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12.10.2004

Hinterher war alles beim Alten

Ina Merkel, Kulturwissenschaftlerin

Die Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel stürzte sich als 16jährige ins Getümmel der Weltfestspiele. Als Berlinerin brauchte sie keinen Anschluss an organisierte Gruppen, sondern konnte auf eigene Faust losziehen.

Als 16-Jährige stürzte sich Ina Merkel ins Getümmel der Weltfestspiele. Im Rückblick interessiert die Kulturwissenschaftlerin besonders die außeralltägliche Erfahrung mit dem "Fremden" während des Festivals. (© 2003 Bundeszentrale für politische Bildung)

Textversion des Video-Interviews

Also, ich glaube, dass die neun Tage irgendwie Ausnahmezustand waren. Die Polizei hielt sich außerordentlich zurück, die Parteiführung mischte sich unters Volk. Honecker hat einen Besuchsspaziergang über den Alexanderplatz gemacht, ohne, glaube ich, größere, jedenfalls nicht sichtbare Bewachung.

Es war alles Mögliche erlaubt. Bis tief in die Nacht, oder in den Morgen hinein muss ich eigentlich sagen, saßen die Leute auf den Parkbänken herum, spielten auf der Gitarre, die Nacht wurde zum Tag gemacht. Das war etwas, was bis dahin undenkbar gewesen ist für DDR-Verhältnisse. Heute würde man wahrscheinlich dazu sagen: Es ist ein großes Event gewesen. Also, es war einfach überall was los: Man fiel von einer Diskussionsgruppe in eine Tanzgruppe hinein, knüpfte unheimlich schnell Kontakte zu allen möglichen Leuten, schwatzte mit Menschen, die man noch nie in seinem Leben gesehen hatte, umarmte sich mit denen. Also, es war so eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung. Man hat richtig gefeiert. Es war sehr lustig. Wir haben Spiele gespielt. Ich kann mich erinnern, da gab's eine Truppe, da haben wir "Laurentia, liebe Laurentia mein" gesungen, wo man immer in die Knie gehen mußte und die Afrikaner kannten das nicht und haben sich bald bemacht vor Lachen.

Ich glaube, dass die Fremden, vor allem diejenigen, die aus der Dritten Welt kamen, eine sehr euphorisierende Wirkung auf die DDR-Bürger hatten. Die kamen einfach mit dem Pathos des Revolutionären daher, des Aufständischen, des sich Widersetzenden. Und das ist etwas, was für die DDR-Bürger sehr attraktiv gewesen ist, wenn man in der DDR gar nicht mehr... Die Revolution stand nicht auf der Tagesordnung, das war nicht mehr angesagt. Die DDR war eher langweilig. Ich glaube, hinterher war alles beim Alten, das glaube ich schon. Ich glaube, dass die Jugendlichen, die daran teilgenommen haben, ganz wichtige Erfahrungen für ihr Leben gemacht haben. Und für die bedeutete das, die Rückkehr in die Normalität, ein Erwachen auch wieder in restriktiven Situationen, also, wieder aufwachen, also wieder entpathologisiert werden – also, das Pathos der Revolution war weg – , enterotisiert werden. Und ich glaube, dass es problematisch ist, dann in solche Verhältnisse wieder zurückzukehren. Das mag sicherlich für die Einzelnen was bedeutet haben. Was genau, das müßte man, glaube ich, jeden Einzelnen speziell fragen.
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