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20.10.2021

Karte von Theodor Herzl

Der Vater des Zionismus bereiste die Welt und wünschte mit gewaltiger Energie und Charisma die Bewegung für die Gründung eines jüdischen Staates herbei. Während des Zusammentreffens des Ersten Zionistischen Kongresses wanderten seine Gedanken zu Heim und Familie.

Postkarte von Theodor Herzl, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Jüdisches Museum der Schweiz)


Das Objekt

Theodor Herzl schrieb diese Zeilen an seine Tochter Margarethe, genannt "Trude", auf die Einlasskarte des ersten Zionistenkongresses in Basel im Jahr 1897. Die Karte wurde 1992 von einem privaten Sammler gestiftet, der sie von einer Zionistenorganisation als Geschenk erhalten hatte.


Historischer Kontext

"Diese Karte wirst auch Du verstehen, wenn Du älter bist"

Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels in Basel, in dem er während des ersten Zionistenkongresses wohnte. (© picture-alliance, IMAGNO/Austrian Archives)

Theodor Herzl schrieb diese Karte an seine jüngste Tochter Margarethe am vermutlich glücklichsten Tag seines Lebens. Er befand sich im Basler Stadtcasino und saß den Auftaktsitzungen des Zionistenkongresses vor, dessen Vorbereitung ihn über ein Jahr Mühe gekostet hatte. Die Postkarte lässt die Eile erkennen, in der sie verfasst wurde. Die Ausdrucksweise ist ungeschickt, bei der Wortwahl gibt es Wiederholungen. Dem großen Sprachkünstler Herzl fehlte die Zeit, an seiner Prosa zu feilen. Andauernd wurde seine Anwesenheit verlangt, er war ständig unterwegs, sei es nun von einer Sitzung zur nächsten oder von den Nachmittagsversammlungen zu den Abendveranstaltungen.

Ungefähr 250 Teilnehmer waren anwesend. Die meisten waren Männer, die auf Verlangen Herzls während der Vormittagssitzungen im Frack mit weißer Halsbinde erschienen. Als Herzl das Podium betrat, brach tumultartiger Beifall aus. Eine volle Viertelstunde erbebte die Halle unter tosendem Applaus und stampfenden Füßen. Viele Männer ergriffen seine Hand, manche küssten sie. Ein russisch-jüdischer Reporter berichtete: "Das ist nicht mehr der elegante Dr. Herzl aus Wien, sondern ein zum Leben erwachter Nachfahre König Davids [...]." "Yehi ha-melekh" [Lang lebe der König], rief der Reporter und andere taten es ihm nach.

Herzl nahm sich die Zeit, seinen drei Kindern zu schreiben – nicht nur, weil er sie liebte, sondern auch um die Bedeutung dieses Tages und seines herausragenden Triumphs zu dokumentieren. Er schrieb ihnen auf der Einlasskarte des Kongresses. Das linke Bild zeigt ältere Juden beim Beten an der Klagemauer. (Zu beachten ist, wie eng der Durchgang war. Die Mauer war von arabischen Wohnhäusern umgeben, bis diese nach der Eroberung der Altstadt im Juni 1967 von israelischen Truppen zerstört wurden. Ebenfalls zur Kenntnis zu nehmen ist die Anwesenheit einer Frau und das Fehlen einer Mechiza, der Vorrichtung zur räumlichen Trennung von Männern und Frauen in orthodoxen Synagogen. Auch das änderte sich 1967.)

Auf der rechten Seite der Karte sieht man einen Juden bei der Aussaat. Die Bilder stehen von links nach rechts in einer Abfolge von alt nach neu. Der Unterschied fällt aber nicht besonders deutlich aus. Der Bauer rechts ist erwachsen, trägt Bart und könnte praktizierender Jude sein (der Hut lässt das offen). Die Delegierteneinlasskarten aus späteren Jahren, vor allem diejenigen, die vom polnisch-jüdischen Künstler Ephraim Moses Lilien entworfen wurden, betonen deutlich stärker die Kluft zwischen dem Leid im Exil und der Erlösung im Lande Israel ebenso wie die Unterschiede zwischen den alternden orthodoxen Juden und der kraftstrotzenden Jugendlichkeit der Pioniere.

Sowohl die Karte wie auch die auf ihr geschriebenen Worte bezeugen Herzls geradezu übermenschliche Leistungen und außerordentlichen Erfolge an der Spitze der Zionistenbewegung. Der von ihm einberufene Kongress steht gleichermaßen für den Bruch mit dem vor-Herzlianischen Zionismus als auch für dessen Fortbestehen. Ehe Herzl zionistisch aktiv wurde, betrieb die Bewegung, ein als "Freunde Zions" bekanntes Bündnis, eher bescheidene Siedlungsanstrengungen in Palästina und verfolgte auch bescheidene Ziele. Als Herzl 1896 sein Buch Der Judenstaat veröffentlichte, hatte er gehofft, die Freunde Zions zu überholen – wenn er nur die Unterstützung jüdischer Großindustrieller und sogar die des osmanischen Sultans für eine massive jüdische Besiedlung Palästinas gewinnen könne. Als dieser Plan keine Anhänger fand, schrieb Herzl nach einem Zitat von Vergil in sein Tagebuch: "Flectere si nequeo superos Acheronta movebo" (Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, werde ich die Unterwelt bewegen). Er gelobte, einen Zionistenkongress einzuberufen und eine zionistische Organisation zu gründen, die über die großflächige Wiederbesiedlung Palästinas durch die Juden verhandeln und diese realisieren würde.

Unzählige Hindernisse standen seinem Plan im Wege. Die russischen Befürworter einer jüdischen Besiedlung Palästinas wünschten Zurückhaltung, um nicht sowohl das russische als auch das osmanische Reich gegen sich aufzubringen. In Westeuropa sahen viele Juden in Herzl einen Sonderling und lehnten seine lapidare Feststellung im Judenstaat, Juden seien eine Nation, ab. Herzl fand bei den deutschen Juden Unterstützung, die der jüdischen Gemeinde in Palästina helfen wollten. Die verschiedenen Motive dieser Gruppen aber reichten von nationalistisch bis zu reiner Philanthropie, ihre religiösen Ansichten von orthodox bis säkular.

Das Zusammenführen dieser diversen Gruppierungen unter das Dach des Zionismus war kräftezehrend und der Widerstand der an der Assimilation festhaltenden Juden nahezu niederschmetternd. So wollte Herzl den Kongress in München abhalten, doch scheiterte das unter anderem am Vorstand der dortigen Israelitischen Kultusgemeinde. Glücklicherweise war der Oberrabbiner von Basel dem Vorhaben gegenüber positiv eingestellt. Da sich der ursprünglich von Herzl gebuchte Veranstaltungsort als verwahrlost herausstellte, mietete er kurzerhand den zur Verfügung stehenden Konzertsaal des Basler Stadtcasinos.

In den Sitzungen, die nach der im Überschwang geschriebenen Postkarte an seine Tochter folgten, führte Herzl den Vorsitz über Diskussionen, wie die über den gesamten Globus zerstreuten zionistischen Gruppen unter einer Gesamtorganisation zu bündeln wären. Herzl hatte ein Gespür dafür, in welchen Punkten er seine Haltung standhaft verteidigen und wann er nachgeben musste. So akzeptierte er die Mehrheitsmeinung des Kongresses, nicht gleich staatliche Souveränität anzustreben, sondern die "Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" in Palästina. Sein charismatisches Auftreten und seine eloquenten Reden erfuhren in der jüdischen Presse viel Aufmerksamkeit. Von der Broschüre Scholem Alejchems über den Kongress verkauften sich in kürzester Zeit 30.000 Exemplare.

Ein paar Tage nach dem Ende des Kongresses schreibt Herzl in sein Tagebuch: "in Basel habe ich den Judenstaat gegründet." [1] Acht Monate später schrieb ihm der gefeierte Schriftsteller Max Nordau, der einer der leidenschaftlichsten Anhänger Herzls geworden war, er sei ein wahrer Helden, der im Kampf für seine Sache nur "den Sieg oder den Tod" [2] kenne. Tatsächlich sollte Herzl sechs Jahre später mit nur 44 Jahren sterben. Am 29. August 1897 jedoch sah Herzl noch nichts von dem, was Nordau später "die Tragik Ihrer Entscheidungen" nannte. Er sah nur das Licht, spürte die Begeisterung der Menge und wollte diesen glorreichen Moment mit seiner Familie teilen.

Persönliche Geschichte

Trotz seiner konventionellen bürgerlichen Vorstellungen von Familie und Kindheit fiel es Herzl schwer, ihnen gerecht zu werden

Die Postkarte, die Theodor Herzl vom ersten Zionistenkongress an sein jüngstes Kind Margarethe schickte, kann auf zwei völlig gegensätzliche Weisen verstanden werden – als Symptom der gestörten Persönlichkeit Herzls einerseits, und andererseits als Ausdruck wahrer Vaterliebe, die typisch für Herzls europäisch-bürgerliche und vom Fin de Siècle geprägte Umwelt war.

Nach ersterer Lesart bezeugt die Postkarte – wie die anderen, die er seiner älteren Tochter Pauline von seiner Reise ins Heilige Land im Oktober 1898 schickte – Herzls Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Mit diesen Karten dokumentierte er das von ihm Erreichte, damit seine Kinder diese später in ihrem Leben zu würdigen wüssten. In die gleiche Kerbe schlägt der Eintrag in Herzls Tagebuch in Mai 1901 kurz vor seiner Abreise aus Wien in Richtung Konstantinopel, um den osmanischen Sultan zu treffen: Seine Kinder ahnten nicht, "dass über ihren Köpfen ihr Schicksal vorüberzieht".

Theodor Herzl mit seinen Kindern Hans, Trude und Pauline in seinem Arbeitszimmer in Wien. (© picture-alliance, IMAGNO/Austrian Archives)

Einem kritischen Leser der Herzlschen Postkarten dürfte auch auffallen, dass Herzl nicht oft zu Hause war, er in der Erziehung seiner Kinder praktisch keine Rolle spielte und mitunter ihre Geburtstage verwechselte oder gleich ganz vergaß. Und nicht zuletzt war die Familie Herzl todunglücklich. Theodors Ehe mit Julie Naschauer war trostlos. Beide litten an psychischen Krankheiten, die auch ihre Kinder erbten. Pauline wurde morphiumsüchtig und starb an einer Überdosis. Hans, das zweite Kind, fand nie zu sich selbst und nahm sich am Tag der Beerdigung seiner Schwester Pauline das Leben. Trude verbrachte einen großen Teil ihres Lebens in psychiatrischen Einrichtungen und starb im KZ Theresienstadt.

Diese Umstände aber, wegen derer die Familie Herzl eine "zum Scheitern verurteilte Dynastie" genannt worden ist, sollten nicht von Herzls Bemühungen ablenken, eine konventionellen Normen entsprechende Familie zu gründen. Seine Vorstellungen dessen, was ein guter Ehemann oder Vater ist, sind genauso bedeutsam wie sein Versagen, diese Ideale zu erfüllen.

Als Herzl 1886 Julie kennenlernte, war er 26 Jahre alt und sie 18. Er fühlte sich sexuell zu ihr hingezogen und sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihre Mitgift betrug hochgerechnet auf 2020 mehr als eine Million Euro). Nur kurze Zeit nach der Hochzeit im Jahr 1889 setzten zwischen Theodor und Julie ständige Streitereien ein. Die Ehe stand kurz vor der Scheidung, als Pauline geboren wurde. Ihre Geburt brachte eine vorübergehende Versöhnung mit sich. So war es auch bei der Geburt der anderen beiden Kinder. Die Beziehung zwischen Theodor und Julie und auch die zwischen Julie und ihrer Schwiegermutter Jeanette waren von ständigen Spannungen geprägt. Die Eheleute blieben aber zum Wohl ihrer Kinder zusammen.

Obwohl Herzl seine Kinder immer wieder lange Zeit nicht sah, liebte er sie doch inniglich. Als Pauline mit acht Jahren schwer krank wurde, war er außer sich vor Sorge. Er mag befürchtet haben, sie würde das gleiche Schicksal ereilen wie Herzls Schwester Pauline, deren Namen sie trug und die mit 19 Jahren an Typhus verstorben war. Mehr als einen Monat blieb Herzl bei seiner Familie und überließ alle zionistischen Angelegenheiten seinem Stellvertreter David Wolffsohn. Im Januar 1900, als ein anderes seiner Kinder an einer Lungenentzündung litt, und auch zwei Jahre später, als Julie erkrankte, blieb er zu Hause, bis sie sich soweit erholt hatten, dass er sich wieder auf Reisen begeben konnte. Seine schwere Krankheit von 1904, an der er letztlich starb, führte zur Versöhnung mit Julie und zu größerer Nähe zu seinen Kindern. Er schrieb seinem Sohn Hans liebevolle Briefe, in denen er ihn "Yankee Doodle" nannte. Beiden gemeinsam war die Freude über die militärischen Erfolge Japans gegen das verhasste Russland, wo Juden unterdrückt wurden.

Davon abgesehen, dass Herzl in Zeiten der Not elterliche Verantwortung übernahm, ist zumindest ein Ereignis belegt, das sein Interesse an der Erziehung seiner Kinder bezeugt. Anfang 1901, während eines kurzen Besuchs zu Hause, bat Herzl seine Kinder, dem üblichen deutschsprachigen Gute-Nacht-Gebet ein hebräisches hinzuzufügen.

Aber trotz dieser Momente der Zärtlichkeit war aus seiner Sicht seine oberste Vaterpflicht gegenüber seinen Kindern, ihre materiellen Bedürfnisse zu erfüllen. In mehreren Tagebucheinträgen und Briefen an Freunde schrieb er, dass er seine Position als Literaturredakteur bei der Zeitung Die Neue Freie Presse nur zu gerne kündigen würde, wenn er nicht verpflichtet wäre, Frau und Kinder zu ernähren. Ein solches Pflichtbewusstsein war grundlegender Bestandteil des bourgeoisen Ehrenkodex zu Herzls Zeit. Tatsächlich aber versorgte Herzl seine Familie schlecht: den Großteil seines persönlichen Vermögens, und die Mitgift und Julies Erbe dazu, gab er für seine zionistischen Tätigkeiten aus. Es scheint Herzl nicht bewusst gewesen zu sein, wie groß der Widerspruch zwischen seinen Prinzipien und seinem Handeln war.

Theodor Herzl. (© AP/PID/Zionistisches Archiv)

Paradoxerweise hatte Herzl keine hohe Meinung von seiner Arbeit als Redakteur und Journalist, während die besten Aufsätze, die er je für Die Neue Freie Presse geschrieben hat, die Themen Kindheit und Erziehung behandeln. Eine ganze Reihe seiner Aufsätze enthält anregende Betrachtungen über die Flüchtigkeit der Kindheit und die Freuden der Erziehung. Wenig überraschend für die Zeit und dem Genre, in dem Herzl schrieb, konnten seine Betrachtungen mitunter übermäßig sentimental ausfallen. Doch sie boten auch tiefe Einblicke in das Wunder der kindlichen Entwicklung. Besonders interessierte sich Herzl dafür, wie seine Kinder Sprechen und Schreiben lernten. In einem Text beschreibt er Trude im Kleinkindalter: Selbst im Paradies ihrer Fantasie beunruhigte sie doch die Tatsache, dass ihre Geschwister Schreiben konnten, was für Herzl der wesentlichste Beweis und Antrieb geistiger Reife war.

Seine Einlassungen über die Kindheit konnten recht schnell von der Wehmut ins Melancholische und von der Melancholie ins Makabre abgleiten. So beschreibt er in einem Aufsatz einen Albtraum über den Tod seiner Tochter, in einem anderen kommen laufend Ziervögel und aufgelesene Wildvögel zu Tode und werden im Garten begraben. Die Texte verdeutlichen die allgegenwärtig hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit in der Zeit Herzls. Auch der tragische Tod seiner Schwester Pauline war vor der Entdeckung von Impfstoffen und Antibiotika bei weitem nicht ungewöhnlich.

Im manischen Rausch schrieb Herzl 1895, er werde Hans zum ersten Dogen des zukünftigen jüdischen Staates krönen. "Liebe und Küsse an meinen Vater-König," schrieb Herzl in einem Telegramm zum Geburtstag des Jungen damals. Diese bizarre Anrede verdeutlicht weit stärker als die Postkarte an Pauline vom Podium des Zionistenkongresses, dass Herzl kein gewöhnlicher Vater war. Doch der banale Charakter der Karte zeigt, wie gerne er der Vater sein wollte, den er nach den Erwartungen der Gesellschaft seiner Zeit zu sein hatte.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Fußnoten

1.
Nordau to Herzl, 19 April 1898, in Central Zionist Archive, Jerusalem, HVIII.
2.
Ibid.

Derek Penslar

Derek Penslar

Derek Penslar ist der William Lee Frost Professor für jüdische Geschichte an der Harvard University. Seine Forschungsschwerpunkte sind das europäische und nordamerikanische Judentum, der Zionismus und Israel. Seine jüngste Veröffentlichung ist Theodor Herzl: The Charismatic Leader (2020, Yale University Press).


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