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20.10.2021

Max Hallers Orden aus dem Ersten Weltkrieg

Militärische Auszeichnungen von einem der 100.000 deutsch-jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften.

Max Haller‘s Orden aus dem Ersten Weltkrieg, Shared History Project Lizenz: cc by-nd/4.0/deed.de (Jüdisches Museum Berlin)


Das Objekt

Max Hallers Orden aus dem Ersten Weltkrieg
Max Hallers Orden aus dem Ersten Weltkrieg wurden dem Jüdischen Museum Berlin 2004 von seiner Tochter I. Dinah Haller gestiftet. Sie sind Teil einer größeren Sammlung von Archivalien, die zum Teil von seinem Dienst in der deutschen Marine künden, darunter Dokumente, Fotos und einige dreidimensionale Objekte. Andere Gegenstände der Sammlung stammen aus seiner Kindheit und Jugend, betreffen seine Familie und seinen späteren Dienst in der Handelsmarine Palästinas, der britischen und israelischen Marine.

Historischer Kontext

Deutsche Juden ziehen in den Krieg
Sechs Orden aus drei Ländern: Aus dem Deutschen Kaiserreich das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse und das U-Bootskriegsabzeichen, aus dem Habsburgerreich die silberne Tapferkeitsmedaille II. Klasse und aus dem Osmanischen Reich die Liakat-Medaille am grün-roten Band und der Eiserne Halbmond, auch Gallipoli-Stern genannt. Diese Auszeichnungen wurden Max Haller verliehen. Fast sechs Jahre hatte er in der kaiserlichen Marine Deutschlands gedient, von seiner Einberufung 1913 in Kiel, über den gesamten Ersten Weltkrieg bis zu seiner Entlassung im Dezember 1918. Als einer der wenigen Juden, die in der deutschen Marine Dienst taten, und als einer der noch geringeren Zahl von Juden, die zur Besatzung eines U-Bootes gehörten, war Haller höchstwahrscheinlich der am höchsten dekorierte jüdische Seemann des Reichs.

Max Haller wurde 1892 in der Stadt Haynau (polnisch: Chojnów) in Niederschlesien geboren. Nach der mittleren Reife begann er mit 16 Jahren eine Lehre als Maschinen- und Schiffsbauer, Kesselschmied und Mechaniker an der Vulkanwerft in Hamburg. Bei Ausbruch des Krieges im August 1914 gehörte Haller zur Besatzung der SMS Preußen, dem Flaggschiff der Hochseeflotte, deren Aufgabe vor allem der Schutz der Deutschen Bucht war. Im Dezember 1915 meldete er sich zum Dienst auf Unterseebooten und wurde sechs Monate später dem U-Boot SM U.C. 22 zugewiesen, dessen Besatzung aus drei Offizieren und 23 Matrosen bestand.

Haller begann im Rang eines Mechanikers und war Ende des Krieges erster Maschinist. Die U.C. 22 war ein mit Torpedos bewaffnetes minenlegendes U-Boot, das im Atlantik, dem Mittelmeer und der Ägäis patrouillierte. Im Laufe des Krieges fielen 22 Handels- und Passagierschiffe sowie ein Kriegsschiff, die HMS Louvain, den Minen und Torpedos der U.C. 22 zum Opfer. Am 19. November 1916 erhielt Haller mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse seine erste Auszeichnung. Im Februar 1918 folgte die silberne Tapferkeitsmedaille Österreichs. Einen Monat später bekam er das Eiserne Kreuz I. Klasse, nachdem er in der Nähe der italienischen Küste die Schraube seines U-Bootes von mit Sprengstoff bestückten Netzen befreit hatte. Die beiden Auszeichnungen des Osmanischen Reiches und das deutsche U-Bootskriegsabzeichen wurden ihm in den verbleibenden Monaten des Krieges verliehen.

Wenn es um deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert geht, ist selten davon die Rede, wie deutsche Jüdinnen und Juden die wechselhafte Geschichte dieses Landes entscheidend mitprägten. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)
Den Beginn des Ersten Weltkrieges erlebten Juden und Nichtjuden gleichermaßen mit einer Mischung aus Begeisterung und Sorge. Die Verkündung des Kaisers in seiner zweiten Balkonrede am 1. August 1914 wurde als Geste der gesellschaftlichen Befriedung verstanden und schürte in der jüdischen Bevölkerung die Hoffnung, dass sie endlich als vollwertige und gleichberechtigte Deutsche akzeptiert werden würde. "Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr", fuhr Wilhelm II. fort."Wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder." Daraufhin wurde der Krieg von der überwiegenden Mehrheit der wichtigsten jüdischen Institutionen und der jüdischen Bevölkerung unterstützt.

Jüdische Soldaten der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg: Feldpostkarte des Soldaten Walter Schneider (li.), der Ende 1943 im KZ-Theresienstadt ermordet wurde. (© picture-alliance/akg)

Um die 100.000 Juden dienten im Deutschen Heer, 12.000 verloren im Kampf ihr Leben. Doch die Hoffnung der deutschen Juden auf allgemeine Anerkennung für die von ihnen erbrachten Opfer sollte sich nicht erfüllen. Während der Kriegsverlauf sich immer mehr zur Pattsituation entwickelte und die Not im Land zusehends größer wurde, verbreiteten sich Gerüchte und Vorwürfe, Juden würden ihren Pflichten nicht nachkommen, sich dem Militärdienst entziehen und in hohem Maße vom Krieg profitieren.

Die zunehmende judenfeindliche Stimmung mündete in einem Erlass des Preußischen Kriegsministeriums vom 11. Oktober 1916, der eine Judenzählung innerhalb der Streitkräfte anordnete. Das erniedrigende Vorhaben, das Anfang November durchgeführt wurde, war nicht nur eine Beleidigung für diejenigen, die an oder hinter der Front ihren Dienst taten, sondern auch für die gesamte jüdische Bevölkerung. Die Ergebnisse wurden während des Krieges nicht öffentlich gemacht, was die Verdächtigungen und Anschuldigungen noch verschlimmerte. Erst nach dem Krieg wurden die Zahlen veröffentlicht. Sie zeigten klar, dass deutsche Juden ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend im Krieg gedient hatten. Etwa 80 Prozent der jüdischen Soldaten kämpfte an der Front. Ungefähr 17.000 Juden wurde das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen, nur 900 erhielten das Eiserne Kreuz I. Klasse, unter ihnen Max Haller.

Die Judenzählung

Am 11. Oktober 1916, fünf Tage nach Zeichnungsschluss für die fünfte Kriegsanleihe, ordnete das preußische Kriegsministerium eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden während des Krieges an. Kriegsminister Weil von Hohenborn hielt es für angebracht, sich in seinem Erlass direkt auf die "Klagen" aus der Bevölkerung zu beziehen, nach welchen sich "eine unverhältnismäßig große Zahl wehrpflichtiger Angehöriger des israelitischen Glaubens" unter vielerlei Vorwänden dem Herresdienst entziehe. Die Erklärung des Ministeriums, es wolle mit dieser Zählung die jüdischen Soldaten in keiner Weise diskreditieren, sondern Material zur Widerlegung antisemitischer Angriffe sammeln, war kaum glaubwürdig. Bisher war das Kriegsministerium auf Beschwerden der Bevölkerung niemals so beflissen eingegangen. Wie sollten beispielsweise zu anderen Truppeneinheiten versetzte, abkommandierte, verwundete und gefangene jüdische Soldaten registriert werden? Wurde nach Alter, Gesundheitsbefund und Tauglichkeit gefragt? Wie konnte erfasst werden, ob jüdische Soldaten in Schreibstuben oder andere rückwärtige Dienste versetzt oder kommandiert worden waren, etwa weil sie als Spezialisten, Dolmetscher oder aus anderen Gründen dort gebraucht wurden?
Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich Haller in seiner Zeit in der deutschen Marine persönlich antisemitischen Ressentiments ausgesetzt sah. Doch in den Jahren nach dem Krieg wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in Deutschland wiederholt mit Vorwürfen konfrontiert, ob direkt oder angedeutet, “die Juden” seien schuld an der Niederlage des Landes. Nach seiner Verabschiedung aus der Marine ließ sich Haller in Berlin nieder und wurde 1919 Betriebsleiter der Maschinenfabrik R. Dahl. 1930 eröffnete er ein Elektro- und Radiogeschäft. Neun Monate, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wanderte er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern nach Palästina aus. Mit auf die Reise nahm er auch die ihm verliehenen Auszeichnungen der Mittelmächte, jener Reiche, die in der Folge des Ersten Weltkriegs aufgehört hatten zu existieren. Wie es das Schicksal wollte, führte die Auswanderung aus Deutschland Max Haller wieder zur Seefahrt und einer glanzvollen Karriere in der Handelsmarine Palästinas, der britischen Marine und der damals im Aufbau begriffenen Marine Israels.


Persönliche Geschichte

Max Haller - Der Mann hinter den Medaillen

Durchführung des angeordneten Boykotts gegen jüdische Einrichtungen ab 1.April 1933. - SA-Posten verteilen Flugblätter vor einem jüdischen Geschäft in Berlin. (© picture-alliance/akg)

Der 1. April 1933 war ein entscheidender Tag im Leben von Max Haller. Sein Elektronik- und Radiogeschäft in Berlin-Friedenau wurde im Zuge des von den Nationalsozialisten organisierten landesweiten Boykotts von Juden geführten Geschäften, Kanzleien und Arztpraxen blockiert. In einem Brief vom 27. Mai 1933 an die zionistische Zeitschrift Jüdische Rundschau beschreibt Haller die Ereignisse dieses schicksalhaften Tages und ihre Folgen. Die Zeitung veröffentlichte den Brief drei Tage später unter der Überschrift "Seelische Klärung".




Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Aubrey Pomerance

Aubrey Pomerance

Aubrey Pomerance, M.A., geboren 1959 in Calgary, Alberta, 1981-1986 Studium der Philosophie an der Simon Fraser University, Burnaby, British Columbia und der Freien Universität Berlin, 1986-95 Jüdische Studien und Geschichte an der Freien Universität Berlin. 1995-96 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Jüdische Studien der Freien Universität Berlin, 1996-2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte in Duisburg, seit 2001 Leiter des Archivs des Jüdischen Museums Berlin, der Zweigstelle des Archivs des Leo-Baeck-Instituts New York und der Zweigstelle der Wiener Bibliothek, beide am Jüdischen Museum Berlin. Publikationen zur deutsch-jüdischen Erinnerungskultur, zu jüdischen Leben und Schicksalen in der Zeit des Nationalsozialismus, zu jüdischen Fotografen in Berlin und zur Archivpädagogik.


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