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counter 26.10.2012

Deutsche Einheit ohne Ende?

Die gemeinsame Geschichte im geteilten Deutschland, der Umgang damit wie auch ihre Vermittlung sind ebenso Gegenstand erbitterter Debatten wie die deutsche Wiedervereinigung und ihre Folgen, vor allem die angebliche "Subalternisierung" der Ostdeutschen.

Sammelrezension zu:

Gedächnislücken



Egon Bahr/Peter Ensikat, Gedächtnislücken (© Aufbau)

Das Buch von Egon Bahr und Peter Ensikat geht auf aufgezeichnete Gespräche zurück, die beide Autoren ab Frühjahr 2006 miteinander geführt haben. Sie beziehen sich auf eine auch und gerade für Deutschland wichtige zeitgeschichtliche Periode, die gewöhnlich mit dem Oberbegriff "Entspannung" gekennzeichnet wird. Insbesondere geht es um die außerordentlich schwierige, gegen vielerlei Widerstände durchgesetzte "neue Ostpolitik" der sozial-liberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt in den späten 1960er- und frühen 70er-Jahren. Sie setzte gegenüber der DDR und den übrigen Ostblockländern auf einen "Wandel durch Annäherung". Damit verbunden waren die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen im Osten und die Aufgabe des bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruchs gegenüber der DDR – unter Beibehaltung des Ziels der deutschen Einheit gemäß dem Auftrag des Grundgesetzes.

Die Besonderheit des Buches ist nicht nur die lockere Erzählform, sondern auch die Herkunft der Diskutanten. Es treffen ein West- und ein Ostdeutscher aufeinander, die zugleich aus sehr unterschiedlichen beruflich-politischen Wirkungsfeldern kommen. Während Egon Bahr, enger Weggefährte Willy Brandts, als wichtiger Konstrukteur und "Macher" der "neuen Ostpolitik" gilt, gehörte der jüngere Peter Ensikat, politisch wach und findig, zu den bekanntesten Theaterleuten und Kabarettisten in der DDR. Allerdings werden die damit verbundenen Erwartungen an einen Dialog mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Positionsbestimmungen nur begrenzt erfüllt. Das hat sicherlich auch mit einer Asymmetrie zu tun, die sich in der wiederkehrenden, keineswegs ironisch gemeinten Bemerkung Ensikats ausdrückt: Während er "Kindertheater gemacht" habe, sei Bahr "mit Weltpolitik beschäftigt" gewesen (68).

Die Tour d'horizon beginnt – nach einem kurzen Rückblick auf das Elternhaus beider Erzähler während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges – mit Bahrs Journalistentätigkeit in den frühen 50er-Jahren, noch ganz bestimmt vom Klima des Kalten Krieges, während Ensikat seine ersten schauspielerischen Gehversuche macht, verbunden mit politischen Repressionserfahrungen, aber doch in dem Bewusstsein, letztlich im "besseren Deutschland" zu leben. Wichtige weitere Stationen sind der Mauerbau in Berlin 1961 und der Beginn einer pragmatischen, (zunächst?) auf ein "geregeltes Nebeneinander" der beiden deutschen Staaten zielenden Politik, die nach Lage der Dinge die Sowjetunion als östliche Führungsmacht vorweg einbezieht, im Verlauf der 70er-Jahre neben der DDR auch andere Ostblockländer. Die sich im folgenden Jahrzehnt abzeichnenden Veränderungen – etwa in Gestalt der polnischen "Solidarnosc" und schließlich der "friedlichen Revolution" in der DDR – werden im letzten Teil diskutiert, einschließlich einiger deutsch-deutscher Probleme nach der Wiedervereinigung. Hier findet das Gespräch eher auf Augenhöhe statt.

Zum Reiz des kurzweiligen Buches gehören interessante, personengebundene Episoden – vor allem im Zusammenhang mit Bahrs Tätigkeit als Unterhändler der "neuen Ostpolitik", die über weite Strecken aus Geheimdiplomatie bestand. Kritisch ist – abgesehen davon, dass die Wahl des Buchtitels "Gedächtnislücken" nicht unmittelbar einleuchtet – zweierlei anzumerken: Bahrs Rückblick erweckt gelegentlich den Eindruck, als bestehe zwischen der "neuen Ostpolitik" und dem Zusammenbruch der DDR eine direkte Verbindungslinie (vgl. etwa S. 41). Das ist zu relativieren, auch wenn es hier durchaus historische Zusammenhänge gibt, zum Beispiel im Blick auf die menschenrechtsunterstützende Wirkung der "Schlussakte von Helsinki" als (späterer) Bestandteil des Ost/West-Entspannungsprozesses. Entsprechendes gilt für die von Bahr angedeuteten Wiedervereinigungsintentionen der "neuen Ostpolitik". Sie haben zweifellos eine Rolle gespielt, angesichts der realen, am Status quo der Blöcke orientierten Machtverhältnisse aber wohl eher als Visionen.

Zweitens hätte man sich an den Stellen, an denen unterschiedliche Einschätzungen der beiden Akteure sichtbar werden, etwas mehr Klarheit und argumentativen Aufwand gewünscht. Das gilt beispielsweise für den Gesprächsteil über den "Prager Frühling" und dessen Auslöschung durch Staaten des Warschauer Pakts. Während Ensikat hier von großen Hoffnungen und deren brachialer Zerstörung berichtet, zeigt Bahr sich eher zurückhaltend (65f). Offenbar hatte für ihn 1968 ein anderer Gesichtspunkt Priorität, nämlich dass beides, die Reformexperimente im Realsozialismus wie auch ihre gewaltsame Beendigung, die Planungsarbeiten zur "neuen Ostpolitik" erschwerten. In anderen Worten: Die Frage, ob sich in beiden Punkten bestimmte Aporien der "neuen Ostpolitik" ausdrücken, wäre diskussionswürdig gewesen.

Diskurse der deutschen Einheit



Ray Kollmorgen u.a. (Hg.), Diskurse der deutschen Einheit (© Springer VS)

Der von Raj Kollmorgen, Frank Thomas Koch und Hans-Liudger Dienel herausgegebene Sammelband über "Kritik und Alternativen" zur deutschen Einheit nimmt den Faden an der Stelle auf, an der die Rekonstruktion der "neuen Ostpolitik" des Buches von Egon Bahr und Peter Ensikat endet: bei den Problemen der deutschen Wiedervereinigung. Deren Besichtigung findet allerdings nicht nur in der Rückschau statt und auch nicht in lockerer Gesprächsform, sondern mit einem dezidiert wissenschaftlichen Anspruch. 15 Autoren analysieren in 13 Einzelbeiträgen die deutsche Wiedervereinigung als (primär) ostdeutschen Transformationsprozess, und zwar unter dem Blickwinkel der formierenden Gestaltung von Diskursen über Ostdeutschland und die deutsche Einheit.

"Diskurse" werden dabei (entsprechend den neueren diskursanalytischen/handlungstheoretischen Ansätzen) nicht als bloß symbolische, vom "Materiellen" getrennte Interaktionen verstanden, sondern als soziale, zum Beispiel Macht und Herrschaft legitimierende Praktiken. Dazu sollen die jeweiligen Diskursfelder und -formierungen zumindest in Teilen durch Kontextanalysen untermauert oder ergänzt werden. Ziel ist es, jene diskursiven Praxen "zukunftsorientiert zu problematisieren". (11) Dem entspricht die Aufteilung des Bandes in zwei etwa gleich große Teile: Analyse und Kritik "hegemonialer Diskurse" und "Alternative Ansätze zum Vereinigungsprozess und seiner Kommunikation".

Selbstredend wird diese aufwändige Unternehmung nicht voraussetzungslos angegangen. Zentrale Prämisse ist, dass sich die bisherigen Einheitsstrategien in wesentlichen Teilen als unrealistisch und problemverschärfend herausgestellt hätten. Das krisenhafte Geschehen drücke sich in den gegenwärtigen Einheitsdiskursen darin aus, dass die "Vollendung der Einheit" von den meisten Beobachtern (einschließlich politisch Verantwortlicher) in die weite Zukunft verschoben und in den Zwischenbilanzen mehr oder weniger deutlich von einer Herstellung gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West abgerückt werde. Gleichzeitig würden stärker regionale Differenzierungen vergleichend in den Blick genommen und die Aufmerksamkeit für experimentell bestimmte Vorhaben zunehmen (9), und zwar im Rahmen der für die Bundesrepublik als ganze (und darüber hinaus) geltenden ökonomischen, ökologischen und demografischen Umbruchprozesse.

In den einzelnen Beiträgen wird diese Kritik anhand verschiedener "Diskursfelder" entfaltet. Den Anfang macht Raj Kollmorgen mit einer Darstellung des sozialwissenschaftlichen Diskurses zur deutschen Einheit, in dem die "Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung" bezogen auf einzelne Themenfelder kritisch gesichtet werden. Ähnliches geschieht in der nachfolgenden Analyse des politischen Raums anhand der "Jahresberichte der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit" und der auf Ostdeutschland bezogenen "Leitbilder von Parteien" (Frank Thomas Koch). Zum ersten Teil des Bandes gehören weiterhin eine ebenfalls qualitativ und quantitativ bestimmte Analyse der massenmedial geführten Diskurse über Ostdeutschland und die deutsche Einheit (Raj Kollmorgen und Torsten Hans), weiterhin eine Untersuchung sogenannten Wenderomane als Bestandteil des literarisch-belletristischen Diskurses (Wolfgang Gabler) sowie ein Beitrag zur Rolle massenmedial vermittelter Bilder im Vereinigungsprozess (Benjamin Nölting, Carolin Schröder, Sören Marotz).

Der zweite Teil des Bandes wird eingeleitet mit einem Beitrag zur deutschen Einheit im Spiegel von Bevölkerungsumfragen, denen, als relativ eigenständigem Diskurs, mögliche Korrektivfunktionen etwa gegenüber offiziell-politischen Diskursen zugetraut werden (Thomas Hanf, Reinhard Liebscher, Heidrun Schmidtke). Auch die nachfolgende Untersuchung nimmt einen empirischen Befund zum Ausgangspunkt, nämlich die nach wie vor breitflächige Selbsteinschätzung Ostdeutscher als "Bürger zweiter Klasse". Sie wird in Beziehung gesetzt zu Mechanismen der "Missachtung Ostdeutscher nach der Vereinigung" (19), die auf ganz unterschiedlichen Feldern wirksam sind und mit denkbaren Gegenstrategien konfrontiert werden (Kollmorgen). In den anschließenden Beiträgen werden einzelne, auf die deutsche Einheit bezogene Projekte vorgestellt, so zu einem Online-Dialog (Rafael Wawer, Daniela Riedel) und zu lokal gebundenen Aktivitäten wie etwa die Einrichtung von Planungszellen (Hans-Liudger Dienel). Der Schlussbeitrag von Rolf Reißig lässt sich als zusammenfassend programmatischer Überblick über die Gesamtthematik lesen.

Der Grundtenor des Sammelbandes wird bestimmt durch die Kritik an einem Einheitsmodell, das sich im bloßen Nachbau der Alt-Bundesrepublik erschöpft und faktisch eine "Subalternisierung der Ostdeutschen" (301ff) einschließt. Schlussfolgernd geht es den Autoren nicht um einen modellhaft-fertigen Gegenentwurf, sondern um ein Plädoyer für zukunftsbezogene, ostdeutsche Ressourcen stärker berücksichtigende Öffnungsprozesse, die politisch gestützt werden sollen. Wie ein entsprechend modifizierter Entwicklungspfad konkret aussehen könnte, bleibt demgemäß eher offen – von den Projektbeschreibungen und damit verbundenen punktuellen Erfahrungen einmal abgesehen. Anderes gilt für die innovativen Überlegungen Kollmorgens zur möglichen Überwindung der diagnostizierten "Subalternisierungsmechanismen" (345ff). Freilich leidet nicht nur bei ihm die Lesbarkeit der Beiträge gelegentlich unter zu formelhaften Sprachfiguren (z.B. 367f) oder manieriert wirkenden Begriffs- und Satzkonstruktionen (z.B. 10).

Die meisten Autoren des Bandes kommen aus Ostdeutschland, zum Teil institutionell verankert und lose vernetzt im "Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung". Damit dürfte zu tun haben, dass insbesondere beim Thema der Missachtung Ostdeutscher eigene Betroffenheit spürbar ist und wohl auch das erkenntnisleitende Interesse mitbestimmt. Sieht man auf den ganzen Band, ist ein Desiderat offenkundig, nämlich dass in dieser doch so breit angelegten Kritik des "Einheitsdiskurses" ein wichtiges, im Übrigen auch die beklagte "Subalternisierung" berührendes "Diskursfeld" ausgeklammert bleibt: der Umgang mit den deutsch-deutschen Vergangenheiten einschließlich ihrer internen Interdependenzen. Nicht zuletzt erschwert diese Leerstelle das Verständnis eines ostdeutschen Spezifikums: dass der DDR-Sozialismus – zumal in der Rückschau – weder durchgängig noch samt und sonders negativ bewertet wird und sein Scheitern vor allem von Intellektuellen nicht als Beleg für das Scheitern utopischen Denkens überhaupt hingenommen werden möchte. Das entsprechende ambivalente Bewusstsein findet seinen wohl dichtesten Ausdruck in dem Nachwende-Gedicht Volker Brauns "Das Eigentum", das den subtilen Beitrag von Wolfgang Gabler einleitet (167). Kurz: Eine Diskursanalyse zu den deutsch-deutschen Vergangenheiten – auch als selbstreflexive Bewegung – hätte dem zweifellos wichtigen Buch mitsamt seinem verständigungsorientierten Anspruch gut getan.

Aufarbeitung der Aufarbeitung



Saskia Handro, Thomas Schaarschmidt (Hg.), Aufarbeitung der Aufarbeitung (© Wochenschau)

Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist Gegenstand eines anderen Werkes, wenngleich verbunden mit einer spezifischen Fragestellung. Es handelt sich um den von Saskia Handro und Thomas Schaarschmidt herausgegebenen Sammelband über "Die DDR im geschichtskulturellen Diskurs". Der Titel "Aufarbeitung der Aufarbeitung" verweist auf eine Metareflexion, die in den Kontext einer jüngeren, von einigen Zeitgeschichtlern angestoßenen Diskussion gehört[1]: der Problematisierung des Paradigmas "Demokratie versus Diktatur" als deutsch-deutsches Aufarbeitungsmuster. Sie bezieht sich hier auf die staatlich geförderte Beschäftigung mit der DDR-Geschichte als "Aufarbeitung der DDR-Diktatur", die, so die Prämisse der Herausgeber, die DDR-Lebenswirklichkeiten mit ihren unterschiedlichen Facetten und Bewertungen nur unzureichend erfasst – was den Schwierigkeiten entspricht, die viele Menschen in den östlichen Bundesländern mit der Akzeptanz des offiziösen Aufarbeitungspostulats haben, zumal das darin enthaltene Vorbild der "geglückten Demokratie" Westdeutschlands[2] mit Erfahrungen ökonomisch-sozialer Verwerfungen und personeller Hintanstellungen im Vereinigungsprozess verknüpft wird.

Nun geht es den Autoren des Bandes nicht primär um eine Kritik jener Aufarbeitungsstrategie; vielmehr sollen die einzelnen Beiträge "Bausteine (liefern) zur Beschreibung und funktionalen Systematisierung der DDR-Narrative im geschichtskulturellen Diskurs des wiedervereinigten Deutschlands" (13). Diese allgemeine Zielbestimmung enthält einen weiten Spannungsbogen. So werden zunächst vor dem Hintergrund des prinzipiell schwierigen Verhältnisses von Zeitzeugen-Narrativen und fachwissenschaftlichen Erklärungsmodellen Stellenwert und Funktion von Zeitgeschichte und (vor allem) Geschichtspolitik in Aufarbeitungsprozessen reflektiert (Martin Sabrow, Thomas Großbölting, Marko Demantowsky), um im Anschluss im weiten Feld "historisch-politischer Bildung" einzelnen Problemzusammenhängen der DDR-Aufarbeitung nachzugehen. Hier werden die schulisch und subjektiv-alltagsweltlich bestimmte Aneignung von DDR-Geschichte wie auch die Bedeutung der familiär vermittelten DDR-Narrative diskutiert, (Bodo von Borries, Sabine Moller), ebenso inhaltlich-didaktische Probleme in der außerschulischen Bildung (Heidi Behrens) und in Schulbüchern (Saskia Handro, Elena Demke). Im Schlussteil geht es im wesentlichen um die massenmediale Produktion von DDR-Bildern (Maik Zülsdorf-Kersting) und um die unterrichtliche Einbeziehung autobiographischer Texte, die auf die DDR bzw. den Wiedervereinigungsprozess bezogen sind (Mario Barricelli).

Die Beiträge des Sammelbandes sind dem Grundgedanken verpflichtet, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Rahmen politischer Bildung als gemeinsames, dem Ziel nach identitätsstiftendes Projekt nicht durch die Vorgabe eines "richtigen", moralisch-normativ aufgeladenen DDR-Bildes bestimmt sein könne, bei dem die Geschichte der DDR als Kontrastprogramm zur (Erfolgs-)Geschichte der Alt-Bundesrepublik vorgestellt wird. Überhaupt sollte nicht auf "Geschichtsbilder", sondern auf "Geschichtsdenken" gesetzt werden (107). Das impliziere Fragen nach dem Zustandekommen jener Bilder und deren Funktion, wozu die Sichtbarmachung von Interdependenzen im deutsch-deutschen Beziehungsgefüge gehöre. Damit sei, wie Handro betont (90), weder eine Suspendierung normativer Bewertungsmaßstäbe insbesondere im Blick auf den diktatorischen Charakter der SED-Herrschaft verbunden, noch sei das Plädoyer für historisches Denken mit Entpolitisierung gleichzusetzen. Vielmehr wachse mit einer "historisch begründeten Anerkennung demokratischer Grundwerte und bei Verzicht auf teleologisch imprägnierte Fortschrittsvorstellungen die Einsicht, dass die Stabilität von Demokratie auch mit '1989' im Gepäck nicht garantiert ist, und dass es diese Nation mit Widersprüchen und Konflikten in wechselnden Formen gab und gibt." (106)

Das Sammelwerk enthält eine Fülle von evidenten Fragestellungen, Reflexionen und (eher in Maßen) didaktischen Übersetzungsversuchen, die für einen modifizierten Umgang mit der DDR-Geschichte werben – offenbar, wie auch neuere Schulbuchanalysen zeigen, nicht ganz erfolglos.[3] Dabei impliziert dieser Zugriff eine Konsequenz, die undiskutiert bleibt, nämlich dass auch die über den Diktatur-Begriff vermittelte Gleichsetzung von DDR- und NS-Regime revidiert werden müsste bzw. die Unterschiede zwischen beiden Diktaturen der Ausarbeitung bedürften.

Im Übrigen lässt die Lektüre des Buches eine widersprüchliche Merkwürdigkeit erkennen: Offenbar wird die als deutsch-deutsche Unternehmung konzipierte Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Wissenschaftsbetrieb selber eher ausnahmsweise praktiziert. Jedenfalls entsteht dieser Eindruck angesichts der weitgehend fehlenden Bezugnahme auf ostdeutsche Wissenschaftler, und zwar auch auf solche, die nicht nur Prämissen der eigenen Position offenbar teilen, sondern auch für inhaltliche Koinzidenzen stehen. Zum Beispiel enthält das kritisierte Aufarbeitungsmuster mit seiner bloßen Demokratie/Diktatur-Gegenüberstellung ein Gefälle, das deutlich mit der (zentralen) Subalternisierungsthese von Kollmorgen, Koch und Dienel korrespondiert.

Nationale Identität im Wandel



Eunike Piwoni, Nationale Identität im Wandel (© Springer VS)

Wenn die Aufarbeitung kollektiver Vergangenheit(en) der politisch-kulturellen Identitätsbildung dienen soll, sind immer auch Vorstellungen über die Qualität jener Identität enthalten. Explizit und unter systematischen Gesichtspunkten beschäftigt sich das Buch von Eunike Piwoni mit dem Identitätsthema. Ausgangspunkt der Studie ist eine Beobachtung während der Fußballweltmeisterschaft 2006: In den deutschen Landen überwog eine Stimmung, die in den Medien als unverkrampfter und zugleich weltoffener Patriotismus gefeiert wurde, ohne dass von Intellektuellen Kritisches zu hören war. Wären doch Wortmeldungen zu erwarten gewesen nicht nur im Blick auf den historischen Kontext eines diskreditierten Patriotismus insbesondere durch den Nationalsozialismus und eines noch heute wirksamen, wesentlich ethnisch bestimmten "Kulturnation"-Verständnisses, sondern auch angesichts zeitgenössischer, Partikularismen eher entgegengesetzter Tendenzen und Bestrebungen. Wie erklärt sich das Fehlen bedenklicher Stimmen? Dieser Frage will die Autorin nachgehen, verknüpft mit der Hypothese, dass dahinter vermutlich ein im intellektuellen Spektrum verändertes "Nationsverständnis" stehe (19ff).

Die Überprüfung dieser Annahme geschieht vermittels einer Analyse von Debatten deutscher Intellektueller seit den 1980er-Jahren, die mehr oder weniger eng mit dem Nation-Thema verknüpft sind und (fast) alle kontrovers geführt wurden: der Historikerstreit, die Vereinigungsdebatte, die Botho-Strauß- und die Walser/Bubis-Debatte, die Leitkultur- und schließlich die Patriotismusdebatte. Die Analyse der entsprechenden Texte erfolgt am Leitfaden bestimmter "Dimensionen nationaler Identität" (Stellenwert der NS-Vergangenheit, Nationsverständnis und Haltung zur Nation) und führt über die Bezeichnung des Hauptthemas der jeweiligen Debatte zur Positionsbestimmung der (vorweg benannten) Debattenteilnehmer. Das ermöglicht die Kennzeichnung von "Konfliktlinien", "diskursiven Gemeinschaften" und sich gegenüberstehenden politischen "Lagern". Als Referenzpunkte fungieren unterschiedliche (idealtypisch ausgelegte) Nation-Vorstellungen: neben dem schon erwähnten, im 19. Jahrhundert entwickelten "Kulturnation"-Verständnis das der Französischen Revolution entstammende Modell der "Staatsnation" und die als US-amerikanische Idee apostrophierte "weltoffene und pluralistische Staatsbürgernation". Weil vorauszusetzen ist, dass das Nation-Thema von den Globalisierungsprozessen nicht unbeeinflusst geblieben ist, wird es schließlich auch zu theoretischen Zugriffen und Befunden der World Polity-Forschung in Beziehung gesetzt. (55 ff) Bei all dem liegt das Hauptaugenmerk darauf, ob und wie sich die anhand der "Dimensionen" ermittelte "Dissens-/Konsonanzstruktur" der Debatte im zeitlichen Verlauf verändert hat.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass es im intellektuellen Diskurs zwar nicht durchgängig, aber in der Tendenz zu einem lagerübergreifenden Wandel von der historischen "Idee der Kulturnation" hin zu einem "pluralistisch-staatsbürgerlichen" Verständnis von Nation gekommen sei, das als zugleich "weltoffenes" mit den politisch-moralischen Prinzipien der an Bedeutung gewonnen internationalen Institutionen korrespondiere. In diesem Modell "ist Patriotismus legitim, da er nicht exkludierend wirkt und mit Kosmopolitismus vereinbar ist". (282)

Piwonis Studie ist so angelegt, dass realhistorische Verläufe zugunsten von "Ideen", "Modellen" "Typen" zurücktreten, die dann als Bezugspunkte der Debatteninhalte fungieren. Ein Drittel des Buches ist wissenschaftsmethodischen Ausarbeitungen gewidmet, einschließlich jener kategorialen Formalisierungen, die später in den tabellarisch gegliederten Ergebnissen der Debattenanalyse den Überblick erleichtern sollen. Dieser Aufwand, der im Übrigen durchaus methodische Phantasie enthält und handwerkliche Solidität bezeugt, geht natürlich auch auf den "weichen" Gegenstand der Studie und den Schwierigkeitsgrad seiner operativen Erschließung zurück, vielleicht auch ein wenig auf den Umstand, dass es sich um eine Dissertation handelt, um eine Prüfungsarbeit also. Jedenfalls ist ihre Veröffentlichung in der vorliegenden Fassung kaum auf ein breiteres Lesepublikum zugeschnitten.

Die inhaltlichen Ergebnisse der Arbeit sind in ihrem methodischen Rahmen gut begründet, ihre Reichweite ist eher verhalten einzuschätzen. Eunike Piwoni selber warnt am Schluss der Studie – freilich weitgehend kommentarlos – vor einer Verallgemeinerung der Resultate, weil Intellektuellendiskurse und nicht Einstellungen und Bewusstseinsinhalte der Bevölkerung untersucht wurden, wenngleich jene Diskurse zumindest insofern Einfluss nehmen, als sie darüber entscheiden, was öffentlich gesagt werden kann und was nicht. Vor allem aber – und auch das weiß die Autorin (290) – ist der diskursiv gewonnene und positiv konnotierte Staatsbürger-Patriotismus im Alltag nur schwer vom Nationalismus zu trennen, der, wie aus anderen Untersuchungen bekannt ist[4], häufig mit Fremdenfeindlichkeit und autoritären Einstellungsmustern einhergeht. Das spricht nicht gegen die vorgestellte Untersuchung, verweist aber auf ihre Grenzen.

Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005; für die jüngere Zeit vgl. mit eigener Akzentuierung: Thomas Großbölting, Geteilter Himmel: Wahrnehumgsgeschichte der Zweistaatlichkeit, in: APuZ, 1–3/2012, S. 15–21.
2.
Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, München 2007.
3.
Vgl. Simone Lässig, Repräsentation des "Gegenwärtigen" im deutschen Schulbuch, in: APuZ, 1–3/2012, S. 46–54.
4.
Das gilt z.B. für Untersuchungen, die auch von Piwoni angezeigt werden: Klaus Ahlheim/Bardo Heger, Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und ihre Nebenwirkungen, Schwalbach 2008, u. Julia Becker u.a., Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit, in: Deutsche Zustände 5 (2006), S. 131–149.

Klaus Christoph

Der Autor

Klaus Christoph

Prof. Dr., Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hannover.


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