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10.2.2009

Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen

Wie werden Deutschland und die Deutschen in der polnischen Literatur und Polen und die Polen in der deutschen Literatur dargestellt? Wie steht es um die Literaturbeziehungen beider Länder und welchen Beitrag kann Literatur zur Verständigung leisten? Matthias Kneip gibt Antworten.

Auch in der Literatur spielt die deutsch-polnische Vergangenheit eine Rolle. (© AP)


Der in Deutschland wohl bekannteste und zugleich renommierteste Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche, Karl Dedecius, hat einmal die Rolle der Literatur für die Verständigung zwischen den Völkern folgendermaßen beschrieben: "Die Literatur ist ein Fenster, durch welches ein Volk einem anderen in die Augen schauen kann". Mit seinen kongenialen Übersetzungen und nicht zuletzt auch mit der von ihm ausgehenden Gründung des Deutschen Polen-Instituts im Jahre 1980 in Darmstadt, das sich die Pflege der deutsch-polnischen Kulturbeziehungen im Allgemeinen und die Verbreitung der polnischen Literatur in Deutschland im Besonderen zur Aufgabe gemacht hat, hat Karl Dedecius die Grundlage dafür geschaffen, dass ein Großteil der polnischen Literatur in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland in einem beachtenswertem Umfang für den deutschsprachigen Leser zugänglich geworden ist. Somit wurde es möglich, über diesen Weg dem polnischen Volk in die Augen zu schauen.


Zwei der wichtigsten Editionen polnischer Literatur stellten dabei die im Suhrkamp-Verlag erschienene 50-bändige "Polnische Bibliothek" dar sowie das "Panorama der polnischen Literatur". Beide Sammeleditionen geben in einem bislang nicht da gewesenen Umfang einen Einblick und zugleich Überblick über die wichtigsten Werke und Autoren der polnischen Literatur von der Renaissance bis zur Gegenwart – in deutscher Übersetzung. Doch häufig bleibt der Blick des deutschen Lesers in die Augen der Polen über die Literatur trotzdem aus. Entweder mangelt es am grundsätzlichen Interesse, oder, im günstigeren Fall, wendet sich der deutsche Leser nach der Lektüre einiger Werke ab mit der Begründung, vieles sei ihm unverständlich, zu hermetisch, zu philosophisch. Und tatsächlich gehörte es zu den Eigenarten der polnischen Literatur, dass sie insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert häufig nur vor dem Hintergrund des nationalen Schicksals des Landes zu verstehen war, da sie sich meist unmittelbar mit den zur ihrer Entstehungszeit herrschenden politischen und sozialen Verhältnissen auseinander setzte. Solche Anspielungen und Korrespondenzen waren und sind für ausländische Leser schwer zu durchschauen, geschweige denn zu begreifen, was der polnischen Literatur, im Gegensatz zur russischen Literatur, schnell das Image einer schweren, unverständlichen Literatur einbrachte. Der Slawist Wilhelm Lettenbauer brachte diese Problematik der polnischen Literatur einmal auf den Punkt, in dem er sie folgendermaßen charakterisierte: "Ihre Stärke – das Verbundensein mit dem nationalen Schicksal – ist zugleich auch ihre Schwäche, ist eine Barriere, um außerhalb Polens rezipiert und verstanden zu werden".[1]

Literatur als Spiegel nationalpolitischer Verhältnisse



Dieser Zusammenhang zwischen den nationalpolitischen Verhältnissen und deren Reflexion in der Literatur war insbesondere für den wichtigsten Abschnitt der polnischen Literaturgeschichte von Bedeutung, die polnische Romantik (1822-1863). Ohne hier weiter auf die literarische Vorgeschichte dieser Epoche eingehen zu können, bildeten die damals herrschenden politischen Verhältnisse den Nährboden für die Entstehung der Hauptwerke der klassischen polnischen Literatur. Durch die drei Teilungen Polens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 zwischen Preußen, Österreich und Russland verschwand das Land für 125 Jahre, also bis zum Jahr 1918 von der politischen Landkarte Europas. Das bedeutete, dass sowohl der Religion – daher die große Bedeutung der katholischen Kirche bis heute für das nationale Selbstverständnis der Polen –, als auch der Kunst, vor allem aber der Literatur, die Aufgabe zugewiesen wurde, zum Statthalter und Erhalter eines gemeinsamen, nicht mehr von der Politik geförderten polnischen Nationalbewusstseins zu werden. Das Trauma dieser drei Teilungen Polens, aber auch die spätere erneute Teilung des Landes zwischen Deutschland und Russland im Jahr 1939 sowie die nach dem Zweiten Weltkrieg erzwungene Einbindung Polens in den sowjetischen Machtbereich in den Jahren 1949-1989 haben ihren Niederschlag in der polnischen Literaturgeschichte gefunden und spiegeln sich in vielen ihrer Werke wieder. Ohne das Bewusstsein um diesen Zusammenhang zwischen Literatur, Herrschaftspolitik und nationalen Empfindlichkeiten sind grundlegende Werke der polnischen Literatur für Ausländer nur rudimentär und in Ansätzen verständlich.

Den unbestrittenen Höhepunkt der polnischen Romantik stellt das Schaffen des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz (1798–1855) dar, der mit seinen Hauptwerken, dem Epos "Pan Tadeusz" und dem Drama "Totenfeier" Symbole nationaler Widerstandskraft schuf. Die Sehnsucht des polnischen Volkes nach der Wiederherstellung eines eigenen Staates und die Bereitschaft, für diesen nationalen Kampf auch das eigene Leben zu opfern, wurden durch seine Werke zu zentralen Elementen der polnischen Literatur, die sich auch in den Werken der beiden anderen, ebenso bedeutenden polnischen Romantiker Juliusz Słowacki (1809–1849) und Zygmunt Krasiński (1812-1859) finden.

Mickiewicz, der gelegentlich auch als "polnischer Goethe" tituliert wird, kam 1798 als Sohn eines Kleinadligen im litauischen Zaosie zur Welt, also in einer Zeit, als Polen bereits zwischen seinen Nachbarn Preußen, Österreich und Polen aufgeteilt war und seine Heimat Litauen unter russischer Herrschaft stand. In diesem Umfeld schrieb er auch seine berühmte Ode an die Jugend, die in der Tradition des deutschen Sturm und Drang, vor allem Friedrich Schillers, zum Kampf für die Freiheit und gegen die alte Welt aufrief. Sie wurde während des polnischen Novemberaufstandes im Jahre 1830 zur Hymne der Aufständischen, die da so hoffnungsvoll endete:

"Schon splittert das Eis, mit ihm alle Not Der finsteren Vorurteile; Willkommen Freiheit im Morgenrot, Erstrahle zu unserem Heile."

Wie bedeutend die Einflüsse der deutschen Literatur auf das Schaffen von Mickiewicz waren, geht auch aus Briefen hervor, die er aus Kowno nach Wilna schrieb und in denen er über seine Lektüre von Schiller äußerte: "Welche Maria Stuart! Alles ist wundervoll. Erbarmt Euch, und schickt mir irgendetwas Deutsches! Denn ich habe für meine besten Augenblicke nichts mehr zu lesen... Über die Tragödie Die Räuber kann ich nicht schreiben. Nichts hat mich ebenso stark bewegt und nichts wird es jemals tun..." [2]

1823 wurde Adam Mickiewicz, der Mitglied in verschiedenen freiheitsorientierten Geheimbünden war, wie viele seiner Freunde verhaftet und ins Innere Russlands verbannt. Später gelang ihm die Ausreise nach Westeuropa, wo er sich nach längeren Aufenthalten in Deutschland und Italien schließlich in Paris niederließ. Er wurde mit seinen Werken zum Begründer der polnischen romantischen Literatur und bis heute zum anerkannten Sprecher seines Volkes. Mickiewicz starb 1855 in Konstantinopel bei dem Versuch, eine polnische und eine jüdische Legion im russisch-türkischen Krieg aufzustellen, wurde zunächst in Paris beerdigt, dann 1890 nach Krakau überführt, wo er heute neben dem Dichter Juliusz Słowacki sowie neben den polnischen Königen im Wawel ruht.

Zwischen Romantik und Positivismus: Brücken in den Schulunterricht



Von den historischen Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts ausgehend lassen sich auch im Schulunterricht Brücken schlagen zur deutschen Literaturgeschichte. So verbrachte der deutsche Schriftsteller und Romantiker E.T.A. Hoffmann die Jahre zwischen 1800 und 1807 zunächst in Posen (1800-1802), später in Plock (1802-1804) und schließlich in Warschau (1804-1807). In Posen hatte E.T.A. Hoffmann im Jahr 1800 seinen Dienst als gerade ernannter Gerichtsassessor angetreten und heiratete dort am 26. Juli 1802 die Polin Maria Tekla Michalina Trzcińska. Zwei Jahre später wurde E.T.A. Hoffmann nach Plock strafversetzt, weil mehrere seiner bissigen Karikaturen, die er über die preußische Obrigkeit gezeichnet hatte, bekannt geworden waren. Auf Grund seiner hervorragenden beruflichen Fähigkeiten als Gerichtsrat wurde E.T.A. Hoffmann aber schon im Jahr 1804 nach Warschau versetzt, das seit 1795 Hauptstadt der Provinz Süd-Preußen war. Hier setzte er seine politische Karriere fort und traf u.a. auch mit Zacharias Werner zusammen, der seit 1796 in Warschau arbeitete und für dessen Trauerspiel "Das Kreuz an der Ostsee" er die Bühnenmusik komponierte.

Die Beherrschung der polnischen Sprache war für Hoffmann im damaligen Polen nicht notwendig, da er sich überwiegend in den Kreisen seiner preußischen Landsleute bewegte, zudem in Adelskreisen Französisch gesprochen wurde. Das Warschauer Leben inspirierte das Universalgenie Hoffmann zu zahlreichen Kompositionen, Bildern und Karikaturen, weniger aber zu literarischen Werken. Vor allem sein musikalisches Talent brachte er in Warschau zur vollen Entfaltung und schuf dort u.a. die Warschauer Messe (1805). Am 26. September 1805 schrieb er seinem Freund Hippel: "Während des Jahrs, das ich dir nicht schrieb, habe ich ein angenehmes künstlerisches Leben geführt, ich habe komponirt, gemahlt und nebenher ziemlich gut italiänisch gelernt." [3] Auch in einigen Erzählungen Hoffmanns spiegelt sich die Warschauer Zeit wieder, so unter anderem in der Erzählung Das Gelübde aus den Serapionsbrüdern. Mit dem Einmarsch der französischen Truppen in Warschau im November 1806 verlor Hoffmann seine Arbeit und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Der letzte Satz seines letzten Briefes vom 14. Mai 1807 aus Warschau lautete: " [...] meine Lage ist wirklich ganz verdammt".[4] Wenige Monate später verließ er Warschau und reiste über Posen nach Berlin. Seine Warschauer Zeit hielt er rückblickend für eine der glücklichsten Episoden seines Lebens.

Nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1831 durch russische Besatzungstruppen emigrierten polnische Aufständische nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Es entstanden Hunderte von so genannten Polenliedern deutscher Dichter, die mit den polnischen Aufständischen sympathisierten und diese vor dem Hintergrund der eigenen Unfähigkeit zur Revolution idealisierten. Neben den deutschen Dichtern hat auch Gottfried Keller dieses Thema in seiner Novelle "Kleider machen Leute" aufgegriffen. Denn die Hochachtung, die die Bürger Goldachs dem vermeintlichen polnischen Grafen Wenzel Strapinski in der Novelle entgegenbringen, steht historisch unmittelbar im Zusammenhang mit der – fast möchte man sagen blinden – Verehrung der polnischen Aufständischen im damaligen deutschen Bund. Dass diese Novelle ohne Kenntnisse über die damalige historische Lage in Polen kaum oder nur teilweise zu entschlüsseln ist, zeigt auch die biografische Situation Kellers. Als Staatsschreiber und zugleich Sekretär des Provisorischen Komitees zur Unterstützung der Polen in den Jahren 1863/64 hatte sich Keller in dieser Funktion unmittelbar mit dem Schicksal von polnischen Flüchtlingen, ihrer Unterbringung und Versorgung, aber auch mit Betrügern, die diese Situation auszunutzen versuchten, zu befassen. So untersuchte er u.a. den Fall eines gewissen Julius Schramm, der aus Preußen stammte, als russischer Agent tätig war und sich als polnischer Freiheitskämpfer ausgab.

Es würde zu weit führen, hier die mehr als ein Dutzend expliziten Bezüge der Novelle zur polnischen Geschichte im Einzelnen auszuleuchten. Aber schon allein der Name Strapinski und die Kleidung der Hauptfigur geben deutliche Hinweise darauf, unter welchen historischen Umständen eine solche Verwechslung überhaupt nur möglich war. Die spezifisch polnische Kleidung Strapinskis offenbart den Illusionshunger des Schneidergesellen und sein Bedürfnis, eine gleichförmige, bürgerliche Wirklichkeit romantisch aufzuheben. Die erwähnte polnische Pelzmütze – eine mit Pelz verbrämte viereckige Kopfbedeckung, auch Rogatywka genannt – wurde erstmals in den patriotischen Befreiungskriegen getragen, in denen der polnische Nationalheld Tadeusz Kościuszko (1746–1817) bei Dubienka 1792 über die zaristischen Truppen siegte. Sie wurde zum Zeichen eines idealisierten, nationalen polnischen Bewusstseins. Der Leser ahnt, dass das Polnische deshalb bei Keller imitiert wird, weil es Ideale verkörpert, die sowohl vom Schneidergesellen, als auch von den Schweizer Bürgern erstrebt wurden und die in unmittelbarem historischem (also realistischem!) Zusammenhang mit den Ereignissen seiner Zeit stehen. Die Idealisierung und Bewunderung Strapinskis durch die Goldacher offenbart zugleich deren eigene, biedere Wirklichkeit.

Nach der Niederschlagung auch des Januaraufstandes von 1863 entwickelte sich in Polen als Gegenströmung zur Romantik der polnische Positivismus, der von Autoren wie Eliza Orzeszkowa (1841-1910) und Bolesław Prus (1847-1912) vertreten wurde. Diese Autoren wandten sich gegen die Aufstandsmentalität und riefen dazu auf, die Wiedergeburt Polens durch staatliche Selbstorganisation voranzubringen. Eine erneute Richtungsänderung brachten die Autoren des Jungen Polen, die letztendlich der polnischen Literatur um die Jahrhundertwende den Weg in die Moderne ebneten und aus deren Gemeinschaft sich später verschiedene literarische Strömungen wie die Avantgarde, der Futurismus oder der Expressionismus herausbildeten. Am Anfang dieser Bewegung stand als ihr programmatischer Initiator und Vorreiter Stanisław Przybyszewski, der viele Jahre in Deutschland lebte und enge Verbindung zur Berliner Boheme, insbesondere zu Richard Dehmel pflegte. Auch wenn Przybyszewskis literarisches Werk weitgehend in Vergessenheit geraten ist, hatten seine revolutionären Ideen und Tabubrüche, ähnlich wie die antinaturalistischen Manifeste eines Hermann Bahr in Deutschland, großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der polnischen Literaturgeschichte.

Przybyszewskis Skandale und Saufgelage machten ihn im Berlin der Jahrhundertwende zu einer der schillerndsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Boheme, neben Gesinnungsgenossen wie Strindberg, Munch, oder Richard Dehmel.

Die Dichter des Jungen Polen, wie Kazimierz Przerwa-Tetmajer (1865–1940), Jan Kasprowicz (1860–1926) oder Stanisław Wyspiański (1869–1907) schufen auch die Grundlage für die spätere Entstehung der absurden und grotesken Werke von Stanisław Witkiewicz (1885–1939), Witold Gombrowicz (1904–1969) und Bruno Schulz (1892–1942), die das sog. groteske Dreigestirn der Zwischenkriegszeit prägten. Alle drei Autoren zählen durch ihre Dramen und Prosawerken zu den bedeutendsten Vertretern der polnischen Avantgarde und neben den Lyrikern Julian Przyboś (1901–1970) und Julian Tuwim (1894–1953) zu den bedeutendsten Schriftstellern ihrer Zeit. Insbesondere das literarische, aber auch das grafische Werk von Bruno Schulz, der häufig als polnischer Kafka bezeichnet wird, erlebt heute eine Renaissance.

Der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen und anschließend dem sowjetischen Überfall auf Polen bewirkte eine neuerliche Hinwendung zur romantischen Tradition. Junge Poeten wie Krzysztof Kamil Baczyński (1921–1944) oder Tadeusz Gajcy (1922-1944) publizierten ihre Gedichte in Untergrundzeitschriften, wobei viele Autoren dieser Generation im Warschauer Aufstand von 1944 fielen. Der opferreiche Widerstand gegen das NS-Regime trug dabei mitunter Züge romantischen Heldentums. Auch Günter Grass spielt in der Blechtrommel bei der Beschreibung der polnischen Kampftruppen bissig-ironisch auf diesen polnischen Heldenmut an. Diese Passage war unter anderem eine Ursache dafür, dass die Blechtrommel in Polen lange Zeit verboten war und ihrem Autor erst seit den 80er-Jahren große Anerkennung zuteil wurde. Tausende Polen und Juden kamen beim Aufstand im Warschauer Getto 1943 und beim Warschauer Aufstand 1944 ums Leben.

Ähnlich wie in Deutschland Günter Eich, der nach dem Krieg Inventur machte, stellten sich auch polnische Autoren wie Czesław Miłosz (1911–2004) oder Tadeusz Różewicz (*1921) die Frage, was nach all den schrecklichen Erfahrungen und Erlebnissen übrig geblieben ist, was gerettet wurde. Vor allem Tadeusz Różewicz wurde zum Sprecher einer Generation, deren physische und moralische Welt zusammengebrochen war und der versuchte, eine adäquate Sprache für eine Literatur nach Auschwitz zu schaffen. Er debütierte im Jahr 1947 mit dem Gedichtband "Unruhe", der einer literarischen Revolution gleichkam und Różewicz zum Schöpfer einer neuen poetischen Sprache in der polnischen Literatur machte. Różewicz wurde zum "Dichter der gewürgten Gurgel", zur repräsentativen Stimme der polnischen Nachkriegsliteratur, der über seine Dichtung sagte:

"Ich kann nicht begreifen, dass eine Poesie fortbesteht, obwohl der Mensch, der diese Poesie – als Zeichensprache, die das Unsagbare aussagen soll – ins Leben rief, tot ist. Grund und Antrieb für meine Dichtung ist auch der Hass gegen die Poesie. Ich rebellierte dagegen, dass sie das "Ende der Welt" überlebt hat, als wäre nichts geschehen. Unerschütterlich in ihren Gesetzen, Gebrauchsanweisungen und Praktiken. Meine eigenen Gedichte betrachte ich mit Misstrauen. Ich habe sie aus dem Rest der übrig gebliebenen, geretteten Worte gefügt, aus uninteressanten Worten, aus Worten vom großen Müllhaufen, vom großen Friedhof. Ich bildete mir ein, ich sei der erste Mensch, der sagt: "Guten Tag", "Wasser", "die Sonne geht auf" ... Ich schuf Poesie für Entsetzte. Für dem Gemetzel Preisgegebene. Für Überlebende. Wir lernten das Sprechen von Anfang an. Sie und ich. Nur ein verzweifelter oder infantiler Mensch kann mit Hilfe ausgesuchter Bilder "die Schönheit" beschreiben, wo vor unseren Augen die Wahrheit stirbt." [5]

In der deutschen Literaturwissenschaft hat man, wie mir scheint, bislang noch zu wenig erkannt, wie ähnlich die literaturhistorischen Gegebenheiten in Deutschland und in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Ohne hier diese meines Erachtens hochinteressante Thematik weiter vertiefen zu können, sei doch dem poetischen Ansatz von Różewicz das poetische Manifest eines Wolfgang Borcherts gegenübergestellt, das ebenfalls im Jahr 1947 erschien, als der Gedichtband "Unruhe" von Róźewicz in Polen veröffentlicht wurde:

"Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv. Für Semikolons haben wir keine Zeit und Harmonien machen uns weich und die Stillleben überwältigen uns: Denn lila sind nachts unsere Himmel. Und das Lila gibt keine Zeit für Grammatik, das Lila ist schrill und ununterbrochen und toll. Über den Schornsteinen, über den Dächern: die Welt: lila. Über unseren hingeworfenen Leibern die schattigen Mulden: die blau beschneiten Augenhöhlen der Toten im Eissturm, die violettwütigen Schlünde der Kanonen." [6]

Ich denke, die Ähnlichkeiten dieser beiden sprachpoetologischen Ansätze sind durchaus auch für Schülerinnen und Schüler evident und nachvollziehbar. Noch heute zählt Tadeusz Różewicz neben den Nobelpreisträgern Czesław Miłosz und Wisława Szymborska (*1927) zu den wichtigsten und bedeutendsten Autoren seines Landes. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die letzten Nobelpreise für Polen an Lyriker gingen, zumal das Land vor allem in dieser literarischen Gattung in den vergangenen Jahrzehnten Weltliteratur hervorgebracht hat.

Der demokratische Umbruch in Polen im Jahr 1989 öffnete nicht nur die Tore für die Rückkehr Polens in die politische Gemeinschaft Europas, sondern er ermöglichte den polnischen Autoren auch die Auseinandersetzung mit bislang tabuisierten Themen ohne Rücksicht auf nationale oder politische Empfindlichkeiten. Jüngere Autoren wie Paweł Huelle (*1957), Stefan Chwin (*1949), Andrzej Stasiuk (*1960), Natasza Goerke (*1960) oder Olga Tokarczuk (*1962) sind seitdem zu Wortführern einer neuen Generation geworden, die allmählich den Platz der großen, zum Teil noch lebenden Klassiker einzunehmen beginnt.

Die zunehmende literarische Auseinandersetzung mit Themen aus der deutsch-polnischen Vergangenheit sowohl bei jüngeren deutschen, als auch bei jüngeren polnischen Autoren zeigt, dass das aktuelle literarische Schaffen beider Länder nach und nach aufeinander zugeht, Berührungsängste von einst schwinden und eine gegenseitige Rezeption stattfindet. Der weltweit beachtete Auftritt der neuen polnischen Autorengeneration auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2000 war ein beeindruckendes Zeichen dafür, dass die polnische Literatur aus dem politischen Käfig ihrer nationalen Enklave längst herausgetreten ist, hinaus auf den freien Markt der Weltliteratur, und sich frei gemacht hat von den Fesseln einstiger Zensur und thematischer Unfreiheit. Doch während die Polen allein schon durch die weitaus besseren Sprachkenntnisse der deutschen Literatur offen und neugierig gegenübertreten, müssen insbesondere junge Menschen motiviert werden, in die schönen Augen des Nachbarn zu blicken. Und wer den Blick in die Augen der polnischen Poesie wagt, wendet ihn meist nicht mehr von ihr ab.

Literatur:



Kneip, Matthias/Mack, Manfred: Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen. Materialien und Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 10.-13. Schuljahr. Berlin 2003.

Dedecius, Karl: Polnische Bibliothek. Begründet von Karl Dedecius. Frankfurt am Main 1982-2000. Die Übersetzungen aller hier in deutscher Sprache zitierten polnischen Gedichte stammen von Karl Dedecius.

Dedecius, Karl: Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. 5 Abteilungen in 7 Bänden. Deutsches Polen-Institut Darmstadt. Zürich 1996-2000.
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Fußnoten

1.
Lettenbauer, hier zit. nach: Kneip, Matthias/Mack, Manfred: Polnische Literatur und deutsch-polnische Literaturbeziehungen. Materialien und Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. 10.-13. Schuljahr. Berlin 2003. S.7.
2.
Briefe Mickiewicz` aus Kowno nach Wilna, Herbst 1820, hier zit. nach: Dedecius, Karl: Deutsche und Polen in ihren literarischen Wechselbeziehungen. Stuttgart 1973, S.32.
3.
Zit. nach: Kosim, Jan: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in Warschau 1804-1807. In: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft e.V. 37. H. Bamberg 1991, S.10.
4.
Aus: E.T.A. Hoffmann. Briefe (eine Auswahl). Hg. v. Ginzkey, Franz Karl, Wien, München, Leipzig. 1922.
5.
Różewicz, Tadeusz: Poesie für Entsetzte. Aus: Theorie der modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik I. Hamburg 1966. S. 416ff.
6.
Borchert, Wolfgang: Das ist unser Manifest. Aus: Das Gesamtwerk. Hamburg 1959.

Matthias Kneip

Zur Person

Matthias Kneip

Dr. Matthias Kneip ist Schriftsteller, Publizist und Polenreferent sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.


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