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20.10.2021

"Etwas über die rabbinische Literatur" von Leopold Zunz

Mit diesem schmalen Band etablierte Leopold Zunz die Wissenschaft des Judentums und plädierte für das Studium der Geschichte als Schlüssel zu jüdischer Freiheit und Gleichheit.

Etwas über die rabbinische Literatur von Leopold Zunz, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Universitätsbibliothek Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Objekt

von David Brown

Diese Erstausgabe mit dem Aufsatz von Leopold Zunz, der weithin als Gründungsdokument des wissenschaftlichen Studiums des Judentums gilt, gehörte einst der Bibliothek der Fraenckelschen Stiftung in Breslau (Wrocław) im heutigen Polen. Als Jüdisch-Theologisches Seminar bekannt (zugleich auch der Name der Nachfolgeorganisation in New York) war die Stiftung eng mit dem konservativen Judentum verbunden; ab 1854 wurde dort die Rabbinerausbildung angeboten. Das Seminar und seine 30.000 Bände umfassende Bibliothek wurden während der Pogrome vom 9. auf den 10. November 1938 geplündert und verwüstet. Wie viele andere geraubte Bücher kam das Buch anschließend in den Besitz der Reichstauschstelle im Reichsministerium des Innern. Die Behörde war mit dem Tausch doppelt vorhandener Publikationen unter den deutschen Bibliotheken betraut. Während des nationalsozialistischen Regimes eignete sich die Reichstauschstelle auch viele Bücher an, die aus jüdischem Privatbesitz, von jüdischen Institutionen und in den besetzten Ländern geraubt worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die ostdeutsche Zentralstelle für Wissenschaftliche Altbestände die Sammlung der Reichstauschstelle und übertrug dieses Werk 1965 an die Bibliothek der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Die Universitätsbibliothek ist in Vorbereitung einer möglichen Restitution an eine Nachfolgeorganisation derzeit mit der Prüfung und Dokumentation des Rechtsstatus des Buches befasst.


Historischer Kontext

Im Kampf um gleiche Rechte sah Leopold Zunz geschichtliche Gelehrsamkeit als Waffe gegen Unwissenheit und Hass
von Ismar Schorsch

2018 feierte die Wissenschaft des Judentums als akademisches Fachgebiet ihr 200-jähriges Bestehen. Mit mehreren tausend Wissenschaftlern, die an Hunderten von Hochschulen, Universitäten und Rabbinerschulen weltweit lehren und forschen, ist die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung zur vorherrschenden Form des Diskurses für jüdisches Denken und Debattieren und für die jüdische Identität als solche geworden. Eine einzige deutschsprachige Broschüre von etwa 50 Seiten, geschrieben von Leopold Zunz im Jahr 1818, führte zur folgenreichen Hinwendung zur historischen Betrachtung des Jüdischen und löste deren Verbreitung in der ganzen Welt aus.

Leopold Zunz - Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim. (© Public Domain, Wikimedia)

Zu dieser Zeit war Zunz gerade mal ein 24-jähriger Student an der damals neu gegründeten Universität Berlin. Mit dem Aufschwung des deutschen Nationalismus nach der Niederlage Napoleons wurden Preußen, Berlin und die Universität durch heftige Meinungsverschiedenheiten über die rechtmäßige Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft erschüttert. 1812 hatte eine reformorientierte preußische Regierung die verfahrene Situation endlich lösen können, aber als die Konservativen nach 1815 an der Macht waren, drohte das Pendel wieder zurückzuschwingen. Man war sich einig, dass eine Teilhabe der Juden in ihrem damals gegebenen Stand am öffentlichen Leben nicht wünschenswert sei. Streit gab es darüber, wer dafür verantwortlich war und was man dagegen tun könne. Während die Liberalen die lange Geschichte der Unterdrückung der Juden durch das Christentum verantwortlich machten, hielten dem die Konservativen entgegen, die jüdischen Abnormalitäten seien allein auf die Menschenfeindlichkeit des Judentums selbst zurückzuführen. Zur Verbesserung der Lage plädierten die Liberalen für die Gleichberechtigung und die Konservativen für den vollständigen Ausschluss der Juden aus der deutschen Gesellschaft. Geistiger Vordenker der letzteren Lösung war Friedrich Rühs, ein bekannter Mediävist an der Universität Berlin, unter dem Zunz in seinem ersten Semester zu studieren begonnen hatte. Zutiefst gekränkt brach Zunz seine Teilnahme an dessen Kurs ab.

Dieses aufgewühlte Klima ist von entscheidender Bedeutung, um die Brillanz des Werkes von Zunz zu verstehen. Die Wissenschaft des Judentums, wie er seinen sowohl in Perspektive als auch Arbeitsweise grundstürzenden Paradigmenwechsel bald nannte, war im Kampf für Gleichberechtigung geboren worden. Grob gesagt handelte es sich um den Versuch, neue Ansätze zu finden, mit denen der Ignoranz, den Vorurteilen und den Mythen entgegengetreten werden konnte, die von den Emanzipationsgegnern verbreitet wurden, um sowohl Juden als auch das Judentum an sich in Verruf zu bringen. Von harten Fakten untermauerte historische Forschung, so die Hoffnung, würde eine andere Geschichte erzählen.

Friedrich Rühs (1781–1820) (© Public Domain, Wikimedia)

Sein Werk "Etwas über die rabbinische Literatur" stellte nicht die erste Erwiderung von Zunz auf die Einlassungen Rühs‘ dar. Anfang 1816, kurz nach der Veröffentlichung der entschiedenen Ablehnung einer jüdischen Emanzipation durch Rühs, verfasste Zunz in aller Eile eine Antwort, die Rühs mit vor Sarkasmus triefender Bewunderung überschütten sollte. Da er jedoch nicht von der Wirksamkeit des Spotts überzeugt war, legte er seinen Aufsatz beiseite. Zwei Jahre später stellte er sich der Herausforderung erneut, hatte sich aber von dem eigentlichen Anstoß für sein Schreiben weit gelöst. Lediglich in der letzten Fußnote fühlte sich Zunz bemüßigt, Rühs für seine zu oberflächliche und negative Betrachtung jüdischer Literatur in seinem kurz zuvor erschienenen, äußerst umfangreichen Handbuch der Geschichte des Mittelalters nebenher zu rügen.

Seine zweite Erwiderung, unter dem tiefstapelnden Titel Etwas über die rabbinische Literatur erschienen, zielte auf etwas sehr viel Größeres ab. Straff organisiert, sorgsam recherchiert und belegt, umreißt der mit größter Sachlichkeit geschriebene Aufsatz das fesselnde Konzept eines völlig neuen wissenschaftlichen Forschungsgegenstands. Die Umfänglichkeit und Reife der Vision von Zunz sind wahrhaft erstaunlich. In Anbetracht der Behauptung von Rühs, seine Thesen seien durch zahlreiche historische Fakten untermauert, ist Zunz‘ Hinwendung zur Geschichtswissenschaft höchstwahrscheinlich seinem Kontrahenten geschuldet. Aber weitreichendere Aspekte spielten ebenfalls eine Rolle. Zum einen drückten sich Juden immer weniger in nachbiblischem Hebräisch aus, wie sie (und nicht nur die Rabbiner) es seit über tausend Jahren getan hatten. Juden schrieben vermehrt auf Deutsch und hebräische Bücher verschwanden zusehends aus den Buchhandlungen und Bibliotheken. Dieser riesige Schatz an hebräischer Schaffenskraft verdiente es, gründlich und kritisch erforscht zu werden.

Keine Institution war dieser Aufgabe besser gewachsen als die deutsche Universität. Zunz‘ ausgewogene Abhandlung war nichts Geringeres als ein Eröffnungsplädoyer für die Zulassung der Wissenschaft des Judentums als universitäre Fakultät. In einer Zeit, in der Wissenschaftler Sprachen und Literatur aus frühesten Zeiten und die Kulturen der abgelegensten Völker intensiv erforschten, ergab es keinen Sinn, die enorm einflussreiche jüdische Kultur auszuklammern. Zwischen den Zeilen war die Überzeugung zu lesen, dass sich eine solche Forschung positiv auf das Ansehen des Judentums auswirken und so die Akzeptanz der Juden im Gemeinwesen fördern würde.

Der konzeptuelle Umriss dieses neuen Forschungsbereichs durch Zunz gewann durch die klare Konkretisierung erheblich an Überzeugungskraft. Seine Schlussfolgerungen unterfütterte er mit umfangreicher bibliografischer Recherche und fundierter Geschichtsreflexion. Wohlweislich hatte er die Fülle an Material in eine thematische Ordnung gebracht, sodass er die Liste seiner zahlreichen Primärquellen nach den Sachgebieten gliedern konnte, für die sie herangezogen werden könnten. Da Zunz Berlin nicht verlassen konnte, beschränkte sich sein Zugriff auf die jüdischen Sammlungen in den Archiven von Leiden, Paris, Oxford und dem Vatikan lediglich auf überholte Bibliografien, die nur so vor Fehlern strotzten. Aber seine Vorstellung war äußerst klar. Nebenher regte er thematische Neuansätze in der Talmud- und Zoharforschung an, weist auf die Existenz arabischer Originale hebräischer Klassiker des Mittelalters hin, benennt bislang nicht als solche identifizierte Textsorten in der hebräischen Literatur und drängte auf die Erforschung der Geschichte der Synagogen ist. Und Zunz ging mit gutem Beispiel voran, indem er das Bändchen mit dem Versprechen abschloss, bald die einzige Handschrift einer hochphilosophischen, von einem spanischen Rabbiner aus dem 14. Jahrhundert (tatsächlich aus dem 13. Jahrhundert) verfassten Abhandlung über Ethik zusammen mit einer lateinischen Übersetzung zu veröffentlichen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Zunz‘ Auseinandersetzung mit Rühs gelohnt hat. Er wandte die Methode der modernen Geschichtsschreibung, für die die Universität Berlin zu Recht berühmt werden sollte, meisterhaft an und legte damit den Grundstein für ein völlig neues Forschungsgebiet, das dazu bestimmt war, das Bild des Judentums und die jüdische Identität umfassend und immer wieder von Neuem zu verändern.

Persönliche Geschichte

Leopold Zunz wusste, dass Juden in einer unemanzipierten Gesellschaft niemals emanzipiert sein konnten
von Ismar Schorsch

Leopold Zunz begründete die Wissenschaft des Judentums als Studienrichtung und verfasste ihre erste große Abhandlung. Jedoch war die Wissenschaft für ihn niemals ein Selbstzweck. Stattdessen führte er sie als Waffe im Kampf für die Emanzipation, und das hatte klare politische Folgen. Zunz war der am stärksten politisch engagierte Gelehrte seiner Zeit. Während der Revolution von 1848 zog sich Zunz für zwei Jahre vom wissenschaftlichen Betrieb zurück, um sich mit ganzem Herzen für Freiheit und Demokratie aller Deutschen einzusetzen. Schon am 26. März 1848 hielt er öffentlich eine ergreifende Trauerrede vor den Familien und Freunden jener Mitstreiter, die auf den Barrikaden in den Straßen Berlins gefallen waren. Er hob ihre Selbstlosigkeit und ihren Mut hervor und verurteilte jedwede Form der Diskriminierung. Zunz beschwor eine neue Gesellschaftsordnung für alle Menschen:

Um den 1. Mai 1848 war Zunz vom 110. Wahlbezirk zum Wahlmann sowohl für die Wahlen zum Frankfurter Parlament als auch zur Preußischen Nationalversammlung bestimmt worden. Er hatte offensichtlich entschieden, "als Halm im Sonnenlicht" tätig zu sein anstatt als "Samen dem Auge verborgen" zu bleiben. Durch seine häufigen öffentlichen Auftritte voller Leidenschaft, Eloquenz und inhaltlicher Substanz erwarb er sich die Bewunderung der Berliner und erfuhr reichlich Aufmerksamkeit durch die Medien. In einem Brief erzählt seine Frau Adelheid später von ihrem Eindruck, ihn vor einer dicht gedrängten Menge auf dem Podium stehen zu sehen und seinen politischen Reden zuzuhören:

Mit 53 Jahren war Zunz älter als die meisten seiner revolutionären Kameraden. Als bekennender Anhänger der demokratischen Bewegung stand er politisch deutlich weiter links als die anderen jüdischen Aktivisten in Berlin, von denen nur 14 Prozent die Demokraten unterstützten. Die Vorstellung einer konstitutionellen Monarchie, in der grundlegende Gesetze von oben herab verfügt werden, war ihm ein Gräuel. Die Hoheitsgewalt sollte ein Ausdruck des Volkswillens sein, ausgeübt von Repräsentanten von absoluter Integrität.

Weder die warnenden Ratschläge seiner konservativeren Freunde noch die Furcht vor willkürlich auftretendem Judenhass vermochten Zunz‘ Begeisterung und Hingabe für seine öffentliche Funktion zu trüben. Nachdem durch ein Gesetz politische Aktivitäten auf Basisebene verboten worden waren, musste er 1850 als Vorsitzender einer "Volksverein" genannten Gruppierung der demokratischen Bewegung zurücktreten. In einem Brief berichtet er von den Gefahren und Belastungen, die er für sein Engagement auf sich genommen hatte: "Während der 28 Wochen dass ich Vorsitzender im achten Volksverein gewesen, habe ich zwischen 110 und 120 Sitzungen und Versammlungen gehabt und mehr mit der Polizei zu tun als bisher in meinem ganzen leben."

In Folge der europäischen Aufklärung wuchsen Ende des 18. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum das jüdische Streben und die Forderung nach politischer und menschlicher Gleichberechtigung. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)
Das nach außen sichtbare Ziel der unermüdlichen Aktivitäten von Zunz war nicht die Emanzipation der preußischen Juden. In keinem seiner Vorträge ging er auch nur nebenbei auf das Thema ein. Zunz sprach ausschließlich als deutscher Patriot, dem es ein dringendes Anliegen war, die Deutschen insgesamt für ihre so lang erträumte Gleichberechtigung zu rüsten. Seine Aufgabe sah er darin, die Grundsätze der Demokratie und die Bürgerpflichten zu unterrichten. Die Gleichheit aller Menschen verstand er als negatives Prinzip, das jede Spur von Privileg, Hierarchie und Diskriminierung ausschloss. Zunz prangerte die Grausamkeit des Sklavenhandels seiner Zeit mit erschreckenden Statistiken an.

Damit eine Demokratie funktioniert, braucht es individuelle Verantwortung. Für das allgemeine Wahlrecht bedarf es der Bildung und der moralischen Reife, um Egoismen aufzuweichen, um die Mitmenschen zu achten und das Gemeinwohl wertzuschätzen. Erst dann würden diese zwei Prinzipien miteinander verschmelzen, um eine kollektive Identität zu stiften und das Gefühl einer gemeinsamen Zukunft zu vermitteln.

Die Missstände für Juden blieben unausgesprochen, weil Zunz fest davon überzeugt war, dass eine Emanzipation der Juden in einer ungleichen Gesellschaft niemals funktionieren könnte. Wahre Freiheit war für ihn untrennbar mit wahrer Gleichberechtigung verbunden. Solange die Deutschen auf einem Schafott unausweichlicher Diskriminierung standen, galt dasselbe auch für ihre jüdischen Nachbarn. Neid, Argwohn und Missgunst würden auf ewig zwischen ihnen stehen. In diesem Sinne war Zunz‘ heldenhafte zweijährige Auszeit vom akademischen Betrieb im Grunde ein Opfer, um das Schicksal der Juden in einem vereinten Deutschland zu verbessern.

In der von Optimismus geprägten Anfangszeit der Revolution beantragte Zunz beim preußischen Kultusministerium die Einrichtung eines ordentlichen Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur an der Universität Berlin und bot an, sich darauf zu bewerben. Die Einbeziehung der Wissenschaft des Judentums in den Fächerkanon der Universität war ein wesentlicher Teil seines politischen Kampfes. Nur eine Gleichberechtigung der Juden vor dem Gesetz, so war er überzeugt, wäre wie ein Baum ohne Wurzeln.

Zunz glaubte, dass die Wissenschaft des Judentums nur im Rahmen der deutschen Universität mit ihrer viel gepriesenen kulturellen Größe das Maß an Legitimität, Wahrheit und Ansehen erreichen könne, das nötig wäre, um die Kluft zwischen der Gleichberechtigung der Juden vor dem Gesetz und der nicht nachlassenden Verunglimpfung des Judentums in der Gesellschaft zu schließen. Sein Antrag wurde abgewiesen. Der Ausschluss der Wissenschaft des Judentums aus den deutschen Universitäten entzog der Emanzipation gewiss den fruchtbaren Boden, den sie bitterlich benötigt hätte, um zu gedeihen und zu überdauern.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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David Brown, Ismar Schorsch

David Brown

David Brown ist Leiter für Kommunikation und Programme am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Er hat Deutsch und Geschichte an der Northwestern University und der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und redigiert LBI-Publikationen, darunter die Website des LBI (www.lbi.org) und Newsletter.


Ismar Schorsch

Ismar Schorsch ist der emeritierte Kanzler des Jüdischen Theologischen Seminars und Herman Abamovitz Distinguished Service Professor. Seine hochgelobte Biographie über Leopold Zunz erschien 2016 und seine reichhaltige Aufsatzsammlung Better a Scholar than a Prophet wird im Juli 2021 bei Mohr Siebeck erscheinen. Seine Expertise liegt in der Hinwendung zur kritischen Gelehrsamkeit im modernen Judentum.


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