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counter 20.9.2012

Sprache – Dichtung – Leben

Der 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter wurde in diesem Jahr nicht einmal in seiner brandenburgischen Heimat so gefeiert, wie es vor kurzem noch für ganz Deutschland zu erwarten war. Eine Besprechung jüngst erschienener Publikationen zu dem Schriftsteller, zu Jürgen Fuchs und zur deutschen Sprache.



I.



Der 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter (1912–1994) wurde in diesem Jahr nicht einmal in seiner brandenburgischen Heimat so gefeiert, wie es vor kurzem noch für ganz Deutschland zu erwarten war. Seit Werner Lierschs Recherchen über Strittmatters Zugehörigkeit zum SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment Nr. 18, das in Osteuropa am nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungskrieg, vor allem am blutigen "Partisanenkampf" in Slowenien und in Griechenland, beteiligt war,[1] ist das Bild des Schriftstellers ins Wanken geraten. Die neuen Erkenntnisse, die weitere Forschungen und heftige Gegenwehr[2] hervorriefen, standen in scharfem Kontrast zu dem Bild, das man sich bislang aus Strittmatters literarischem Werk und aus seinen autobiographischen Äußerungen über seine Kriegserlebnisse gemacht hatte: das Bild eines Antimilitaristen, der keinen Schuss abgegeben und sich vor Kriegsende als Deserteur abgesetzt habe.

Diesem Kontext verdankt das "Strittmatter-Jahr" nicht nur seine besondere Beschattung, sondern zugleich einen Büchertisch, wie er auch zu einem glücklicheren Geburtstag gepasst hätte. Nach der schon 2010 kurz vor ihrem Tod erschienen Gesprächs-Biographie von Eva Strittmatter[3] verdienen drei neue Publikationen besondere Aufmerksamkeit: Annette Leo macht in ihrer Biographie die aktive Beteiligung Strittmatters an militärischen Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung in der Oberkrain glaubhaft. Zugleich zeigt sie uns den jungen Strittmatter als einen verunsicherten Sohn, der bei Kriegsbeginn 1939/40 fast alles tat, um sich zu beweisen, und dafür sogar in die SS eintreten wollte. Das Bild der gespaltenen Persönlichkeit ist auch der wichtigste Eindruck, den man aus der Lektüre seiner – von der Herausgeberin Almut Giesecke vielfach gekürzten Tagebücher – aus den Jahren 1954–1973 gewinnt. Und schließlich gehen ebenso die zahlreichen klugen Beiträge eines von Carsten Gansel und Matthias Braun herausgegebenen Sammelbands über Strittmatters Werk und Biographie keineswegs in einer glatten Summe auf, bleiben Licht und Schatten und die Frage: Wer war Strittmatter?

Vor zehn Jahren wäre die Antwort viel leichter gefallen. Damals stand Erwin Strittmatter durch die TV-Verfilmung seines Romans "Der Laden" (1998) im Zenit gesamtdeutscher Anerkennung. Ein breites Werk forderte Respekt: die beiden Romantrilogien "Der Wundertäter" (1957–1980) und "Der Laden" (1983–1992) mit zusammen fast 3.000 Druckseiten, weitere Romane und Dramen, kürzere Prosatexte, Tagebuch- und Kalendergeschichten, etliche Kinder- und Tierbücher nicht zu vergessen. In seinem Heimatort Bohsdorf war seit 1999 der historische "Laden" als Gedenkstätte zugänglich (vgl. dazu die vorzügliche Studie von Anna Rebecca Hoffmann bei Gansel/Braun), in Spremberg waren eine Straße und das Gymnasium nach ihm benannt. Drei Generationen ostdeutscher Leser waren mit ihm vertraut, der schon mit seinem "Ochsenkutscher" (1950), dem von Bertolt Brecht geförderten Stück "Katzgraben" (1953) sowie dem zwischen Kinderbuch und Aufbauroman changierenden "Tinko" (1954) in die erste Liga der DDR-Literatur gestürmt war. Strittmatter wirkte trotz etlicher Auszeichnungen weder als abgehobener Intellektueller noch als Partei-Dichter, sondern als ein Mann mit gut sozialistischer Bodenhaftung, der, seit 1954 meist auf seinem abgelegenen Vorwerk Schulzenhof lebend, als Pferdezüchter mehr vom wirklichen Leben verstand als die anderen Dichter auf dem "Bitterfelder Weg". Sein wichtigster Roman "Ole Bienkopp" über die Etappen der Kollektivierung auf dem Lande galt daher als besonders glaubwürdig. Ein reger Briefwechsel, über den er freilich in vielen Tagebucheinträgen als ungeliebte Last stöhnt, machte ihn vielen Lesern fast zum persönlichen Freund. Seine Frau Eva Strittmatter wusste dies Image durch die Edition der "Briefe aus Schulzenhof" (1977ff) noch zu popularisieren.

Vor zehn Jahren wusste man zwar auch schon, dass Strittmatter um 1960 herum kurz mit dem Staatssicherheitsdienst kooperiert hatte und in dieser Zeit als Sekretär des Schriftstellerverbands für ein Jahr ein richtiger Kulturfunktionär gewesen war. Aber Strittmatter war für viele Ostdeutsche vielleicht gerade wegen solcher Brüche einer der ihren, der die DDR immer als sein Land und das bessere Deutschland betrachtet hatte, und nie auf die Idee gekommen wäre, im Westen zu publizieren, was übrigens – wie man einem Beitrag von Carsten Gansel in seinem Sammelband entnehmen kann – von den Mächtigen stets ins Kalkül gezogen wurde.

Kurz: Erwin Strittmatter stand für die Möglichkeit eines Lebens in der Diktatur, das durch Distanz und Eigensinn moralische Autonomie verkörperte. Und er galt als jemand, der aus den Erfahrungen von Faschismus, Krieg und Vernichtung, die richtige sozialistische, antifaschistische und antimilitaristische Konsequenz gezogen hatte.

II.



Martin Hermann, Henning Pietzsch (Hg.): DDR-Literatur zwischen Anpassung und Widerspruch (© IKS Garamond)

Damit wäre auch ein anderer Dichter aus der DDR in seinen jungen Jahren einverstanden gewesen, der gleichwohl eine Gegenposition zum Typus des Literaten Strittmatter entwickeln sollte: Jürgen Fuchs. Um ihn ist es still geworden nach seinem Leukämie-Tod im Mai 1999, noch vor dem 49. Geburtstag. Etliche seiner Texte sind sogar vom Buchmarkt verschwunden. Umso erfreulicher, dass die Geschichtswerkstatt Jena und das Collegium Europaeum der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität, die Fuchs 1975 mitten im Diplomexamen seines Psychologiestudiums exmatrikuliert hatte, im November 2010 ein Seminar zu seinen Ehren durchführte. Es sollte mehr als eine persönliche Würdigung zum 60. Geburtstag sein, wie der Titel des Tagungsbands zeigt, denn er formuliert eine Antinomie: "DDR-Literatur zwischen Anpassung und Widerstand". Ob der Erinnerung an Fuchs mit diesem weitgesteckten Thema wirklich gedient war, darüber mag man freilich streiten. Udo Scheer, der 2007 eine umfassende Biographie seines Freundes vorlegte, erwähnt in seinem Beitrag die böse Klassifizierung, die etwa Günter Gaus vorgenommen hatte. Gaus sprach mit Blick auch auf Fuchs von den "schwach begabten Literaten" (98), die sich der Aufarbeitung von SED- und Stasi-Geschichte zuwandten, um dort die Anerkennung zu finden, die ihnen für ihr literarisches Werk nicht zuteil wurde. Zielten in diese Richtung nicht auch die meisten Reaktionen auf Fuchs' letzten großen Text, den Roman "Magdalena"?

Und in der Tat: Beim Durchblättern des schmalen Sammelbands findet man nur einen Beitrag, der den Dichter Jürgen Fuchs ins Zentrum stellt. Gewiss, Wolfgang Emmerich bietet eine gewohnt souveräne Entfaltung der Problematik von Anpassung und Widerspruch in der DDR-Literatur. Wieder sind es die reformsozialistischen Autoren, an deren Positionen Emmerich dies erörtert, diesmal mit einem Akzent auf Stefan Heym. Ausgehend von der "Loyalitätsfalle" des antifaschistischen Dogmas, das Eingliederung ermöglichte wie Unterwerfung erzwang, über eine selbstbewusste Adaption des Marxismus und die Orientierung an Outcasts der deutschen Literatur (Friedrich Hölderlin, Georg Büchner usw.) führte diese Linie fortwährend zu Annäherungen und Abstoßungen. Emmerich arbeitet heraus, dass Fuchs an der Spitze der Generation stand, die mit diesem krummen Weg brach, auch wenn selbst er noch von reformsozialistischen Idealen ausgegangen war. Zwar wird dies stärker als intellektueller Denkprozess denn als künstlerische Werkentwicklung beschrieben, aber immerhin wird Fuchs in seiner mentalitäts- und geistesgeschichtlichen Rolle profiliert.

Nur Stichwortgeber ist er in anderen Beiträgen. Mitherausgeber Henning Pietzsch nimmt das Nachdenken über Jürgen Fuchs zum Anlass einer neuerlichen Generalrevision der DDR-Literatur, die er mit etwas schwacher Empirie auffächert, aber auch mit dem bemerkenswerten Hinweis, dass auch die ostdeutschen Rechtsradikalen aus dem deutschem Literaturstreit Wasser auf ihre Mühlen zu lenken wussten; ein dem antitotalitären Denker Fuchs angemessener Gedanke. Ines Geipel steuert schließlich eine Blütenlese von Biographien, Prosa und Lyrik aus ihrem gemeinsam mit Joachim Walther erarbeiteten Archiv der unterdrückten DDR-Literatur, der "Verschwiegenen Bibliothek"[4] bei, die sie als die "Die Unerhörten" präsentiert. Fuchs hatte das verdienstvolle Archiv-Projekt noch nachdrücklich begrüßt. Aber ob diese um Ich-Expression bemühten Texte das Bild von der DDR-Literatur nachhaltig verändern? Sie bezeugen respektheischende Biographien im Widerspruch, ihre literarische Kraft und Eigenständigkeit wird von Geipel indes eher mit Enthusiasmus behauptet als analytisch belegt.

So bleibt es der Leipziger Sprachwissenschaftlerin Ulla Fix vorbehalten, in einem Vergleich von Jürgen Fuchs und Autoren des Prenzlauer Bergs Potenziale widerständiger Sprache in der DDR-Literatur zu analysieren. Die scheinbare Kunstlosigkeit der Texte von Fuchs erweist sich als Teil eines sowohl moralischen wie ästhetischen Projekts: Aufmerksamkeit und "Erschrecken über die eigene Sprache" (80). In weitem Bogen von den "Vernehmungsprotokollen" bis zu "Magdalena" zeigt Fix das Streben nach Genauigkeit und Durchsichtigkeit seiner Sprache, die Verweigerung von Metaphorik als Festhalten an den Wahrheiten sprachlicher Kargheit. Neben den herausragenden Moralisten, den politisch-historischen Aufklärer und streitlustigen Kämpfer tritt so der sprachbewusste Dichter Jürgen Fuchs. Gerade weil eine Persönlichkeit seiner Gradlinigkeit unserer Zeit so sehr fehlt, bleiben seine Texte wichtig für die Zukunft, nicht nur als historische Dokumente, sondern auch als künstlerische Modelle der Auseinandersetzung mit Diktaturen.

III.



Ulrich Weißgerber: Giftige Worte der SED-Diktatur (© LIT)

Das Thema der politisierten Sprache kann man, sensibilisiert durch Jürgen Fuchs, in dem nützlichen Lexikon von Ulrich Weißgerber vertiefen, der 128 "Giftige Worte der SED-Diktatur" zusammengetragen hat, um "Sprache als Instrument von Machtausübung und Ausgrenzung in der SBZ und der DDR" zu beschreiben. Im Mittelpunkt stehen Substantive von "Abseitsstehende" bis "Zionismus", aber auch eine Reihe von Adjektiven bzw. adverbial gebrauchten Partizipien findet sich. Es fällt auf, dass die Begriffe zum großen Teil aus dem Bereich von Kultur und Ideologie stammen, sozialistische Abweichungen ("Brandleristen", "Trotzkismus" usw.) oder kulturelle Verirrungen ("Abstraktionismus", "Formalismus") geißeln. Aus Spezialregistern wie etwa der Sprache der Staatssicherheit, der Ökonomie und der Wissenschaft stammen weitere Wortgruppen.

Alle Artikel sind gleichmäßig aufgebaut. Auf drei Kopfzeilen, wo als "Subjekt" die Sprecher bezeichnet sind, die den Begriff geprägt haben bzw. ihn verwenden (meist die SED), ferner das "Objekt", also das Bezeichnete, und die hauptsächliche Verwendungszeit des Begriffs benannt werden, folgt eine kurze Begriffserläuterung, "Etymologie" genannt. Sie geht meist von einer allgemeinen Definition zur politischen Sprache der DDR über. Dann folgen gelegentlich Angaben zur Begriffsgeschichte, zum Beispiel wenn das Wort in der Sowjetunion geprägt wurde. Die "Anwendung des Begriffs in der DDR" steht im Mittelpunkt und wird systematisch erläutert. Freilich sollten die straffen Gliederungspunkte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verfasser gelegentlich vom Thema abschweift, etwa vom "Konstruktivismus"-Verdikt der 1950er-Jahre zur Versorgung der Wandlitzer Politbürosiedlung mit Westprodukten zu sprechen kommt. (174f) Doch folgt auf diese Erläuterungen meist ein weiterer Abschnitt, für den besonders zu danken ist: ausführliche Textbelege für die Verwendung der Begriffe, gelegentlich auch eine Fallgeschichte zu einem Wort – etwa erschütternde Beispiele dafür, was in der DDR als "Spionage" gelten konnte. Hier ist die mehr historisch-politische denn sprachwissenschaftliche Intention des Verfassers mit Händen zu greifen. Eine Vielzahl der Begriffe und der sie erläuternden Belege fundieren in den Jahren des Kalten Kriegs und des Stalinismus. Vielleicht wäre zu fragen, ob die Wortgeschichten daher nicht stärker auf mögliche Nuancierungen im Laufe der DDR hätten ausgerichtet sein können. Das ein wenig aufdringliche, leserfreundlich gemeinte Layout mit viel Fettdruck und Verweisungen lässt den erhobenen Zeigefinger spüren. Aber der Respekt vor der Recherche überwiegt: Ulrich Weißgerber leistet Diktaturaufarbeitung im Format der Sprachanalyse so vielgestaltig, dass nicht nur Einsteiger wertvolles Quellenmaterial an die Hand bekommen.

IV.



Utz Maas: Was ist deutsch? (© Fink)

Reiches Material für ein weit komplexeres Thema verspricht beim Durchblättern ebenso eine neue Gesamtdarstellung zur "Entwicklung der sprachlichen Verhältnisse in Deutschland". Tabellen, Grafiken, Übersichten und eine Fülle von Bild- und Textreproduktionen deuten auf eine anschauliche Lektüre. Doch der Osnabrücker Linguist Utz Maas geht an seine Leitfrage "Was ist Deutsch?" nicht in lockerer Breite, wie es 2006 eine gleichnamige Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg versuchte, sondern mit politischer Spitze. Maas greift in die Debatte um Migration, sprachliche Homogenität und Leitkultur ein mit seiner These, dass das Deutsche eine Imagination sei: "Deutsch ist eine imaginäre, aber regulative Größe" (503), nämlich die Hoch- und Schriftsprache, die sich neben vielen Varietäten und stets in mehrsprachiger Umgebung sowie in laufender "Spracharbeit" zwischen familiärer Praxis und anderen Sprachregistern bildet.

Sprache ist also kein Organismus mit einer gewachsenen, gar natürlichen Gestalt. Daher entfaltet Maas keine Sprachgeschichte in linearer Abfolge, sondern bürstet die Geschichte gegen den Strich. Er beginnt mit einer 1945 einsetzenden "Gegenwart" und fügt dann zurückschreitend acht weitere Blöcke an, einige Lücken nicht scheuend: 1945–1871, 1871–1750, 1750–1630, 1620–1520, 1520–1350, 1350–1100, 1000–750, vor 750. Der erste Block bietet auf knappem Raum eine Strukturbestimmung des Hochdeutschen in Lautung, Morphologie, Syntax, Lexikon und Orthographie. Zudem diskutiert er das Problem der Anredeformen (Du/Sie) als ein Exempel für kulturellen Wandel, aber leider nur auf Westdeutschland bezogen. Dabei hätte sich dies für spannende kontrastive Überlegungen zum Deutsch in Ost und West angeboten, die sich so nun wieder bei der mageren Sonder-Lexik Ost ("Broiler") erschöpfen. Doch wird in den folgenden Kapiteln ungeheures historisches Material aufgehäuft, klug über die Jahrhunderte hinweg auf Exempel aus dem Osnabrücker Raum konzentriert. Verwaltungs- und Kanzleisprache, Sprachgesellschaften und Sprachpflege, Unterhaltungsliteratur und vieles mehr machen das Buch spannend, das die kultur- und sozialhistorischen Kontexte eher locker vermittelt ("Schiller […] war im Gegensatz zu Goethe eher ein armer Schlucker", 128), manchmal auch irreführend: "Für die herrschende Habsburger Dynastie bildete Deutschland ohnehin nicht den Horizont, angefangen bei Karl IV. (König von Böhmen) 1347–1378". Der war freilich aus dem Hause Luxemburg.

In den sprachwissenschaftlichen Partien befleißigt Maas sich indes so strenger Fachterminologie, dass es einem – mit dem Versprechen ins Buch gelockt, "einen orientierenden Überblick" zu erhalten, für den "keine spezifischen fachlichen Voraussetzungen" erforderlich seien (15) – die Sprache verschlägt. Neben unzähligen Fachbegriffen, etwa der Phonetik, will auch die durchgängige Transliteration mit Lautnotationen erst einmal geübt sein.

So entsteht der Eindruck, dass um des politischen Arguments willen vom Podest fachlicher Hermetik argumentiert wird, um der Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen. Ohne Zweifel ist es verdienstvoll, wie konsequent Maas die Geschichte des Jidischen [!] und der jüdischen Kultur und Sprache im deutschen Raum als Begleitung seit der Völkerwanderung berücksichtigt, wie andere Regionalsprachen oder Minderheiten-Sprachen Profil erhalten. Doch ob mangelnder Quantifizierung dieser Nebensprachen stellt sich die Frage nach der Gültigkeit der Kernaussage steter sprachlichen Varietäten in Deutschland. Mehrsprachigkeit in Deutschland sei die Regel, die regelhafte Hochsprache Deutsch die Ausnahme. Ob beim gescholtenen Feuilleton, das im Migrationsstreit sprachpolitische "Vogelscheuchen" (501) aufstelle, die komplexe linguistische Botschaft wirklich ankommt, darf angesichts der allzu üppigen Materialausbreitung gezweifelt werden. Wäre nicht statt des reichen Handbuchs ein zügig argumentierender Essay für die große Gemeinde der Deutsch-Erzieher wirkungsmächtiger gewesen? So verschanzt im linguistischen Elfenbeinturm wirkt die Einladung zum republikanischen Sprachprojekt zu gebieterisch, um Dialoge anzustoßen.

V.



Annette Leo: Erwin Strittmatter (© Aufbau)

Spätestens die Nebensprachen lenken unseren Blick zurück auf das Sorbische und den Sorbenenkel (mütterlicherseits) Erwin Strittmatter. Diese soziokulturelle Randständigkeit war ein Impuls für Strittmatters Streben nach oben, durch beruflichen, literarischen Erfolg. Aber nicht nur Strittmatter hat sich der Versuchung einer Karrierebiographie spätestens mit seinem gesundheitlichen Zusammenbruch im Amt des Sekretärs des Schriftstellerverbands 1960 entzogen. Auch seine Biographin Annette Leo legt in ihrer meisterhaften Arbeit gültigere Maßstäbe an.

Das Buch ist eine historisch-kritische Studie über die Glaubwürdigkeit einer Person und über die Zuverlässigkeit literarischer Quellen. Sorgsam erkundet Leo zum Beispiel die Gründe, warum Strittmatter 1929/30 das Spremberger Gymnasium verließ, macht dazu sogar eine Zeitzeugin ausfindig, die es freilich nicht verbindlich entscheiden kann. Seine in unterschiedlichen Dokumenten immer mehr aufgebauschte Inhaftierung in der NS-Zeit entpuppt sich im Quellenfund des Döberner Gefangenen-Kontrollbuchs als ein achtstündiger Arrest im Spritzenhaus (69). Die wechselhaften Berufsstationen nach der Bäckerlehre werden so minutiös wie möglich datiert und seziert, ebenso die Beziehungen zu Frauen, Eheschließung, Geburt der Kinder, Behausung, schließlich die ominöse Karteikarte von 1940 mit einem Eignungsvermerk für die SS.

Mit Akribie analysiert Leo die Kriegsbiographie, macht sie transparent bis hin zu den einzelnen Phasen, in denen ihr von der Familie die dafür nötigen Briefe schrittweise zugänglich gemacht wurden. Hier berühren sich sensible psychologische Prozesse des Zutrauens mit einem kühlen, aber vertrauenswürdigen Blick. Die wichtigsten Befunde sind inzwischen durch die Medien bekannt: Seine Briefe an die Mutter bezeugen, dass Strittmatter 1941/42 wohl vor allem in der Oberkrain persönlich und aktiv am Partisanenkampf beteiligt war, namentlich in dem Ort Drashgosche. Auch die weiteren Kriegsstationen zeigen einen aktiveren Soldaten-Polizisten als zuvor bekannt, dessen Desertion gründlich dekonstruiert wird. Dabei hilft Leos Entdeckung eines Paralleltextes zum "Grünen Juni", also zu jener Episode am Kriegsende, wo Strittmatter im böhmischen Wallern am Hissen der weißen Fahne beteiligt gewesen sein will und wo in den letzten Kriegswochen zugleich ein Todesmarsch von KZ-Häftlingen sein tragisches Ende fand. Leo kann die nie veröffentlichte Erzählung "Der Sargträger", von der Briefe aus der Nachkriegszeit berichten, zwar nur in einer frühen Fassung vorstellen. Doch diese Interpretation zählt zu den Höhepunkten des Buchs, weil die Historikerin hier, wie sonst nur in wenigen Passagen (etwa zu "Ole Bienkopp"), Strittmatter als Literaten wahrnimmt und subtil Biographie und Text auf Augenhöhe gelten lässt.

Ein wenig scheint es, als habe Annette Leo, nachdem die spannendsten Rätsel dank des privilegierten Zugangs zu den Familien-Briefen gelöst waren, die Lust an Strittmatter verloren. Der angehende und bald erfolgreiche Schriftsteller muss mit wenig mehr als der Hälfte des Buchs auskommen. Doch Leos raffende Schwerpunktsetzung überzeugt, da wichtige Beziehungen – zu Bertolt Brecht, Erich Loest, Hermann Kant, den Ehepaaren Kurt und Jeanne Stern sowie Lew Kopelew und Raissa Kopelew-Orlowa – vertieft werden. Erschütternd, wie Strittmatter aus politischer Opportunität seine Freunde Peter Jokostra und Boris Djacenko preisgibt. Ebenso kritisch beleuchtet Leo das komplizierte Verhältnis zu Eva Strittmatter und zu den oft abgeschobenen Söhnen aus drei Ehen, denen Pferde und Ponys als geliebte Erziehungsobjekte vorgezogen werden. Dass Schulzenhof kein Idyll, sondern ein Ort der Konflikte war, akzentuiert Leo indes stärker, als aus der Lektüre der Tagebücher deutlich wird. Sie werden, wenn auch der zweite Band für die Jahre ab 1974 vorliegt, eine wichtige Ergänzung der Biographie sein, die Strittmatters Leben in den Jahren ab dem Mauerbau auf 40 Seiten kondensiert. Gleichwohl ist diese selbstreflexive, mitunter mit einem Körnchen Ironie gewürzte Studie in ihrer gedanklichen Ausgereiftheit nur zu bewundern, zumal wenn man bedenkt, dass Annette Leo erst im Laufe des Jahres 2011 zentrale Quellen zugänglich wurden.

VI.



Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben (© Aufbau)

Wie Annette Leo hat auch Almut Giesecke das Vertrauen der Erben gefunden. Der aus ihrer Redaktion der Tagebücher von 1954 bis 1973 hervortretende Erwin Strittmatter ist sogar die gewinnendere Persönlichkeit, paradox bleibt aber auch er. Damit sei sofort das Grundproblem dieser Edition benannt: die Fülle an Kürzungen und Auslassungen, die gelegentlich erläutert, zumeist aber mit dem Umfang der Überlieferung sowie mit Persönlichkeitsschutz und "intimen Details" (599) begründet werden. Aber auch die vorliegende Auswahl breitet manch inneren Kampf Strittmatters aus, etwa häufige und bei einer solchen Persönlichkeit irritierende Selbstmordphantasien, die weniger depressiv als autoaggressiv wirken und zu seinen regelmäßigen Wutattacken passen. So fragt man sich, was sonst systematisch oder nur beiläufig ausgegrenzt wurde und ob es nicht zu früh für diese Edition ist. Als literarischer Steinbruch und Vorform späterer Prosawerke sind zwar etliche Eintragungen erkennbar, auch dank der nützlichen Informationen im klug balancierten Kommentar der Herausgeberin. Inwieweit die zahlreichen Auslassungszeichen und die eingreifende Redaktion auch auf Strittmatters eigene Publikationen aus dem Tagebuch Rücksicht nimmt, wird nicht recht klar.

Für die langen Linien in Strittmatters Leben ist gleichwohl eine spannende Quelle erschlossen. Seine ab etwa 1962/63 Jahre ansetzende Mutation vom überzeugten und eifrigen SED-Kader zum immer kritischeren, aber auch nach den Enttäuschungen des Jahres 1968 noch treuen Parteigänger kann ebenso nachvollzogen werden wie der lange Weg der Anerkennung seiner Frau Eva von der unverzichtbaren, aber in Schreibprozessen doch auch gefürchteten kritischen Leserin zur annähernd gleichberechtigten Künstlerin. Politik und Familie sind wohl die wichtigsten Themen, und mit beiden hadert Strittmatter immer wieder neu. Hinzu kommen, besonders in den mittleren hier behandelten Jahren, eine Reihe literarisierter Miniaturen mit Landschafts-, Natur- und Alltagsbeobachtungen, kleine Genreskizzen, die unter eigener Überschrift im Tagebuch zu finden sind. Hier ist die These Gieseckes von der durchgängig auf Literaturproduktion zielenden Tagebucharbeit Strittmatters am deutlichsten verifiziert.

Manche Befunde wären hingegen in der DDR nie veröffentlichungsreif gewesen. Vor dem Hintergrund der Debatte um Strittmatters Vergangenheit ist auffällig, dass die erinnernde Konfrontation mit NS-Untaten zur aufrechnenden Reflexion über stalinistische Verbrechen führen (212, 333 u. ö.). Und ebenso gehört in diesen Zusammenhang die fortlaufende Distanz zu den intellektuellen Rückkehrern aus dem Exil, die Annette Leo auf eine Feindschaft zu Stephan Hermlin fokussiert, die aber am Tagebuch teils noch deutlicher in Stefan Heym zu personalisieren wäre. Eine systematische Analyse dieser Kontexte wäre an der Zeit, aber auch hier stößt sich ernsthafte philologische Arbeit an der Frage des Zugangs zum vollständigen Text. Immerhin, die Decke wurde gelüftet.

VII.



Carsten Gansel, Matthias Braun (Hg.): Es geht um Erwin Strittmatter oder Vom Streit um die Erinnerung (© Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)

Auch Beiträge in dem Sammelband von Carsten Gansel und Matthias Braun markieren dieses Problem. Gleichwohl ergänzt er Biographie und Tagebuch vorzüglich, da das literarische Werk in breiter Übersicht entfaltet und kommentiert wird, wenn auch aus der Perspektive des Erinnerungskonflikts, den Gansel systemtheoretisch als produktive "Aufstörung" interpretiert. Erfreulich ist die Spannweite der Zugriffe in methodischer Hinsicht wie in der Wertung, und dies trotz der vom Herausgeber gesetzten Akzente. Gansel verantwortet selbst sieben Beiträge als Autor oder Ko-Autor und hat etliche Mitarbeiter seines Lehrstuhls als Beiträger gewonnen. Während mit ihm die Mehrheit eher kritische Fragen an den Autor richtet, versucht Mike Porath ausgerechnet eine Apologie des umstrittenen Prosabuchs "Grüner Juni" (1985), das häufig als autobiographisch gelesen wird und so den Vorwurf an Erwin Strittmatter begründet, sich eine "Wunschbiographie" gezimmert zu haben. So umsichtig Porath das Konzept des autobiographischen Pakts nach Philippe Lejeune entfaltet, wonach "Grüner Juni" gewiss keine Autobiographie ist, so wenig registriert seine rein textimmanente Lektüre die in verschiedenen, von Strittmatter teils selbst inspirierten, lebensgeschichtlichen Publikationen praktizierte Ineins-Setzung von literarischem Text und Biographie.

Den Gegenpol, einen überaus scharfzüngigen Strittmatter-Totalverriss bietet die gendertheoretisch inspirierte Studie von Sylke Kirschnick, die danach fragt, ob "Strittmatters Romane Kitsch" seien. Die Frage zu stellen und sie zu bejahen ist für Kirschnick eins, macht sie doch in Strittmatters Stil das eigentliche Dilemma aus. Er lebe von der "Beschwörung der Poesie hoch betagter Bildbestände aus der Jahrhunderwendelyrik, dem Impressionismus und dem Jugendstil", kurz: "Die Verlogenheit offenbart sich bei Strittmatter strukturell; sie liegt nicht im Inhalt, sondern in der Form." (171f) Angesichts dessen mag man fragen, warum in vielen Beiträgen noch historisch-quellennah Inhalten, Wahrheit und Legende nachgeforscht wird. Aber dass der offenkundig zügig erarbeitete Reader keine Interpretationslinien vorgab, ist angesichts der Brisanz des Falls Strittmatter nur zu loben.

Freilich wäre manchmal ein Abgleich der Thesen hilfreich gewesen. In der glänzenden und (wie alle seine Beiträge) mit größtem Gewinn zu lesenden Studie Carsten Gansels über die Publikationsgeschichte des "Wundertäters III" wäre die chronologische Verwirrung vermieden worden, wenn sie nicht der offenkundig falschen Datierung Erwin Strittmatters in dem 1990 teilveröffentlichten Tagebuch "Die Lage in den Lüften" gefolgt wäre. Es geht dabei um Gespräche mit und Entscheidungen von Kurt Hager, die in Christian Krauses Beitrag zum Material der Staatssicherheit zu Strittmatter ganz anders beleuchtet werden. Freilich hätte auch Krause von Gansels Ergebnissen profitiert, der zeigt, dass Krauses Urteil, wonach Strittmatter "keine grundsätzlichen Veränderungen" an dem 1980 schließlich erschienenen dritten Band des "Wundertäters" vorgenommen habe (312), nicht zutrifft. (203)

Aber statt solche Ungereimtheiten im Detail zu bemäkeln, verdient der Band vielmehr Lob für viele spannende Studien: etwa Norman Ächters komparative Analyse zum "Wundertäter", den er in ein gesamtdeutsches soldatisches Opfernarrativ einfügt oder die biographisch erhellenden Fallstudien zu Franz Fühmann und Peter Jokostra von Jens Priwitzer und Klaus Krause. Angesichts des Reichtums an Argumenten und Ergebnissen, auch des Bemühens um Abgewogenheit und Klarheit im kritischen Urteil ist dieser Band ein Fundament künftiger literaturwissenschaftliche Strittmatter-Forschung, der deutlich macht, wie viel man an und mit diesem Autor und seinen Texten lernen kann.

Fußnoten

1.
Werner Liersch, Die Inseln des Verschweigens. Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen, www.bpb.de/53866.
2.
Am massivsten wütete Günther Drommer, Erwin Strittmatter und der Krieg unserer Väter. Fakten, Vermutungen, Ansichten, Berlin 2010, S. 221. – Der langjährige Biograph und Herausgeber Strittmatters fühlte sich durch Lierschs Enthüllungen auch persönlich angegriffen. Manche seiner Überlegungen und Einwände waren vielleicht bedenkenswert, aber insgesamt sprengte Drommers Furor die Möglichkeiten einer nüchternen Rezeption.
3.
Irmtraud Gutschke, Eva Strittmatter. Leib und Leben, Berlin 2010.
4.
Vgl. Martin Jankowski, "Die verschwiegene Bibliothek". Zeugnisse geistiger Repression und literarischen Widerstandes, in: DA 43 (2010) 4, S. 681–686.

Frank Hoffmann

Der Autor

Frank Hoffmann

Dr. phil., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum.


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