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counter 27.9.2012

Das Deutsche Kaiserreich und der Erste Weltkrieg

Eine Einführung

In der Geschichtswissenschaft spielt das Deutsche Kaiserreich eine besondere Rolle. Es wurde lange als Höhepunkt deutscher Nationalgeschichte betrachtet, doch in den 1970er Jahren änderte sich das. War das Kaiserreich ein normaler europäischer Nationalstaat mit offener Zukunft? Oder führten die Radikalisierung und der Niedergang der demokratischen Kultur fast zwangsläufig in den Ersten Weltkrieg?

Am 18. Oktober 1861 krönt sich Wilhelm I. zum König von Preußen in der Schlosskirche in Königsberg. Gemälde von Adolph von Menzel.


Das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 hat in der Geschichtswissenschaft immer wieder eine herausgehobene Rolle gespielt. Lange wurde es als Höhepunkt, ja sogar als eine Art Vollendung der deutschen Nationalgeschichte betrachtet, die im "Reichsgründer" Otto v. Bismarck ihre Personalisierung fand. Grundlegend geändert hat sich diese Sichtweise erst seit den 1970er Jahren, als eine jüngere Generation von Historikern begann, die neuere deutsche Geschichte nicht nur der Weimarer Republik als Vorgeschichte des Nationalsozialismus zu betrachten und betont kritisch zu untersuchen. Das wohl einflussreichste und zugleich am meisten diskutierte historische Werk dieser Zeit war Hans-Ulrich Wehlers "Das Deutsche Kaiserreich". Erstmals 1973 erschienen, wurde "Wehlers Kaiserreich" für lange Jahre zum zentralen Bezugspunkt fast aller Untersuchungen und Auseinandersetzungen über die deutsche Geschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Das Kaiserreich im Sonderwegs-Paradigma



Wehler vertrat nicht nur einen modernen, mit Theorien arbeitenden, die traditionell dominierende Politikgeschichte durch sozialgeschichtliche Perspektiven erweiternden Ansatz. Er ordnete seine Deutung des Kaiserreichs auch programmatisch in die Theorie eines "deutschen Sonderwegs" in die Moderne ein, der letztlich zum Nationalsozialismus geführt habe. Bei der Sonderwegstheorie handelte es sich ursprünglich um ein positives Deutungsmuster der neueren deutschen Geschichte, nach dem die deutsche Nationalstaatsbildung "von oben" unter der Vorherrschaft eines starken, auf Monarchie, Militär und Bürokratie gestützten Staates der westlich-liberalen, auf Revolutionen "von unten" aufbauenden Entwicklungsform überlegen gewesen sei. Dieses Deutungsmuster wurde unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, zuerst von Emigranten aus Nazi-Deutschland, gewissermaßen in sein Gegenteil verkehrt: Ausgehend von der gescheiterten Revolution 1848, wurden nun alle Aspekte der deutschen Staats- und Gesellschaftsentwicklung daraufhin untersucht, wie sie die Ausbildung einer liberal-demokratischen Ordnung behindert und die Entstehung des Nationalsozialismus gefördert hatten.

Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914 Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© kgberger)

In den Mittelpunkt rückte das Deutsche Kaiserreich von 1871. Dabei schien es sich nicht nur um eine "verspätete Nation" (Helmut Plessner) zu handeln. Herausgearbeitet wurde vor allem der obrigkeitsstaatliche, militaristische Charakter des Kaiserreichs, dessen Fürsten- und Adelsherrschaft in einem eklatanten Widerspruch zu den dynamischen Basisprozessen einer sich rapide industrialisierenden und modernisierenden Gesellschaft stand. Den "alten Eliten" aus vorindustrieller Zeit gelang es, so das Deutungsmuster, durch eine Mischung aus integrativen und manipulativen Herrschaftstechniken ihre überkommene Herrenstellung gegen alle Modernisierungstendenzen zu verteidigen. Dieser Deutung folgend gelang es den "alten Eliten auch", das Bürgertum als Juniorpartner zu integrieren und so die vollständige Durchsetzung eine bürgerlich-demokratischen Gesellschaft nachhaltig zu behindern. Als Folge davon wurde eine Blockierung und Radikalisierung der Reichspolitik sowie eine Deformation der politischen Kultur des Kaiserreichs festgestellt, die nicht nur in den Ersten Weltkrieg und zum Untergang des Kaiserreichs geführt, sondern auch den Aufbau einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung nach 1918 nachhaltig behindert habe.

Hans-Ulrich Wehler, Einleitung zu "Das Deutsche Kaiserreich"

Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreichs von 1871 kann heute meines Erachtens nicht mehr im Stil der herkömmlichen Ereigniserzählung geschrieben werden.

Kritiken, Gegenentwürfe, Erweiterungen



Dieses Deutungsmuster war wissenschaftlich höchst fruchtbar, es rief aber von Anfang auch scharfe Kritik von sehr unterschiedlicher Seite hervor. Als Wortführer der eher konservativ-liberalen Kritiker räumte Thomas Nipperdey zwar ein, dass das Kaiserreich auch zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus gehöre. Seine Beurteilung aus der Perspektive des Jahres 1933 indes sei hochgradig verkürzt und stelle deshalb eine Verzeichnung seiner Orientierungen, Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten dar. Insgesamt sei das Kaiserreich ein normaler europäischer Nationalstaat mit einer offenen Zukunft gewesen, in dem nur gewisse "Schattenlinien" die Möglichkeit zukünftiger Entartungen vorgezeichnet hätten. In teilweise ähnlicher, letztlich aber doch ganz anderer Weise konturierte die marxistisch inspirierte Kritik von Geoff Eley und David Blackbourn das Bild des Kaiserreichs. Diese linksorientierten angelsächsischen Historiker lehnten nicht nur die Idealisierung eines "westlichen Normalwegs" in die Moderne vehement ab. Ihnen ging es vielmehr in erster Linie darum, das Kaiserreich als eine spezifische Form bürgerlicher Klassenherrschaft zu interpretieren, die auf eine Demokratisierung von Staat und Gesellschaft durchaus verzichten konnte. Das Bürgertum habe sich, so die Hauptthese, im Kaiserreich nicht den alten, vorindustriellen Herrschaftseliten unterworfen, sondern sein originäres, nicht zuletzt gegen die Arbeiterbewegung gerichtetes Klasseninteresse gerade durch den Obrigkeitsstaat und seine imperialistische Machtentfaltung auf angemessene Weise zum Ausdruck gebracht.

Thomas Nipperdey, Schlußbemerkungen zu Deutsche Geschichte 1866-1918

(…) Im Vergleich, zumal mit Westeuropa, war die Nationalstaats-, die Nationsbildung der Deutschen spät, "verspätet", wie die berühmte Formel von Helmuth Plessner heißt. Auch wenn man nicht an eine Normal-Uhr und einen Normal-Fahrplan der Weltgeschichte glaubt, im Vergleich zu ihren westlichen Nachbarn konnten und mußten sich die Deutschen als Spätkommer fühlen.

Geoff Eley, Deutscher Sonderweg und englisches Vorbild

Am Schluß möchte ich noch einmal programmatisch die wesentlichen Punkte dieses Aufsatzes formulieren. Erstens hat es in Deutschland trotz allem im 19. Jahrhundert eine erfolgreiche bürgerliche Revolution gegeben.
Die weiteren Diskussionen und Forschungen zum Kaiserreich haben sich vor allem auf die Rolle des Bürgertums konzentriert. Dabei wurde deutlich, dass das deutsche Bürgertum vor allem im kulturellen, aber auch im gesellschaftlichen Bereich tatsächlich eine enorme Gestaltungskraft entwickeln konnte, während seinem politischen Einfluss doch deutliche Grenzen gesetzt blieben. Weitere sozial- und kulturgeschichtliche Forschungen haben ferner die enorme Modernisierungsdynamik der Gesellschaft um die Jahrhundertwende aufgezeigt, die das wilhelminische Kaiserreich in mancher Hinsicht näher an die Weimarer Moderne heranrückt als an seine Gründerjahre. Schließlich ist in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus der Geschichtswissenschaft getreten, wie sehr das Kaiserreich in eine umfassende Globalisierung eingebunden war, an ihr teilhatte und von ihr geprägt wurde. Dabei geht es keineswegs allein um die seit den 1880er Jahren betriebene Kolonialpolitik und den imperialistischen Anspruch auf einen "Platz an der Sonne", sondern um vielfältige ökonomische, soziale, kulturelle und politische Verflechtungen und Austauschverhältnisse mit großen Teilen der Welt. An ihrem vorläufigen Ende stand allerdings keine friedliche globalisierte Zukunft, sondern ein globaler Krieg.

Sebastian Conrad u. Jürgen Osterhammel, Das Kaiserreich transnational

(…) Nationalgeschichte muss nicht nationalistisch sein. Die national historische Denkpräferenz hat sich auch noch nach ihrer Lösung von nationalistischen Werten allgemein behauptet. Sie wurde zu einer Konvention, die sich nach 1945 durch das tatsächliche Fortleben von Nationalstaaten jenseits eines expansiven Hypernationalismus bequem begründen ließ.

Der Erste Weltkrieg



Aus deutscher Perspektive gehört der Erste Weltkrieg zur Geschichte des Kaiserreichs, das mit der Niederlage im November 1918 an sein Ende kam. Zugleich muss dieser erste globale und totale Krieg des 20. Jahrhunderts aber auch als eine eigene historische Phase betrachtet werden, die das 1789 begonnene "lange 19. Jahrhundert" zum Abschluss brachte und das Zeitalter der Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einleitete. Der Erste Weltkrieg wird deshalb hier auch als ein besonderer Teil im Dossier mit eigenen Unterkapiteln präsentiert, die sich auch in ihrer Anlage von dem ersten Teil unterscheiden. Die Zeit von der Gründung des Kaiserreichs bis 1914 wird in systematisch unterteilten Überblickstexten vorgestellt, die wesentliche Strukturen und Entwicklungen im politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich behandeln. Für die Jahre 1914-1918 soll anschließend vertiefend herausgearbeitet werden, wie die wesentlichen Konstellationen, Konfliktfelder und Entwicklungstendenzen durch den Krieg zugespitzt, beschleunigt und radikalisiert wurden. Das Ende des Kaiserreichs nicht nur durch die militärische Niederlage, sondern auch durch eine Revolution wird so als eine zwar nicht notwendige, wohl aber historisch begründete Folge längerfristiger Strukturen und Entwicklungen interpretiert. Zugleich soll aber auch aufgezeigt werden, wie durch den alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Einfluss des Krieges vielfältige Prozesse angestoßen wurden, die weit über das Ende des Krieges wie des Kaiserreichs hinauswiesen.

Aufbau: Texte und Quellen



Die einzelnen Kapitel sind den folgenden Themenkomplexen gewidmet:

Zum Kaiserreich: Zum Ersten Weltkrieg (folgt 2013) Die Texte werden nicht nur durch Literaturhinweise ergänzt, sondern auch durch ausgewählte Quellen, die der Vertiefung und Veranschaulichung dienen sollen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Quellengattungen: Neben zeitgenössischem Schrifttum, das in der Regel auf wesentliche Passagen hin gekürzt wurde, finden sich Statistiken, Tabellen und Graphiken.

Für dieses einleitende Texte wurden allerdings für die Dokumentation keine Quellen, sondern grundlegende wissenschaftliche Texte ausgewählt, in denen sich die Entwicklung des Bildes vom Kaiserreich in der neueren historischen Forschung spiegelt.

Einführende Literatur



A. Einführungen und Darstellungen zur Geschichte des Kaiserreichs

Berghahn, Volker R.: Das Kaiserreich 1871-1918. Industriegesellschaft, bürgerliche Kultur und autoritärer Staat, Stuttgart 2003 (Gebhard Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 16)

Conrad, Sebastian u. Jürgen Osterhammel (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004

Mommsen, Wolfgang J: Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reichs unter Otto v. Bismarck 1850-1890, Berlin 1993

Ders.: Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm II. 1890-1918, Berlin 1995

Müller, Sven Oliver u. Cornelius Torp (Hg.): Das deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. I: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. II: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992

Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918, Berlin 1985

Ullmann, Hans-Peter: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankf./M. 1995

Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Niedergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918, Frankf./M. 1997

Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973

Ders., Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der "deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995

B. Literatur zum "deutschen Sonderweg"

Blackbourn, David und Geoff Eley: Mythen deutscher Geschichte. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankf./M. a. a. 1980

Faulenbach, Bernd: Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980

Grebing, Helga: Der "deutsche Sonderweg" in Europa 1806-1945. Eine Kritik, Stuttgart 1986

C. Einführungen und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg

Berghahn, Volker R.: Der Erste Weltkrieg, München 2003

Chickering, Roger: Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002

Hirschfeld, Gerhard u. a. (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn u. a. 2004

Kocka, Jürgen: Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918, Frankf./M. 1988 (zuerst Göttingen 1973)

Kruse, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009

Mommsen, Wolfgang J.: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918, Stuttgart 2002 (Gebhard Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 17

D. Quellensammlungen

Bruch, Rüdiger vom u. Björn Hofmeister (Hg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000

Hohorst, Gerd u. a. (Hg.): Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870-1914, München 1975

Ernst Johann (Hg.): Innenansicht eines Krieges. Deutsche Dokumente 1914-1918, Frankf./M. 1968

Ritter, Gerhard A. (Hg.): Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914. Ein historisches Lesebuch, Göttingen 1975

Ders. u. Jürgen Kocka (Hg.): Deutsche Sozialgeschichte. Dokumente und Skizzen, Bd. 2: 1870-1914, München 1974

Wolfgang Kruse

Wolfgang Kruse

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).


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