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20.10.2021

Der Golem von Hugo Steiner-Prag

Durch seinen menschlichen Erschaffer mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, dient ein Golem – nicht Mensch, nicht Maschine – als Beschützer oder Gehilfe.

Der Golem von Hugo Steiner-Prag, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

Das Objekt

Hugo Steiner-Prag war der Illustrator des der phantastischen Literatur zuzuordnenden Romans von Gustav Meyrink "Der Golem", der 1915 in einer Vorzugsausgabe im Leipziger Verlag Kurt Wolff erschien. In Steiner-Prags Buchillustration wird der Golem vor dem Hintergrund des alten jüdischen Viertels von Prag gezeigt. In dieser späteren Zeichnung zeichnet sich die Figur des Golems hingegen allein und bedrohlich im Raum ab, einzig begleitet von einer Dunkelheit, die ein doppelter Schatten zu sein scheint. (MW)

Historischer Kontext

Die jahrhundertealte Geschichte des Golem

Superheld, Monster oder Weltretter? Der Golem ist die bekannteste jüdische Legendenfigur. Als Erzählstoff inspiriert er bis heute Literatur, Theater, Oper, Film und Bildende Kunst. Er verkörpert den großen Menschheitstraum, unbelebte Materie zum Leben zu erwecken. Von seinem menschlichen Schöpfer mit übermenschlichen Kräften ausgestattet und scheinbar seelenlos, dient ein Golem, weder Mensch noch Maschine, als Beschützer oder Gehilfe. Und doch birgt jeder Golem in sich die Gefahr, sich gegen diejenigen zu wenden, die ihn geschaffen haben. In vielen Erzählungen begehrt die Kreatur auf, entwickelt zerstörerische Kräfte und wird zu einer unbeherrschbaren Bedrohung.

"Der Golem". - Lithographie von Hugo Steiner-Prag (© picture-alliance/akg)

Die Wurzeln der Golem-Erzählung liegen in der jüdischen Mystik des Mittelalters. Mit der Kraft der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, mit ritueller Beschwörung und Bewegung wollten Kabbalisten unbelebte Materie wie Staub oder Erde lebendig machen. Einen Golem zu erschaffen hatte nicht den Zweck, einen Beschützer zu generieren. Dieser mystische Schöpfungsakt war ein Versuch, sich Gott anzunähern und spirituelle Vollendung zu erreichen. Mit dem Verweis auf die schöpferische Kraft des Menschen und auf die Verwandlung unfertigen Materials in ein eigenständiges Wesen oder Werk wurde die Golem-Figur zu einer Metapher für den künstlerischen Schaffensprozess selbst.

Prag im 16. Jahrhundert - kein anderer Schauplatz ist enger mit der Golem-Erzählung verbunden als diese Stadt während der Regentschaft von Rudolf II., einem Herrscher, den das Magische und Okkulte faszinierte. Zum berühmtesten Golem-Schöpfer wurde Rabbi Judah Loew ben Bezalel, genannt der Maharal von Prag. Der Überlieferung nach belebte Loew seinen Golem aus Lehm, indem er ihm einen Pergamentstreifen mit dem Gottesnamen in den Mund legte. Der Golem sollte die Juden im Prager Ghetto vor Angriffen schützen. Um das Geschöpf zu deaktivieren, musste man ihm das Pergament aus dem Mund nehmen.

"Der Golem" von Gustav Meyrink - Titelblatt der Erstausgabe 1915. (© picture-alliance/akg)

In späteren Jahrhunderten hat sich dieses Narrativ schillernd in Texte von Mary Shelleys Frankenstein bis zu E.T.A. Hoffmanns Sandmann eingeschrieben. Autorinnen phantastischer Literatur griffen die unheimlichen Motive der Golem-Erzählungen auf und verarbeiteten sie zu literarischen Reisen in menschliche Abgründe. Der Höhepunkt dieser phantastischen Adaptionen war Gustav Meyrinks Roman Der Golem von 1915. Er machte den Golem einem deutschsprachigen Massenpublikum bekannt.

Der Golem (1915). - Lithographie von Hugo Steiner-Prag. (© picture-alliance/akg)

Am Erfolg des Romans hatten die Illustrationen von Hugo Steiner-Prag entscheidenden Anteil. Sie hoben die düster-magischen Momente des Romans hervor. Steiner-Prags Lithographie-Zyklus Der Golem - Prager Phantasien zeigt den Golem nicht als grobschlächtigen Koloss, der mit seiner Unbeholfenheit zum Zerstörer wird. Seine Bedrohlichkeit entfaltet sich in der Überblendung von Traum und Wirklichkeit, in der Begegnung eines Ichs mit einem unberechenbaren Doppelgänger. Steiner-Prag entwarf eine geisterhafte Golem-Gestalt, die durch die verwinkelten Gassen Prags huscht. Die Darstellung von Lord Voldemort in den Verfilmungen der Harry-Potter-Romane erinnert an Steiner-Prags Golem. Und auch in Prag schreibt sich der Golem-Mythos bis heute fort: ob in den Schaufenstern der Josephstadt mit Golem-Memorabilia oder am Grab von Rabbi Loew auf dem alten jüdischen Friedhof. Die Überreste von Rabbi Loews Golem sollen sich noch immer in der Dachkammer der Prager Altneuschul-Synagoge befinden.

"Der Golem, wie er in die Welt kam" (1920) (© picture-alliance, United Archives/IFTN)

Das ikonische Golembild der Stummfilmzeit hingegen prägte Paul Wegeners Der Golem, wie er in die Welt kam von 1920. Wegener verwob Motive der historischen Golem-Erzählungen aus Prag und Chełm und verband sie mit Bildern des Faust-Mythos. Das Kostüm des Riesen hatte der Bildhauer Rudolf Belling schon für Wegeners ersten Golem-Film von 1915 entworfen, der bis auf Fragmente verschollen ist. In der Rolle des groben, roboterhaften Koloss mit der markanten Frisur schuf Wegener selbst eine der bis heute bekanntesten Golem-Darstellungen. Wegeners Film spiegelt die Ängste und Bedrohungen seiner Zeit wider. Der Erste Weltkrieg, der als industrialisierter Krieg Schrecken, Zerstörung und Tod in ungekanntem Ausmaß gebracht hatte, gab auch der Furcht vor technischem Fortschritt eine neue Dimension. Dass von Menschen erzeugte Monster außer Kontrolle gerieten, war nicht mehr bloß eine künstlerische Vision, um die Risiken menschlicher Schöpfungskraft zu verhandeln. Mit dem noch jungen 20. Jahrhundert war ein Zeitalter angebrochen, in dem entfesselte Golems die europäische Zivilisation zu vernichten drohten. Generationen von Filmschaffenden ließen sich von Wegeners Film inspirieren. Der Golem, wie er in die Welt kam wurde zu einem Meilenstein des Horror-Genres und immer wieder zitiert: vom Klassiker Frankenstein (1931) bis hin zu den Simpsons in You gotta know when to Golem (2006).

Der Golem hat einen weiten Weg hinter sich. In der Bibel heißt es im Psalm 139: "Deine Augen sahen meinen Golem." Hier wendet sich Adam, der erste Mensch, an Gott, der ihn als unfertige, ungeformte Masse vorfand und ihm ins Leben verhalf. Die Golem-Erzählung konfrontiert uns mit elementaren Fragen. Was unterscheidet den Golem vom Menschen? Hat er ein Bewusstsein? Einen eigenen Willen? Was geschieht, wenn das Geschöpf außer Kontrolle gerät? Der Golem lebt weiter, und jede Zeit bringt neue Golems zum Vorschein – seien es Humanoide mit künstlicher Intelligenz, riskante Forschungen der Gentechnologie oder Videospiele auf Konsolen und Computern. Was ist der Golem 2021?

Persönliche Geschichte

Golem oder Golems? Transformation eines Symbols
Kunst, Souvenir, Spiel – Golem-Darstellungen heute

GOLEM
Joshua Abarbanel, USA 2016
Metall, Keramik, Holz, Glasfaser (© Courtesy of the artist)


Einen überlebensgroßen Golem hat der kalifornische Künstler Joshua Abarbanel aus Tausenden Holzbuchstaben geschaffen. Die hebräischen Buchstaben Mem (מ) und Tav (ת) formen den Körper, das Alef (א) trägt der Golem an einer Kette um den Hals. Zusammen ergeben die Lettern das hebräische Wort für Wahrheit, Emet. Entfernt man das Aleph bleibt Met, der Tod. Mit der Macht der Buchstaben kann die Schöpfung zum Leben erweckt werden, und so verweist Abarbanels Golem-Körper auf die Schöpfungsprozesse der jüdischen Mystik. Sein Golem ist in einem Zwischenzustand - kurz davor lebendig zu werden oder gerade deaktiviert? Die Skulptur entstand 2016 als Auftragsarbeit für die Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Heute ist sie Teil der Dauerausstellung im Raschi-Haus in Worms.

Golem- Souvenirfigur
Prag 2015, Kunststoff
Jüdisches Museum Berlin (© Jens Ziehe)

Zwischen Miniaturen der Karlsbrücke und Bierkrügen mit der Prager Burg stehen sie zu Hunderten nebeneinander: Golem-Souvenirfiguren aus Metall, Keramik oder Kunststoff, mal mit hebräischer Inschrift, mal in Gesellschaft des weltberühmten Golem-Schöpfers Rabbi Loew. Die populäre Gestalt der Prager Golem-Souvenirs geht auf den tschechischen Film Der Kaiser und sein Bäcker von 1951 zurück. In der märchenhaften Komödie verwandelt sich der Golem zum Schluss in einen dampfenden Backautomaten, mit dessen Kraft ganz Prag mit Brot versorgt wird. In seiner roboterhaften, klobigen Gestalt wurde dieser Golem-Typus zur Inspiration für viele spätere Darstellungen.

Minecraft Iron-Golem
China 2003 (© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe)

Er schützt die Dorfbewohner vor feindlichen Monstern und überreicht gelegentlich eine Mohnblume zum Zeichen der Verbundenheit. Geschaffen wird der Golem-Wiedergänger des 21. Jahrhunderts aus vier Eisenblöcken und einem Kürbis - und wie seine historischen Vorfahren macht ihn ein magisches Ritual lebendig. Gegen seinen Schöpfer würde sich der Eisengolem im legendären Videospiel Minecraft nicht wenden, aber er gehorcht ihm auch nicht. Stattdessen stolpert der Riese durch die von Spielern erdachten Welten. Und diese können unendlich sein.

Golem-Actionfigur
Kunststoff, China 21. Jh. (© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe)

Das Automatenwesen mit den roten Boxhandschuhen heißt Blitzcrank und gilt im Videospiel "League of Legends" als nahezu unzerstörbar. Sein Schöpfer baute den großen Dampfgolem aus unbelebten Teilen früherer Golems zusammen und belebte die Maschine mit magischer Beschwörung. Die Präsenz von zahllosen Golem-Charakteren in den erfolgreichsten Computerspielen der letzten Jahrzehnte zeigt: die Legende lebt.

Crisálidas
Jorge Gil, Spanien, 2009
Mischtechnik, Kunstharz, Nylon, Plüsch (© Courtesy of the artist, Foto: Yves Sucksdorff)


Das hebräische Wort Golem hat unterschiedliche Bedeutungen: eine davon ist Puppe oder Larve. In seiner Arbeit Crisálidas greift der spanische Künstler Jorge Gil die Metapher der Schmetterlingspuppen auf und inszeniert künstliche Wesen mit menschlichem Antlitz, die sich im Prozess der Verwandlung befinden - als unheimliche Grenzgänger zwischen Leben und Tod.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Martina Lüdicke

Martina Lüdicke

Martina Lüdicke ist Ausstellungskuratorin am Jüdischen Museum Berlin, zuletzt für die neue Dauerausstellung des Museums. Zuvor kuratierte sie die Ausstellungen "Golem" (2016), "Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung" (2015), "Die ganze Wahrheit… was Sie schon immer über Juden wissen wollten" (2013) und "Heimatkunde" (2011/2012). Martina Lüdicke studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Tübingen und Aix-en-Provence. Nach einem wissenschaftlichen Verlagsvolontariat arbeitete sie als freie Lektorin und Journalistin.


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