Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945

"Die Bewachungsmannschaft bestand mit wenigen Ausnahmen aus deutschsprachigen Franzosen aus dem Elsass. Jeden Morgen um sieben Uhr mussten wir zum Zählappell auf dem Kasernenhof Aufstellung nehmen.
Während die deutsche Kapitulation die Anzahl deutscher Kriegsgefangener schlagartig ansteigen ließ, befreite sie im Gegenzug die alliierten Soldaten in deutscher Gefangenschaft. Vor allem den gefangenen Sowjetsoldaten brachte dies aber keine wirkliche Freiheit, weil Stalin in Jalta die Alliierten auf die Heimführung (Repatriierung) sowjetischer Staatsbürger verpflichtet hatte. Die meisten hatten das Kriegsende allerdings gar nicht erlebt. Von den Deutschen als slawische "Untermenschen" betrachtet, waren sie ermordet worden, verhungert oder an den unmenschlichen Bedingungen in den Lagern zugrunde gegangen – mithin das größte deutsche Verbrechen des Krieges nach dem Mord an den Juden. Von insgesamt fünf Millionen konnten deshalb nur noch 1,8 Millionen auf Rückführung in die Heimat hoffen. Ein Großteil von ihnen wehrte sich verzweifelt dagegen, nicht wenige begingen Selbstmord. Trotz wachsender Skrupel sahen sich die Westalliierten durch das Jalta- Abkommen dazu gezwungen, die Rückführung aus ihrem Machtbereich auch gewaltsam durchzusetzen. Für die ehemaligen Kriegsgefangenen begann nun in der Heimat ein neues Martyrium. Weil sie nicht Stalins Heldenbild entsprachen, vielmehr als "Vaterlandsverräter" und "Kollaborateure" galten, wurden Tausende hingerichtet. Ein großer Teil verschwand für lange Zeit in Arbeitslagern. Glücklich konnte sich schätzen, wer lediglich Misstrauen und Benachteiligung durch Staat und Gesellschaft erfuhr.

Noch verzweifelter sahen bei Kriegsende die wirklichen Kollaborateure im zivilen und militärischen Bereich ihrem Schicksal entgegen. Etwa eine Million Sowjetbürger hatten in Wehrmacht, SS und deutscher Polizei entweder als einzelne "Hilfswillige" oder in Freiwilligen-Formationen gedient, viele aus Antikommunismus, teilweise aus Antisemitismus, andere einfach nur um zu überleben. Die größte Gruppe umfasste zuletzt 125.000 Soldaten in der "Russischen Befreiungsarmee" unter ihrem Oberbefehlshaber Andrej Wlassow, einem früheren Sowjet-General. Soweit sie nicht bereits der Roten Armee in die Hände gefallen waren, wurden die meisten Kollaborateure bei Kriegsende an die Sowjetunion ausgeliefert, wo sie das Schlimmste erwartete: das Führungspersonal – so auch Wlassow und seine Kommandeure – meist ein kurzer Prozess und die Hinrichtung, alle anderen lange Haft im Arbeitslager. Unter besonders dramatischen Umständen gingen die Kosaken-Verbände der Wehrmacht zugrunde, die am schmutzigen Partisanenkrieg in Jugoslawien beteiligt gewesen waren. Bei Kriegsende wichen sie mit ihrem großen zivil-familiären Anhang, insgesamt etwa 35.000 Menschen, nach Osttirol und Kärnten zurück. Die britische Armee dort wog sie zunächst in Sicherheit, lieferte sie dann aber Ende Mai/Anfang Juni 1945 rücksichtslos der sowjetischen Seite aus. Ihr absehbares Schicksal vor Augen, begingen Hunderte Kosaken an Ort und Stelle Selbstmord.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen wie auch die ehemaligen "fremdvölkischen" Angehörigen von Wehrmacht und SS waren aber nur Teil einer noch größeren Gruppe von Menschen, welche die westlichen Siegermächte als Displaced Persons (DPs) bezeichneten. Zu diesen rechneten sie alle Zivilpersonen, die sich infolge des Krieges nun außerhalb ihrer Heimatländer befanden und ohne Hilfe nicht mehr dorthin zurückkehren konnten.

Während des Krieges verschleppte und nun heimatlose Juden in einem UNRRA-Lager für sogenannte "Displaced Persons" in Berlin-Tempelhof im September 1946. (© akg-images)

Insgesamt handelte es sich um etwa 11 Millionen Menschen, hauptsächlich ehemalige Zwangsarbeiter aus fast allen Teilen Europas, daneben auch freiwillige zivile Arbeitskräfte, KZ-Häftlinge und die Kriegsgefangenen. Hinzu kam schließlich jenes große Heer von ausländischen deutschen Hilfstruppen und von Soldaten ehemals verbündeter Streitkräfte, die es zuletzt auf das Reichsgebiet verschlagen hatte. Zwei Drittel von ihnen befanden sich auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen Deutschlands, wo sie im Unterschied zur Sowjetzone als DPs anerkannt waren. Besonders hilfebedürftig waren die jüdischen Überlebenden des Holocaust, allein in den Westzonen etwa 50-75.000 Menschen.

Karte: Lager für Displaced Persons (DPs) in Deutschland unter der Verwaltung der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), Mai 1946. (© Archiv des International Tracing Service)

Die DPs stellten für die Besatzungsmächte nicht nur ein erhebliches logistisches, sondern auch ein Problem für die innere Sicherheit in Deutschland dar. Neben der Versorgung und Repatriierung der DPs ging es daher immer auch um ihre Kontrolle. Zu diesem Zweck richteten die westlichen Siegermächte mehrere hundert Lager für DPs ein, die sie mit Unterstützung der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) betrieben. Bis Ende 1945 waren die meisten DPs repatriiert, vorrangig und zwangsweise die Sowjetbürger als mit Abstand stärkste Nationalität. Dagegen kam die Heimführung der polnischen DPs – mit über 900.000 Menschen nach den Franzosen die drittstärkste Gruppe – Ende 1946 zum Erliegen, nachdem bis dahin knapp die Hälfte repatriiert worden war – aus der SBZ zwangsweise. Die kommunistische Machtübernahme in Polen machte die Heimkehr für die allermeisten nun nicht mehr erstrebenswert. Sie wurden stattdessen im westlichen Ausland oder gar in Westdeutschland sesshaft, wo bei Gründung der Bundesrepublik noch über 100.000 lebten und bald einen Rechtsstatus als "heimatlose Ausländer" erhielten.

Das Vermächtnis des Zweiten Weltkrieges: Vereinte Nationen und europäische Einigung



Das menschliche Leid, dass sie mit der Zwangsrepatriierung sowjetischer Staatsbürger erlebten, ließ die amerikanischen und britischen Verantwortlichen in Deutschland nicht gleichgültig. In der Praxis wurden deshalb die Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion aus dem Jalta-Abkommen immer stärker unterlaufen. Zu spät für die allermeisten Betroffenen reagierte man auch auf höchster politischer Ebene: Am 12. Februar 1946 verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Empfehlung, wonach Flüchtlinge und Displaced Persons künftig nicht mehr gegen ihren Willen in ihr Heimatland zurückgebracht werden sollten.

Mit den Vereinten Nationen wird ein positives Vermächtnis des Zweiten Weltkrieges sichtbar: das Bemühen der Staatengemeinschaft um eine globale Sicherheitsarchitektur. Ein erster Versuch in Gestalt des Völkerbundes war nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert. Ein neuer Anlauf während des Zweiten Weltkrieges führte schließlich zum Erfolg. Sein Ursprung lag in der 1941 von Roosevelt und Churchill vereinbarten Atlantik-Charta und ihren Prinzipien für eine bessere, friedliche Weltordnung. Auf dieser Grundlage entwickelte sich aus dem Kriegsbündnis der "Vereinten Nationen" gegen Hitler und die Achsenmächte eine globale Organisation zur Sicherung des Weltfriedens, zur Einhaltung des Völkerrechts und zum Schutz der Menschenrechte. Konkret verständigten sich die alliierten Großmächte Anfang 1945 in Jalta auf die Gründung der Organisation der Vereinten Nationen (United Nations Organization; UNO), die schließlich auf der Konferenz von San Francisco besiegelt wurde. Ende Juni 1945 unterzeichneten dort die Vertreter von 51 Staaten, die auf alliierter Seite kämpften, die Charta der Vereinten Nationen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges bald danach ließ die neue Organisation nicht überflüssig werden – im Gegenteil. Die Entzweiung der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition, die Konfrontation beider Lager im ausbrechenden Kalten Krieg, aber auch der vom Weltkrieg angestoßene Prozess der Auflösung der Kolonialreiche machten deutlich, dass die Welt nicht friedlicher geworden war. Die Vereinten Nationen bewiesen ihre Notwendigkeit nun unter neuen Vorzeichen.

Ein noch stärkerer politischer Wille zu internationaler Sicherheit und friedlichem Zusammenleben entstand in Europa, wo beide Weltkriege ihren Ausgang genommen und gewütet hatten. Alte paneuropäische Bestrebungen, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen, aber unter den politischen Bedingungen der 1920er-Jahre gescheitert waren, lebten nun wieder auf. Als Alternative zum System europäischer Nationalstaaten, von dem in der Vergangenheit so viel Unfrieden ausgegangen war, erhielt die Vision von einem vereinten, föderalen Europa neuen Auftrieb. Für diese Idee trat nicht zuletzt Winston Churchill ein, der 1946 öffentlich von den "United States of Europe" nach amerikanischem Vorbild sprach.

Der "Eiserne Vorhang" in Europa - Ausschnitt aus der Rede Winston Churchills vom 5. März 1946 in Fulton/Missouri (USA)

"From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an Iron Curtain has descended across the Continent.
Die auch auf seine Initiative zurückgehende "Europäische Bewegung" verhalf der Idee bald zum politischen Durchbruch. Mit der Gründung des Europarates legten schließlich 1949 zehn westeuropäische Staaten das Fundament für die politische Einigung des Kontinents. Zwei Jahre später trat die junge Bundesrepublik Deutschland dem Europarat bei. Der seitdem fortschreitende Prozess der europäischen Integration war lange auf das freie und demokratische Westeuropa begrenzt, bis er sich nach dem Ende des Kalten Krieges ab 1989/90 auch für die Staaten in Osteuropa öffnete. Er blieb dabei dem ursprünglichen Grundgedanken einer Werte- und Sicherheitsgemeinschaft verpflichtet. Somit kann sich, ähnlich wie die UNO, auch die Europäische Union von heute als ein Kind des Zweiten Weltkrieges betrachten.


Weiterführende Literatur:

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Dr. Thomas Vogel

Dr. Thomas Vogel

Oberstleutnant Dr. Thomas Vogel, geboren 1959, ist Projektbereichsleiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), in Potsdam. Sein Interesse gilt schon länger der Militäropposition im ‚Dritten Reich‘ und dem Widerstand von Soldaten gegen den Nationalsozialismus. Seit einigen Jahren befasst er sich intensiver mit verschiedenen Aspekten der Kriegführung im Zeitalter der Weltkriege, jüngst vor allem mit der Koalitionskriegführung. Er hat u. a. veröffentlicht: "Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime, 5. Aufl., Hamburg u.a. 2000 (Hrsg. und Autor); Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten." Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern, München 2004 (Hrsg. und Autor); Tobruk 1941: Rommel’s Failure and Hitler’s Success on the Strategic Sidelines of the ‚Third Reich‘, in: Tobruk in the Second World War. Struggle and Remembrance, hrsg. v. G. Jasiński und J. Zuziak, Warschau 2012, S. 143-160; "Ein Obstmesser zum Holzhacken." Die Schlacht um Stalingrad und das Scheitern der deutschen Verbündeten an Don und Wolga 1942/43, in: Stalingrad. Eine Ausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, hrsg. v. G. Piecken, M. Rogg, J. Wehner, Dresden 2012, S. 128-141; A War Coalition Fails in Coalition Warfare: The Axis Powers and Operation Herkules in the Spring of 1942, in: Coalition Warfare: An Anthology of Scholarly Presentations at the Conference on Coalition Warfare at the Royal Danish Defence College, 2011, hrsg. v. N. B. Poulsen, K. H. Galster, S. Nørby, Newcastle upon Tyne 2013, S. 160-176; Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Der deutsche Aufmarsch in ein kriegerisches Jahrhundert, München 2014 (Co-Hrsg. und Autor).


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