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14.4.2005

"Jeder Tag dort war wie die Unendlichkeit."

Kató wird 1919 in Budapest in einer jüdischen Familie geboren. Spätestens mit der deutschen Besetzung Ungarns 1944 ändert sich alles. Kató und ihre Schwester werden deportiert – sie kommen nach Ravensbrück. Als Kató zur Zwangsarbeit in Spandau selektiert wird, bleibt ihre Schwester zurück. Die beiden sehen sich nie mehr wieder.

Kató Gyulai (© privat)

Kató (Katalin) Gyulai


Geboren am 2. April 1919, in Budapest (Ungarn)


Verstorben



Ich bin am 2. April 1919 in Budapest in einer jüdischen Familie geboren. Mein Vater Aladár war Oberlehrer und unterrichtete an einem Realgymnasium ungarische und deutsche Sprache. Nach dem ersten Weltkrieg hatte er seine Stelle verloren, weil er sich während der Räterepublik nicht, wie andere Kollegen, zurückgezogen, sondern weitergearbeitet hatte. Erst nach zehn Jahren bekam er wieder eine Stelle in der Jüdischen Lehrerschule. Bis dahin unterrichtete er Kinder, die in der Schule durchgefallen waren, zu Hause. Meine Mutter hatte ein kleines Papiergeschäft, das aber im Jahre 1930 schließen musste.

Wie mein Vater wollte auch ich Lehrerin werden, aber wegen der Vorgeschichte meines Vaters wurde ich nicht zur Lehrerschule zugelassen. So habe ich Stenographie gelernt und arbeitete sieben Jahre bei einem Verlag als Stenotypistin. Ich hatte eine zweieinhalb Jahre ältere Schwester. Sie war einen Kopf größer als ich aber wog immer zehn Kilogramm weniger. Sie war auch Beamtin, aber verlor im Jahr 1942 ihre Stelle aufgrund der Judengesetze.

Kató Gyulai (© privat)

Nachdem Ungarn im März 1944 durch die deutschen Faschisten besetzt worden war, konnte auch ich nicht weiterarbeiten. Die ungarischen Juden, hauptsächlich Frauen und Kinder, denn die Männer fungierten schon lange anstatt als Soldaten als Arbeitsdienstler, wurden außerhalb Budapests ab Mai 1944 deportiert, die aus Budapest ab Oktober. Wir mussten bis zur Grenze zu Fuß laufen und so kamen wir im Konzentrationslager Ravensbrück an, wo uns im Zelt Schreckliches erwartete. Von hier selektierten Beauftragte von verschiedenen Unternehmen Arbeiterinnen. Einer der "Beauftragten" selektierte mich, aber er wollte nicht meine Schwester haben. So mussten wir voneinander Abschied nehmen – für ewig. Das war für mich das Schrecklichste an der Deportation. Wir versuchten alles zu tun, um zusammen zu bleiben – aber es ging nicht. Meine Schwester hat nicht überlebt.

Ich kam nach Spandau, wo ich in der Fabrik Deutsche Industriewerke arbeitete: Ich musste die Späne unter den Maschinen herausholen und auf Karren geladen hinausbringen. Ab März 1945 war zu sehen, dass die deutsche Macht langsam zu Ende ging, nur wussten wir nicht, ob wir das erleben würden. Jeden Tag mussten wir Leichen aus der Fabrik hinaustragen. Ich selbst war schon so schwach und mager, dass ich einen "Krankenzettel" erhielt. Aber auch die Fabrik war "krank", es gab oft kein Material oder Gas mehr. Am 21. April 1945 wurden die Kranken und auch die nicht Arbeitenden nach Sachsenhausen gebracht mit der Bemerkung der SS-Frauen: "Nun geht ihr krepieren!" Nachdem wir angekommen waren und gebeten hatten, in die Baracken zu gehen, um unsere Notdurft zu erledigen, und wieder herauskamen, haben wir keine SS-Frauen mehr gesehen. Sie waren weg. Wir waren frei.

Ich wollte leben



Glücklicherweise stellte sich erst dann heraus, dass ich Tuberkulose hatte. Ich war sehr krank und hatte hohes Fieber – aber ich wollte leben! Ich hatte gar keinen Appetit, aber ich habe doch gegessen, um wieder stark zu werden. Obwohl das, was wir bekamen, sehr armselig war. Es war Ende Juli 1945, als ich wieder geheilt war: Von achtzehn Tuberkulose-Kranken sind nur drei am Leben geblieben.

Zurück in Budapest habe ich zuerst in einer Bank gearbeitet, nachher in der Parteizentrale und dann als Diplomat, das heißt als Kulturattaché in Holland. Als ich von dort wegen der Krankheit meiner Mutter zurück nach Hause kam, begann ich im Ministerium für Landwirtschaft, Abteilung Internationale Zusammenarbeit, zu arbeiten bis ich im Jahr 1974 in den Ruhestand ging. Seit 1958 nehme ich Teil an der Arbeit des Ungarischen Komitees der Verfolgten des Nazismus, bin deren Vizepräsidentin und Verantwortliche für die Angelegenheiten mit Ravensbrück und den ehemaligen Ravensbrückerinnen.

Kató Gyulai, März 2004
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