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counter 24.4.2012

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

"Wer sind wir, deutsch geprägte Russen oder russisch geprägte Deutsche?" Für den Schriftsteller Aleksander Popadin ist der Kaliningrader geradezu ein "Vorbild für Unbestimmtheit". Am Beispiel eines Oral-History-Projekts der Kaliningrader Universität aus den 1990er-Jahren wird gezeigt, wie historische Forschung durch einen Wechsel der Perspektive zur Versachlichung der bisweilen bizarre Züge annehmenden Debatte um die Bedeutung der deutschen Vorgeschichte dieser Region beitragen könnte.

Einleitung

Im Sommer 2005 feierte die russische Stadt Kaliningrad den 750. Jahrestag der Gründung der deutschen Stadt Königsberg. Dem deutschen Besucher, zumal wenn er in der DDR sozialisiert worden war, bot sich ein vertrautes Bild – Losungen, herausragendes Element der Agit-Prop-Kultur kommunistischer Couleur dominierten Straßen und Plätze.

"750 Jahre Kaliningrad" – Losung aus Anlass der 750-Jahrfeier Kaliningrads, des ehemaligen Königsbergs, im Sommer 2005. (© Gerhard Barkleit)

"750 Jahre Kaliningrad. Wir lieben unsere Stadt! Wir sind stolz auf unsere Geschichte!", so bohrte es sich in den Farben rot und blau in die Augen der Vorübergehenden. Stehen diese Sätze tatsächlich für die Vereinnahmung von beinahe sieben Jahrhunderten deutscher Vorgeschichte durch die heute hier Lebenden? Der durchaus eine Provokation darstellende Hinweis, dass dazu dann aber auch die zwar kurze, aber außerordentlich folgenreiche Periode nationalsozialistischer Herrschaft gehörte, löste bei den meisten der daraufhin Angesprochenen zunächst Nachdenklichkeit aus. Man dürfe solche Losungen, zumal im Zusammenhang mit der festlichen Erinnerung an ein bedeutsames historisches Ereignis wohl nicht so ernst nehmen, lautete die häufigste Antwort.

Um die Schizophrenie der Kaliningrader im Umgang mit der (deutschen) Vergangenheit ihrer Stadt "mit den Händen zu greifen", bedarf es allerdings keiner derartigen Provokation. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus versank die Region zunächst in der Bedeutungslosigkeit, und ihre Bewohner begannen, nach einer neuen Identität zu suchen. Seit einigen Jahren sind erhebliche Bemühungen festzustellen, die von den Sowjets verordnete Geschichtslosigkeit der Region zu überwinden. Die nicht selten aufgeregten und heftigen Debatten zeichnen sich durch die Dominanz emotionaler Argumentationen aus.

Der Schriftsteller Aleksandr Popadin setzt sich mit der Wirkung der Überreste deutscher Kultur auf die Herausbildung einer regionalen Identität der Bewohner von Kaliningrad auseinander. "Die Stadt" so argumentiert er, "setzt mit bestimmten Teilen ihrer Substanz

Deutsche und sowjetische Vergangenheit auf einen Blick: Dom und Hafen in Kaliningrad/Königsberg. (© Gerhard Barkleit)

(Architektur, kulturhistorische Reminiszenzen, Kunstwerke, Struktur von Industrie und Institutionen)", wie auch auf andere Weise, die "Wechselwirkungen eines neuen Volkes mit der Region fest". Für Popadin ist "die Stadt" ein im politischen Sinne neutraler Vermittler zwischen zwei Völkern. Sie erweise sich "als anschauliche historische Form, vermittels derer die Geschichte des vorhergehenden Volkes auf das heutige Volk einwirkt". Als Antwort auf die Frage: "Wer sind wir? Deutsch geprägte Russen oder russisch geprägte Deutsche?", deutet er "den" Kaliningrader geradezu als "Vorbild für Unbestimmtheit".[1]

Der Historiker Jurij Kostjašov befasste sich schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion intensiv mit den Problemen der Region. Er spricht von einer "Ablehnung des deutschen historisch-kulturellen Erbes" nicht nur durch die "neuen Machthaber", sondern auch "durch die breite Masse der sowjetischen Neusiedler". Diese seien vorwiegend aus dem "tiefsten Russland" gekommen und empfanden "die materielle Welt Ostpreußens, die menschengemachte Landschaft und die neuen Wohnformen ungewohnt und fremd".[2] Allerdings gehört er zu denjenigen, die Ostpreußens Geschichte für nicht teilbar halten und deshalb endlich auch die mit einem Tabu belegte "heikle und noch immer schmerzhafte Frage des Schicksals der ostpreußischen Bevölkerung", die Vertreibung, ins öffentliche Bewusstsein rücken wollen.

In ambitionierten Debatten um eine Rückbenennung der Stadt in "Königsberg" greifen die Akteure ebenfalls gern auf emotionale Argumente zurück. So behauptet Evgenij Ju. Vinokurov, dass "alles, worauf wir stolz sind, das ist Königsberg" und nennt beispielhaft "die Parks und das Grün, die Festungsanlagen und das Bernsteinmuseum, den Dom und die Kirchen, [Immanuel] Kant und die Albertina, den Bahnhof und den Kulturpalast der Seeleute" sowie einige Straßen, "den Zoo, den Hafen und den Schifffahrtskanal". Die Sorgen vieler, die Rückbenennung könnte zu einer Regermanisierung der Region und ihrer Abspaltung von Russland führen, teilt er nicht. Er ist überzeugt davon, dass "ein Mensch, der sein ganzes Leben oder einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Kaliningrad verbrachte, auch die andere Architektur in sich aufsaugte: den roten Ziegel, das spitze Dach, das tafelförmige Pflaster, den Dachziegel, den Sockel aus Granit." Gleiches gelte nicht nur der Architektur, sondern auch für "kulturelle und sprachliche Symbole".[3]

In den Thesen zu ihrer Dissertation über "Regionale Identität als Kategorie politischer Praxis" beschrieb Anna M. Karpenko im Jahre 2008 am Beispiel des Kaliningrader Gebietes den Jahrzehnte andauernden, aber nur wenig erfolgreichen Versuch der "Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses der neuen Bewohner der Region, der Umsiedler". Als "zentrales Element des offiziellen Diskurses" habe die Bezugnahme auf das Ende des Zweiten Weltkrieges als Beginn der Geschichte der Region gedient, schreibt sie. Die deutsche Vorgeschichte sei "vergessen oder zielgerichtet zerstört" worden. Allerdings sei diesem "Projekt" bestenfalls ein Teilerfolg beschieden gewesen. Die Lebenswirklichkeit "im Kontext einer 'fremden Kultur', in erster Linie die materiellen Lebensbedingungen", habe "die Suggestivkraft des offiziellen Diskurses begrenzt".[4] In der postsowjetischen Periode sei dann die Debatte über die Herausbildung der "Kaliningrader als Gruppe" zusammen mit der Negierung oder Bestätigung einer "Kaliningrader Eigenheit" durch "innere Experten" zu einem wichtigen Teil des regionalen politisch-kommunikativen Prozesses geworden.

Der von Karpenko analysierte Diskurs, das sollte nicht vergessen werden, fand zu Sowjetzeiten in einem politischen System statt, das Meinungsfreiheit nicht kannte. Totalitäre Herrschaft praktizierte stattdessen in ausgesprochen sensiblen Bereichen die sattsam bekannten "gelenkten" bzw. "verordneten" öffentlichen Debatten. In der postsowjetischen Ära wird dieser Diskurs in einer Gesellschaft geführt, die den Umgang mit der Meinungsfreiheit erst mühsam erlernen muss.

Das erfuhren auch Studenten der Europa-Universität Viadrina, die in einem Oral-History-Seminar im Sommersemester 2005 Erfahrungen zur transnationalen Geschichte Kaliningrads sammelten. Das "offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion" sei unübersehbar "von entscheidender Bedeutung für die Erinnerung von Zeitzeugen", so das Fazit der vier Autoren. Auf Beispiele für Zensur und Selbstzensur stießen sie in den Redaktionen von Tageszeitungen. "Es gibt Sachverhalte über welche ich nie in meiner Zeitung schreiben werden darf", erklärte ihnen ein Journalist.[5] Christian Timm, studentischer Analyst der 750-Jahrfeier, attestiert der gegenwärtigen Geschichtspolitik und lokalen Identität der Stadt, dass sich hier noch "das sowjetische Kaliningrad und das preußisch-deutsche Königsberg in ihrer Symbolkraft gegenüber" stehen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche intensiviert gegenwärtig ihre Bemühungen, das zu ändern. Mit rechtstaatlich bedenklichen Methoden ist sie drauf und dran, die deutsche Vorgeschichte im Bereich der Sakralbauten weitestgehend auszulöschen.[6]

Singularitäten und Invarianten

Bei der Suche nach einem Weg, die ideologisch aufgeladene Debatte um die deutsche Vergangenheit der Region zu entkrampfen und zu versachlichen, könnte ein Perspektivwechsel hilfreich sein. Es gibt gute Gründe dafür, die Entstehung der heute als Exklave Russlands existierenden "Kaliningradskaja Oblast'" mit dem früheren Königsberg als wirtschaftlichem und politischem Zentrum als eine Singularität in der Geschichtlichkeit zu begreifen. Vertreibungen im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen haben in der Menschheitsgeschichte schon oft stattgefunden. Das Einmalige und Beispiellose der Vertreibung der Deutschen besteht zum einen in der enormen Anzahl von Betroffenen, zum anderen aber auch in der Rigorosität ihrer Umsetzung – mit dem Ergebnis des kompletten Austauschs der Bevölkerung in der betrachteten Region. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands führte darüber hinaus zur Ablösung der totalitären nationalsozialistischen Herrschaft durch die nicht minder totalitäre Sowjetdiktatur. Die Vertreibung der Deutschen ging deshalb mit einem ebenso kompletten Austausch von Herrschern und Beherrschten einher. Auf dieses Moment wies auch schon Ruth Kibelka besonders hin.[7] Die drei genannten Eigenschaften – Anzahl der Betroffenen, kompletter Austausch der Bevölkerung, Wechsel der Totalitarismen – und die hohe Geschwindigkeit der Umwandlung einer ganzen Region lassen es gerechtfertigt erscheinen, von einer Singularität in der Geschichtlichkeit zu sprechen. Aus den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik, ist bekannt, dass in der unmittelbaren Umgebung von Singularitäten die gültigen Theorien versagen. Warum sollte es nicht auch bei einer Singularität in der Geschichtlichkeit durch einen Wechsel der Perspektive neue Antworten auf alte Fragen geben?

Dieser Perspektivwechsel besteht in der Abkehr von der Konzentration auf die Details eines hoch komplexen und sehr dynamischen Prozesses zugunsten einer Analyse, die gerade das in den Blick nimmt, was sich nicht verändert. Dieses Unveränderliche in einem Umbruchprozess soll im Weiteren als "Invariante" bezeichnet werden. Einige Beispiele für solche Invarianten des betrachteten historischen Ereignisses sind die Landschaft, die Infrastruktur, Industrie und Landwirtschaft sowie Architektur und Denkmale. Die Landschaft wird für die weiteren Überlegungen keine Rolle spielen. Die im Weiteren zu betrachtenden Invarianten stellen ausschließlich materialisierte Ergebnisse menschlichen Handelns dar, die sich auf zweierlei Weise systematisieren lassen – zum einen durch die Art der Aneignung, nämlich durch Gebrauch oder Wahrnehmung, und zum anderen durch die Reichweite, nämlich auf das Individuum oder in die Gesellschaft wirkend.

Wirkten die hier als Invarianten bezeichneten Reste deutscher Kultur auf nachweisbare Art und Weise auf die sowjetischen Neusiedler? Lässt sich diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten, so folgen daraus unmittelbar zumindest zwei weitere Fragen. Zum einen gilt es zu klären, auf welche Weise welche Invarianten den einzelnen Bürger und die Gesellschaft prägten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Wirkungsmächtigkeit dieser Invarianten ausreichte, um die Entwicklung der Region nachhaltig zu beeinflussen. Das schließt die Frage ein, ob sich die Etablierung der totalitären stalinistischen Diktatur im "Neuland" tatsächlich im Selbstlauf vollzog, schließlich waren die Neusiedler bereits in einem totalitären System sozialisiert worden. Oder standen der Ausformung der Strukturen und Institutionen kommunistischer Herrschaft im ehemaligen Ostpreußen möglicherweise besondere Schwierigkeiten entgegen, die zu signifikanten Unterschieden im Vergleich zur Russischen Föderation führten? Letzteres mag auf den ersten Blick durchaus als eine allenfalls theoretische und für das zentrale Thema zweitrangige Fragestellung erscheinen. Sie zumindest im Hinterkopf zu haben, erscheint jedoch keineswegs als überflüssig. Nicht zuletzt ließe es sich auf empirischem Wege klären, ob die eingangs zitierte These von Jurij Kostjašov zutrifft, dass nicht nur die Herrschenden, sondern auch die Beherrschten das "deutsche historisch-kulturelle Erbe ablehnten".

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei angemerkt, dass eine Konzentration der Fragestellung auf die Wirkung von Invarianten die etwa 130.000 Deutschen unberücksichtigt lässt, die nach Kriegsende im Kaliningrader Gebiet verblieben waren und die allein durch ihre Existenz sowie durch ihre Haltung in Alltag und Beruf bis zu ihrer Abschiebung im Jahre 1948 die Neusiedler ebenfalls beeinflussten.

Das Oral-History-Projekt



Grundsätzlich bietet sich für die empirische Forschung zur Wirkung von Invarianten das Instrumentarium der Oral-History an. Das eingangs erwähnte und von Kostjašov geleitete Oral-History-Projekt ist erkennbar nicht nur von dem professionellen Interesse an einer Umbruchsituation von großer Tragweite geleitet, sondern stellt auch den Versuch einer Heroisierung der ersten Generation von Neusiedlern dar. Im Rahmen dieses Anfang der 1990er-Jahre durchführten Projekts wurden 320 Neusiedler befragt, die zwischen 1945 und 1950 in das Kaliningrader Gebiet gekommen waren. Die Interviews wurden verschriftet und archiviert, der Umfang der Transkripte beträgt ca. 2.500 Seiten. 1999 wurden erstmals Ergebnisse dieser Befragungen durch Eckhard Matthes veröffentlicht.[8]

Wenngleich die Fragestellungen dieses Projekts nicht auf die Wirkung der Reste deutscher Kultur auf die Entwicklung der Gesellschaft der Neusiedler gerichtet waren, erwies sich eine Durchsicht dieses Materials im Staatlichen Archiv des Kaliningrader Gebiets im Sommer 2010 als durchaus lohnend. Im narrativen Teil dieser Interviews wurden auch Fragen nach dem Verhältnis der Neusiedler zu den bis 1948 noch geduldeten Deutschen gestellt. Allerdings ist für die hier zu verhandelnde Problemstellung lediglich eine quantitative Auswertung im Sinne einer Ja-Nein-Entscheidung möglich, keine tiefer lotende Analyse. Für einen systematischen oder gar theoriegeleiteten Zugriff erweisen sich diese Interviews aufgrund einer ganzen Reihe von methodischen Gründen als wenig geeignet.

Zum einen wurden sie von mehreren Wissenschaftlern als rein narrative Interviews geführt, wobei allerdings ein abgestimmtes Vorgehen mit im Wesentlichen gleichen Fragen durchaus zu erkennen ist. Ein einheitlicher Fragespiegel mit exakt den gleichen Fragen an alle Probanden indes existierte nicht. Zum anderen, und das erwies sich für die Fragestellung dieses Beitrages als besonders nachteilig, gelang es in vielen Fällen nicht, die Befragten im sozialen Netzwerk der Gesellschaft zu verorten. Angaben zur Herkunft, zu Berufs- und Bildungswegen, ausgeübter Tätigkeit und Karriereverlauf sowie zu den Wohn- und Lebensverhältnissen fehlten in vielen Fällen vollkommen bzw. erwiesen sich als unzureichend. Aufschlussreich sind jedoch die ersten Eindrücke der Neusiedler, in denen oft genau das eine zentrale Rolle spielte, was hier "Invariante" genannt wird.

Eigene Ergebnisse

Es wurden etwa 240 Interviews gesichtet.[9] In 46 dieser Interviews gab es themenrelevante Passagen. Invarianten im Sinne dieses Projekts wurden in 28 Interviews expressis verbis angesprochen und in die nachfolgende Matrix eingeordnet. Auf eine tiefer lotende Analyse der relevanten Interviews wurde wegen der bereits genannten Probleme verzichtet.

Matrix der Invarianten
(in Klammern die Anzahl der Nennungen)
AneignungGebrauchWahrnehmung
Reichweite
IndiviuumWohnungen und Mobiliar (3)
Haushaltsgeräte (2)
Haushaltsgeschirr (1)
Brunnen (1)
Werkzeug (1)
Stallungen, Koppeln (1)
Krankenhäuser (3)
Friedhöfe (2)
Kirchen (1)
Höfe (1)
Vorgärten (2)
ÖffentlichkeitStraßen und Wege (7)
Straßenbahn (1)
Kanalisation (1)
Architektur (12)
Denkmale (7)
Schloss (2)
Dom (2)
Hafen (1)
Melioration (1)
Wald (1)


Sieben Beispiele sollen zeigen, wie sich die Befragten in den Interviews an ihre erste Begegnung mit der neuen Heimat und mit den Resten einer fremden Kultur erinnerten.

1. Die Finanzökonomin Anna A. Kopilova kam 1950 in das Kaliningrader Gebiet und zeigte sich bei ihrer Ankunft von der Architektur der Bauwerke besonders beeindruckt: "All das war interessant, unbekannt und beeindruckend". Geradezu euphorisch schilderte sie ihre erste Begegnung mit dem

Rückbesinnung heute: Ostseeband Cranz im ehemaligen Ostpreußen, Region Kaliningrad. (© Gerhard Barkleit)

Ostseebad Cranz: "Welche Schönheit! Was für eine Luft!" Die Häuser beschrieb sie als außergewöhnlich, vor allem wegen der Fußwege, die zu ihnen führten, und der Vorgärten, die sie umgaben. "Wir verliebten uns in jedes Haus", fasste sie ihre Eindrücke zusammen.[10]

2. Auf die Frage, ob es eine Kirche gab, antwortete der 1947 gekommene Landwirt und spätere Hauptagronom Afanasij S. Ladynin mit seiner Erinnerung an die ihm unbekannte Ostertradition des Glockenläutens. Als es mittags "um 12 Uhr läutete, dachten wir, es brennt". In der Kirche habe es viele Ikonen und einen Altar gegeben. Sie wurde dann "außer Betrieb genommen und die Religion verboten".[11]

3. Nach seinem Verhältnis zu den "Denkmalen der Vergangenheit, der Kultur und Architektur" befragt, antwortete der 1947 in das ehemalige Haselberg gekommene Militär und Parteifunktionär Jurij M. Fedenevoj, dass ihm die deutsche Architektur gleichgültig gewesen sei. Am Wiederaufbau der zerstörten Häuser sei niemand interessiert gewesen, zumal es auch keinerlei Ressourcen dafür gegeben habe. Außerdem fielen ihm zu dieser Frage die noch von den Deutschen errichteten Denkmale russischer Soldaten zur Erinnerung an die Kriege von 1813 und 1914 sowie die Friedhöfe ein. Die Wohnungen der Umsiedler "seien komplett mit deutschem Inventar ausgestattet gewesen – Möbel, Geschirr und teilweise auch die Kleidung", kann er sich erinnern.[12]

4. Der 1945 nach Kaliningrad gekommene Lehrer Petr J. Nebicovyi ging in seinem 30-seitigen Interview auf eine Reihe der hier Invarianten genannten Gegenstände aus den Bereichen Infrastruktur und Denkmale ein. Auf die Frage, in welchem Zustand sich die Straßen befanden, antwortete er, dass dort, wo es keine Kämpfe gegeben habe,

Das Wohn- und Geschäftshaus "Hirsch" in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg: ein eindrucksvolles Beispiel für eine Invariante. (© Gerhard Barkleit)

"die Straßen in einem ausgezeichneten Zustand" gewesen seien. Besonders beeindruckten ihn damals offensichtlich die in Deutschland überall anzutreffenden Privatwege. Es habe "sehr viele private Wege" gegeben, die "nicht sehr groß" gewesen seien und "zu einzelnen Gebäuden oder einzelnen Siedlungen sowie abgelegenen Gehöften" führten.[13]

Er klagte darüber, dass die Wälder heute nicht mehr in dem vorbildlichen Zustand seien, wie es bei den Deutschen die Regel war. Darüber hinaus, so stellte er bedauernd fest, sage man wohl zu Unrecht, dass Kaliningrad eine Stadt der Gärten sei. Während die Deutschen Grünanlagen anlegten, "legten wir unlängst sogar die Axt an die Gärten" und holzten ab.[14] Zu den Denkmalen der deutschen Architektur zählte Nebicovyi auch die Friedhöfe, denen die Deutschen große Aufmerksamkeit schenkten und die in einem ausgezeichneten Zustand gewesen seien. Weiterhin nannte er ein Bismarck-Denkmal und eines für Kaiser Wilhelm als Beispiele dafür, dass deutsche "Helden" durch sowjetische ersetzt worden seien, sowie das Friedländer und das Brandenburger Tor.[15]

6. Nikolaj I. Čudinov, seit 1945 im Kaliningrader Gebiet und nach seiner Militärzeit in der Landwirtschaft tätig, erwähnte vor allem landwirtschaftliches Gerät der Deutschen, wie Pflüge und Eggen, die jedoch vor allem von Litauern sofort in Besitz genommen worden seien. In den deutschen Wohnungen seien ihm besonders die Gardinen an den Fenstern aufgefallen, so genannte Stores, die beiseite geschoben werden konnten. Obwohl "alles für uns ungewohnt war", scheinen ihm die Betten am meisten imponiert zu haben: "Das Bett war so, dass man sowohl längs, als auch quer darin liegen konnte", erinnerte er sich. Andererseits sei es sehr niedrig gewesen: "Bei uns braucht man ja fast eine Leiter, um sich schlafen zu legen."[16]

6. Alevtina V. Zeloval'nikova, eine seit 1947 in Kaliningrad lebende Lehrerin und Komsomolfunktionärin, ging in ihrem Interview ganz systematisch auf das ein, was hier als Invarianten bezeichnet wird. Als Erstes betonte sie, dass "die Stadt sehr sauber" war und sie von den gepflasterten Gehwegen besonders beeindruckt gewesen sei, auf denen sich keine Pfützen bildeten. Ihre Unzufriedenheit mit dem Zustand von Sauberkeit und Ordnung in Kaliningrad brachte sie mit einem Witz auf den Punkt, der "nicht von ungefähr" eines Tages in Umlauf gebracht worden sei und sich in freier Übersetzung etwa so erzählen lässt: Die Deutschen drohten mit der Rücknahme von Königsberg. Die Russen reagierten recht gelassen und konterten, dass sie ohne Weiteres in der Lage seien, nach Königsberg auch aus Berlin eine Stadt zu machen, die man nicht mehr wieder erkennt. Das Zweite, woran sie sich erinnere, seien die Blumen: "Die ganze Stadt versank in Blumen. Jedes Haus besaß einen Vorgarten mit Blumen und Ziersträuchern. […] Man kann sagen, dass jeder dieser Vorgärten ein kleines Kunstwerk war." Als Drittes habe sie der Umstand beeindruckt, dass sie im ganzen Kaliningrader Gebiet nicht ein einziges Holzhaus gesehen habe.

Die pädagogische Direktorin der Schule, an der sie als Lehrerin arbeitete, habe sich "zusammen mit ihrem Mann in einer zweistöckigen deutschen Villa niedergelassen, deren Ausstattung noch komplett vorhanden war". Das dort vorgefundene Kristall und andere hochwertige Gebrauchsgegenstände haben sie in den ersten Nachkriegsjahren verkaufen und mit dem Erlös Lebensmittel erwerben können.[17]

7. Vladimir D. Fomin, 1946 in das Kaliningrader Gebiet gekommen und als Abteilungsleiter in der Bernsteinfabrik "Jantar" tätig, betonte die Schönheit der Stadt Königsberg und erinnerte sich insbesondere an die zahlreichen Denkmale – Skulpturen aus Bronze – sowie großflächige Reliefs. Es sei "nicht nötig" gewesen, "die deutschen Denkmale abzutragen", betonte er.[18]

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Die Durchsicht der Unterlagen des Oral-History-Projekts der Kaliningrader Staatlichen Universität in den 1990er-Jahren lieferte mehr als nur Indizien für die mittelbare und unmittelbare Wirkung der Reste deutscher Kultur (Invarianten) sowohl auf den Einzelnen, als auch auf die Gesellschaft der Neusiedler im ehemaligen Ostpreußen. Darüber hinaus zeigte es sich, dass die von Jruij Kostjašov behauptete "Ablehnung" des deutschen historisch-kulturellen Erbes sich durch die Aussagen der Neusiedler nicht belegen lässt. Nicht selten brachten die Interviewten ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, damals so viel "Deutsches" einfach zerstört worden sei.

So lassen die 240 ausgewerteten Interviews bestenfalls den Schluss zu, dass die Ankommenden nicht in der Lage waren, dieses Erbe "anzunehmen". Welchen Anteil daran die massive Indoktrination der Herrschenden in einem totalitären System und welchen die Scheu der Beherrschten vor einer fremden Kultur hatte, sollte von Vorurteilen freie Forschung heute klären können. Zumindest in Deutschland gibt es ja inzwischen "eine neue Generation der Enkel, die mit frischem, unverkrampftem Blick nach Osten schaut", wie die Herausgeber des bereits erwähnten Sammelbandes "Die Deutschen im Osten Europas" feststellen.[19]

Es erscheint daher sinnvoll, im Kaliningrader Gebiet eine professionelle Befragung von Neusiedlern und deren Nachkommen durchzuführen, auch wenn die Nachwirkungen totalitärer Indoktrination noch immer die Erinnerungen von Zeitzeugen prägen. Darüber hinaus sollten anhand von ausgewählten Invarianten mit hoher Symbolkraft, wie zum Beispiel dem Schloss, Methoden und Argumentationsweisen von Partei und Administration bei der Zerstörung und Verdrängung der Reste deutscher Kultur auf der Grundlage überlieferter schriftlicher Quellen analysiert und deren Langzeitwirkung untersucht werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Aleksandr Popadin, Kaliningradec: problema identičnosti [Kaliningrader: Identitätsprobleme], in: Zapad Rossii 2 (1994), S. 106–116.
2.
Jurij Kostjašov, Am Schnittpunkt dreier Welten, Ostpreußen: Zankapfel der Völker, in: Adrian von Arburg u. a., Als die Deutschen weg waren. Was nach der Vertreibung geschah: Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland, Berlin 2005, S. 303. Das Folgende ebd., S. 309.
3.
Vgl. Evgenij Ju. Vinokurov, Kaliningradu dolžno byt’ vozvraŝeno ego preŝnee nazvanie – Kënigsberg [Kaliningrad muss seinen früheren Namen zurückerhalten – Königsberg], in: Baltijskie issledovanija [Baltische Forschungen]. National’nye u religioznye men’šinstva v Baltijskom regione, Bd. 2, Kaliningrad 2004, S. 89–93.
4.
Anna M. Karpenko, Avtoreferat dissertacii na soiskanie učenoj stepeni kandidata političeskih nauk [Thesen zur Dissertation rer. pol.], Moskau 2008. – D. Vf. dankt Anna Karpenko für die Überlassung der Thesen ihrer Dissertation.
5.
Raphael Jung u. a., »Das ist eine heikle Frage …«. Die Nachkriegszeit Kaliningrads im Gedächtnis von Zeitzeugen und Öffentlichkeit, Beitrag auf dem trilateralen Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads, EUV Frankfurt (O.) 2005.
6.
Vgl. Christian Neef, »Wir leben unseren Traum«, in: Annette Großbongardt u. a. (Hg.), Die Deutschen im Osten Europas. Eroberer, Siedler, Vertriebene, München 2011, S. 94–105.
7.
Vgl. Ruth Kibelka, Ostpreußens Schicksalsjahre 1944–1948, Berlin 2001, S. 22.
8.
Eckhard Matthes (Hg.), Als Russe in Ostpreußen. Sowjetische Umsiedler über ihren Neubeginn in Königsberg/Kaliningrad nach 1945, Ostfildern 1999.
9.
Gosudarstvennyj arhiv Kaliningradskoj oblasti [Staatsarchiv der Region Kaliningrad], fond 1191, tom 1/10, str. 102.
10.
Ebd., t. 1/12, str. 54.
11.
Ebd., t. 1/12, str. 54.
12.
Ebd., t. 1/2, str. 47f u. 41.
13.
Ebd., t. 1/11,str. 24f.
14.
Ebd., t. 1/11, str. 27.
15.
Ebd., t. 1/11, str. 28.
16.
Ebd., t. 1/8, str. 23.
17.
Ebd., t. 1/2 str. 64 f.
18.
Ebd., t. 1/16, str. 31 f.
19.
Großbongardt u. a. (Anm. 6), S. 12.

Gerhard Barkleit

Der Autor

Gerhard Barkleit

Dr. rer. nat., Physiker, vorm. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden.


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