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counter 6.5.2013

Kriegswirtschaft und Kriegsgesellschaft

Deutschland war nicht auf einen lange andauernden industriellen Abnutzungskrieg vorbereitet. Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges kam es daher zu einer massiven Umstellungskrise der deutschen Wirtschaft. Trotz der Einberufung von Millionen Männern zum Militär wuchs die Arbeitslosigkeit rasch an. Darauf folgte eine starke Kriegskonjunktur, bedingt durch staatliche Aufträge an die Rüstungsindustrie. Gleichzeitig machte sich ein gravierender Arbeitskräftemangel bemerkbar, der starke gesellschaftliche und soziale Veränderungen mit sich brachte.

Elend der deutschen Bevölkerung im Kriegsjahr 1916: Eine alte Frau bricht in der Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft vor Hunger zusammen. (© picture-alliance/dpa)


Zwar wurde die deutsche Zivilgesellschaft im Ersten Weltkrieg nur in geringem Maße - durch Bombenangriffe in grenznahen Gebieten - unmittelbar durch Kampfhandlungen betroffen. Trotzdem übte der zunehmend totale Krieg beträchtliche Einflüsse auf Wirtschaft und Gesellschaft an der sogenannten Heimatfront aus. Die Wirtschaft wurde immer rigoroser auf Kriegsproduktion umgestellt, Frauen spielten eine wachsende Rolle im öffentlichen Leben. Die Menschen begannen Entbehrungen und materielle Not zu erleiden, und in der Gesellschaft bildeten sich immer deutlicher klassengesellschaftliche Gegensätze und soziale Protestpotentiale aus, die bald auch kriegsgegnerische Ausprägungen gewannen.

„Hunger“-Flugblatt (Juni 1916)

Was kommen mußte, ist eingetreten: Der Hunger!

Vorrang und Organisation der Kriegsproduktion

Ähnlich wie in allen anderen am Krieg beteiligten Ländern war die Wirtschaft auch in Deutschland nicht auf einen lange dauernden industriellen Abnutzungskrieg vorbereitet. Erschwerend kam hier der durch die Absperrung vom Weltmarkt verursachte Mangel an erforderlichen Rohstoffen wie etwa Salpeter hinzu, das für die Produktion von Schießpulver benötigt wurde. Auf Initiative und unter Leitung des AEG-Direktors Walther Rathenau wurde deshalb schon am 13. August 1914 im Preußischen Kriegsministerium eine Kriegsrohstoffabteilung gegründet. Sie organisierte die Erfassung und Verteilung von kriegswichtigen Rohstoffen und die Produktion von Ersatzstoffen wie künstliches Salpeter nach dem Haber-Bosch-Verfahren und wurde so zur Keimzelle für den Ausbau der deutschen Rüstungswirtschaft. Ausgehend von der Metall- und Chemieindustrie wurden unter ihrer Anleitung immer mehr Wirtschaftsbereiche zu sogenannten Kriegsrohstoffgesellschaften zusammengeschlossen, in denen im Zusammenspiel von wirtschaftlicher Selbstverwaltung und militärbehördlicher Aufsicht die Verteilung von kriegswichtigen Rohstoffen organisiert wurde.

Bericht über die Entwicklung der Volksgesundheit im Ersten Weltkrieg

Die Vorträge hygienischer Sachkenner sowie die Mitteilungen von Vertretern des Reichsamtes des Innern, des Preußischen Ministeriums des Innern und des Gesundheitsamtes der Stadt Berlin enthüllen wahrhaft erschütternde Tatsachen.
Dieses System begünstigte in beträchtlichem Maße die schwerindustriellen Großbetriebe und Konzerne, während kleinere und nicht kriegswichtige Betriebe benachteiligt und oft auch ganz geschlossen wurden. Der Vorrang der Kriegsindustrie wurde mit dem auf Betreiben der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) im Herbst 1916 aufgelegten "Hindenburg-Programm für die Erzeugung von Heeresbedarf " noch einmal nachhaltig verstärkt. Das auf die totale Mobilmachung von Wirtschaft und Gesellschaft für die militärische Durchsetzung eines umfassenden Siegfriedens abzielende Programm führte noch einmal zu einer deutlichen Erhöhung der Produktion von Waffen und Munition. Es verschärfte aber zugleich die inneren Probleme, Gegensätze und Konflikte in der deutschen Kriegsgesellschaft, die zuvor bereits immer deutlicher hervorgetreten waren.

Arbeitskräftemangel und Arbeitszwang

Bei Kriegsbeginn war es anfangs zu einer massiven Umstellungskrise der deutschen Wirtschaft mit einer trotz der Einberufung von Millionen Männern zum Militär rasch wachsenden Arbeitslosigkeit gekommen. Sie wurde jedoch bald von einer starken Kriegskonjunktur in den von staatlichen Aufträgen begünstigten Rüstungsbetrieben abgelöst. Hier machte sich nun ein gravierender Arbeitskräftemangel bemerkbar, der durch Umschichtungen aus den Friedensindustrien nur teilweise ausgeglichen werden konnte. Staat und Industrie versuchten, dieses Problem auf verschiedene Weise zu lösen: Zum ersten durch die Rückstellung hochqualifizierter Industriearbeiter vom Kriegsdienst, was allerdings angesichts des wachsenden Bedarfs an Soldaten auf enge Grenzen stieß; zum zweiten durch die Heranziehung von Kriegsgefangenen, eine Praxis, die jedoch im Bereich der Kriegsproduktion völkerrechtswidrig war und oft nur mit Zwang durchgesetzt werden konnte; zum dritten durch Nutzung ausländischer Arbeitskräfte, wobei vor allem gegen Zivilisten aus Polen und Belgien auch rigide Zwangsmaßnahmen angewendet wurden, die vor allem im Falle der Zwangsdeportation von gut 60.000 belgischen Arbeitern ins Reich heftige internationale Proteste auslösten; zum vierten durch Versuche zur Erhöhung der Frauenarbeit, die insbesondere bei Arbeiterfrauen mit Kindern aber nur mäßig erfolgreich waren; schließlich durch die Einschränkung der Freizügigkeit und andere Zwangsmaßnahmen gegen die deutsche Arbeiterschaft.

Größe und Zusammensetzung der deutschen Arbeiterschaft 1913 und 1918

Größe und Zusammensetzung der deutschen Arbeiterschaft
Da die Kriegskonjunktur den begehrten Industriearbeitern gute Möglichkeiten eröffnete, durch häufigen Arbeitsplatzwechsel deutliche Gehaltserhöhungen zu erzielen, kam es in Groß-Berlin schon zum Jahreswechsel 1914/15 zu Einschränkungen der Freizügigkeit. Parallel dazu wurde allerdings auf Druck der Militärbehörden die Stellung der Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgebern deutlich aufgewertet. Eingerichtet wurden paritätisch aus Vertretern der Gewerkschaften und der Arbeitgeber besetzte Kommissionen unter Vorsitz eines Offiziers, die über die Berechtigung zum Arbeitsplatzwechsel entschieden. Diese Organisationsform, die den Einfluss der Gewerkschaften erhöhte, sie zugleich aber auch zu einem integralen Bestandteil der Kriegswirtschaftsorganisation werden ließen, wurde bald vielfach übernommen und Ende 1916 im "Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst " generell eingeführt. Das Gesetz verfügte jedoch vor allem die Arbeitspflicht für alle Männer von 16 bis 60. Angeregt hatte es die 3. OHL unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff, die einen allgemeinen Arbeitszwang für Männer und Frauen durchsetzen wollte. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen ", lautete die Devise, unter der Hindenburg von der Regierung ein allgemeines Arbeitszwangsgesetz forderte. Diese lehnte es allerdings aus bevölkerungs- und geschlechterpolitischen Erwägungen ab, Frauen einem allgemeinen Arbeitszwang zu unterwerfen. Und im Reichstag konnte die sogenannte Gewerkschaftsmehrheit aus SPD und Zentrum auch für Männer Ausnahmeregelungen durchsetzen, nach denen die Betriebsbindung durch das Prinzip gebrochen wurde, dass Einkommensverbesserungen einen Arbeitsplatzwechsel rechtfertigen sollten. Die so weiter steigenden Löhne in der Kriegsindustrie waren jedoch bald trotzdem nicht mehr in der Lage, die kriegsbedingte Verelendung der Arbeiterschaft aufzuhalten. Dazu trug nicht nur die Inflation bei, die von einer Finanzierung des Kriegs durch die Notenpresse angeheizt wurde, sondern auch der absolute Mangel an Lebensmitteln und Konsumgütern.

Lebensmittelbewirtschaftung und materielle Not

Warteschlange vor einem Geschäft für Kartoffeln. (© Stadtarchiv Düsseldorf)

Das zivile Leben an der Heimatfront war von Kriegsbeginn an von Mangel und wachsender Not geprägt. Eine Ursache dafür lag in der britischen Seeblockade, doch kamen andere, hausgemachte Gründe hinzu. Während etwa in England durch die Ausweitung von Anbauflächen die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sichergestellt werden konnte und erst im letzten Kriegsjahr Rationierungen eingeführt werden mussten, setzte das Deutsche Reich mit seinem prinzipiellen Vorrang für die Kriegsproduktion bei Lebens- und Bedarfsmitteln von Anfang an auf Mangelbewirtschaftung. Angefangen mit Grundnahrungsmitteln wie Brotgetreide und Kartoffeln, wurden frühzeitig von den Militärbehörden Beschlagnahmungen verhängt, Höchstpreise festgesetzt und Lebensmittelrationen zugewiesen.

Arbeitsverdienste und Nahrungsmittelversorgung zu Zeiten des Ersten Weltkriegs

Durchschnittliche Arbeiter-Jahresverdienste in 370 Unternehmen 1914-1918
Die lange auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen von den Stellvertretenden Generalkommandos und verschiedenen Zivilbehörden auf kommunaler, einzelstaatlicher und Reichsebene ohne klare Zentralisierung praktizierte Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel gestaltete sich jedoch nicht nur ausgesprochen chaotisch und rief vielfältige Widerstände hervor. Sie erwies sich vielmehr auch bald als eine Form der Mangelbewirtschaftung, die vielfältige Ungerechtigkeiten hervorrief und vor allem eine ausreichende Grundversorgung der Bevölkerung nicht sicherstellen konnte. Spätestens im sog. Steckrübenwinter 1916/17 wurde deutlich, dass in Deutschland gravierende materielle Not und ein verbreiteter Hunger herrschten, dem vor allem ältere und geschwächte Menschen zum Opfer zu fallen begannen. Die offiziellen Lebensmittelrationen sanken bei großen regionalen und sektoralen Unterschieden auf etwa ein Drittel des Friedensverbrauchs. Zugleich boomte der Schwarze Markt, auf dem sich jedoch nur diejenigen zusätzliche versorgen konnten, die über größere Geldmengen oder über Sachmittel verfügten. Nicht zuletzt die großen Rüstungsbetriebe versuchten hier, die Versorgung ihrer Belegschaften zu verbessern, und trieben die Preise so immer weiter in die Höhe.

Soziale Gegensätze und Antikriegsproteste

Ein vergessener Aufstand - der Januarstreik 1918. Deutschlandfunk, Hintergrund Kultur, Sendung vom 18.01.2008. Autoren/Urheber: Wolfgang Kruse/Bernd Ulrich. (© Wolfgang Kruse)

Bericht des Berliner Polizeipräsidenten an den Preußischen Innenminister über Unruhen vor Lebensmittelgeschäften im Oktober 1915

In den Abendstunden des 14. d. Mts. haben kleinere Zusammenrottungen vor dort befindlichen Niederlassungen der Großbutterfirma Assmann stattgefunden.
Die Dynamik der Kriegsgesellschaft und die Eingriffe des Militärstaates, die von Nationalökonomen und Kriegsideologen als "Kriegssozialismus " oder als "deutsche Gemeinwirtschaft " verklärt wurden, führten letztlich zu einer verschärften Ausprägung klassengesellschaftlicher Gegensätze und zu einem immer weiter um sich greifenden Vertrauensverlust in die Möglichkeiten des Interventionsstaates. Die Arbeiterschaft erlebte trotz aller Bemühungen der Gewerkschaften nach dem Urteil des Sozialhistorikers Jürgen Kocka eine "Knappheits-, Verelendungs- und Ausbeutungssituation, wie sie seit Beginn der Industrialisierung nicht mehr existiert hatte". Auch weite Teile des Mittelstandes sahen sich in zunehmendem Maße sozial deklassiert, während auf der anderen Seite die industrielle Bourgeoisie enorme Kriegsgewinne verzeichnen konnte. Zugleich ballte sich in den wachsenden Riesenbetrieben der Rüstungswirtschaft eine neuartige, in hohem Maße von Jugendlichen und Frauen geprägte Arbeiterschaft zusammen, deren Bindung an die in die Kriegsanstrengungen des Militärstaates eingebundenen Gewerkschaften nachließ. So war es kaum verwunderlich, dass im Laufe des Krieges soziale Proteste immer weiter um sich griffen und bald eine kriegsgegnerische, schließlich auch revolutionäre Qualität gewannen.

Forderungen der Berliner Arbeiterräte im Januarstreik 1918

1. Schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker entsprechend den Ausführungsbestimmungen, die dafür von dem russischen Volksbeauftragten in Brest-Litowsk formuliert wurden.

Bereits im Jahre 1915 entwickelten sich erste Lebensmittelunruhen vor Geschäften und bei öffentlichen Lebensmittelausgaben, die von nun an nicht mehr abrissen und nach dem treffenden Urteil Ute Daniels "die Kommunen zu Nebenkriegsschauplätzen avancieren ließen". Beteiligt waren daran vor allem Jugendliche und Frauen. Mit dem Streik gegen die Verhaftung Karl Liebknechts im Juni 1916, an dem sich in Berlin immerhin etwa 60.000 Arbeiter beteiligten, begann die Protestbewegung sich deutlicher zu politisieren und auf die betriebliche Ebene überzugreifen. Vor allem in den kriegsindustriellen Großbetrieben kam es im April 1917 und im Januar 1918 zu großen Streikbewegungen gegen den Krieg und die Militärmonarchie, an denen sich Hunderttausende Arbeiter beteiligten. Eine führende Rolle spielte dabei die Gruppe der "Revolutionären Obleute", die sich vor allem aus gewerkschaftlichen Vertrauensmännern in der Berliner Metallindustrie rekrutierte. Auch wenn die Streikbewegung durch die Militarisierung der Betriebe erst einmal abgebrochen werden musste und ihre Führer teils ins Gefängnis geworfen, teils an die Front geschickt wurden, hatten insbesondere die fast alle Industriereviere in Deutschland erfassenden Januarstreiks gezeigt, wie sehr sich die Unzufriedenheit großer Teile der Arbeiterschaft in revolutionärer Weise politisiert hatte.

Ausgewählte Literatur:

Roger Chickering, Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag, Paderborn 2008 (Orig. Cambridge/Mass. 2007).

Hans Joachim Bieber, Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914-1920, 2 Bde., Hamburg 1981.

Hans G. Ehlert, Die wirschaftliche Zentralbehörde des Deutschen Reiches 1914-1919. Das Problem der "Gemeinwirtschaft " in Krieg und Frieden, Wiesbaden 1982.

Gerald D. Feldman, Armee, Industrie und Arbeiterschaft in Deutschland 1914-1918, Bonn u. Berlin 1985 (Orig. 1966).

Ders., The Great Disorder. Politics, Economics, and Society in the German Inflation, Oxford 1993.

Jürgen Kocka, Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918, Frankf./M. 1988 (zuerst Göttingen 1973).

Kai Rawe, "… wir werden sie schon zur Arbeit bringen." Ausländerbeschäftigung und Zwangsarbeit im Ruhrkohlenbergbau während des Ersten Weltkrieges, Essen 2005.

Anne Roerkohl, Hungerblockade und Heimatfront. Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges, Stuttgart 1991.

A. Skalweit, Die deutsche Kriegsernährungswirtschaft, Stuttgart u.a. 1927.

Jens Thiel, "Menschenbassin Belgien ". Anwerbung, Deportation und Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg, Essen 2007.

Friedrich Zunkel, Industrie und Staatssozialismus, Der Kampf um die Wirtschaftsordnung in Deutschland 1914-1918, Düsseldorf 1974.

Benjamin Ziemann, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914-1923, Essen 1997.

Wolfgang Kruse

Wolfgang Kruse

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).


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