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16.10.2016

Grabe, wo du stehst

"Wir müssen reden: Über die DDR, die Partei, ihre Stasi und die Menschen", sagt Dr. Peter Wurschi aus der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Wo die Stasi einst Menschen inhaftierte, entstand ein beispielhaft kreativer Ort "zum Nachdenken und Nachspüren".

Der Kubus der Friedlichen Revolution in der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße im Stil einer Graphic Novel. (© Claus Bach)


1. Die Idee – Warum über Geschichte sprechen?

Es scheint zum Allgemeinplatz geworden zu sein: Immer mehr deutsche Schülerinnen und Schüler wissen immer weniger über die SED-Diktatur. Viele Anekdoten kursieren, die dies bestätigen: „Meinte doch neulich der Neffe Lutz, dass Erich Honecker Bundeskanzler gewesen sei“, oder die Nichte Lisa, „dass SED ganz klar für die Sozialdemokratische Einheitspartei Deutschland“ stehe. „Onkel Manfred kennt eine Lehrerin, die überhaupt nichts im Unterricht zur DDR macht – war wahrscheinlich selbst mal `ne Rote“, nur die Großcousine Else hat ihre Seminarfacharbeit in der 11. Klasse zum Mauerbau in der DDR geschrieben – „aber die ist ja eh eine Streberin“. Solche und andere Geschichten werden immer wieder erzählt – in der Familie, unter Kollegen, auf Tagungen.

Es ist und bleibt ein täglicher Auftrag für Lehrerinnen, Lehrer und außerschulische Bildner gleichermaßen, das Thema „DDR“ in der Schule weiter zu etablieren. Die Auseinandersetzung mit dem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden bedeutet heute vielmehr als nur Fakten über die Geschichte dieses verschwundenen Landes zu vermitteln. Für die durchaus wahrnehmbare mangelnde Beschäftigung mit dem Thema DDR in vielen Schulen gibt es ganz unterschiedliche Gründe: es wird schlicht nicht im Unterricht behandelt, es wird von Schüler*innen und Eltern aber auch nicht eingefordert, weil in den Familien oft darüber geschwiegen wird, neue europäische und weltweite Krisenberichte bestimmen die täglichen Nachrichten. Diese Faktoren tragen ganz bestimmt dazu bei, dass die Beschäftigung mit dem Erbe der SED nicht ganz oben auf der schulischen Prioritätenliste rangiert. Und nicht zuletzt hat natürlich auch ein Schülertag nur 24 Stunden.

Hinzu kommt eine biografiegeschichtliche Zweiteilung bei der Betrachtung der DDR: Während „die DDR“ in Detmold, Münster und Tübingen ein historisches „Episödchen“ in der Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler bleibt, treibt die Beschäftigung mit der Deutschen Demokratischen Republik die ostdeutschen Schüler*innen bewusst oder unbewusst viel mehr um. Hier tangiert der Geschichtsunterricht auch immer wieder die Frage: Wo komme ich her? Wo sind meine Wurzeln? Gerade in Zeiten der fortschreitenden Individualisierung werden in den familiären Geschichten Ansatzpunkte für Stabilität und Verbindlichkeit in einer immer unverbindlicher wirkenden Welt gesucht.

Man kann sicherlich einwenden, die DDR sei vor allem ein Problem der Ostdeutschen, und fragen, warum sich bayrische, hessische oder niedersächsische Schülerinnen und Schüler für dieses Land interessieren sollten. Die krisenhaften Erscheinungen und Polemisierungen in unserer Gesellschaft, das wachsende Misstrauen gegenüber der Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen - all das hat nicht immer und konkret, aber eben auch mit dem verschwundenen Land DDR zu tun. Allein die Debatte über den NSA-Komplex, das Unbehagen, ausgespitzelt und verleumdet zu werden, gründet ganz konkret auch auf den Erfahrungen, die die Deutschen im 20. Jahrhundert durchlebten.

Misstrauen und Ohnmacht (die Angst, belogen zu werden und nichts dagegen tun zu können) „zersetzen“ eine Gesellschaft. Dabei stammt der Begriff „Zersetzung“ aus dem Methodenbaukasten der Stasi. Im Wörterbuch der Staatssicherheit heißt es dazu: „Ziel der Zersetzung ist die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschränken oder gänzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische Rückgewinnung zu ermöglichen.“ In der DDR war die stete Angst vor Verrat und Denunziation ein schleichendes Gift für das Zusammenleben.

Wie der SED-Staat es vermochte, dieses Misstrauen in der Gesellschaft aufzubauen, aufrechtzuerhalten und zugleich selber daran zu Grunde zu gehen, ist eine der spannenden Fragen, wenn wir uns den schier unendlichen Bergen von MfS-Akten widmen und die Strukturen dieses Geheimdienstes analysieren und diskutieren.

2. Der historische Ort – Die „Andreasstraße“

Das 1878 in Erfurt begründete Gefängnisgebäude am damaligen Wilhelmplatz (heute: Domplatz) zeichnet sich genau durch das aus, was es zu seiner Einweihung bereits darstellte: Größe, Erhabenheit und Respekt einfordernd. Heute wird die ehemalige Haftanstalt durch moderne architektonische Mittel aufgebrochen und ist an das städtische Umfeld der Erfurter Innenstadt angeschlossen. Dabei fällt die moderne Architektur des „Kubus der Friedlichen Revolution“ ins Auge, und das Foyer der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße lässt nicht vermuten, in einer ehemaligen Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Staatssicherheit zu stehen. Erst im zweiten Stock erkennen die Besucher*innen den historischen Ort. Von 1952 bis 1989 nutzte das Ministerium Teile des Gebäudes. Die ehemalige Männerhaftetage wurde behutsam und so originalgetreu wie möglich dem Zustand des Jahres 1989 entsprechend konserviert und in Teilen „zurückrenoviert“. Sie bleibt zwar eine Rekonstruktion, doch kann dort, wenn auch nur gefühlt, eine Reise in die Vergangenheit stattfinden.

Diese zweite Etage ist der zentrale Ort der Gedenk- und Bildungsstätte, weil sie Aufmerksamkeit generiert und Interesse an den Biografien und dem Haftalltag der etwa 6 000 dort vom MfS politisch Inhaftierten weckt. Doch geht es dabei nicht um Überwältigung oder überbordende Emotionalisierung – dazu sind die meisten Jugendlichen durch die sie umgebende Medienkultur schon viel zu abgehärtet, sondern um den Moment des Innehaltens und der bewussten Nachdenklichkeit. Diese Kraft des kurzen Unterbrechens der alltäglichen Routinen und Wahrnehmungen haben historische Orte, hat die „Haftetage“ der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Durch die behutsame Rekonstruktion einiger Zellen, vor allem aber durch die bewusst in Kauf genommene Leere der anderen verbliebenen Verwahrräume entwickelt sich ein Ort zum Nachdenken und Nachspüren. Schülerinnen und Schüler beginnen zu fragen und über die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit an diesem Ort nachzudenken. Warum waren die Menschen hier? Was war das Besondere dieser Stasi-Untersuchungshaft? Was ist aus den Inhaftierten geworden?

3. Der Kontext − Die Dauerausstellung Haft | Diktatur | Revolution

Ein Stockwerk tiefer, in der ehemaligen Frauenetage, ist Raum für eine Ausstellung zur SED-Diktatur. Von Beginn an war es für das Konzept der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße wesentlich, nicht bei der Emotion zu verweilen, sondern in der Dauerausstellung die Staatssicherheit im Herrschaftssystem und Alltag der DDR zu kontextualisieren. „Schild und Schwert der Partei“ nannte sich das MfS – und als solches muss es auch begriffen und dargestellt werden. Getragen von der Frage, wie weit konnte man in der DDR gehen, ohne mit der Stasi in Berührung zu kommen, werden thematische Schwerpunkte aus 40 Jahren DDR herausgearbeitet und dargestellt: von der frühen Ideologisierung der Gesellschaft in den 1950er Jahren angefangen, über den Grenzbau 1961 und die anschließenden Fluchten, aber auch Kunst und Kultur bis hin zum Alltagsleben und der alternativen Jugendbewegung in Ostdeutschland der späten 1980er Jahre. Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die bereits in der Haftetage zu Wort kommen – dort allerdings mit ihren Erinnerungen an die Haft –, berichten in dieser Ausstellungsetage über Aspekte des (Alltags-)Lebens in der DDR. Denn die politisch Inhaftierten sind nie nur Häftlinge, sie hatten auch ein Leben vor und nach der Haft.

Entlang des knapp 200 Meter langen Ausstellungsrundgangs durch die drei Etagen werden 253 Objekte präsentiert und sind 21 Medienstationen aufgebaut. Acht Graphic Novels zeichnen ostdeutsche Biographien nach, und auf dem „Kubus der Friedlichen Revolution“ befindet sich das größte Comic Thüringens, welches die Revolution von 1989 zum Inhalt hat. Natürlich arbeitet die Dauerausstellung verdichtend und verknappend. Sie bietet eine Erzählung an, die informiert, nachdenklich stimmt und im besten Falle Wissen mehrt. Doch will die Ausstellung in der Andreasstraße auch zur Diskussion einladen und liebgewonnene Erkenntnisse in Frage stellen. Die Suche nach dem individuellen Glück und zugleich das Misstrauen gegenüber (staatlichen) Institutionen prägte das Leben vieler Ostdeutscher. Tatsächlich kamen nur wenige Prozent der Menschen in direkten Kontakt mit dem MfS. Doch wurde sich das Leben oftmals so eingerichtet, als ob dies jederzeit eine (natürlich zu vermeidende) Option sei. Die Angst – etwas falsch zu machen oder nur zu denken – war steter Begleiter vieler Menschen. Dieses Arrangieren in und mit der Diktatur, aber auch das Aufbegehren und den Widerstand dagegen thematisieren die Dauerausstellung und die pädagogische Arbeit in der Gedenk- und Bildungsstätte.

4. Der Brückenschlag – Geschichte ist überall

Zirka 20.000 Besucherinnen und Besucher jährlich zählt die Gedenk- und Bildungsstätte in Erfurt, ein Drittel davon machen Privatbesucher aus, zwei Drittel bilden Schulklassen (vorwiegend aus Thüringen) und andere Besuchergruppen. Schulklassen verbinden den Besuch der Gedenkstätte oft noch mit weiteren Lernorten, sodass die Zeit für den Besuch des Hauses knapp bemessen ist. Um die bestmögliche Vorbereitung für den Besuch in der „Andreasstraße“ zu gestalten bzw. Ideen für die Beschäftigung mit der eigenen und lokalen Geschichte anzustoßen, konzipierte die Stiftung Ettersberg eine kompakte Wanderausstellung: „Haft | Diktatur | Revolution – Andreasstraße unterwegs“.

In drei begehbaren Kuben werden schlaglichtartig Geschichten aus dem Alltag in der DDR, von politischer Haft im Erfurter Stasi-Gefängnis sowie der Friedlichen Revolution 1989/90 erzählt. Je ein Exponat, eine Medienstation sowie eine Comicgeschichte bilden den Rahmen, um sich in einer Doppelstunde fächerübergreifend dem Thema DDR zu nähern. Mit Hilfe des pädagogischen Begleitmaterials können Schüler*innen schon in ihrem Heimatort erste Fragen zum Thema DDR und Staatssicherheit entwickeln. So dient die Wanderausstellung als Brücke, sich sowohl vor Ort mit Zeitgeschichte zu befassen, als auch den Besuch der Gedenk- und Bildungsstätte inhaltlich vorzubereiten. Viele weitergehende Fragen können dann während eines Besuchs in der „Andreasstraße“ beantwortet werden. Dabei ist es Aufgabe und Idee unserer Ausstellungen zur DDR Geschichte, immer auch der Brückenschlag in die aktuelle Zeit zu leisten: Was macht unsere Zivilgesellschaft heute aus? Wie sollte eine offene Gesellschaft auf Krisen reagieren?

5. Zusammenfassung

Das Klagen über den geringen Wissenstand der Schülerinnen und Schüler zum Thema DDR bringt niemanden weiter. „Grabe, wo du stehst“, ist ein Leitgedanke der politisch-historischen Bildung, den wir mit der Dauerausstellung in Erfurt und der Wanderausstellung „Andreasstraße unterwegs“ sowie den dazugehörigen pädagogischen Materialien unterstützen. Dabei erhalten historische Orte immer mehr Gewicht: Sie können unverstellt und nahezu authentisch einen Blick in die Vergangenheit öffnen. Ausstellungen müssen verknappen und pointieren. Deshalb ist es bei der Vermittlung von Geschichte unabdingbar, genau dies auch zu thematisieren. Historische Orte, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Quellen und Exponate sind wichtige Träger bei der Vermittlung des Alltags in der DDR. Wichtig ist, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler beim Umgang mit den verschiedenen Quellen zu fördern. Gerade die Zusammenarbeit zwischen Schule und außerschulischen Lernorten wie die der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße ermöglicht es, die DDR multiperspektivisch zu ergründen, und dies sollte noch viel mehr genutzt werden.

Wir zeigen einen möglichen Weg auf. Die modernen und ansprechend gestalteten Ausstellungen der Stiftung Ettersberg fördern die Freude an der Auseinandersetzung mit Geschichte. Auch mediale Interaktionsangebote spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. Die Begriffe Verrat, Überwachung, Angst, aber auch die Frage nach gesellschaftlichen Idealen bewegen junge Menschen in Ost und West gleichermaßen. Die Antworten fallen dabei ganz individuell aus, doch letztlich bleibt die permanente Aufforderung an jeden, sich im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit zu positionieren. Die Beschäftigung mit der DDR, ihrer Staatspartei und ihrem Geheimdienst kann dabei wichtige Erkenntnisse liefern.

Mehr über die Andreasstraße: Amateuraufnahmen aus dem Jahr 1990

Ein Augenzeuginnenbericht: Der 4.12.1989 - Die Entmachtung der Stasi in Erfurt.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Dr. Peter Wurschi für bpb.de

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Dr. Peter Wurschi

Dr. Peter Wurschi

Dr. Peter Wurschi studierte Politikwissenschaften, Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Universität Leipzig. Als Leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Ettersberg Weimar/Erfurt widmet er sich insbesondere der Aufarbeitung der SED-Diktatur und der politisch-historischen Bildung. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Erfurt mit dem Schwerpunkt, Rezepte für moderne politische Bildungsarbeit zum Thema DDR zu entwickeln.


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