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13.4.2005

"Da ist ein Gang, wo man reinging und nicht rauskam. Wir hörten die Schüsse."

Zofia wird 1920 in Charkow geboren, später geht die Familie nach Warschau. 1939, bei Kriegsausbruch, studiert Zofia Polonistik – sie ist 19 Jahre alt. Zofia geht in den politischen Widerstand. Doch durch einen Hinweis wird sie im März 1941 von der Gestapo verhaftet. Im September wird sie nach Ravensbrück überstellt.

Zofia Pocilowska (© privat)

Zofia Pocilowska


Geboren am 3. März 1920, in Charkow (Polen)



Ich komme aus einer armen Familie: Mein Vater war Arbeiter, aber dennoch ein gebildeter Mann. Er war ein wunderbarer Mensch und ich liebte ihn, ebenso wie meine Mutter. Ich hatte noch zwei Halbbrüder. Ich wurde 1920 im Osten Polens geboren, in Charkow. Schließlich kamen wir nach Warschau, es waren damals schwere Zeiten: Weltwirtschaftskrise, Armut und Elend. Ich beendete eine sehr gute Grundschule in Warschau, und da ich eine gute Schülerin war, bekam ich ein Stipendium und besuchte anschließend ein privates Gymnasium. Anschließend kam ich auf die Universität und belegte dort Polonistik.

Dann brach der Krieg aus. Ich absolvierte einen Sanitätskurs und wollte an der Verteidigung Warschaus teilnehmen. Aber es war schon zu spät, Warschau war von den Deutschen umzingelt. Als man sich wieder etwas freier bewegen konnte, meldete ich mich für konspirative Arbeiten bei der Organisation "Walka Zbrojna", "Bewaffneter Widerstand". Wir waren eine Gruppe von fünf Frauen und legten gemeinsam einen Eid ab. Ich wurde Kurier für Warschau, sogar für ganz Polen. Ich bekam bestimmte Treffpunkte und Adressen genannt, ohne die Namen der Menschen zu kennen, und lieferte dann die entsprechenden Informationen ab. So sah meine konspirative Arbeit aus.

Durch einen Hinweis wusste ich, dass mich die Gestapo suchte. Ich versteckte mich an verschiedenen Orten. Dann aber kam der Namenstag meiner Mutter, das war im März 1941, und ich wollte meine Eltern so gerne wiedersehen. Ich übernachtete bei meinen Eltern. Wir ahnten nicht, dass die Gestapo den Besitzer des Hauses verpflichtet hatte, Meldung zu erstatten, sobald ich dort erscheinen würde. Abends kamen Offiziere und Soldaten der Gestapo und verhafteten mich.

Selektion für medizinische Versuche



Ich saß zuerst im Gefängnis Pawiak ein, wo ich schwer an Flecktyphus erkrankte, doch ich überstand es. Dann kam ich nach Lublin in das Untersuchungsgefängnis "Pod Zegarem", was soviel heißt wie "unter der Uhr". Im September 1941 kam ich mit einem Sondertransport nach Ravensbrück. Das war ein Transport von jungen Frauen, die ohne ihr Wissen zum Tode verurteilt worden waren und später für die medizinischen Experimente selektiert wurden. In Ravensbrück blieb ich bis April 1945, bis zur Evakuierung des Lagers.

Wir wurden von der Sowjetarmee befreit. Das war alles sehr dramatisch, es passierten schreckliche Dinge. Aber wir hatten Glück und uns geschah nichts. Ich betrat das Elternhaus und meine Mutter sowie ihre Schwester waren zu Hause: Beide waren schrecklich traurig und abgemagert. Meine Mutter freute sich natürlich sehr über meine Rückkehr. Ich fragte sofort nach meinem Vater: Er war schon ein Jahr nach meiner Verhaftung gestorben und lag schon längst auf dem Friedhof. Meine Eltern liebten mich sehr. Das war so traurig.

Nach dem Krieg begann für mich ein neues Leben und das war wichtig für mich. Warschau war zerstört. Ich studierte Bildhauerei und rekonstruierte viele Skulpturen, die beschädigt worden waren. Ich studierte, arbeitete und hatte Kinder. Jetzt fällt mir das Leben schwerer und zwar aufgrund der ökonomischen und sozialen Situation. Ich habe mehrere Jahrzehnte schwer gearbeitet. Von der gesellschaftlichen Stellung, die ich erreicht hatte – ich war doch jemand – und der Zufriedenheit durch meine Arbeit ist heute nur noch wenig geblieben. Ich habe mehrere Denkmäler geschaffen, unter anderem im Pawiak-Museum in Warschau, in Inowroclaw und in Wlodawa. Ich nahm an einem Plain-Air-Projekt in Walbrzych teil, einem Skulpturenpark, und schuf eine große Arbeit aus Keramik, aus zwölf Teilen bestehend. Ich verdiente zwar nicht viel dabei, aber immerhin war es eine Auftragsarbeit. Und jetzt muss ich zusehen, wie ich den nächsten Tag überstehe: Das macht den Menschen mürbe.

Aus einem Interview mit Ebba Rohweder, Januar 2003
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