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13.9.2018

Kriegsfolgen und Kriegserinnerung:
eine Nachkriegsgesellschaft

Unmittelbare Kriegsfolgen konnte die Gesellschaft der Weimarer Republik recht erfolgreich bewältigen. Was ihr aber nicht gelang: eine gemeinsame Deutung des verlorenen Krieges. Schon bald prägten politische Kampfbünde den Diskurs, militarisierten die politische Kultur und hielten den Krieg in unheilvoller Erinnerung.

Knapp 2,7 Millionen deutsche Soldaten waren mit bleibenden Verletzungen aus dem Krieg zurückgekehrt. Die junge Republik stand vor der Herausforderung, die Kriegsversehrten und ihre Familien angemessen zu unterstützen. Dieses nachkolorierte Bild zeigt zwei kriegsblinde Veteranen, die als Straßenmusikanten durch Berlin ziehen. (© picture-alliance/akg)


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Kurz zusammengefasst

  • Unmittelbare Kriegsfolgen – etwa die Reintegration ehemaliger Soldaten in den Arbeitsmarkt – konnte die Weimarer Gesellschaft vergleichsweise gut bewältigen.
  • Schwerer gelang ihr der Umgang mit langfristigen Folgen des Krieges: Die Konflikte um den Versailler Vertrag wurden symbolisch aufgeladen und erschwerten, eine einheitliche gesellschaftliche Deutung des Krieges und Kriegsendes zu finden.
  • Oftmals republikfeindliche Veteranenverbände profitierten von diesen Konflikten und erhielten großen Zulauf.

Unsicherheit als Zeitsignatur

Die Erfahrung tiefgreifender Umbrüche in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur prägte die Zeitgenossen der Weimarer Republik. Dies bezog sich nicht nur auf den Ersten Weltkrieg, sondern auch auf die Zeit davor. Wer in den 1870er Jahren geboren worden war, hatte zur Jahrhundertwende erlebt, wie sich Deutschland vom Agrar- zum Industriestaat wandelte und die Großstadt mit der Vielfalt ihres sozialen Lebens, ihren technischen Errungenschaften und ihrer neuen Vergnügungskultur zum Inbegriff modernen Lebens wurde. Für die zwanzig Jahre später Geborenen bildete der Erste Weltkrieg hingegen die zentrale Erfahrung ihrer jungen Jahre. Die Männer dienten als Soldaten, die Frauen übernahmen Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie und mussten sich mit den Versorgungsmängeln an der "Heimatfront" auseinandersetzen. Kinder und Jugendliche erlebten den Krieg als Zeit patriotischer Mobilisierung, aber auch als eine Zeit, die ihnen angesichts der Abwesenheit vieler Lehrer und Polizisten so manche Freiräume eröffnete. Allen war gemeinsam, dass sie sich an keinem eindeutigen Vorbild orientieren konnten, als im Gefolge der Revolution von 1918/19 eine neue staatliche Ordnung in Deutschland aufzubauen war. Unsicherheit bestimmte den Blick in die Zukunft und dies eben nicht allein wegen der Belastungen durch die militärische Niederlage, sondern auch wegen der vielfältigen Erfahrungen in der Umbruchszeit davor. Umso schwerer fiel es, den Erlebnissen der Kriegsjahre auf individueller Ebene ebenso wie aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive heraus Sinn zu verleihen und zu einem Konsens über die Konsequenzen für Innen- und Außenpolitik zu finden. Die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik blieb bis zu deren Ende eine den Erbschaften des Krieges verhaftete Nachkriegsgesellschaft.

Unmittelbare Kriegsfolgen

Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand vereinbart wurde, befanden sich mehr als fünf Millionen deutsche Soldaten im Westen und Osten jenseits der deutschen Landesgrenzen. Die provisorische Regierung des "Rats der Volksbeauftragten" sah sich nun mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert: Sie musste die deutschen Soldaten zügig nach Deutschland zurückzuführen, militärisch demobilisieren und ihnen wieder Arbeitsplätze verschaffen. Dies gelang überraschend schnell. Bis Ende Januar 1919 waren alle Soldaten aus dem Westen nach Deutschland zurückgekehrt, zwei Monate später auch die aus dem Osten. Viele von ihnen beschleunigten den Prozess im Westen dadurch, dass sie ihre Einheiten auf eigene Faust in Richtung Heimat verließen. Bis zum Waffenstillstand hatten die Soldaten an der Front ihre Stellungen gehalten – jetzt wollten alle rasch nach Hause. Zügig fanden sie dort wieder eine Beschäftigung, was sich etwa daran ablesen lässt, dass die Arbeitslosenzahlen Anfang 1919 nur kurzzeitig hochschnellten. Als förderlich für die Erhaltung alter und die Schaffung neuer Arbeitsplätze erwiesen sich hier mehrere Faktoren: die sich zunächst moderat fortsetzende Inflation, der gerade zwischen Unternehmern und Gewerkschaften vereinbarte Acht-Stunden-Tag, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sowie eine Ausweitung des Personals von Staatsunternehmen wie der Post und der Eisenbahn.




Statistische Befunde zur Gewaltkrimininalität nach dem Krieg legen die Vermutung nahe, dass der Kriegseinsatz die Soldaten nicht umfassend und nachhaltig "brutalisiert" hatte: Zwar waren in den ersten Nachkriegsjahren weitaus mehr Tötungsdelikte zu verzeichnen als vor 1914, was auch mit den großen Mengen jetzt illegal verfügbarer Waffen und Munition zusammenhing, doch ging ihre Zahl danach wieder klar zurück. Hingegen lag das Ausmaß der Körperverletzungen, gerade auch der gefährlichen, ungeachtet eines anfänglichen Anstiegs, dem dann der Rückgang folgte, deutlich unter dem Vorkriegsniveau. Dies wurde zeitgenössisch zum Teil zwar auch mit einer gesunkenen Strafverfolgungsintensität, vor allem aber mit dem mittlerweile erheblich geringeren Alkoholkonsum erklärt.

Dass viele der zurückgekehrten Soldaten erfolgreich wieder reintegriert werden konnten, besaß freilich auch eine Schattenseite: Viele Frauen, die während des Krieges Arbeitsplätze in der Industrie eingenommen hatten, mussten diese nun wieder für die zurückgekehrten Männer räumen. Die langfristige Tendenz der Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit war damit allerdings nur unterbrochen und setzte sich in den folgenden Jahren wieder fort. Zudem erhielten die Frauen mit der Revolution das aktive und passive Wahlrecht und wurden in dieser Hinsicht den Männern rechtlich gleichgestellt. Deren Reintegration bedeutet also keine bloße Restauration der Vorkriegsverhältnisse.

Als schwieriger für die neue Reichsregierung und Gesellschaft insgesamt zu bewältigen erwies sich eine andere Herausforderung, nämlich die Versorgung der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. Deren Zahl hatte in Deutschland wie bei seinen Kriegsgegnern eine bisher ungekannte Höhe erreicht: 2,7 Millionen deutsche Soldaten hatten Verletzungen mit bleibender Wirkung erlitten und erwarteten ebenso wie 600.000 Witwen und 1,2 Millionen Waisen materielle Hilfe vom Staat. Die Weimarer Republik gewährte den Kriegsbeschädigten im Vergleich etwa zu Großbritannien umfangreiche staatliche Leistungen, ausgerichtet freilich auf das Ziel einer erneuten Arbeitsaufnahme. Neben Renten gemäß dem Grad der Behinderung und dem sozialen Status vor dem Krieg sowie Hilfen bei der Ausbildung und Arbeitsplatzsuche gehörte dazu vor allem die Reservierung von 2% der Arbeitsplätze für Schwerbeschädigte. Allerdings entwertete die nach der Konkretisierung der alliierten Reparationsforderungen sich seit Ende 1921 deutlich beschleunigende und 1923 zum Zusammenbruch der Währung führende Inflation diese finanziellen Leistungen ebenso wie die Hilfen für Witwen und Waisen. Außerdem bildete sich eine zunehmende Spannung heraus zwischen dem Anspruch der Kriegsbeschädigten auf herausgehobene Behandlung wegen des von ihnen gebrachten Opfers und ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft, der sie zunehmend als zu Unrecht Klagende erschienen.

Dieses Plakat des "Deutschen Frauenausschusses zur Bekämpfung der Schuldlüge" macht den Versailler Vertrag verantwortlich für Alltagsnöte im Ruhrgebiet. (© Bundesarchiv, Plak 002-008-025)

Andere Kriegsfolgen, die sich aus dem Versailler Vertrag ergaben, waren im Alltag weniger greifbar, prägten aber die politische Diskussion und entfalteten symbolische Kraft. Dazu gehörten die Reparationen, die im Versailler Vertrag als Ausgleich für die von den Alliierten erlittenen Kriegsschäden erlassen worden waren, die von den Alliierten diktierte Feststellung der deutschen Kriegsschuld, die Begrenzung des deutschen Heeres auf 100.000 Mann, die alliierte Besetzung des linken Rheinufers bis zum Ende der 1920er Jahre sowie die Abtretung von Grenzgebieten und der Verlust der Kolonien. Ob die nach der Hyperinflation von 1923 mit dem Dawes-Plan 1924 und dem Young-Plan 1929 reduzierten und in der Weltwirtschaftskrise ganz gestrichenen Reparationen ökonomisch tragbar waren, ist umstritten und keineswegs unwahrscheinlich. Ihre Hauptbedeutung lag allerdings auf dem Feld der Politik: Sie machten greifbar, dass Deutschland nicht eigenständig über seine Staatsfinanzen entscheiden konnte, und boten so den Gegnern der Weimarer Republik einen wichtigen Angriffspunkt für ihre Fundamentalkritik. Der Kriegsschuldartikel, der ursprünglich nur die alliierten Zahlungsansprüche absichern sollte, lieferte den Kritikern der Republik weitere Munition, obwohl auch die Befürworter der Republik ihn zurückwiesen. Die Reduzierung des Heeresumfangs beförderte zusammen mit der alliierten Besatzung den Eindruck, Deutschland leide an einem Mangel an Souveränität. Verstärkt wurde dieser Eindruck auch dadurch, dass Frankreich im Rheinland zahlreiche Soldaten aus seinen afrikanischen Kolonien einsetzte und die vormalige deutsche Kolonialherrschaft damit symbolisch ins Gegenteil verkehrte. Dies löste teils heftige, parteiübergreifende Proteste gegen die "schwarze Schmach" aus. Gleichwohl blieben die Kolonien als imaginierter Raum von Abenteuer und männlicher wie weiblicher 'Bewährung' im öffentlichen Bewusstsein präsent.

Unverkennbar waren somit die Belastungen, die der Versailler Vertrag für die Weimarer Republik bedeutete. Doch zeigte die Verständigungspolitik Gustav Stresemanns, dass kluge Politik sie durchaus überwinden konnte. Stresemann, kurzzeitig Reichskanzler in der Hyperinflationskrise 1923 und dann Außenminister bis zum seinem Tod 1929, zielte auf eine Wiederherstellung der deutschen Großmachtposition, wollte dies aber mit friedlichen Mitteln erreichen und nahm dabei ausdrücklich Rücksicht auf die Sicherheitsinteressen Frankreichs. So hielt der von Stresemann maßgeblich initiierte Locarno-Vertrag 1925 den gegenwärtigen Verlauf der deutsch-französische Grenze als endgültig fest und bekräftigte damit den Verbleib Elsaß-Lothringens bei Frankreich. Im Gegenzug erhielt Deutschland einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat, womit es wieder als führende Macht anerkannt wurde. Gleichfalls wurden in Stresemanns Amtszeit die Reparationsregelungen von 1924 und 1929 vereinbart. Der Dawes-Plan trug wesentlich zur wirtschaftlichen Stabilisierung in den mittleren 1920er Jahren bei und der Young-Plan führte zur vorzeitigen Räumung der Rheinlandes.

Kriegserinnerung

Die vielleicht größte Herausforderung, die sich den Deutschen nach 1918 stellte, bestand darin, dem Tod und Leiden der vier Kriegsjahre Sinn zu verleihen. Zwei Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg ums Leben gekommen. Die ökonomische und patriotische Mobilisierung zwischen 1914 und 1918 hatte alle gesellschaftlichen Schichten und Regionen erfasst. Auch die seit 1916 aufgrund der alliierten Blockade deutlich schlechter werdende Versorgungslage, die eine erheblich erhöhte Sterblichkeit zur Folge hatte, wurde zur allgemeinen Erfahrung. Hinterbliebene und Kriegsbeschädigte machten die Opfer, die der Krieg verlangt hatte, nach 1918 unmittelbar greifbar. War also der Krieg vor allem als grauenhafte Schlächterei zu verstehen und daraus die Konsequenz internationaler Versöhnung zu ziehen, auf der Basis einer zu festigenden demokratischen Ordnung? Oder war der Krieg eher als legitime Austragungsform internationaler Staatenkonkurrenz anzusehen und die Erinnerung an heroische Taten deutscher Soldaten zu pflegen, damit Deutschland wieder eine Großmacht werden konnte, auf Grundlage einer autoritären Ordnung? So lassen sich zugespitzt die gegensätzlichen Interpretationslinien der Kriegserinnerung in der Weimarer Republik beschreiben. Ihren weithin sichtbaren Niederschlag fanden sie vor allem in Form von Denkmälern und im Auftreten der Veteranenverbände, insbesondere derjenigen, die sich als politisch agierende Kampfbünde verstanden.

Die DNVP nutzte das Narrativ des "Dolchstoßes" auf ihrem Wahlkampfplakat 1924. (© Bundesarchiv, Plak 002-029-031)

In den ersten Jahren der Republik war aber vor allem ein spezifischer Aspekt der Kriegserinnerung einflussreich, die Deutung der Niederlage als vermeintlicher "Dolchstoß" in den Rücken der kämpfenden Truppe. Die von rechtsnationalistischen Kreisen seit Ende 1918 verbreiteten "Dolchstoßlegende" wuchs ein Jahr später Gewicht zu, als der weithin geachtete ehemalige Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, sie in seiner Aussage vor einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung bekräftigte. Plausibilität gewann sie im zeitgenössischen Diskurs aus dem Umstand, dass die deutsche Niederlage nicht von einer großen Entscheidungsschlacht besiegelt worden war, sondern aus der Erschöpfung aller Ressourcen angesichts der alliierten Übermacht resultiert war. Ins Visier nahm die in Varianten präsentierte "Dolchstoßlegende" vor allem die radikale Linke, daneben aber auch die Mehrheitssozialdemokratie, verbunden mit antisemitischen und frauenfeindlichen Untertönen. Die Legende sollte die Legitimität der neuen Republik infrage stellen und die Führungsschicht des untergegangenen Kaiserreichs von der Verantwortung für den Kriegsausgang entlasten. In der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), von der sich gerade die alten Eliten vertreten sahen, wirkte die "Dolchstoßlegende" integrierend, rückte in der öffentlichen Diskussion aber in den Hintergrund, als die DNVP 1925 in die Reichsregierung eintrat. Einflussreich blieb sie in völkisch-antisemitischen Kreisen, großen Teilen der Professorenschaft und der protestantischen Geistlichkeit.

Für eine ganz andere öffentlich vermittelte Kriegsdeutung standen in den ersten Jahren der Weimarer Republik vor allem pazifistische Organisationen. Zwar blieb ihre Mitgliederzahl überschaubar und Streit zwischen ihren Flügeln sorgte für ihre politische Marginalisierung am Ende der 1920er Jahre. Doch zunächst konnten sie unter der Parole "Nie wieder Krieg!" bei Demonstrationen zum Jahrestag des Kriegsbeginns im August jeweils mehrere hunderttausend Menschen mobilisieren.

Auszug aus einem Bericht des SPD-Organs "Vorwärts" zur Kundgebung "Nie wieder Krieg" des Friedensbundes der Kriegsteilnehmer, 1920

"Zahlreiche rote und schwarz-rot-goldene Banner wehten gestern im Lustgarten, am Dom und am Marstall: SPD und USPD hatten sich zu gemeinsamer Kundgebung zusammengefunden, und von vielen Teilnehmern wurde diese Tatsache mit Genugtuung begrüßt. Außer diesen beiden Arbeiterparteien waren die Syndikalisten und die bürgerlichen Pazifisten an der Demonstration gegen den Wahnsinn des Krieges beteiligt. Die Kommunisten aber agierten auf eigene Rechnung für ihre Ideen, die sie nicht glauben, ohne Gewalt durchsetzen zu können, und so war es nur konsequent, wenn ihre Organisation sich an dieser Kundgebung nicht beteiligte. Ungefähr 30 Redner sprachen zu den Tausenden und riefen auf zum Kampf gegen Imperialismus, Kapitalismus und Militarismus. Brausende Zustimmung hallte über den Platz.


Keineswegs einheitlich fiel die Kriegserinnerung aus, die sich in den nach 1918 überall in Deutschland errichteten Gefallenendenkmälern manifestierte. Trauer stand zwar im Vordergrund, doch die schon aus Kostengründen oft einfachen und bereits im 19. Jahrhundert verwendeten Formen – neben dem christlichen Kreuz der Obelisk oder die Stele – sandten keine eindeutige Botschaft aus. Gleiches galt für die Inschriften, in denen von "Helden" ebenso wie von "Kameraden" und "Söhnen" die Rede war. Ebenfalls vielfältige Deutungen ließen figürlichen Darstellungen zu, die sich oft an antiken Vorbildern orientierten.

Beispiele zeitgenössischer Kriegsdenkmäler
 Am Göttinger Theaterplatz steht das „Ehrenmal Reserve Inf. Regt. 91“, die Denkmalfigur eines sterbenden Kriegers auf einem Sockel zeigt. Das Denkmal wurde 1924 errichtet. Kriegerhain in Hettenleidelheim Gedenktafel in Schenkendorf (Mittenwalde, Brandenburg). Denkmal der heute polnischen Gemeinde Pietzarken (Kreis Angerburg, Ostpreußen). Das Bild zeigt ein Denkmal für gefallene Angehörige der Marinetruppen, das 1929 in Cuxhaven eingeweiht wurde. Blick in die Gedenkstätte "Neue Wache" am Boulevard Unter den Linden (Berlin).


Wie umstritten die Kriegserinnerung politisch war, zeigte die Debatte über die Errichtung eines nationalen Gefallenendenkmals, die ohne Ergebnis endete. Ein Grabmal des Unbekannten Soldaten in Berlin nach den Vorbilder in London und Paris, das der prorepublikanische Veteranenverband "Reichsbanner" befürwortete, lehnten rechtsnationale Organisationen, an erster Stelle der "Stahlhelm", wegen der damit verbundenen Orientierung an den ehemaligen Kriegsgegnern ab. Ihr Vorschlag wiederum, in einem "Heiligen Hain" das Gedenken an die Gefallenen mit dem mythischen Kraftquell des deutschen Waldes zu verknüpfen, blieb unausgeführt, da über Standort und Gestaltung keine Einigung zu erzielen war. Der von den Sozialdemokraten geführten und von ihnen, der katholischen Zentrumspartei und den Linksliberalen getragenen preußischen Landesregierung gelang es hingegen, mit dem Umbau der Neuen Wache in Berlin einen Gedenkort zu schaffen, der sich als Deutungskompromiss der Kriegserinnerung verstehen ließ. Die Gestaltung des Innenraums setzte auf abstrakte Formen, arbeitete mit dem Kontrast von dunklen Farben und einem offenen Oberlicht. Die Inschrift beschränkte sich auf die Jahresangabe "1914/18". Damit stellte die gesamte Komposition die Trauer um die Gefallenen in den Vordergrund, erlaubte aber auch eine heroische Lesart ihres Todes.

Blick in die Gedenkstätte "Neue Wache" am Boulevard Unter den Linden (Berlin). (© Bundesarchiv, Bild 102-11786 / Georg Pahl)


Ende der 1920er Jahre erhielt die Kriegserinnerung einen neuen Schub. Erich Maria Remarques sehr erfolgreichem, bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen verfilmtem Roman "Im Westen nichts Neues" von 1929, der sich primär als Anklage gegen die Schrecken des Krieges und Friedensappell lesen ließ, sowie ähnlichen Werken von Ernst Glaeser und Ludwig Renn standen Romane Werner Beumelburgs oder Franz Schauweckers gegenüber, die den Krieg als männliche Bewährungsprobe und Stifter einer mythisch überhöhten "Frontgemeinschaft" glorifizierten. Diese etwa auch von Ernst Jünger in seinem Bericht "In Stahlgewittern" in den frühen 1920er Jahren angebahnte Deutung gewann nun weit über die politische Rechte hinaus an Gewicht. Unabhängig von der eigenen politischen Position konnten vor allem Jüngere, die die Schrecken des Krieges nicht selbst erfahren hatten, sich leichter mit einer Darstellung der Soldaten identifizieren, die diese als pflichtbewusst und opferbereit Handelnde, nicht als vornehmlich Leidende zeigte. Eine solche Kriegsdeutung stand zwar nicht zwingend im Widerspruch zum Versöhnungswillen der prorepublikanischen Kräfte, ließ sich aber leichter mit der Heldenbeschwörung ihrer Gegner verbinden.

Fünf Leserbriefe zu Erich Maria Remarques
"Im Westen nichts Neues" in der Vossischen Zeitung, Anfang Dezember 1928

"Potsdam, 9. Dezember. In der "Vossischen Zeitung" ging heute der Abdruck des Werkes "Im Westen nichts Neues" von E.M. Remarque zu Ende. Diese Erzählung ist hinreißend, echt und groß. Naturgetreu wir ein photographisches Dokument, von einem Dichter erfühlt und gestaltet. Kunst rettet. Kunst macht untilgbar, was menschliche Stumpfheit zu vertuschen, zu verscharren droht: das Massenschicksal der Soldaten, das gewaltigste Stück vom Inhalt unserer Zeit. Wird der reife Zeitgeist es an diesem Buche endlich recht entdecken? Gewissen der Menschheit, werde wach! Gab es schon vor 1914 Tragödien? Sie verblassen vor dieser, vor der Tragödie des gemeinen Soldaten im Weltkriege. Glücklicher Dante, glücklicher Shakespeare, ihr ahntet nie ein Höllenwerk wie dieses: Im Westen nichts Neues! […] Martin Hohbohm"

Veteranenverbände als politische Kampfbünde

Wenn sich ehemalige Soldaten organisierten, geschah das oftmals zur Vertretung ihrer sozialpolitischen Interessen. So gehörten den Verbänden der Kriegsbeschädigten unterschiedlicher politischer Ausrichtung Ende 1919 1,4 Millionen Veteranen an, angeführt vom "Reichsbund der Kriegsbeschädigten und ehemaligen Kriegsteilnehmer", der der SPD nahestand und 600.000 Mitglieder zählte. Kaum halb so groß war dagegen die Stärke der teils auch aus ehemaligen Soldaten bestehenden Freikorps, die noch zur Zeit der Weimarer Republik im Baltikum gegen bolschewistische und andere Truppen kämpften und in Deutschland selbst gegen Aufstände von Arbeitern und der radikalen Linken vorgingen, nicht selten mit großer Brutalität. Nach Auflösung der Freikorps schlossen sich viele ihrer Mitglieder einem neuen, zunächst auf der rechten Seite des politischen Spektrums in Erscheinung tretenden Typ von Veteranenverband an, der sich nicht in erster Linie als Erinnerungsgemeinschaft oder Interessenvertretung, sondern als politische Kampforganisation verstand. Führend war der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten", der seit dem Sommer 1919 in ganz Deutschland Zulauf erhielt und bis 1925 auf 225.00 Mitglieder anwuchs. Seine distanzierte Haltung gegenüber der Republik mündete Ende der 1920er Jahre in ausdrückliche Gegnerschaft.

Aufmarsch beim Frontsoldatentag des "Stahlhelms" auf dem Tempelhofer Feld in Berlin im September 1932. (© Bundesarchiv, Bild 102-02441 / Georg Pahl)


Charakteristisch für den "Stahlhelm" war sein Auftreten in der Öffentlichkeit. In Flaggenweihen und Massenkundgebungen, zu denen seine Mitglieder in Uniform und mit militärischem Gepränge aufmarschierten, zeigte er Präsenz und Stärke und scheute sich auch nicht, physische Gewalt gegenüber politischen Gegnern anzuwenden. So hielt er den Krieg in sichtbarer und heroisierender Erinnerung und pries den Frontkämpfer und die "Frontgemeinschaft" als vorbildhaft für die Politik. Die prorepublikanische Antwort auf den "Stahlhelm" war das 1924 gegründete und mit 600.000 Mitgliedern deutlich größere "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer". Auch seine Mitglieder, die meisten von ihnen Sozialdemokraten, trugen Uniform und traten in geschlossener Formation bei Kundgebungen auf, vor allem zum Verfassungstag im August. Anders als der deutlich kleinere Rotfrontkämpferbund der Kommunisten ging das Reichsbanner nicht mit offensiver Gewalt gegen seine Gegner auf der Rechten vor, war aber zu robuster Selbstverteidigung bereit. Zusammen mit dem "Reichsbund der Kriegsbeschädigten" betonte es in seiner Erinnerung an den Krieg dessen Grausamkeit und die Nöte der Soldaten und setzte sich für internationale Verständigung ein.

Auszug aus einer Erklärung des "Stahlhelm" auf dem Frontsoldatentag am 9. Mai 1927 in Berlin ("Berliner Stahlhelm-Botschaft")

I. Die Berliner Stahlhelm-Botschaft: Der Stahlhelm, der Bund der Schlachterprobten, unbesiegt heimgekehrten deutschen Frontsoldaten und der von ihnen zum Geste der Wehrhaftigkeit erzogenen deutschen Jungmannen, gibt am 8. Reichsfrontsoldatentag in der Reichshauptstadt die politischen Ziele bekannt, für die zu kämpfen er sich und alle seine Kameraden aufs neue verpflichtet:


Anmarsch mit schwarz-rot-goldenen Fahnen auf dem Reichsbannertreffen in Brandenburg an der Havel im Mai 1928. (© Bundesarchiv, Bild 102-05973 / Georg Pahl)


Die in den Veteranenverbänden vor allem der Rechten zur Schau gestellte militärische Männlichkeit versprach, mit den vielfältigen Zeitproblemen fertig zu werden, Verlust- und Leidenserfahrungen hinter sich zu lassen. Nicht umsonst stilisierte sich der NSDAP-Führer Adolf Hitler, ein ehemaliger Soldat mit allerdings nur geringer Fronterfahrung, gerne als kraftvoller Mann. Doch auch wenn die von den Veteranenverbänden getragene Militarisierung der politischen Kultur die Weimarer Republik belastete, war der Sieg der Nationalsozialisten damit noch keineswegs garantiert.


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Autor: Dirk Schumann für bpb.de
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Dirk Schumann

Zur Person

Dirk Schumann

Dirk Schumann ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Sein Schwerpunkt ist die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.


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