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counter 26.10.2012

Der schmale Grat zwischen Erlaubtem und Sanktioniertem

Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis Mitte der 1950er-Jahre geriet in der SBZ eine erschreckend hohe Zahl von Menschen jeden Alters in die Fänge der sowjetischen Geheimdienste. Die meisten Opfer waren schon deshalb schuldlos, weil sie schlicht viel zu jung waren, um als "Täter" ernsthaft in Frage zu kommen.

Sammelrezension zu:

I.



Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis Mitte der 1950er-Jahre, in der Zeit der Durchsetzung der kommunistischen Diktatur in der Sowjetischen Besatzungszone/DDR, geriet eine erschreckend hohe Zahl von Menschen jeden Alters in die Fänge der sowjetischen Geheimdienste. Einige von ihnen wurden hingerichtet, viele überlebten die Haft in Gefängnissen und Lagern in Deutschland und der Sowjetunion nicht; wer aber nach jahrelangen Misshandlungen zurückkehren konnte, war meist an Körper und Seele beschädigt. Nicht alle diese Menschen waren unschuldig: Einige hatten tatsächlich versucht, in Ostdeutschland für Amerikaner und Briten zu spionieren, andere hatten sich als Nationalsozialisten vor 1945 Menschenrechtsverletzungen zuschulden kommen lassen. Aber sehr viele waren schon deshalb schuldlos, weil sie schlicht viel zu jung waren, um als "Täter" ernsthaft in Frage zu kommen: Gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit verhafteten die sowjetischen Besatzer viele Jungen und Mädchen in der bloßen Annahme – und Furcht – diese könnten der angeblich fortbestehenden NS-Untergrundorganisation "Werwolf" angehören. Diese Jugendlichen, der jüngste gerade 12 Jahre alt, verschwanden häufig, ohne dass die Eltern überhaupt erfuhren, warum dies geschah, geschweige denn, dass ihr Aufenthaltsort zu erfahren gewesen wäre. Noch bis Mitte der 1950er-Jahre folgten weitere Verhaftungen; manchmal reichten nichtige Anlässe, die als Widerstand gegen das Regime gewertet wurden, einige Menschen wurden von Bekannten als "Agenten" denunziert, die sich selbst unter dem Druck von Verhören nichts anders zu helfen gewusst hatten.

Die Urteile, die der Untersuchungshaft folgten, waren standardisiert: zehn, 15 oder 25 Jahre Lagerhaft oder Zuchthaus, nicht selten auch die Todesstrafe wurden verhängt. Häufig hatten die Menschen selbst, meist nach wochenlangen Verhören, unter unerträglichen Haftbedingungen und zuweilen Folterungen, jede noch so absurde Tat gestanden. Anderen wurden in russischer Sprache verfasste Geständnisse vorgelegt, die sie ohne Kenntnis des Inhalts zu unterzeichnen hatten. In den Scheinprozessen galten diese "Geständnisse" als ausreichend für die drakonischen Strafen. Chancen, den Fängen des Systems zu entkommen, so man sich einmal darin verfangen hatte, gab es kaum.

Vielfach ist das Leid dieser Opfer der Besatzungsherrschaft bis heute kaum bekannt, oder – schlimmer noch – den damals Gequälten geschieht neues Unrecht, indem unterstellt wird, irgendetwas sei schon dran gewesen an den damaligen Verurteilungen. Auch die Tatsache, dass viele der Urteile mittlerweile von den russischen Gerichten kassiert wurden, ändert daran wenig. Umso wichtiger ist es zweifelsohne, dass in Gedenkstätten an die Opfer und ihre Leiden (aber auch an die Täter) erinnert wird. Zu diesen Erinnerungs- und Gedenkorten gehört die im April diesen Jahres eröffnete Gedenkstätte Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße in Potsdam.

Schon im Vorfeld ihrer Eröffnung war es zu sehr erregten Auseinandersetzungen zwischen der Gedenkstättenleitung um Ines Reich und einigen Opferverbänden gekommen. Viele kritisieren die Präsentation, die in ihren Augen weder den Leiden der hier einst Inhaftierten gerecht werde noch einem jüngeren Zielpublikum verständlich vermitteln könne, was hier passiert war. Unterstützung fanden der Verein Memorial Deutschland und der Verein Gedenk- und Begegnungsstätte Ehemaliges KGB-Gefängnis Leistikowstraße Potsdam dabei unter anderem bei Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, der Ines Reich mangelnde Sensibilität im Umgang mit den Opferverbänden vorwarf und ihr die Fähigkeit zur Leitung des Ortes absprach.[1]

Ines Reich, Maria Schultz (Hg.), Sowjetisches Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße Potsdam (© Metropol)

Begleitend zur Ausstellung ist nun ein Katalog erschienen, der vor allem die Geschehnisse vor Ort thematisiert. Einem knappen Überblick über den historischen Kontext und die Geschichte der sowjetischen Geheimdienste folgen auf über 100 Seiten Schilderungen über die Häftlinge und die grausamen Haftbedingungen: Erläutert werden – häufig als Zitate der Betroffenen – die prinzipiellen Abläufe von Verhaftung, Verhör und Schauprozess. Gegliedert sind diese Berichte in drei zeitliche Perioden: 1945–1947, 1948–1955 und 1955–1980er-Jahre. Die Häftlingsschicksale werden als exemplarische Berichte präsentiert, die jeweils von einem tabellarischen Lebenslauf eingeleitet werden. Fotografien der Häftlinge und Abbildungen von Schriftstücken wie auch von Gegenständen aus der Haft veranschaulichen diese Texte. Überwiegend ohne jeden weiteren Kontext bleiben lediglich jene 30 Häftlinge, deren Haftfotos zwischen 1951 und 1954 entstanden: Sie zeigen verwirrte, gleichsam verständnis- und fassungslose Jugendliche und junge Erwachsene, teilweise mit deutlichen Spuren von vorangegangenen Misshandlungen. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie zum Tode verurteilt.

Die Gründe für die meist willkürlichen Verhaftungen erhalten dagegen in der Darstellung deutlich weniger Gewicht, werden aber im Zusammenhang mit den Häftlingsbiografien der verschiedenen Nutzungsperioden des Gefängnisses angeschnitten. Selbst die meist nur stichwortartigen Biografien machen indes deutlich, wie willkürlich die Mehrzahl der Verhaftungen war und wie wenig sich die meist sehr jungen Männer und Frauen – zuweilen eher Jungen und Mädchen – hatten zuschulden kommen lassen. Umso fürchterlicher wirkt die Bestrafung – wobei schon diese Bezeichnung irreführend ist, impliziert sie doch, dass da etwas gewesen sei, das bestrafenswert gewesen wäre. Die Vorwürfe lauten bis 1955 stereotyp auf Vaterlandsverrat und Spionage. Erfolgten die Festnahmen im ersten Zeitabschnitt durch die Besatzungsmacht, so erhielten die Sowjets recht bald tatkräftige Unterstützung von deutschen Stellen, zunächst durch die K 5-Abteilungen der Polizei und durch die Kontrollkommissionen der SED, später durch das Ministerium für Staatssicherheit.

Ab 1955 wurden im Gefängnis in der Leistikowstraße ausschließlich Angehörige der sowjetischen Streitkräfte eingesperrt. In erster Linie waren dies Wehrpflichtige, die versucht hatten, den für sie unerträglichen Bedingungen in der Roten Armee zu entkommen. Drei dieser Häftlingsbiografien haben die Autorinnen ebenso aufbereitet wie drei exemplarische Lebenswege von Untersuchungshäftlingen vor 1955, die nicht aus Deutschland kamen, aber in der Leistikowstraße gefangen gehalten wurden. Das zu erwähnen, ist deshalb wichtig, weil gerade die Ausweitung über den deutschen Opferkreis hinaus deutlich macht, dass es den sowjetischen Geheimdiensten nicht nur um die Bestrafung von Deutschen in der Folge eines schrecklichen Krieges oder um Rache ging, sondern vor allem um Etablierung, Ausbau und Machterhalt eines Unrechtssystems. Jeder, der diesem System in die Quere kam, wurde bestraft – unabhängig von Alter, Geschlecht und Nation.

Eine Sonderstellung innerhalb der Darstellung nehmen jene sieben "Fallgeschichten" ein, die in erster Linie durch den sowjetischen "Überläufer" Rafail Goldfarb dokumentiert werden, der zuvor als Dolmetscher bei der sowjetischen Spionageabwehr arbeitete. Anders als bei den anderen Untersuchungsgefangenen fehlt hier eine Darstellung des Kontextes der Inhaftierten fast vollständig. Diese Sonderstellung ist nicht durch den Inhalt der Geschichten begründet, sondern allein durch deren Überlieferung.

Der Band bemüht sich, die Ausstellung gleichsam eins zu eins abzubilden – das geht soweit, dass selbst die Objekttexte zu jenen Exponaten zu lesen sind, die gar nicht abgebildet sind. Eine Folge dieser Nähe sind Redundanzen: In einer Ausstellung stört es kaum, wenn die verschiedenen Text-Gattungen dasselbe Thema mehrfach aufgreifen – im Katalog stehen solche Texte aber fast unmittelbar nebeneinander und irritieren eher. Hier wäre der Platz sinnvoller zu nutzen gewesen, wenn die Autoren die Lebensgeschichten der Häftlinge ausführlicher geschildert hätten. Die Festnahme von Hergart Wilmanns beispielsweise ist aus den kurzen Texten kaum nachvollziehbar. (130ff)

Dennoch: Ines Reich und ihrer Mitherausgeberin Maria Schultz gelingt es – trotz der angesprochenen Mängel und entgegen der teilweise wirklich beklagenswerten Kürze ihrer Ausführungen – den Lesern zu vermitteln, welch großes Unrecht jenen Menschen widerfuhr, die auf verschiedenen Wegen ins Gefängnis in der Leistikowstraße gelangten. Dass sie dabei auch den Ort mit einer Vielzahl von Fotos ihren Lesern nahebringen wollen, scheint legitim. Eine größere Eigenständigkeit des Begleitbandes gegenüber der Ausstellung ist unbedingt wünschenswert – und möglicherweise können die Herausgeberinnen ja im Zuge einer Neuauflage darüber nachdenken.

II.

Gerald Wiemers (Hg.), Der frühe Widerstand in der SBZ (© Leipziger Universitätsverlag)

Der Titel des Bandes, den Gerald Wiemers in Zusammenarbeit mit der "Lagergemeinschaft Workuta/GULag" herausgegeben hat, ist irreführend: Tatsächlich befassen sich die insgesamt 17 Beiträge weniger mit dem " frühen Widerstand in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands/DDR" als mit den unsäglichen Strafen, die die Besatzungsbehörden wegen angeblicher Verbrechen verhängten. Der Band basiert auf den meist nur wenig überarbeiteten Beiträgen einer Tagung in Halle (Saale) im Jahr 2011. Die Autoren, die teils als Zeitzeugen selbst Opfer der Willkürjustiz in der SBZ/DDR waren, berichten von ihrer Verhaftung, von Verhören und ihrer Verschleppung ins sibirische Workuta.

Einem einleitenden Teil, der grundlegende Überlegungen zur Relevanz des Themas erörtert, folgen drei Aufsätze, die verschiedene Formen und Gruppierungen von Opposition und Widerstand schildern. Lesenswert sind insbesondere Karl Wilhelm Frickes Ausführungen zu verschiedenen Oppositionsgruppen im politischen Spektrum, im studentischen und evangelischen Milieu sowie unter Oberschülern. Hervorzuheben ist auch seine abschließende historische Einordnung des frühen Widerstands als Reaktion auf "Repression und Unrecht" – und eben nicht, wie von staatlicher Seite behauptet – als Folge der "politisch-ideologischen Diversion", die der politische Gegner von der anderen Seite des "Eisernen Vorhangs" zu verantworten habe. (35)

Den Beiträgen von Sibylle Gerstengarbe zu Widerstand und Verfolgung an der Hallenser Universität sowie des Herausgebers Gerald Wiemers über die Leipziger Studenten fehlt es hingegen auffallend an Stringenz. Bedauerlich ist darüber hinaus, dass beide zwar eine Vielzahl von Fakten über den Umgang mit den Studierenden zusammentragen, sich aber kaum an einer Analyse des Materials versuchen. Zudem sind die Darstellungen zu sehr auf die Reaktion des Unterdrückungsapparates konzentriert – die Opfer als handelnde Subjekte treten dem gegenüber zurück; eine intensivere Schilderung ihrer Lebensläufe vor der Verhaftung wäre hier wünschenswert gewesen. So verliert sich der Schrecken des ausgeübten und vor allem erlittenen Unrechts teilweise in den immer wieder aufgezählten, einander stark ähnelnden Stationen der verschiedenen Leidenswege. Es ist unzweifelhaft, dass die Studierenden unterschiedliche Ziele verfolgten, aus verschiedenen Gründen opponierten – die über sie gefällten Urteilssprüche indes gleichen sich sowohl in der Urteilsbegründung als auch im Strafmaß. Leider wird so eine Chance vertan, zu zeigen, was "Widerstand" zu jener Zeit bedeutete – und wie wenig an Abweichung es bedurfte, um ins Visier der Geheimdienste zu geraten und verhaftet zu werden.

Auf den daran anschließenden, gut 40 Seiten berichten in erster Linie Zeitzeugen von ihren Erlebnissen nach der Verhaftung. Die geschilderten Abläufe ähneln sich teilweise sehr – bis heute drückt sich darin wohl auch die Unfassbarkeit der Geschehnisse für deren Opfer aus. Dennoch ist es schade, dass Horst Hennig, Annerose Matz-Donath und Hans Günter Aurich kaum von ihrem Leben vor der Verhaftung erzählen. Der Leiter des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, Rainer Eckert, steuert zu diesem Teil des Bandes einen Beitrag darüber bei, wie sein Haus die Geschichte der nach Sibirien verschleppten Menschen vermittelt.

Der abschließende Teil widmet sich einer Kontextualisierung des Themas in gesamteuropäisch-historischer Perspektive. Hier ist besonders der Beitrag von Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, hervorzuheben, die gleichsam einen Schritt zurücktritt und sich mit den "kommunistischen Diktaturen im europäischen Vergleich" befasst. Ihrer Einschätzung: "Angesichts der großen Schwierigkeiten den während der kommunistischen Herrschaft begangenen Verbrechen mit juristischen Mitteln beizukommen, gewinnt die wissenschaftliche und historische Aufklärung umso größere Bedeutung" (128), ist unbedingt beizupflichten. Die Beiträge von Leonid P. Kopalin über die Rehabilitierung der deutschen Opfer der sowjetischen Militärtribunale und Michail Semiryaga über den "Demokratieaufbau" in der SBZ skizzieren den historischen Hintergrund des Tagungsthemas – alle drei Texte wären am Anfang des Buches besser aufgehoben gewesen.

Leider merkt man dem Band an vielen Stellen allzu deutlich an, dass er die verschriftlichte Umsetzung einer Tagung ist. Neben den angesprochenen Wiederholungen würde man sich beispielsweise einen Text wünschen, der sich an eine Zusammenschau und Analyse des frühen Widerstands und seiner Protagonisten macht; ein solcher Beitrag fehlt indes. Fast allen Texten gemein ist zudem, dass die Lektüre durch eine Vielzahl von Tippfehlern ebenso erschwert wird wie durch die ständigen Tempiwechsel; hier wäre den Beiträgern ein gründlicheres Lektorat zu wünschen gewesen.

Dieser Band ist – im Gegensatz zum Potsdamer Buch – ausschließlich der Perspektive der Opfer verpflichtet. Das verdeutlichen Äußerungen wie die von Horst Schüler, dass die meisten DDR-Bürger das System mit "unterdrücktem Zorn" ertragen hätten (15). Tatsächlich aber dürfte sich die Mehrzahl der Ostdeutschen im Alltag nur wenig mit dem Unterdrückungsapparat auseinandergesetzt haben und viel mehr damit beschäftigt gewesen sein, ihr "normales" Leben zu organisieren. Das hier deutlich zutage tretende Missverständnis erschwert es bis heute vielfach, eine Verbindung zwischen dem privaten Erinnern der Mehrheit der DDR-Bürger und der Vermittlung von DDR-Geschichte wie auch dem offiziellen Gedenken herzustellen. Unterdrückung, Willkür, Verhaftungen und Folter, wie sie die Opfer der SED-Diktatur erlebt haben, sind eben – trotz ihrer Ausmaße gerade in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg – nur eine Facette dessen, was das Leben in der Diktatur ausmachte. Weil diese Facette von vielen bis heute gern unterschlagen oder verharmlost wird, muss selbstverständlich an sie erinnert werden, denn für etliche gehörte eben doch die – existenzgefährdende bis -zerstörende – Erfahrung von Gewalt und Unterdrückung zum Alltag in der Diktatur. Am besten gelingt diese Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit aber dort, wo gezeigt wird, wie schmal der Grat vom Erlaubten zum als bestrafenswert Angesehenen war – und dazu bedarf es einer genau(er)en Schilderung dessen, was als unangepasst, oppositionell, widerständig betrachtet wurde.

Fußnoten

1.
Vgl. Hubertus Knabe attackiert KGB-Gedenkstätte-Konzept, in: Märkische Oderzeitung, 19.8.2012.

Elke Kimmel

Die Autorin

Elke Kimmel

Dr., freie Historikerin und Journalistin, Berlin.


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