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20.10.2021

Siegel von Josel von Rosheim

Als die Grundrechte der Juden von lokalen Herrschern abhängig waren, bewährte sich Josel von Rosheim als versierter Verhandler im Namen seiner Glaubensgenossen.

Siegel von Josel von Rosheim 1551, Shared History Projekt. (© Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 56 U 15)

Das Objekt

Siegel des Josel von Rosheim

Der Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568) und Josel von Rosheim (1478–1554) schlossen am 11. August 1551 einen Vergleich über den Durchzug der Juden durch Württemberg ab. Das Dokument befindet sich im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart (Signatur HStA Stuttgart A 56 U 11) und umfasst zwei Siegel—das Siegel des Herzogs sowie ein Siegel Josel von Rosheims. Das Siegel Josels besteht aus Wachs und hat einen Durchmesser von 38 Millimeter. Es ist mit einem Pergamentstreifen an der Urkunde befestigt. Die Siegel dienten der Beglaubigung des Dokuments. Der Umstand, dass er ein eigenes Siegel führte, gibt einen ersten Hinweis auf die herausragende Stellung, die Josel von Rosheim zu Lebzeiten innehatte.

Historischer Kontext

Josel von Rosheim verteidigte jüdische Gemeinden, vor allem gegenüber zunehmender Angriffe vonseiten Martin Luthers

Josel von Rosheim wurde um 1478 im elsässischen Hagenau geboren. Die Geschichte seiner Familie ist geprägt von Vertreibung, Flucht und Gewalterfahrungen und sagt viel aus über die Unsicherheit des Lebens von Jüdinnen und Juden in diesen Jahren: Die Familie Josels wurde im 15. Jahrhundert aus Endingen in Baden vertrieben. Drei Brüder seines Vaters wurden dort wegen eines angeblichen "Ritualmords" hingerichtet. Mit konstruierten Vorwürfen des Ritualmords, demzufolge Juden christliche Kinder töteten, um ihr Blut für rituelle Zwecke zu nutzen, wurden seit dem 12. Jahrhundert immer wieder antijüdische Übergriffe und Morde begründet.

Josels Vater siedelte sich später in Obernai im Elsass an, von wo er erneut fliehen musste und sich schließlich in Hagenau ansiedelte. Bereits 1484 starb er und sein Sohn Josel wuchs in der Familie seiner Mutter auf.

Josel zog nach Mittelbergheim, in der Nähe von Straßburg, und verdiente seinen Lebensunterhalt als Kaufmann und Geldverleiher. 1507 trat er mit einem weiteren Talent zu Tage: sein außergewöhnliches Verhandlungsgeschick. Die im elsässischen Obernai lebende jüdische Gemeinschaft befürchtete ihre Vertreibung. Mitte des 14. Jahrhunderts waren alle im Ort ansässigen Jüdinnen und Juden im Zuge der Pestpogrome hingerichtet. Seit dem 15. Jahrhundert lebten zwar wieder Juden und Jüdinnen in dem Ort, aber ihr Status war unsicher. 1507 gelang es Rosheim, die Vertreibung der jüdischen Einwohnenden des Ortes durch Verhandlungen mit den lokalen Autoritäten und dem Kaiser zu verhindern.

Dieses besondere Talent bei Verhandlungen war einer der Gründe dafür, dass man Josel 1510 zu einem der Parnassim der Juden im Unterelsass wählte. Als Parnass oder Vorsteher der jüdischen Gemeinde war er mitverantwortlich für Verwaltung und Rechtsprechung innerhalb der Gemeinde, zudem gehörte auch die Vertretung der Gemeinde und Verhandlungen mit den christlichen Autoritäten zu seinen Aufgaben. Mit seinem Verhandlungsgeschick machte sich Josel, der sowohl Hebräisch als auch Deutsch sprach und schrieb, einen Namen in der jüdischen Bevölkerung des Reiches. Der Elsässer wurde von Judenschaften aus dem ganzen Reich hinzugerufen, um ihre Interessen im Konfliktfall gegenüber Potentaten, den Fürsten und dem Kaiser zu vertreten. So half er z.B. bei der Verteidigung von Juden im Falle von Rechtsbrüchen, bei der Verhinderung der Vertreibung oder auch bei geplanten Hinrichtungen im Falle von Ritualmordvorwürfen.

Josel von Rosheim lebte in einer Umbruchszeit, die wir historisch als den Beginn der Neuzeit bezeichnen. In dieser Zeit kam es zu weitreichenden sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, religiösen und politischen Wandlungen, die einschneidende Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung im Allgemeinen und der Juden insbesondere hatten. Jüdisches Leben im Reich war von einer extremen Unsicherheit geprägt, die ihren Grund nicht zuletzt in den Machtkämpfen zwischen dem Adel und den Zünften sowie zwischen dem Kaiser und den lokalen Fürsten um das Judenregal hatte.

Über das Judenregal wurde der rechtliche Status der jüdischen Bevölkerung seit Jahrhunderten geregelt. Was einst ein "Regal" bzw. Recht des Kaisers war, war zur Verhandlungsmasse zwischen den verschiedenen Autoritäten geworden. Derjenige, der das Judenregal innehatte, bot der jüdischen Bevölkerung gegen die Bezahlung eines Schutzzinses bestimmte Rechte, wie etwa Aufenthaltsrechte oder zum Beispiel Zollerleichterungen. Diese wurden in einem Schutzbrief festgehalten, der jedoch jederzeit geändert oder aufgehoben werden konnte.

Vor dem Hintergrund dieser existenziell bedrohlichen Lage wurde Josel von Rosheim im Jahre 1529 in Günzburg zum Befehlshaber der Jüdinnen und Juden des ganzen Reiches ernannt. Als Shtadlan, Sprecher, wurde er aufgrund seiner genauen Kenntnis der rechtlichen Lage, seines diplomatischen Geschicks und seiner guten Verbindungen zu den Obrigkeiten, die wichtigste jüdische Führungsfigur im Reich.

Josels Interventionen fanden oft auf der lokalen Ebene in konkreten Notfällen statt. Dafür war er stets auf Reisen - Belege für seine Vermittlungstätigkeit liegen u.a. für die Judenschaften in Mähren, Schlesien, Hessen, Colmar, Brandenburg, Prag, Würzburg, Regensburg, Sachsen, Mainz und Frankfurt vor. Er nahm darüber hinaus wiederholt an den Reichstagen teil (Nürnberg 1521/22, Augsburg 1529/30, Regensburg 1532/1541/1546, Worms 1544/45). Diese Treffen des Kaisers mit Vertretern der Stände des Reiches waren ihm nicht nur ein Ort, um Lösungen für konkrete Probleme zu suchen, er nutzte diese Plattform auch, um die Rechtsstellung der Juden durch Privilegien abzusichern und z.B. grundlegende Regeln für den wirtschaftlichen Verkehr von Juden und Christen zu formulieren. Hier halfen ihm vor allem seine guten Beziehungen zu Kaiser Karl V., der u.a. bei seiner Krönung im Jahr 1520 einen Schutzbrief für die Juden ausstellte und damit frühere Privilegien bestätigte. Auch fand Josel im Kaiser jemanden, der in lokale Konflikte eingriff und so zum Schutz der Juden beitragen konnte.

Die Zeit Josels war von wachsenden religiösen Spannungen geprägt, die vor allem für die jüdische Bevölkerung gefährlich werden sollte. In Berufung auf Martin Luthers These Von der Freiheit des Christenmenschen kam es 1524 zu Bauernaufständen im Schwarzwald, die auch das Elsass erreichten. Die Revolten wandten sich gegen jene Autoritäten, die den Juden Schutz in Zeiten der Bedrohung boten. Während die Juden von katholischer Seite angeklagt wurden, die Reformationsbewegung ausgelöst zu haben, verwies beispielsweise der Kurfürst von Sachsen, ein Anhänger Luthers, die Juden des Landes und berief sich dabei auf den im Alter zunehmend judenfeindlicher eingestellten Reformator. In diesen Beispielen wird die unsichere Position der Juden in den Zeiten dieser religiösen Spannungen besonders deutlich. Josel trat in diesem Zusammenhang als überzeugender Erklärer und Verteidiger des Judentums auf. So gelang es ihm 1543 beim Rat der Stadt Straßburg ein Verbot der antijüdischen Schriften Martin Luthers zu erzielen. Luthers Denken und Schriften kannte Josel im Detail, doch seine Einladung zu einem Treffen und Gespräch hat Luther nie angenommen.


Persönliche Geschichte

Nach dem Holocaust erforschte die aus Deutschland geflohene Historikerin Selma Stern Leben und Werk des Josel von Rosheim

Selma Stern-Täubler (© Leo Baeck Institute New York | Berlin)

Die deutsch-jüdische Historikerin Selma Stern (1890–1981) wandte sich im amerikanischen Exil 1950 einem neuen Forschungsprojekt zu—einer Biographie Josel von Rosheims. Dieses Buch sollte ihre erste deutschsprachige Publikation nach dem Holocaust werden.

Stern war eine der ersten in Deutschland promovierten Frauen im Fach Geschichte. Sie hatte von 1920 bis zu ihrer Schließung im Jahr 1934 an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin gearbeitet. In ihren Forschungen beschäftigte sie sich vor allem für die Beziehung des preußischen Staats zur jüdischen Bevölkerung vom Zeitpunkt des Dreißigjährigen Kriegs bis zur Emanzipation und die Folgen der Begegnung mit der nicht-jüdischen Umwelt auf das jüdische Leben.

Für die Historikerin war der Gegenwartsbezug ihrer Arbeit eine zentrale Motivation für ihr Forschen. Ihre Aufgabe als Wissenschaftlerin und die Bedeutung der Geschichte sah sie in den 1920er Jahren darin, "helfend und ratend zur Seite zu stehen." Der Holocaust hatte dieses Anliegen, diese Sinnstiftung zerstört. Sie war nun damit konfrontiert, nur noch ein Requiem schreiben zu können, da es kein deutsches Judentum mehr gab.

Genau in dieser Zeit wandte sie sich der Biographie Josel von Rosheims und mit ihm dem 16. Jahrhundert zu, das sie als eine der "qualvollsten" Epochen der "deutschen Judengeschichte" bezeichnete. Nach dem Holocaust und im Exil empfand sie eine besondere Nähe zur Persönlichkeit Josel von Rosheims. Das Eintauchen in das Leben dieses geistigen Führers seiner Zeit war ihr sehr bedeutsam, einem Freund vertraute sie an: "Ich habe mit ihm [Josel von Rosheim] zusammengelebt, er hat mich getröstet & aufgerichtet."

Diese Nähe zu Josel und seiner Zeit machte sie auch in der Einleitung zur Biographie explizit:

Im März 1941 war es Stern und ihrem Mann Eugen Täubler gelungen, das nationalsozialistische Deutschland sozusagen in letzter Minute zu verlassen. Im Rahmen eines Hilfsprojekts für deutsch-jüdische Wissenschaftler fanden sie in Cincinnati am Hebrew Union College ein neues Zuhause. Stern arbeitete dort am Aufbau der American Jewish Archives mit. Ihre eigenen Forschungen führte sie "nebenbei" weiter.

Die Beschäftigung mit Josel von Rosheim brachte sie nach dem Krieg erstmals wieder nach Europa. Hier forschte sie in Archiven und Bibliotheken im Elsaß, in Süddeutschland und Wien und schloss an ihre Arbeit in Archiven an, die man ihr als jüdischer Nutzerin im Jahr 1938 versagt hatte. "Das Wiedersehen mit dem alten ‚Vaterland‘ hat mich auch sehr aufgeregt," so schrieb sie an einen Freund. Die neue Begegnung und Konfrontation mit Deutschland waren schwierig und ambivalent, wurde ihr ihre doppelte Heimatlosigkeit doch schmerzhaft bewusst.

Stern hatte ursprünglich vor, "ihren" Josel auf Englisch und für ein jüdisches Publikum zu schreiben. Nachdem 1955 in Jerusalem das Leo Baeck Institut gegründet wurde, ergab sich die Möglichkeit, das Buch zunächst auf Deutsch zu veröffentlichen.

Wir wissen, dass Stern angesichts der bevorstehenden deutschen Publikation sehr aufgeregt war, einem Freund schrieb sie von ihrem "Lampenfieber" und dass sie den "Rat und die Zensur" ihres verstorbenen Mannes Eugen Täubler vermissen würde. Sie widmete die Biographie dem 1956 verstorbenen Freund, Rabbiner Leo Baeck, den sie als “Judaeorum defensori noblissimo” bezeichnete. Stern zog Parallelen zwischen Josel von Rosheim und Rabbiner Baeck, der als Leiter der Reichsvertretung der Deutschen Juden als die Führungsgestalt der deutschen Juden im nationalsozialistischen Deutschland galt:

Sterns Buch fand bei seinem Erscheinen viel Beachtung in Westdeutschland, zahlreiche Zeitungen brachten Besprechungen des Buches zum Abdruck. Mit ihrem Buch hat Selma Stern kurz nach dem Krieg der deutschen Leserschaft nicht nur Josel von Rosheim als bedeutende jüdische Führungsperson des 16. Jahrhunderts nahegebracht. Sie thematisierte darin auch ausführlich die antijüdischen Haltungen des Reformators Martin Luthers.

Der Heidelberger Historiker Willy Andreas schrieb Stern nach der Lektüre ihres Buches:



Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Irene Aue-Ben-David

Irene Aue-Ben-David

Irene Aue-Ben-David ist Historikerin und Direktorin des Leo Baeck Instituts Jerusalem. Ihre Interessenschwerpunkte sind die deutsch-jüdische Geschichtsschreibung und die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen. Letzte Veröffentlichung: Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert. Zu Werk und Rezeption von Selma Stern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2017.


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