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counter 27.9.2012

Nation und Nationalismus

Ursprünglich eine emanzipative Idee, entwickelte sich der Nationalismus im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer rechtsorientierten Ideologie. Ein Reichsnationalismus entstand, der Feindbilder beschwor – außen wie innen. Mit dem Alldeutschen Verband schließlich trat der pangermanisch-völkische Nationalismus auf die Bühne, der eindeutig präfaschistische Züge aufwies: Er forderte die Schaffung einer homogenen, national, politisch und rassisch einheitlichen Volksgemeinschaft.

Die Germania bei Rüdesheim am Rhein (Hessen). Das Niederwalddenkmal erinnert an den Sieg über Frankreich im Jahr 1870/1871 und die daraus resultierende Neugründung des Deutschen Kaiserreichs. Das am 16. September 1877 eingeweihte Denkmal wurde nach den Entwürfen des Bildhauers Johannes Schilling und des Architekten Karl Weißbach erbaut. (© picture-alliance/dpa)


Die Nation war ursprünglich, seit der Französischen Revolution, ein fortschrittliches, gegen Fürstenherrschaft, Aristokratie und feudale Privilegienordnung gerichtetes Prinzip, das auf die nationale Volkssouveränität und die gleichberechtigte Verbindung sich selbst regierender Völker zielte. Zugleich gewann der Nationalismus immer mehr den Charakter einer säkularen Religion, die die überkommenen religiösen Sinnstiftungen in weltliche Orientierungen übertragen konnte und überall in Europa eine hohe Massenwirksamkeit entfaltete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Nationalismus dabei von einer links- zu einer rechtsorientierten politischen Ideologie, deren ursprünglich emanzipative Zielsetzungen von legitimatorischen Tendenzen abgelöst wurde und die gegen Ende des Jahrhunderts als "integraler Nationalismus" die absolute Vorrangstellung der eigenen Nation nach Außen mit exklusiven Charakterisierungen des Nationalen nach Innen verband. Nationalismus und Patriotismus erschienen nun auch im deutschen Kaiserreich, wie der Liberale Ludwig Bamberger am Ende der Bismarck-Ära urteilte, zunehmend "im Zeichen des Hasses (…) gegen alles, was sich nicht blind unterwirft, daheim oder draußen".

Der nationalliberale Abgeordnete Hans Viktor von Unruh über seine auf einer Reise durch Baden und Württemberg 1871 gewonnen Eindrücke von der Reichsbegeisterung der Bevölkerung

Es ist bereits erwähnt worden, daß von 1870 ein sehr großer Teil der konservativen Partei keine Sympathie für Errichtung eines deutschen Kaisertums hatte.

Der neue Reichsnationalismus



Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald. Lizenz: cc by/2.0/de ("Beige Alert" – Michael Pereckas)

Nach der Reichsgründung war es erst einmal notwendig, die überkommenen partikularstaatlichen Identifikationen durch einen übergreifenden Reichsnationalismus wenn nicht zu ersetzen, so doch zu ergänzen und zu überwölben. Dafür bot sich an erster Stelle das Kaisertum als Bezugspunkt an, ergänzt durch die militärischen Erfolge in den Reichsgründungskriegen und die Identifikation mit dem "Reichsgründer" Otto von Bismarck. Wegen der preußischen Vorrangstellung im Reich erhielt der deutsche Nationalismus nicht nur eine borussische, sondern zugleich auch eine ausgesprochen protestantische Prägung, die dem neuen Nationalstaat einen geradezu heiligen Charakter verleihen konnte. Im Zeitalter des Historismus war es allerdings nicht möglich, die Nation, wie in der heutigen Forschung, als eine "gedachte Ordnung" zu betrachten, sondern sie bedurfte objektivierender historischer Herleitungen, die nicht zuletzt in den Nationaldenkmälern des Kaiserreichs ihren Ausdruck fanden. So wurde Wilhelm I. als "Barbablanca/Weißbart" zum Wiedergänger des Stauferkaisers Friedrich I. "Barbarossa/Rotbart" stilisiert, der im Kyffhäuser nur geruht und auf das nun neu geschmiedete Reich gewartet habe.

Blick auf das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, aufgenommen am 17.10.2011. Mit 91 Metern Höhe zählt es zu den größten Denkmälern Europas. (© picture-alliance, ZB)

Historisch noch viel weiter zurück reichte der Bezug auf Hermann den Cherusker, dessen germanische Erhebung gegen die Römer als eine frühe Inkarnation deutscher Nation im Kampf gegen "welsche" Bedrohungen gedeutet wurde. 1913 schließlich brachte das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig am deutlichsten die völkischen, auf Geschlossenheit und Kampf abzielenden Inhalte des deutschen Nationalismus zum Ausdruck.

Im Zeichen der nationalliberalen Mitwirkung an Reichsgründung und Verfassungsstiftung war der Reichsnationalismus aber auch weiterhin mit liberalen Vorstellungen von nationaler Freiheit und Selbstbestimmung verbunden. Ein Schwerpunkt der "deutschen Idee von der Freiheit" (Leonard Krieger) lag dabei allerdings von Anfang an auf der Freiheit von äußerer Fremdbestimmung. Hinzu kam der sinnstiftende Bezug auf die deutsche Kulturnation, wie er in Denkmälern für Schiller und Goethe seinen klassischen Ausdruck fand. Deutschtum erschien als eine höherwertige sittliche Kultur, überlegen nicht nur slawischer "Unkultur", sondern auch der als oberflächlich abqualifizierten, westlichen Zivilisation. Die Idee der Reichsnation verband sich schließlich mit Vorstellungen von einem positiven historisch-politischen Sonderweg Preußen-Deutschlands, wie sie von vielen Historikern propagiert wurden. Dieser deutsche Sonderweg hatte zum einen, anders als in Osteuropa, eine hochmoderne Staats- und Gesellschaftsordnung hervorgebracht, die zum andern aber, anders als im Westen, nicht von revolutionärem Umsturz und demokratischer Selbstregierung geprägt war, sondern von der Führung der Nation durch den starken Staat der preußischen Militärmonarchie.

Nationale Identität und Feindbildbeschwörung



Von Anfang an ging die Entwicklung des Reichsnationalismus auch mit der Beschwörung äußerer und innerer Reichsfeinde einher, gegen die sich die Nation zusammenschließen und verteidigen müsse. Während dies nach Außen, vom französischen "Erbfeind" abgesehen, erst einmal vor allem defensive, auf die Konsolidierung der neuen Großmacht in der Mitte Europas zielende Orientierungen beinhaltete, rief das Bedrohungsgefühl im Innern von Anfang an aggressive Wendungen gegen vermeintliche Reichsfeinde hervor, die dem Nationalismus einen exklusiven Charakter verliehen. Als reichsfeindlich erschienen nicht nur die nationalen, einer kulturellen und wirtschaftlichen Germanisierungspolitik unterworfenen Minderheiten im Kaiserreich (Dänen, Franzosen, Litauer, Masuren, Polen), sondern auch alle politischen Gegner der offiziellen Reichspolitik wie linksliberale Fortschrittler, "ultramontane" Katholiken und vor allem die Sozialdemokraten mit ihren internationalistischen Orientierungen. Sie wurden auch über die Verfolgung unter den Sozialistengesetzen (1878-1890) hinaus als "vaterlandslose Gesellen" (Wilhelm II.) aus der Nation ausgegrenzt. Hinzu kam ein schwelender Antisemitismus.

Die wirtschaftliche und soziale Krise der 1870er Jahre rief eine Wendung gegen "jüdischen Liberalismus" und "jüdisches Kapital" ins Leben, die es aus der Nation auszuschließen gelte. Bei Wahlen konnte der vom Hofprediger Adolf Stoecker politisch organisierte Antisemitismus zwar keine großen Erfolge erzielen, doch drang er tief in das Bewusstsein nicht zuletzt der gehobenen Bildungsschichten ein. Der nationalliberale Historiker Heinrich v. Treitschke begann Ende der 70er Jahre, mit großem Erfolg den Kampf gegen das Judentum zu beschwören. Eine entschiedene Replik seines berühmten liberalen Kollegen Theodor Mommsen markierte mit seiner Broschüre 'Auch ein Wort über unser Judenthum' die Gegenposition im sog. Berliner Antisemitismusstreit, doch nicht zuletzt unter Studenten und ihren Burschenschaften wurde der Antisemitismus schnell populär. Er verband sich in der Folgezeit zunehmend mit einer völkischen Konzeption des Nationalismus, die auf die biologische Reinheit des deutschen Herrenvolkes zielte. In einem der meistverkauften Bücher des Kaiserreichs, Julius Langbehns 1890 veröffentlichter Schrift "Rembrandt als Erzieher", hieß es über die Deutschen: "Sie sind, waren und werden sein Arier. Für diesen ihnen angeborenen Charakter sollen sie leben und streiten und sterben, wenn es sein muß! Denn im Grunde ist nur das Blut wert – das ureigene Blut – dass um seinetwillen ein Blut vergossen wird. (…) Die Deutschen sind bestimmt, den Adel der Welt darzustellen."

Heinrich v. Treitschke über Judentum und Antisemitismus 1879

(…) Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, die durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum.

Theodor Mommsen, Auch ein Wort über unser Judenthum (1880)

(…) Unserer Generation ist beschieden gewesen, was die Geschichte nur von wenigen zu sagen vermag, daß die großen Ziele, die wir, als wir zu denken begannen, vor uns fanden, jetzt von unserer Nation erreicht sind.

Der Historiker Hans Delbrück 1913 über die Germanisierungspolitik in den preußischen Ostprovinzen

(…) Im modernen Nationalstaat ist es eine ganz besonders schwierige Aufgabe, wenn wesentliche Elemente einer fremden Nation eingeschlossen sind.

Wilhelminische Radikalisierung des Reichsnationalismus



In der wilhelminischen Phase des Kaiserreichs kamen zwei neue Faktoren hinzu, die den Reichsnationalismus weiter radikalisierten: Im Zeichen des Hochimperialismus ging die Reichspolitik von Konsolidierung und eher zauderndem Kolonialerwerb nun zu einer aggressiven "Weltpolitik" über. Und sie wurde dabei von neuen, bürgerlich geprägten Agitationsverbänden angetrieben, die die monarchische Regierung von rechts propagandistisch unter Druck zu setzen versuchten und dabei eine radikalen Nationalismus entwickelten. Bereits 1887 war die Deutsche Kolonialgesellschaft gegründet worden, es folgten der Deutsche Ostmarkenverein, (1894), der Deutsche Flottenverein (1898), der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie (1904) und schließlich der Deutsche Wehrverein (1912). Einen besonders radikalen, pangermanisch-völkischen Nationalismus vertrat bereits seit 1891 der Alldeutsche Verband, dessen Vorsitzender Heinrich Class 1912 unter dem Titel "Wenn ich der Kaiser wäre" eine programmatische Schrift veröffentlichte, die mit ihren Forderungen nicht nur nach einer expansionistischen Außenpolitik, sondern auch nach der Schaffung einer homogenen, national, politisch und rassisch einheitlichen Volksgemeinschaft eindeutig einen präfaschistischen Charakter aufwies.

Nicht alle Deutschen verstanden die Nation auf eine so aggressive Weise. Insbesondere die vermeintlichen "vaterlandslosen Gesellen" entwickelten alternative Vorstellungen von einem auf nationale Volkssouveränität und internationale Verständigung zielenden Patriotismus. Die Sozialdemokraten wollten Deutschland mit den Worten des Parteiführers August Bebel "zu einem Land machen, wie es nirgends in der Welt in ähnlicher Vollkommenheit und Schönheit besteht." Doch der nationalistische Mainstream entwickelte sich in eine andere Richtung. Die Weltpolitik wurde ideologisch begleitet von der Idee einer "deutschen Kulturmission" in der Welt, am "deutschen Wesen" sollte mit den nun immer häufiger zitierten Worten Emanuel Geibels tatsächlich "die Welt genesen". Neben der zweifelsfrei vorausgesetzten kulturellen und rassischen Unterlegenheit der kolonialisierten Völker erhielten auch die europäischen Feindbilder eine zunehmend abwertende und zugleich aggressive Note. Nicht nur die "Erbfeindschaft" gegen Frankreich wurde nun beschworen, sondern auch die Überlegenheit gegenüber slawischer "Unkultur" und der Hass auf die "Weltherrschaft" der "englischen Krämer".

Nationalismus und Sozialdarwinismus



Als typisch imperialistische Legitimationsideologie gewann schließlich auch der Sozialdarwinismus spezifisch nationalistische Ausprägungen. Nationale Stärke und Kampfbereitschaft sollten die Nation in der als notwendig begriffenen Auseinandersetzung mit anderen Nationen auszeichnen. Der pensionierte Planungsleiter im Preußischen Generalstab Friedrich v. Bernhardi etwa propagierte in seinem Bucherfolg "Deutschland und der nächste Krieg" nicht nur eine aggressive Politik des Kaiserreiches, sondern er bestimmte Krieg zugleich als eine "biologische Notwendigkeit" für die Nation: "Ohne den Krieg aber würden nur allzu leicht minderwertige und verdorbene Rassen durch Masse und Kapitalmacht die gesunden, kernkräftigen Elemente überwuchern, und ein allgemeiner Rückgang müßte die Folge seine. In der Auslese besteht die Schöpferkraft des Krieges."

Heinrich Class, Programm der nationalen Volksgemeinschaft

Die Reichsreform als Ganzes

Ausgewählte Literatur:



Alings, Reinhard: Monument und Nation. Das Bild vom Nationalstaat im Medium Denkmal. Zum Verhältnis von Nation und Staat im deutschen Kaiserreich 1871-1918, Berlin 1996

Alter, Peter: Nationalismus, Frankf./M. 1985

Becker, Frank: Bilder von Krieg und Nation. Die Einigungskriege in der bürgerlichen Öffentlichkeit Deutschlands 1864-1913, München 2001

Becker, Peter E.: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und völkischer Gedanke, Stuttgart u. a. 1990

Krieger, Leonard: The German Idea of Freedom. History of a Political Tadition, Boston 1957

Puschner, Uwe: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion, Darmstadt 2001.

Rürup, Reinhard: Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur "Judenfrage" der bürgerlichen Gesellschaft, Göttingen 1975

Stern, Fritz K.: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideolgie in Deutschland, Bern u. a. 1963

Tacke, Charlotte: Denkmal im sozialen Raum. Nationale Symbole in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert, Göttingen 1997

Walkenhorst, Peter: Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914, Göttingen 2007

Wolfgang Kruse

Wolfgang Kruse

Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).


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