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counter 6.5.2013

Frauenarbeit und Geschlechterverhältnisse

Der Erste Weltkrieg galt lange als ein Motor der Emanzipation. Die Kriegsanstrengungen der Frauen an der "Heimatfront" schienen nicht nur eine enorme Entwicklung der weiblichen Erwerbsarbeit gebracht, sondern auch das öffentliche Bild der Frau gestärkt zu haben. Nach dieser Lesart ist die Einführung des Frauenwahlrechts 1919 die logische Konsequenz einer Entwicklung. Die sozial- und kulturgeschichtliche Forschung hat diese monokausale Interpretation zuletzt stark relativiert.

Frauen in einem deutschen Rüstungsbetrieb 1917. (© picture-alliance/akg)


Der Erste Weltkrieg galt lange als ein Motor der Frauenemanzipation. Die Kriegsanstrengungen der Frauen an der "Heimatfront" im zunehmend totalen Krieg schienen nicht nur eine enorme Erweiterung der weiblichen Erwerbsarbeit gebracht zu haben. Sie schienen auch die Rolle der Frauen in der Öffentlichkeit gestärkt und schließlich mit der Einführung des Frauenwahlrechts ihre politische Gleichberechtigung hervorgebracht zu haben. Dieses scheinbar eindeutige Bild ist von der sozial- und kulturgeschichtlichen Forschung der jüngeren Zeit allerdings nachhaltig relativiert und revidiert worden.

Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit



Untersuchungen über die Mitgliedschaft in den Sozialversicherungen haben gezeigt, dass Zahl und Anteil der erwerbstätigen Frauen in den Jahren 1914 bis 1918 zwar zugenommen haben, der Anstieg jedoch geringer war als in den Vorkriegsjahren. Bei der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit handelte es sich demnach um eine langfristige Entwicklung, die durch den Ersten Weltkrieg eher gebremst als beschleunigt wurde. Nach Kriegsbeginn wurden erst einmal viele Frauen arbeitslos, weil aufgrund der Umstellungskrise auf den Krieg viele Arbeitsplätze wegfielen. In den kriegswichtigen Industrien kam es in der Folgezeit zwar zu einem enormen Anstieg der weiblichen Beschäftigten. Doch handelte es sich dabei im Wesentlichen um Verschiebungen innerhalb der Gruppe der erwerbstätigen Frauen, die ihre bisherigen Arbeitsplätze in den Komsumgüterindustrien, aber auch im häuslichen Dienst teilweise verloren hatten, teilweise verließen, um besser bezahlte Tätigkeiten als Arbeiterinnen in den kriegswichtigen Industrien anzunehmen. Bisher nicht berufstätige Frauen dagegen konnten trotz vielfältiger Bemühungen nur in begrenztem Maße dazu bewegt werden, in der Kriegsindustrie zu arbeiten.

Erwerbstätige Frauen im Deutschen Reich

Mitgliederbewegung bei den Krankenkassen 1914 bis 1919
Die Arbeitsverhältnisse in der Kriegsproduktion waren ausgesprochen schwer und vielfach auch höchst gesundheitsgefährdend. Da bei Kriegsbeginn alle Schutzbestimmungen für Arbeiterinnen aufgehoben worden waren, betrugen die Arbeitszeiten pro Schicht in der Regel elf bis zwölf Stunden. In den schnell hochgezogenen Produktionsstätten für Waffen und Munition wurde in der Regel ohne besondere Schutzmaßnahmen mit gefährlichen Stoffen gearbeitet, und es kam unter den schnell angelernten Arbeiterinnen vielfach zu schweren, teilweise auch tödlichen Unfällen. Aus Sicht der Frauen bedeuteten solche Arbeitsverhältnisse in der Regel keinen Schritt zur Emanzipation, sondern sie wurden nur eingegangen, um das Überleben für sich selbst und für die Familie zu sichern. Für Frauen aus den höheren sozialen Schichten kamen sie sowieso nicht in Frage, und auch Arbeiterfrauen mit Kindern zogen es in der Regel vor, ihre bescheidene Kriegsunterstützung durch Tätigkeiten im häuslichen Umfeld wie Putzarbeiten, Kinderbetreuung oder Heimarbeit aufzubessern. Als die Oberste Heeresleitung deshalb 1916 eine weibliche Dienstpflicht forderte, lehnte die Reichsregierung dieses Ansinnen ab, weil sie dadurch die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter gefährdet sah. Stattdessen entschied man sich, Fabrikpflegerinnen einzustellen und vermehrt Möglichkeiten zur öffentlichen Kinderbetreuung einzurichten, ohne damit jedoch eine besondere Ausweitung der freiwilligen Frauenarbeit herbeiführen zu können.

Veränderte Geschlechterrollen



"Gruß aus Osnabrück" - Historische Postkarte

Mit dem Hinweis auf die nur langsam und im Trend ansteigende Frauenerwerbstätigkeit und die schwierigen Arbeitsbedingungen in der Kriegsindustrie ist indes noch nicht gesagt, dass der Krieg nicht trotzdem Emanzipationsprozesse bewirkt haben kann. Zwar brachte der Krieg keine außergewöhnliche Zunahme der Frauenarbeit insgesamt mit sich. Doch übten Frauen nun auf vielen Ebenen Tätigkeiten aus, die bisher Männern vorbehalten waren, und sie traten damit viel deutlicher in die Öffentlichkeit, als das vorher der Fall gewesen war: Frauen arbeiteten nun in der Schwerindustrie, sie bedienten Maschinen und waren beispielsweise als Straßenbahnführerinnen oder als Schornsteinfegerinnen tätig. Gerade jungen Frauen bot sich darüber hinaus die Möglichkeit, früh erwerbstätig zu werden, selbständiger zu leben oder als Krankenschwestern und Etappenhelferinnen das Elternhaus ganz zu verlassen. All dies rief den Eindruck hervor, dass Frauen im Krieg nicht mehr auf ihre vermeintlich angestammten Plätze in Haushalt und Familie sowie angrenzenden Tätigkeitsfeldern etwa als Lehrerinnen begrenzt waren, sondern dieselben Arbeiten wie Männer ausführen und damit zugleich ein selbständiges Leben jenseits des häuslichen Bereichs und ohne die an die Front eingezogenen Männer führen konnten. Einigen Frauen gelang es sogar, Führungstätigkeiten zu übernehmen, insbesondere gebildeten Frauen aus der bürgerlichen Frauenbewegung, die in den Militärbehörden Tätigkeiten in der Organisation der Sozialfürsorge für berufstätige Mütter übernahmen und dabei teilweise in Offiziersränge aufstiegen.

Größe und Zusammensetzung der deutschen Arbeiterschaft 1913 und 1918

Größe und Zusammensetzung der deutschen Arbeiterschaft

Das Kriegsengagement der Frauenbewegung



Schon kurz nach Kriegsbeginn waren führende Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung im Preußischen Kriegsministerium vorstellig geworden und hatten mit dessen Zustimmung einen "Nationalen Frauendienst" ins Leben gerufen, an dem sich im Zeichen des Burgfriedens auch die sozialdemokratischen Frauen beteiligten. Ihre Hauptaufgabe sahen die Frauen im sozialen Kriegsdienst an der Heimatfront, d. h. in der Linderung der rasch um sich greifenden Not insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten. Dies geschah vor allem aus nationalem Kriegsengagement heraus, doch war es auch mit der Hoffnung verbunden, auf diese Weise die Bedeutung des weiblichen Geschlechts für Staat und Nation demonstrieren und die Stellung der Frauen verbessern zu können.

Denkschrift des Bundes Deutscher Frauenvereine zur Neuorientierung 1917

Die Einbeziehung der Frauen in das aktive Wahlreicht in Gemeinde und Staat ist unerläßlich, um den Einfluß der Frauen im Staat auf der ganzen Breite des tatsächlichen Frauenlebens aufzubauen.
Vor allem in der zweiten Kriegshälfte, als die Öffentlichkeit immer stärker eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts diskutierte, begann auch die Frauenbewegung nun eindeutiger als bisher, die Einführung des Frauenwahlrechts zu fordern. Anders als in England gelang es in Deutschland allerdings während des Krieges nicht, die gesetzliche Einführung des Frauenwahlrechts durchzusetzen. Dies geschah erst nach der Revolution durch den sozialdemokratisch besetzten Rat der Volksbeauftragten, der damit nicht unbedingt auf das Kriegsengagement der Frauen reagierte, sondern eine schon Jahrzehnte alte Forderung der Sozialdemokratie umsetzte.

Der antifeministische Diskurs



Tatsächlich aber brachten die kriegsspezifischen Tätigkeiten und Veränderungen den Frauen in der männlich dominierten Öffentlichkeit keineswegs nur Zustimmung und Anerkennung. Vielmehr mehrten sich auch die Stimmen, die darin eine Auflösung der überkommenen Geschlechterordnung sahen und dagegen einen aggressiven Antifeminismus ins Feld führten. Von einer Krise der Männlichkeit, die sich in der wachsenden Emanzipation der Frauen, der männlichen Überforderung durch die Ansprüche der modernen Gesellschaft und nicht zuletzt im Rückgang der Geburtenzahlen zu manifestieren schien, war schon vor dem Ersten Weltkrieg immer öfter die Rede gewesen. Doch angesichts der kriegsbedingten Veränderungen, vor allem der vielfachen Verkrüppelungen der Männer an der Front auf der einen, dem Bedeutungszuwachs der Frauen an der "Heimatfront" auf der anderen Seite, wurde nun immer radikaler die Auffassung vertreten, dass spätestens nach Kriegsende die vermeintlich natürliche Trennung der Geschlechterrollen wiederhergestellt werden sollte. Heroisiert wurde der soldatische Einsatz der Männer an der Front, die ihr Leben für die als weiblich begriffene Heimat aufs Spiel setzten und damit umso mehr den Anspruch erwarben, auch in Zukunft wieder eine gesellschaftliche Vorrangstellung einzunehmen. In Deutschland erhielt diese Auffassung noch eine deutliche Bestärkung durch die Interpretation des Kriegsausgangs. Denn die Legende vom "Dolchstoß" der Heimat in den Rücken der "im Felde unbesiegten" Fronttruppen verfestigte noch einmal die Vorstellung, dass nur die Männer der Front geeignet waren, das Schicksal Deutschlands zu bestimmen.

Schreiben vom Chef des Generalstabes des Feldheeres v. Hindenburg an Reichskanzler v. Bethmann Hollweg, 23.10.1916

Es ist auch meines Erachtens zutreffend, daß die Frauenarbeit nicht überschätzt werden darf.

Verelendung und Protestbereitschaft der Arbeiterfrauen



Für die meisten deutschen Frauen insbesondere in der Arbeiterschaft brachte der totale Krieg eine totale Überanstrengung und Verelendung mit sich. Zur Doppelbelastung durch Erwerbs- und Hausarbeit kamen die Probleme der Kindererziehung und der Versorgung mit Lebensmitteln und Verbrauchsgütern hinzu. Die Heranwachsenden wurden schlecht versorgt, sie entwickelten sich vielfach ohne elterliche Aufsicht und sie konnten in den Grauzonen der Kriegsgesellschaft schnell auf die schiefe Bahn gelangen. Und je länger der Krieg andauerte, desto mehr verschlechterte sich die Situation: Die Lebensmittelrationen wurden knapper, Kleidung und Schuhe konnten kaum noch ersetzt werden, auf dem boomenden Schwarzen Markt waren die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht konkurrenzfähig. Als Belastung insbesondere für die Frauen kamen die "Lebensmittelpolonaisen", das oft stundenlange Anstehen vor Lebensmittelgeschäften und öffentlichen Ausgabestellen hinzu. Hier machten Gerüchte schnell die Runde, und die verbreitete Unzufriedenheit schlug schnell in offenen Aufruhr um, vor allem wenn das Anstehen am Ende erfolglos blieb, weil es trotz Lebensmittelkarten keine Ware mehr gab. Die lange vereinzelten, aber vielfältigen sozialen Proteste von Arbeiterfrauen und Jugendlichen wurden zunehmend zu einem integralen Bestandteil der proletarischen Antikriegsbewegungen der Jahre 1917/18, die schließlich zum Sturz des Kaiserreichs führten.

Krieg und Emanzipation? Ein Fazit



Bevor es überhaupt sinnvoll erscheint, über die möglichen emanzipatorischen Wirkungen des Krieges nachzudenken, ist erst einmal festzuhalten, dass der Krieg den meisten Frauen vor allem Not und Leid bescherte. Vermeintliche Fortschritte wie die Übernahme bisher Männern vorbehaltener Tätigkeiten stellten sich für die Frauen zumeist keineswegs als Aufbruch zu neuen Ufern dar, sondern sie waren im Gegenteil eine Folge von Notlagen und Lebensnotwendigkeiten, und sie brachten Ausbeutung und Abnutzung mit sich, die keine nationale oder feministische Begeisterung, sondern Unzufriedenheit und Protestbereitschaft hervorriefen. Die Historikerin Ute Daniel hat deshalb in ihrer Untersuchung über Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft die These vertreten, dass der Krieg aus subjektiver weiblicher Sicht keine Emanzipation im Staat, sondern nur eine Emanzipation vom Staat gebracht habe, die letztlich ohne Dauer geblieben sei. Doch so berechtigt es ist, die kriegsbedingten Verwerfungen und Gegentendenzen zur weiblichen Emanzipation hervorzuheben, bleibt doch festzuhalten, dass die Kriegsmobilisierung der Frauen im Ersten Weltkrieg zu strukturellen und bewusstseinsmäßigen Veränderungen der Geschlechterverhältnisse geführt hat, die nicht auf allen Ebenen revidiert werden konnten. Nur ein Beispiel dafür ist der Anteil weiblicher Gewerkschaftsmitglieder, der nach 1918 dauerhaft und signifikant höher lag als vor Kriegsbeginn 1914.

Ausgewählte Literatur:



Stefan Bajohr, Die Hälfte der Fabrik. Geschichte der Frauenarbeit in Deutschland 1914-1945, Marburg 1979.

Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989.

Ulrike von Gersdorf, Frauen im Kriegsdienst 1914-1945, Stutttgar 1969.

Birte Kundrus, "Kriegerfrauen". Familienpolitik und Geschlechterverhältnisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Hamburg 1995.

Susanne Rouette, Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Die Regulierung der Frauenarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, Frankf./M. 1993.

Wolfgang Kruse

Wolfgang Kruse

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).


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