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27.4.2005

Soviel Anfang war nie

Der Mai 1945 gilt als "Stunde Null" der deutschen Geschichte. Aber was genau hatte sich alles verändert? Wieso konnte, kann Deutschland danach nie wieder so sein wie zuvor? Und wofür steht das Jahr 1945 heute? Michael Bechtel über die Lehren und Verpflichtungen der Geschichte.

Ein 16-jähriger Wehrmachtssoldat gerät während der alliierten Invasion in der Normandie in Kriegsgefangenschaft. (© AP)


Eine neue Weltordnung

1945 ist Ende und Anfang zugleich. 1945 geschah nichts, was nicht lange vorbereitet war, wurde wenig beschlossen, was nicht längst entschieden war. Lawinen, die Deutschland losgetreten hat, endeten ihren zerstörerischen Lauf. Als der Kriegslärm verstummte und die Toten begraben waren, mischte sich auch in die Freude der Sieger die beklemmende Erkenntnis, daß die Welt kaum wiederzuerkennen war: 1945 steht also für den Beginn einer Nachkriegsordnung, die bis zum Ende der 80er Jahre die Welt prägte. Sie ist heute schon Vergangenheit.

Eine andere Gesellschaft

1945 steht in der Erinnerung der Menschen, die es durchlitten haben, für Tod in den Bombennächten, für Kriegsgefangenschaft, für das Leben in zerstörten Städten, für Hunger und Demütigung. Millionen verloren ihre Heimat. Vieles von dem Leid, das sie in die Welt gebracht hatten, war auf die Deutschen zurückgefallen.

Die Menschen erinnern sich an die große Erleichterung, daß der Krieg vorbei war, an die Freude überlebt zu haben. Sie ist vielfach überlagert von Ängsten. Viele konnten sich die Zeit nach der Niederlage nur als Katastrophe und Versklavung vorstellen – ganz in dem Sinne, wie sich die deutsche Besatzungsmacht anderswo aufgeführt hatte.

Die Menschen verdrängten: Wer noch im Oktober 1948 die Frage "Halten Sie den Nationalsozialismus für eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde?" mit ja beantwortete, der hat sich 1945 sicher nicht befreit gefühlt. Das waren in den Westzonen 57 Prozent der Deutschen. Die meisten wollten von Krieg und von Ideologien, vielfach von Politik nichts mehr wissen, sondern sich möglichst ungestört eine neue wirtschaftliche Existenz schaffen. Dafür erwies sich die verordnete Demokratie als idealer Rahmen. Die Sieger haben es den Deutschen im Westen ermöglicht, sich allmählich in eine weltoffene, liberale und demokratische Ordnung einzuleben, sie nicht nur hinzunehmen, sondern anzunehmen.

Eine Verpflichtung für die Zukunft

1945 steht für ein Wendepunkt der deutschen Geschichte, für die Abwendung der Deutschen von weltverbesserischem Dünkel und Nationalsozialismus, für ihre Hinwendung zu freiheitlichem Leben und Denken. Nur so sind aus den Verlierern von damals am Ende Gewinner geworden. Mit dem Pathos, das uns heutigen schwerfällt, aber vielleicht dem Thema doch angemessen ist: 1945 ist das Geburtsjahr einer neuen, demokratischen deutschen Nation, die nicht mehr über andere herrschen will, die gelernt hat, zu leben und leben zu lassen.

Das ist alles andere als ein Schlußstrich unter die Vergangenheit. Aus ihr zu lernen heißt, die Irrtümer und Verfehlungen zu kennen, die in die Katastrophe geführt haben, heißt auch, um die Schuld der Vorfahren zu wissen. Die Kinder und Enkel müssen wissen, daß der 8. Mai 1945 das Datum ist, an dem seinen Anfang nahm, was für die Zukunft zu bewahren ist: ein Leben in Freiheit, Menschlichkeit, Toleranz und demokratischer Selbstbestimmung. Dazu gehört für die vereinten Deutschen die noch sehr neue Verpflichtung, für diese Werte in einer konfliktreichen Welt einzustehen.
Auszug aus:
PZ-Extra (Nr. 81/1995) - Soviel Anfang war nie

Michael Bechtel

Zur Person

Michael Bechtel

ist freier Journalist.


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