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22.10.2021

Torarolle aus Sulzbach

Einst ein wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes in der Sulzbacher Gemeinde, wurde diese Torarolle dank eines glücklichen Zufalls vor den Novemberpogromen gerettet.

Torarolle aus Sulzbach; Mit freundlicher Genehmigung der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg. Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Israelitische Kultusgemeinde Amberg)


Das Objekt

Torarolle aus Sulzbach
von Magdalena Wrobel
Am Schluss der hier gezeigten Torarolle findet sich der Hinweis: "Geschrieben durch den der sich mit der heiligen Arbeit beschäftigt Schalom der Toraschreiber, Sohn des Ja'aqow seligen Angedenkens aus Baiersdorf. Diese Torarolle kam hier in die neue Synagoge im Jahr 5553 [1793]." Die beeindruckende Rolle wurde 1793 auf Pergament geschrieben; sie besteht aus 30 ungegerbten, in einem besonderen Verfahren bearbeiteten Häuten. Sie ist 24 m lang und 65 cm breit und gehörte einst der Gemeinde Sulzbach in Bayern. Die Torarolle überstand mindestens zwei dramatische Ereignisse: 1822 wurde sie aus dem Feuer gerettet, dem die barocke Sulzbacher Synagoge zum Opfer fiel. In den 1930er Jahren wurde die Torarolle in die Nachbarstadt Amberg verbracht, da die Sulzbacher jüdische Gemeinde sich 1934 aufgelöst hatte. Versteckt im Stadtmuseum von Amberg entkam die Torarolle den Novemberpogromen.

Historischer Essay

Die lange Reise der Sulzbacher Torarolle
von Michael Brenner
Der kleine Ort Sulzbach war einmal ein großer Name in der jüdischen Welt - und er steht für ein ungewöhnliches Kapitel einer von Juden und Christen geteilten Geschichte. Als der zum Katholizismus konvertierte Pfalzgraf Christian August 1666 den bedeutenden evangelischen Dichter und Gelehrten Knorr von Rosenroth einlud, gemeinsam mit dem Quäker Franciscus Mercurius van Helmont an seinem Hof die wichtigsten Werke der jüdischen Mystik, der Kabbala, zu übersetzen, wurde Sulzbach zu einem international angesehenen Ort der Gelehrsamkeit und religiösen Toleranz sowie zu einem Zentrum des hebräischen Druckereiwesens. Christian August sorgte nicht nur dafür, dass durch das sogenannte Simultaneum katholische und lutherische Untertanen gleichberechtigt waren, sondern initiierte auch die Gründung von eigenen Druckereien für die Anhänger der katholischen, der lutherischen und der reformierten Glaubenslehre wie auch die der jüdischen Religion. Es war jedoch vor allem seine Leidenschaft für die Kabbala und deren christliche Interpretation, die ihn dazu brachte, ihr wohl wichtigstes Werk, den Sohar, im Original drucken zu lassen.

Amberg, Salzgasse 5 Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Wikimedia, Tilman2007)


Eine hebräische Druckerei benötigte jüdische Drucker, und deren Familien wiederum eine jüdische Infrastruktur. So entwickelte sich Sulzbach nicht nur zu einem Mittelpunkt der christlichen Kabbala, sondern beherbergte bald auch eine ansehnliche jüdische Gemeinde, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf 350 Mitglieder angewachsen war. Dass es sich dabei nicht um eine notleidende Gemeinde gehandelt haben kann, zeigt der Bericht vom Sulzbacher Stadtbrand des Jahres 1822, dem auch die Synagoge zu Opfer fiel. In ihr befanden sich nicht weniger als siebzehn Torarollen, eine stattliche Zahl selbst für größere Gemeinden. Wie durch ein Wunder konnten sechs von ihnen aus den Flammen gerettet werden. Unter ihnen befand sich auch diese Torarolle aus dem Jahr 5553, nach christlicher Zeitrechnung dem Jahre 1793 entsprechend.

Mit der wenig später erfolgten Eingliederung von Sulzbach nach Bayern unterstanden auch die Sulzbacher Juden den restriktiven Ansiedlungsgesetzen, die noch bis 1861 die erlaubte Anzahl der an einem Ort geduldeten Juden drastisch einschränkte. So schrumpfte während der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Sulzbacher Gemeinde als Folge der Auswanderung nach Amerika und der Abwanderung in größere Städte immer mehr zusammen. Auch der letzte Sulzbacher Rabbiner, Dr. Wolf Schleßinger, gehörte zu den aus der Heimat Flüchtenden. Er hatte im Oktober 1848 den "liberal-demokratischen Volksverein zu Sulzbach" gegründet und gehörte zu den wenigen prominenten Demokraten in der Oberpfalz. Nachdem 1849 die Revolution niedergeschlagen wurde und der Rabbiner als Radikaler verpönt war, lebte er mehrere Jahre lang in New York.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts beklagte der für Sulzbach zuständige Distriktrabbiner Dr. Magnus Weinberg, dass kaum noch ein MP3-Icon Minjan zustande kam. Nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde wurde 1934 die Synagoge in ein Heimatmuseum umgewandelt und die 1822 aus den Flammen gerettete Torarolle ins benachbarte Amberg verbracht, das inzwischen eine eigene kleine Gemeinde zählte. Während der Pogromnacht im November 1938 wurde das Synagogengebäude in Amberg wegen seiner Nähe zu den unmittelbar angrenzenden Häusern zwar nicht angezündet, aber ein Großteil der Ritualgegenstände und der Inneneinrichtung zerstört. Die Torarolle überstand die Zerstörung einer Synagoge zum zweiten Mal. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Religionslehrer Leopold Godlewsky, hatte sie wohl rechtzeitig dem Oberlehrer Döppl übergeben, der das Heimatmuseum leitete und sie dort versteckt hielt.

Während im November 1938 fast alle Synagogen in Deutschland komplett zerstört wurden, konnte das entweihte Amberger Bethaus nach Kriegsende wieder seiner Bestimmung übergeben werden. Ein Beauftragter des Komitees der überlebenden Juden in der amerikanischen Zone berichtete 1946, er habe bei seinen Reisen seit der Befreiung nirgendwo in Deutschland eine so gut eingerichtete Synagoge gefunden wie in Amberg. In dieser befand sich nun wieder die nach Kriegsende dem neuen Rabbiner, dem aus Polen stammenden Nathan Zanger, anvertraute Sulzbacher Torarolle.

Auf den Pergamentseiten dieser Tora spiegelt sich die wechselvolle Geschichte des deutschsprachigen Judentums während der Neuzeit wider. Entstanden in einer Zeit der religiösen Toleranz, mussten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde als bayerische Untertanen im 19. Jahrhundert viele Einschränkungen in Kauf nehmen. Hoffnung auf die Befreiung aus den letzten gesetzlichen Fesseln keimte kurzzeitig auf, als die Revolution 1848 auch die Emanzipation der Juden versprach und diese Torarolle von einem Rabbiner verlesen wurde, der selbst aktiven Teil an diesem Freiheitskampf nahm.
Wenn es um deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert geht, ist selten davon die Rede, wie deutsche Jüdinnen und Juden die wechselhafte Geschichte dieses Landes entscheidend mitprägten. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

In Sulzbach waren keine Juden mehr verblieben, als die Torarolle im benachbarten Amberg während der Pogromnacht 1938 ein zweites Mal gerettet wurde. Dort ist die Torarolle bis heute untergebracht, denn auch wenn nach vielen Jahrzehnten privater Nutzung und Verunstaltung die ehemalige Synagoge in Sulzbach restauriert und 2017 wiedereingeweiht wurde, besteht im Ort schon lange keine jüdische Gemeinde mehr. Die 2019 restaurierte Torarolle wird heute in der Amberger Synagoge aufbewahrt, die als Zentrum einer Gemeinde von zumeist russischsprachigen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion dient. Die Torarolle aus dem Jahr 1793 ist das einzige Kontinuum in einer wechselhaften Geschichte dieser beiden jüdischen Gemeinden.

Persönliche Geschichte

Von Zerstörung zu Wiedergeburt: Jüdisches Leben in bayerischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg
von Michael Brenner
Der 1964 in Weiden geborene Michael Brenner erinnert sich an seine Erlebnisse in der benachbarten Amberger Gemeinde:

Amberg, Bamberg, Schmamberg - so hieß es oft, wenn man etwas abschätzig aus München in die kleinen jüdischen Gemeinden der bayerischen Provinz blickte. Aber es gab nach der Schoa eben jüdisches Leben nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch in Weiden und Regensburg, Straubing und Hof, und tatsächlich auch in Amberg und Bamberg. Die Gemeinden waren klein und ihre Mitglieder waren zumeist Überlebende aus Osteuropa (Displaced Persons), die nach einer Zwischenstation in der amerikanischen Zone Deutschlands und nach der Gründung des Staates Israel nicht ausgewandert, sondern, wie es damals oft hieß, in Deutschland "hängengeblieben" waren. In Sulzbach gab es zwar keine Gemeinde mehr, aber in unmittelbarer Nähe das große DP-Lager Vilseck, in dem 1947 mehr als 1.800 Juden lebten. Nachdem dieses 1948 verlegt wurde, blieben in unmittelbarer Umgebung kleine jüdische Gemeinden mit ca. 50 Mitgliedern: in Amberg, wo sich die Sulzbacher Torarolle nun befand und in Weiden, wo ich in den sechziger und siebziger Jahren aufwuchs.

Ich weiß nicht mehr genau, ob ich die Sulzbacher Torarolle jemals zu sehen bekam, wenn wir in den siebziger Jahren aus dem benachbarten Weiden zu bestimmten Anlässen in der jüdischen Gemeinde Amberg zu Gast waren. An Feiertagen wie Chanukka und Purim schlossen sich die kleinen Gemeinden zusammen, um gemeinsam zu feiern. Noch sehr gut erinnere ich mich an die Preise, die die besonders originell verkleideten Kinder zum Purimfest erhielten. Der gute Geist der Gemeinde war der aus Dobrzyn in Polen stammende Rabbiner Nathan Zanger, der im Holocaust seine erste Frau und zwei Kinder verloren hatte. Niemals vergessen werde ich den erstarrten Blick meines Vaters, als er wenige Tage vor dem jüdischen Neujahrsfest 1971 die telefonische Mitteilung erhielt, Rabbiner Zanger hätte in der Synagoge, die sein zweites Zuhause war, einen Herzinfarkt erlitten und sei sofort verstorben. Als achtjähriger Junge durfte ich dann mit meinen Eltern im nächsten Jahr nach Israel reisen, wo ein seinem Andenken gewidmeter Wald eingeweiht wurde. Es waren Menschen wie Nathan Zanger und seine Frau Tamara, die auch gegen Widerstände aus Israel und anderen Teilen der jüdischen Welt jüdisches Leben auf der "blutbefleckten" Erde in Deutschland wiederaufgebaut haben.

Die Sulzbacher Torarolle wurde nun in einer Gemeinde aufbewahrt, deren zumeist aus Polen stammende Mitglieder gerade dem Tode entronnen waren und zumeist ihre gesamten Familien verloren hatten. Darunter war neben dem Ehepaar Zanger die Familie Zweigenberg, die in einer alten Villa ihren Textilgroßhandel betrieb. Pinchas Zweigenberg sprach zeitlebens nur Jiddisch und erinnerte in seinem Aussehen an den ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Einige Mitglieder der Amberger Gemeinde wohnten in den kleineren Orten der Umgebung, so im benachbarten Schwarzenfeld die Familien des Textilhändlers Bernhard Birnbaum und des Pferdehändlers Hermann Berger. Auch in Sulzbach, das seit 1934 mit dem benachbarten Bergbauort Rosenberg zusammengeschlossen war, war mit der Familie seines Bruders Bernhard wieder eine kleine jüdische Präsenz gegeben. Bernhard Berger, der ursprünglich aus dem Ort Auschwitz stammte, konnte sich im Oktober 1944 nur durch die Flucht aus dem Zug davor retten, in das nun in seinem Heimatort errichtete Vernichtungslager deportiert zu werden.

Wie für alle diese kleinen Gemeinden hätte es auch für diese am Ende des 20. Jahrhunderts aufgrund der starken Überalterung keine Zukunft mehr gegeben, wären nicht die Juden aus der Sowjetunion eingewandert. Heute zählt die Amberger Gemeinde wieder 125 Mitglieder. Seit wenigen Jahren amtiert mit Elias Dray sogar ein aus Amberg stammender Rabbiner in seiner Heimatstadt. Er sorgte dafür, dass die frisch restaurierte Sulzbacher Torarolle wieder einer lebendigen Gemeinde zur Verfügung steht.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Magdalena Wrobel, Michael Brenner

Magdalena Wrobel

Magdalena Wrobel ist Projektmanagerin am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Sie promovierte am Historischen Seminar, Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Am LBI hat sie u.a. das 1938Projekt und das Shared History Project betreut.


Michael Brenner

Michael Brenner ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington, D.C sowie Internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts. Zuletzt publizierte er: Der lange Schatten der Revolution: Juden und Antisemiten in Hitlers München, 1918-1923.


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