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4.11.2021

Fritz Bauers Robe

Nach 16 Jahren kehrte der überzeugte Sozialdemokrat aus dem Exil zurück und zog sich die Robe wieder in deutschen Gerichtssälen über.

Das Objekt

Fritz Bauers Robe
von Johannes Beermann-Schön

Fritz Bauers Robe, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Fritz Bauer Institut; Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

Fritz Bauer (1903–1968) gab die Anfertigung seiner Robe vermutlich im Frühjahr 1949, kurz vor seiner Ernennung zum Landgerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig, bei der Firma Richard Graefe in Lüdenscheid in Auftrag. Im Jahr darauf wurde er Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Braunschweig. Sowohl in dieser Funktion als auch als hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main trug Fritz Bauer seine Robe. Nach seinem Tod 1968 nahm Bauers Freund und Testamentsvollstrecker Manfred Amend das Kleidungsstück bei der Auflösung von Bauers Büro im Gerichtsgebäude B des Frankfurter Landgerichts an sich. Er übergab es 1996 dem kurz zuvor gegründeten Fritz Bauer Institut. Im Archiv der Forschungs- und Bildungseinrichtung zur Geschichte und Wirkung des Holocaust wird die Robe seitdem als Teil des Bestandes "Nachlass Fritz Bauer" unter der Signatur "NL Bauer-104" verwahrt.

Historischer Kontext

Fritz Bauer spielte eine entscheidende Rolle bei den Auschwitz-Prozessen, die 1963-1965 in Frankfurt am Main abgehalten wurden.
von Johannes Beermann-Schön
Als Fritz Bauer wohl im Frühjahr 1949 diese Robe anfertigen ließ, waren sechzehn Jahre vergangen, seit er das letzte Mal in einem deutschen Gericht eine Robe getragen hatte. Sechzehn Jahre, in denen der ehemalige Stuttgarter Amtsrichter als überzeugter Sozialdemokrat und Jude von den Nationalsozialisten verfolgt worden war und ins Exil hatte fliehen müssen. Jahre während derer die rechtstaatlichen Werte, die diese Amtstracht bis heute symbolisiert, unter der nationalsozialistischen Herrschaft herabgewürdigt worden waren.

Ende der 1870er Jahre erließen die Bundestaaten des Deutschen Reichs zum Teil bis heute gültige, einheitliche Bekleidungsvorschriften für Richter, Staatsanwälte, und Verteidiger. Sie orientierten sich dabei am Vorbild der preußischen Juristenrobe, die für Richter und Staatsanwälte einen schwarzen Talar mit einem Ärmelbesatz aus Samt, für Rechtsanwälte aus Seide sowie für Gerichtsschreiber aus Wolle vorsah. In ihrer Einheitlichkeit und Schlichtheit sollte die Robe die Würde des Gerichts und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz repräsentieren. Diesen Werten fühlte sich auch Fritz Bauer verpflichtet, als er 1930 als jüngster Amtsrichter Deutschlands seine Karriere am Amtsgericht seiner Geburtsstadt Stuttgart begann. Bauer, 1903 in eine deutsch-jüdische Kaufmannsfamilie geboren, hatte an den Universitäten Heidelberg, München, und Tübingen Jura studiert und war 1927 mit einer Dissertation zum Thema "Die rechtliche Struktur der Truste" zum Dr. jur. in Wirtschaftsrecht promoviert worden. Mit dem Staatsdienst hatte er sich für einen Berufszweig als Jurist entschieden, der bis zum Beginn der Weimarer Republik 1918 jüdischen Deutschen weitgehend verschlossen geblieben war.

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im November 1967 auf der Frankfurter Buchmesse. (© picture-alliance/AP)


Fritz Bauer trat leidenschaftlich für die neuen politischen Verhältnisse und die noch junge Demokratie in Deutschland ein. Bereits mit 17 Jahren war er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) geworden, setzte sich als Amtsrichter für die Gründung des Republikanischen Richterbunds ein und engagierte sich in der sozialdemokratischen Schutzformation "Video-Icon Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Als Vorsitzender der Reichsbanner-Ortsgruppe Stuttgart versuchte er ab Anfang der 1930er Jahre an der Seite des SPD-Reichstagsabgeordneten Kurt Schumacher vergeblich den Aufstieg der Nationalsozialisten in Württemberg zu verhindern. Nach deren Machtübernahme 1933 wurde Bauer umgehend aus dem Staatsdienst entlassen und für neun Monate im Konzentrationslager Heuberg auf der Schwäbischen Alb und im Garnisons-Arresthaus in Ulm inhaftiert. 1936 emigrierte er nach Dänemark, musste 1943 jedoch von dort gemeinsam mit seiner Familie vor der drohenden Deportation über das Kattegat nach Schweden fliehen, wo er sich bis Kriegsende gemeinsam mit dem späteren deutschen Bundeskanzler Willy Brandt in sozialdemokratischen Exilorganisationen engagierte.

Kurz vor Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 erhielt Bauer, der wieder in Dänemark lebte, das Angebot, als Landgerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig nach Deutschland zurückzukehren. Er nahm es an und ließ sich in Braunschweig nieder; die Stadt lag ebenso wie Lüdenscheid, wo er seine Richterrobe bestellte, in der britischen Besatzungszone. Der Hersteller seiner Amtstracht, die Firma Richard Graefe, war bis dahin auf die Anfertigung von Pfarrbekleidung spezialisiert gewesen, hatte jedoch im Herbst 1948 auch Juristenroben in ihre Kollektion aufgenommen. Da sich die Roben von Richtern und Staatsanwälten äußerlich nicht voneinander unterscheiden, brauchte Bauer das für ihn genähte Kleidungsstück nicht ändern zu lassen, als er im Juli 1950 zum Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Braunschweig ernannt wurde. So trug er die Robe auch in dem Verfahren, das ihn mit einem Schlag deutschlandweit bekannt machen sollte, dem Remer-Prozess.

Der rechtsextremistische Politiker Otto Ernst Remer hatte im Mai 1951 in einer öffentlichen Rede die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg als Landesverräter bezeichnet und gedroht, die Überlebenden würden bald schon von einem deutschen Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. Bauer erhob daraufhin Klage gegen Remer aufgrund übler Nachrede und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Im folgenden Strafverfahren vor dem Landgericht Braunschweig gelang es Bauer 1952, die Widerstandskämpfer, die acht Jahre zuvor versucht hatten Adolf Hitler zu ermorden und so den Krieg zu beenden, zu rehabilitieren und das NS-Regime als Unrechtsstaat zu ächten. Dies war ein Meilenstein auf dem Weg zur juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland.

Vier Jahre nach dem Remer-Prozess packte Bauer seine Robe ein und zog von Braunschweig nach Frankfurt am Main, wo er zum hessischen Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht ernannt worden war. Der Wechsel bedeutete für ihn einen weiteren beruflichen Aufstieg. In Hessen unterstanden Bauer nun neun Staatsanwaltschaften sowie 13 Justizvollzugsanstalten. Als oberster Chefankläger des Landes initiierte er ab 1956 eine Welle von Ermittlungs- und Strafverfahren gegen ehemalige NS-Täter. 1957 sorgte er gemeinsam mit dem israelischen Geheimdienst dafür, dass der Organisator der Massendeportationen während des Holocaust, Adolf Eichmann, in Argentinien aufgespürt und später in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde.

Auf Bauers Initiative hin fand von 1963 bis 1965 vor dem Landgericht Frankfurt am Main ein Strafverfahren gegen 21 ehemalige SS-Angehörige sowie einen Funktionshäftling des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz statt. Der erste Frankfurter Auschwitz Prozess, einer der größten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte, führte nicht zuletzt durch eine intensive Medienbegleitung der bundesdeutschen und internationalen Öffentlichkeit erstmals vor Augen, was in Auschwitz geschehen war. Unermüdlich warb Bauer in öffentlichen Vorträgen, zahlreichen Publikationen und Diskussionsrunden in Funk und Fernsehen für seine Idee einer gesellschaftspolitischen Selbstaufklärung über die NS-Zeit mit den Mitteln des Rechts. Als er im Juli 1968 überraschend starb, hinterließ er ein großes Lebenswerk - und an einem Haken in seinem Büro eine schwarze Robe aus Baumwolle und Samt.

Persönliche Geschichte

In seinen Briefen spricht Fritz Bauer offen davon, wie anstrengend das Streben nach Gerechtigkeit sein kann.
von Sybille Steinbacher

Autor und Filmemacher Thomas Harlan (© picture-alliance/dpa)

Thomas Harlan, an den Fritz Bauer diese Zeilen am 13. Juni 1965 richtete, war der Sohn von Veit Harlan, dem Regisseur so berüchtigter nationalsozialistischer Propagandafilme wie "Jud Süß" und "Kolberg". Mit dem jungen Mann verband Bauer eine innige Freundschaft, wovon die vielen Briefe zeugen, die er zwischen 1962 und 1968 an ihn richtete. Harlan wollte ein Buch mit dem Titel "Das Vierte Reich" schreiben und darin all die nationalsozialistischen Verbrecher anprangern, die in West-Deutschland inzwischen wieder zu Amt und Würden gekommen waren. Jahrelang betrieb er in Polen intensive Recherchen, um die deutschen Gräueltaten aufzudecken. Damit rebellierte er gegen das Tun seines Vaters (den er von seiner Wut auf die NS-Täter allerdings ausnahm). An Bauer wandte er sich, weil er seinen Rat brauchte. Eine enge Verbindung entwickelte sich zwischen den beiden. Zwar trennte sie ein Altersunterschied von 26 Jahren, aber sie schätzen einander so sehr, dass sie bald überlegten, einmal eine gemeinsame "Burg", wie es in den Briefen heißt, zu beziehen, ein Domizil, in dem sie wohnen wollten. Bauer unterstützte Harlans literarisches Schaffen, las seine Manuskripte, ließ es an wohlwollender Kritik nicht fehlen, bremste ihn auch, wenn er ungestüm und naiv vorging, und zeigte ihm, wie sehr er an seinen schriftstellerischen Durchbruch glaubte.

Über Fritz Bauers Privatleben ist wenig bekannt. Er war ohne seine Ehefrau Anna Maria Petersen, die er im Exil geheiratet hatte, 1949 in die Bundesrepublik Deutschland gegangen. Seine Frau blieb in Dänemark und besuchte ihn ab und zu. Fritz Bauer reiste gern, wie seine Briefe an Harlan zeigen. Und immer wieder lud er Thomas Harlan ein, ein paar Urlaubstage mit ihm zu verbringen. Nach Tunesien, auch nach Griechenland fuhren sie, in Ascona, Mailand und Zürich trafen sie sich häufig. Bauers Briefe, die voller Zuneigung, Herzlichkeit und Wärme sind, zeigen, wie wohl er sich in der Gesellschaft des jungen Künstlers fühlte und wie gern er an gemeinsam verbrachte Tage zurückdachte. Überliefert sind nur Bauers Schreiben, Harlans Briefe blieben hingegen nicht erhalten. Ganz offen äußert sich Bauer einige Male darüber, wie müde und überarbeitet er sei und dass ihn manchmal Zweifel plagten, ob das, was er tue, überhaupt einen Sinn habe. Auch von den Widerständen berichtet er, die ihm entgegenschlugen. "Manchmal hätte ich gute Lust, die Sache hinzuschmeißen, dagegen spricht nur die Freude der anderen über einen solchen Schritt. So ist man Gefangener seiner eigenen Vorzeit", schreibt er im März 1964, als in Frankfurt am Main gerade der Auschwitz-Prozess im Gange war.

Viele Briefe sind melancholisch, viele auch witzig, berührend sind sie alle. Besonders auch die letzten aus den Monaten vor Bauers plötzlichem Tod. Weil Harlan erwog, ein Haus zu kaufen, war es zum Streit gekommen, denn Bauer riet ihm davon dringend ab und fühlte sich von dem Vorhaben, das er finanziell hätte mittragen sollen, auch überfahren. "Dies alles tut mir sehr weh, ich bin sehr traurig, sehr unglücklich, deswegen und aus manchen anderen Gründen." Thomas Harlan hat das Buch "Das Vierte Reich" nie vollendet. Was er über die Täter herausgefunden hatte, blieb unveröffentlicht. In den siebziger und achtziger Jahren widmete er sich Filmprojekten, von denen manche realisiert wurden, manche aber auch nicht. Sein künstlerischer Durchbruch gelang ihm erst 2000 mit seinem Roman Rosa. Ausgangspunkt der Handlung ist Kulmhof, der Ort des ersten Vernichtungslagers der Nationalsozialisten. Thomas Harlan ist 2010 gestorben.
Werner Renz (Hrsg.): Von Gott und der Welt verlassen. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan, Frankfurt am Main 2015. [1. Zitat: S. 96-97, 2. Zitat: S. 64, 3. Zitat S. 217].

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Johannes Beermann-Schön, Sybille Steinbacher

Johannes Beermann-Schön

Johannes Beermann-Schön ist Mitarbeiter des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main. Er leitet dort den Bereich "Archiv und Dokumentation". Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen, "Archiv und Zufall. Entstehung und Überlieferung der Tonbandmitschnitte von Zeugenaussagen", in: Sybille Steinbacher, Katharina Rauschenberger (Hrsg.): Der Auschwitz-Prozess auf Tonband. Akteure, Zwischentöne, Überlieferung, Göttingen 2020, S. 87–107.


Sybille Steinbacher

Sybille Steinbacher, Historikerin, ist Direktorin des Fritz Bauer Instituts und Professorin für die Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihr Buch "Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte" wurde in viele Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihr der Band, den sie gemeinsam mit Jürgen Zarusky herausgegeben hat: "Der deutsch-sowjetische Krieg 1941-1945. Geschichte und Erinnerung", Göttingen 2020.


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