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20.2.2004

Der Wunsch nach Offenheit kann ansteckend sein

Dr. Andrej A. Gratchev

Die kommunistischen Führungen wagten während der Weltfestspiele mehr Offenheit, weil sie ihr System nach der Niederlage der USA in Vietnam für unverwundbar hielten. Dr. Andrej A. Gratchev wertet die Weltfestspiele 1973 auch als ein Mittel, um aus dieser Position heraus stärkere Bindungen mit der Dritten Welt zu knüpfen.

Die kommunistischen Führungen wagten während der Weltfestspiele mehr Offenheit, weil sie ihr System nach der Niederlage der USA in Vietnam für unverwundbar hielten, argumentiert Gratchev. (© 2003 Bundeszentrale für politische Bildung)

Deutsche Übersetzung des Interview

Die Weltfestspiele hatten jeweils ihr individuelles Gesicht, je nach Ort, an dem sie stattfanden und je nach Zeitepoche. Wenn man sich an die Festspiele in Berlin im Jahre 1973 erinnert, dann kann man sagen, dass sie im Grunde an die Länder der Dritten Welt gerichtet waren. Daher gab es viele Gäste aus der Dritten Welt - aus Lateinamerika, aus Chile; aus dem Nahen Osten nahm zum Beispiel Jassir Arafat teil. So versuchten die kommunistischen Länder, durch die Weltfestspiele eine Art strategische Bindung mit der Dritten Welt zu knüpfen.

Eigentlich trafen sich bei allen Weltfestspielen Jugendliche aus dem Osten und aus dem Westen. Der Sinn lag zum großen Teil darin, linke kommunistische Ideen unter Jugendlichen zu propagieren. Das trifft auch auf die Berliner Weltfestspiele zu. Aber das Besondere an ihnen machte vielleicht die Trennung Deutschlands aus. Aus diesem Grund verlieh die Anwesenheit von westdeutschen Jugendlichen gerade diesen Festspielen eine besondere Note.


Man darf sich nicht verführen lassen, Geschichte nachträglich zu schreiben. Viele Vertreter der kommunistischen Regierung in der DDR, wahrscheinlich auch in der Sowjetunion, hatten damals den Eindruck, dass diese Weltfestspiele den Boden für die Vereinigung Deutschlands auf kommunistischen Grundlagen bereiteten.

Die Berliner Weltfestspiele waren kein Einzelbeispiel für die so zu sagen "allgemeine Kurzsichtigkeit" der führenden kommunistischen Kräfte. Man glaubte damals, das kommunistische System sei unverwundbar und eine Öffnung gegenüber der Außenwelt stelle keine Gefahr dar. Es stellte sich jedoch heraus, dass sich der Wunsch nach Öffnung des Systems sehr schnell verbreitete, er geradezu ansteckend war.

Selbstverständlich wollte die Bevölkerung aus unterschiedlichen Gründen dem Westen näher kommen und aus der Isolation ausbrechen. Der wichtigste Grund war vielleicht wirtschaftlicher Natur, da der Westen als Beispiel florierenden Wohlstands galt. Man wollte die gleiche Lebensqualität erreichen. So entstand nach diesen Festspielen eine neue Jugendgeneration, die nicht mehr ideologisch beeinflusst war.

Die Funktionäre in Moskau und in anderen kommunistischen Ländern schätzten die Weltlage folgendermaßen ein: Die kommunistischen Länder seien im Vormarsch, die USA dagegen dabei, ihre Positionen nach der Niederlage in Vietnam zu verlieren. Die Dritte Welt würde der Sowjetunion helfen, die USA zu isolieren. Diese Einschätzung wollte man mit den Weltfestspielen in Berlin bestätigen.

Dr. Andrej Gratchev

Gratchev Biografie

Dr. Andrej Gratchev

Dr. Andrej Gratchev, geb. 1941, war 1967-72 Vize-Präsident des Weltbundes der Demokratischen Jugend. Seit 1992 ist er am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen in Moskau tätig.


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