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22.1.2019

Die Bedeutung des offiziellen Antizionismus im Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II

Antisemitische Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen in der DDR sind im Wesentlichen ab den 1970er-Jahren dokumentiert. Das Umwerfen von Grabsteinen und andere Zerstörungen der Gräber und Friedhöfe haben sich bis 1990 bruchlos fortgesetzt. Darüber berichtet Monika Schmidt im Teil II Ihres Beitrags über die Schändungen jüdischer Friedhöfe in der DDR.

Auf dem jüdischen Friedhof in Potsdam wurden 1989 Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert. (© BStu, MfS, BV Potsdam, AKG 2640, Bl.2)


Antisemitische Schmierereien

Antisemitische Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen in der DDR sind im Wesentlichen ab den 1970er-Jahren dokumentiert. Das Umwerfen von Grabsteinen und andere Zerstörungen der Gräber und Friedhöfe haben sich bis 1990 bruchlos fortgesetzt. In der alten Bundesrepublik waren Friedhofsschändungen mit Schmierereien judenfeindlicher Parolen und Symbole, die als „leisere Schändungsart“ gelten, weitaus häufiger, während in der DDR „Schändungsarten, die Lärm verursachen“,[1] wie das Umwerfen und Zertrümmern von Grabsteinen, den mit Abstand größten Teil der Übergriffe ausmachten. 17 Schändungen durch Schmierereien sind in der DDR bekannt geworden, keine von ihnen enthielt antizionistische Stereotype, während Hakenkreuze, SS-Runen und tradierte Parolen wie „Juden raus!“ oder schlicht „Jude“ dokumentiert sind.[2]

Eine besonders aufwendige Friedhofsschändung mit Schmierereien fand in der Nacht zum 9. Juli 1983 auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt statt. Unbekannte ritzten 23 SS-Runen, Hakenkreuze, Parolen wie „Juden raus!“ in Grabsteine ein und zogen sie anschließend mit Kerzenwachs nach. Zudem warfen sie zwei Grabsteine um, von denen einer zerbrach.[3] Am 9. Juli inspizierten Vertreter der in Erfurt ansässigen Jüdischen Landesgemeinde Thüringen den Tatort, der stellvertretende Vorsitzende Raphael Scharf-Katz machte eine Fotoaufnahme. Mit der Begründung, die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, nahmen ihm die anwesenden Polizisten den Fotoapparat sofort ab und beschlagnahmten trotz seines Protestes den Film.[4] Eine Angehörige der Jüdischen Landesgemeinde äußerte bei einer weiteren Besichtigung der Schändung am nächsten Tag ihre Empörung und bemerkte, dass „aber andererseits in den Zeitungen der DDR Karikaturen über Israel enthalten seien, die früher im ‚Stürmer‘ gezeigt worden seien“. Sie sei überzeugt gewesen, „daß so etwas in der DDR nicht passiere“, jetzt sei sie anderer Auffassung.[5] Sie sei auch „der Meinung, daß derartige Vorkommnisse nicht verschwiegen werden dürfen, sondern bekanntgemacht werden müssen“.[6] Nur in diesem einen Fall findet sich im Kontext der Friedhofsschändungen und des Umgangs mit den jüdischen Stätten ein solch deutlicher Bezug auf die verbreitete und oft aggressive antizionistische Propaganda der DDR, die antisemitische Vorurteile und Judenfeindschaft schürte.

Auf Veranlassung der Stadt und der SED wies der Gemeindevorsitzende Herbert Ringer die Gemeindeleitung an, über dieses Vorkommnis keine Äußerungen weder in Schrift- noch in Interviewform abzugeben.[7] Und nochmals musste er gegenüber städtischen Repräsentanten versichern, „keinerlei Auskünfte über das Vorkommnis den Journalisten oder anderen nicht befugten Personen weiterzugeben“. Genauestens wurde auf die Geheimhaltung antisemitischer Übergriffe geachtet. So wurde registriert, dass Ringer den Präsidenten des Verbands der Jüdischen Gemeinden in der DDR Helmut Aris „an einem offenen Telefonapparat“ informiert habe.[8]

Einerseits stand die jüdische Gemeinde selbst unter Beobachtung, ihre Handlungsmöglichkeiten waren reglementiert, sie galt gleichsam als parallel zu kontrollierendes und sanktionierendes Objekt und war in den Augen der Behörden offenbar ein Unsicherheitsfaktor. Andererseits gab es den eigentlichen Ermittlungsgegenstand, den Tatbestand einer massiven, unzweifelhaft antisemitischen Friedhofsschändung, deren Aufklärung aus Sicht der jüdischen Gemeinde oberste Priorität hatte, aber nicht im Mittelpunkt des Handelns der damit befassten Organe stand.

Im vorliegenden Fall sind zwei parteiinterne Schriftstücke, ein Bericht und ein Gesprächsprotokoll, überliefert. Offensichtlich wird das doppelte Erkenntnisinteresse der staatlichen Organe, ein Parallelvorgang und das vorrangige Interesse an lückenloser Geheimhaltung. Der Stellvertreter des Erfurter Oberbürgermeisters bewertete die Schändung schließlich zwar unumwunden, jedoch ohne die Tat als antisemitisch zu bezeichnen. Er äußerte: „Das Vorkommnis ist als eine eindeutig neofaschistische Handlungsweise einzuschätzen.“[9] Das bei antisemitischen Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen grundsätzlich einbezogene MfS beförderte keine Ermittlungen. Es handelte als politisches Korrektiv, gab politisch motivierte Handlungsanweisungen und dirigierte und kontrollierte das Verschweigen der Tat. Soweit bekannt, wurde nur in einem Fall, einer Friedhofsschändung in Bad Frankenhausen mit einem aus Gips geformten Hakenkreuz, der Täter von der Kriminalpolizei gefasst.[10]

Polizeiliches Ermittlungsergebnis: Die Täter sind Kinder

Im Fall der Friedhofsschändungen sind fast keine Zeugnisse über Motivationen der Täter überliefert, lediglich in zwei Fällen machten Kinder, sämtlich unter zwölf Jahren, einige Angaben. Eine Äußerung aus dem Jahr 1982, bezogen auf die Chemnitzer Stätte, konnte nur der erwachsenen Welt entstammen oder war eine direkt von Erwachsenen übernommene Formulierung: „Der Friedhof muss weg!“[11] Im anderen Fall, 1985 in Erfurt, „stromerten“ zwei Jungen umher, wie sie sagten, und seien auf den jüdischen Friedhof gelangt, wo sie aus Langeweile und als Mutprobe Denkmäler umgestoßen hätten.[12] Angehörige des Friedhofspersonals waren jeweils eingeschritten und hatten die Kinder gestellt. In beiden Fällen hatten sich die Übergriffe in Städten mit jüdischen Gemeinden ereignet. Die Gemeinden verfügten über mehr Friedhofspersonal und konnten unmittelbar auf Übergriffe reagieren. Doch auch hier waren sie mit der Verharmlosung der Taten sowie wiederholten Schändungen und Vandalismus konfrontiert, ohne dass die Täter gefasst wurden.

Auch der Alte Jüdische Friedhof in Dresden war mehrfach Übergriffen ausgesetzt. 1977 wurden laut Friedhofsgärtner ungefähr 25 kleinere und größere Grabsteine umgestoßen und „verschiedene Ornamente und Symbole abgebrochen“, zudem wurden laufend „Müll und Unrat“ über die Friedhofsmauer geworfen.[13] Die jüdische Gemeinde bezweifelte die alleinige Täterschaft von Kindern und war befremdet über die geringe Bereitschaft, mit den Kindern zu sprechen: „Uns ist diese wiederholte Schändung, auch wenn sie zum Teil von Kindern, die unberechtigt den Friedhof betreten, vorgenommen wurde, unverständlich, zeigt sich doch daraus mangelnde Aufklärung durch Schule und Elternhaus.“[14] Unabhängig davon bestand der Verdacht, dass Erwachsene den Friedhof in vollem Bewusstsein der Dimension ihrer Tat schändeten. „Bei der Wiederaufrichtung der Steine lag der Kraftaufwand meines kleinen Betriebes an der Grenze des Möglichen. Sollte es wieder zu evtl. schweren Schäden kommen, wäre ich nicht mehr in der Lage den Auftrag auszuführen“, informierte der mit der Schadensbeseitigung beauftragte Ingenieur und Steinmetzmeister die jüdische Gemeinde. Er wolle noch einige Bemerkungen machen, „die doch zu Folgemaßnahmen Ihrerseits führen möchten“. Unter den 43, wie er unterstrich, „mutwillig umgeworfenen Steinen“ seien „einige dabei, die das Gewicht von 1000 kg erreichen. Diese Steine standen fast lotrecht. Um sie umzustoßen sind Kräfte von über 150 kg notwendig.“[15] Die jüdische Gemeinde erneuerte ihre Anzeige gegen Unbekannt und ersuchte „um strikteste Verfolgung“.[16] Das Verfahren wurde einige Zeit später ergebnislos eingestellt.[17]

Nur in Städten mit einer jüdischen Gemeinde führten zwischen 1953 und 1987 die polizeilichen Ermittlungen zur Ergreifung jugendlicher Täter: 1974 in Schwerin, 1977 in Dresden und in Berlin-Weißensee, 1981 in Leipzig. Den Jugendlichen wurden neben der Schadensbegleichung erzieherische Maßnahmen auferlegt.[18] Zeugnisse und Diskurse über ihre Tatmotive sind nicht überliefert, ebenso wenig etwaige antisemitische oder antizionistische Hintergründe. Letztere galt es ja peinlichst zu vertuschen; in anderen Schändungsfällen beschlagnahmte das MfS entsprechende Beweismittel und unterband Zeugenaussagen. Gerichtlich verfolgt wurden, soweit bekannt, die erwachsenen Täter nur sehr selten wegen Diebstahls. Die Ausnahme bildete die umgehende Festnahme eines alkoholisierten Mannes in Eisleben, der wegen Rowdytums zu vier Monaten Haft verurteilt wurde.[19]

Mehr als drei Viertel der Friedhofsschändungen von 1952/53 bis 1989 in Thüringen, wo die Überlieferung am dichtesten ist, wurden nicht aufgeklärt. Die übrigen 14 der insgesamt 63 bekannten Schändungen begingen laut der polizeilichen Ermittlungsergebnisse ausschließlich Kinder unter 14 Jahren; da sie noch nicht strafmündig waren, wurde kein Verfahren eingeleitet, die polizeilichen Ermittlungen wurden eingestellt. Gelegentlich kamen erhebliche Zweifel an der Täterschaft von Kindern auf, sodass die jüdische Gemeinde die Polizei zur Wiederaufnahme der Ermittlungen aufforderte – in allen Fällen erfolglos.

Das nahezu durchgängige Ermittlungsergebnis „kindliche Täter unter 14 Jahren“ wirft Fragen auf. Ein unmündiger Täterkreis sollte zweifelsfrei bestätigen, dass keine antisemitischen Einstellungen vorlägen. Die Frage nach den Ursachen und Hintergründen der vielen, nicht aufgeklärten Übergriffe auf jüdische Stätten sowie die Frage nach der Verbreitung und Ausprägung von Antisemitismus in der DDR bleibt angesichts der zahllosen Friedhofsschändungen virulent. Die Relativierung der Schändungen als Kinderspiel oder „Dumme-Jungen-Streich“ hatte sich als gängige Argumentation etabliert. Funktionären des SED-Zentralkomitees gegenüber kritisierte der Präsident des Verbands der Jüdischen Gemeinden in der DDR 1973 als besonders eklatantes Beispiel die Schuldzuweisung an drei- bis vierjährige Kinder für eine Schändung 1972 in Dresden. Nach einer Tat würde zwar sofort, nicht aber mit akzeptablen Argumenten reagiert.[20]


Spektakuläre Strafverfolgung 1988

„Bei neonazistischen Taten […] habe es grundsätzlich den Auftrag gegeben, nachzuweisen, dass die ‚Wurzeln‘ in der BRD lagen“,[21] berichtete ein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der der Friedhofsschändung verdächtigte Jugendliche 1988 verhört hatte. Während mehrerer Nächte schändeten Anfang 1988 fünf Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren den jüdischen Friedhof in der Berliner Schönhauser Allee und warfen, antisemitische Parolen rufend, etwa 200 Grabsteine um, von denen viele zerbrachen. In einem öffentlichen, allerdings nur vor ausgewähltem Publikum stattfindenden Prozess erhielten sie drastische Haftstrafen zwischen zweieinhalb und sechseinhalb Jahren.

Wie ein Schauprozess muten die Inszenierung, das Strafmaß und die stereotype Berichterstattung an. Die Jugendlichen hätten sich durch ihre Taten von der Gesellschaft isoliert, da in der DDR durch die konsequente Erfüllung des Vermächtnisses der antifaschistischen Widerstandskämpfer der Antisemitismus und seine gesellschaftlichen Grundlagen nicht mehr existierten. Ihre antisemitischen Einstellungen hätten sie, so der Grundtenor der Verhandlung, ausschließlich vom „Westfernsehen“, vom „Klassenfeind“ übernommen.[22] Laut einem der Verteidiger zeigten die Angeklagten in der Verhandlung „ein gestörtes Verhältnis zum Judentum“, doch habe es sich um das „Nachplappern von Gehörtem“ und nicht um „politisch motivierte Überlegungen“ gehandelt.[23] „Man habe nachweisen wollen, dass diese Überlegungen eigentlich einem Jugendlichen im Sozialismus fremd seien.“[24]

Vier Monate später, am Abend des 27. Juli 1988, warfen vier Jugendliche auf dem Potsdamer jüdischen Friedhof 17 Grabsteine, bei einigen auch deren Sockel, eine Marmorplatte, die zerbrach, und eine Granitsäule um und zerstörten Teile der Umrandung eines Familiengrabes. Einen der umgestoßenen Grabsteine richteten sie danach wieder auf. Festgestellt wurde, dass die Täter „mit hoher Intensität und beachtlicher Kraftanstrengung vorgegangen“ waren.[25] Einer der vier Jugendlichen im Alter von 14, 16, 17 und 18 Jahren nannte voll Bewunderung die Friedhofsschändung in Berlin, die nachzuahmen sein Motiv gewesen sei. Der Vorschlag, Grabsteine auf dem nahen Friedhof umzustoßen, habe „die sofortige Zustimmung“ von zweien gefunden, dem sich, „um nicht als Feigling verhöhnt zu werden“, der vierte „nach anfänglichen Bedenken anschloß“.[26]

In der Hauptverhandlung Mitte Oktober 1988 wurden gegen drei der Jugendlichen Haftstrafen von einem Jahr und zwei Monaten bis zu einem Jahr und zehn Monaten ausgesprochen; der vierte wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.[27] Zunächst hatte die Absicht bestanden, auch diese Verhandlung öffentlich zu führen, doch wurde schließlich kaum über diesen Fall berichtet. Es bleibt zu vermuten, dass kurz vor den Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 nicht eine zweite Friedhofsschändung in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt werden sollte. Zudem war Ende der 1980er-Jahre eine gewisse Öffnung des SED-Regimes gegenüber internationalen jüdischen Institutionen eingetreten. Auch vor diesem Hintergrund sind diese Strafprozesse zu sehen.


Die Umgestaltung zur DDR-Gedenkstätte

Die Juden nicht als Hauptopfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu benennen, wie im Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945, entsprach der Haltung der Sowjetunion, wo man „nicht über die Ausrottung der Juden zu sprechen“ pflegte.[28] In der SBZ wie in der DDR wurden die „Opfer des Faschismus“ (OdF) in „politische Kämpfer gegen den Faschismus“ und die untergeordneten übrigen OdF unterteilt. Jüdische Repräsentanten kritisierten diese hierarchische Kategorisierung in politische Kämpfer und jüdische Opfer entschieden als diskriminierend, zumal mit ihr eine ungleiche Versorgung der NS-Verfolgten einherging. Diese mal offiziell formulierte, mal unterschwellig bestehende Einteilung blieb für die Juden in der DDR eine offene Wunde, weder würdigte der Staat den jüdischen Widerstand noch erkannte er die Dimension der Shoah als Genozid und Zivilisationsbruch an.[29]

Während die „Kämpfer“ heroisiert wurden, vergaß man die jüdischen „Opfer“ oder subsumierte sie unter Nationalitäten, wodurch sie ebenfalls unsichtbar wurden. Dies hatte auch für einen Teil der jüdischen Friedhöfe Folgen. Nicht wenige von ihnen wurden in Gedenkstätten für die OdF umgewandelt und neu gestaltet, oft wesentlich verkleinert; in diesem Zusammenhang kam es in Einzelfällen zu brutaler Zerstörung. Manche Stätten waren kaum noch als jüdische Friedhöfe zu erkennen, sondern wurden durch die Zentrierung der Anlagen auf einen OdF-Gedenkstein und die Abräumung der alten Grabsteine bzw. deren ornamentale Neuaufstellung zu antifaschistischen Gedenkanlagen umfunktioniert. Nicht selten ging damit jeglicher Hinweis auf die eigentlich jüdische Stätte verloren, bei einigen selbst der Hinweis auf die jüdische Identität der Opfer des Faschismus.

In Alt-Strelitz etwa entstand auf einem Achtel der Friedhofsfläche eine sehr kleine Gedenkanlage mit drei Grabsteinen, der mittlere als Gedenkstein neu beschriftet, umgeben von einigen liegenden Grabsteinbruchstücken. Die Stelen und Obelisken des Friedhofes wurden zerschlagen und im Stadtgebiet wiederverwendet.[30] Präsentiert wurden dagegen gepflegte, ordentliche Anlagen, die als repräsentative Orte offiziellem Gedenken zweckdienlich sein sollten, aber kaum historische Spuren aufwiesen oder eine Würdigung als jüdische Friedhöfe erfuhren. Die Begräbnisstätten, im jüdischen Ritus der wichtigste zu erhaltende Ort und zugleich vielfältiges, brüchiges Zeugnis jüdischer Geschichte, wurden so ihrer religiösen und kulturellen Bedeutung, ihrer Geschichte und Zeugenschaft enthoben. Der Staat DDR errichtete sich hier gleichsam unbeschriebene Tableaus, die neu definiert werden konnten. Diese Leugnung und Missachtung jüdischen Vermächtnisses zeichnet auch die plakative Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der DDR aus. Besonders in Brandenburg, wo nach 1945 keine die Begräbnisstätten betreuende jüdische Gemeinde existierte, fällt die große Zahl in Gedenkanlagen oder Grünflächen gänzlich oder weitgehend ohne Grabsteine umgewandelter Stätten auf. Die gelegentlich übereifrige DDR-Gedenkkultur für die OdF hatte auf diese Weise für die jüdischen Friedhöfe fatale Folgen.

Zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 plante die DDR-Regierung landesweit Gedenkfeiern, die auch auf den jüdischen Begräbnisstätten mit Veranstaltungen und Kranzniederlegungen begangen werden sollten. Hierfür trat die Staatsführung über die Bezirke an die Kreise und Kommunen heran. Die jüdischen Gemeinden, deren Repräsentanten zur zentralen Gedenkfeier geladen waren, wurden in diese lokalen Aktivitäten kaum einbezogen.[31] Eine staatliche Umfrage im Vorfeld dokumentiert den Zustand einiger bisher kaum beachteter Friedhöfe. So taucht die zunächst unerwähnt gebliebene jüdische Stätte in Angermünde schließlich in der Korrespondenz auf: Auf ihr seien gepflegte Gärten errichtet, die kleine Friedhofshalle sei in gutem Zustand, sie werde als Autogarage genutzt.[32]

Die Bedeutung der jüdischen Friedhöfe für Überlebende

Für Überlebende der Shoah war es äußerst schmerzhaft, wenn die Grabstätte ihrer nächsten Angehörigen zerstört oder aufgelöst wurde. Entstanden waren Begräbnisstätten für Überlebende, die noch in den Wochen nach der Befreiung an den Folgen ihres Martyriums gestorben waren. Eine leicht retouchierte Fotografie einer solchen Begräbnisstätte in Hillersleben zeigt lange Reihen von Grabhügeln mit jeweils einer Grabtafel im Halbschatten unter Bäumen.[33]

Nach Gerüchten über die Auflösung des Friedhofes wandte sich 1948 in Sorge um das Grab der Mutter eine Frau aus Debrecen in Ungarn an die Synagogen-Gemeinde in Magdeburg. „Wir haben erfahren, dass der Friedhof von Hillersleben vernichtet wurde. […] Wir hatten bisher immer als einzigen Trost, dass wir ein Grab haben, das wir besuchen können, und wenn es eine Möglichkeit gibt, können wir unsere Geliebte exhumieren und nach Hause tragen. […] Wenn wir daran denken, so fühlen wir, dass man es nicht aushalten kann. […] wirken Sie bitte darauf hin […], dass die dort befindlichen Personen diesen Platz nicht benutzen sollten, sondern umgeben Sie ihn mit einem Holzzaun, wie einen heiligen Platz.“[34] In einem zweiten Brief drückte sie ihre Befürchtungen wegen ihres bevorstehenden Besuches aus, denn „die andere Nachricht sagt, dass nur der Grabstein meiner Mutter steht und alles andere kaputt gemacht ist, und ich fürchte mich immer davor, dass vielleicht dieser Grabstein auch schon nicht mehr steht.“[35] Tatsächlich erklärte die Rote Armee das Gelände zum militärischen Sperrgebiet und gestattete den Zugang zum Friedhof nicht mehr. Die Gräber wurden offenbar eingeebnet und die Grabtafeln beseitigt. Wann genau dies geschah, ist nicht bekannt.[36] Von der Existenz und dem Zustand mancher jüdischen Friedhöfe erfuhren die jüdischen Gemeinden erst spät und eher zufällig, so beispielsweise 1966 von der Begräbnisstätte in Plau am See durch die Anfrage von Lisa O. aus den USA.[37] Gelegentlich, wie in diesem Fall, erkundigten sich emigrierte Angehörige aus dem westlichen Ausland nach den Gräbern ihrer Verwandten auf den jüdischen Friedhöfen ihrer ehemaligen Heimat. Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg Alfred Scheidemann berichtete Lisa O. nach der Besichtigung des Friedhofes, 16 der etwa 30 Grabstellen seien noch erhalten. Sie erführen eine „liebevolle Pflege“ durch ein Ehepaar.[38] In ihrer Antwort empfahl Lisa O., da sie selbst niemanden mehr aus Plau kenne, wenn „die Landesgemeinde Adressen von frueheren Juden die in Mecklenburg gelebt haben erfahren will, geben Sie doch mal eine Annonce in der jued./deutschen Zeitung d e r A u f b a u in New York auf und da diese Zeitung in der ganzen Welt gelesen wird, werden sich sicher viele Leute melden.“[39]

Eine solche Anzeige in einer US-amerikanischen jüdischen Zeitung aufzugeben war jedoch für eine jüdische Gemeinde in der DDR undenkbar, da dies als Kontaktaufnahme mit dem „Klassenfeind“, mit „kosmopolitischen“ oder „zionistischen Agenten“ ausgelegt worden wäre. Doch waren, nachdem Juden vor den Nationalsozialisten in alle Welt hatten fliehen müssen und Überlebende nach 1945 vielfach emigrierten, gefahrlose und ungehinderte Kontakt- und Korrespondenzmöglichkeiten von elementarer Bedeutung, ob zum Auffinden von Angehörigen oder aus anderen Gründen wie aus Sorge um die Gräber der Nächsten. Eine Fortsetzung der oben aufgeführten Korrespondenz ist nicht dokumentiert.


Fazit

Antizionismus oder auch nur Israel-Bezüge finden sich in der gesamten gesichteten behördlichen Korrespondenz mit den jüdischen Gemeinden über die Friedhöfe oder deren Schändungen nicht ein einziges Mal. Auch die wenigen dokumentierten Aussagen von Tätern enthalten keinerlei Andeutungen Israel betreffend oder Manifeste antizionistischer Ideologie, ebenso wenig die antisemitischen Schmierereien im Rahmen von Friedhofsschändungen. Die einzige Erwähnung eines antizionistischen Kontextes ist die zitierte Äußerung einer Mitarbeiterin der jüdischen Gemeinde in Erfurt von 1983. Die Friedhofsschändungen, nach 1945 in ganz Deutschland Ausdruck des nach wie vor bestehenden Antisemitismus, setzten sich auch in der DDR in ungebrochener Kontinuität bis 1990 fort, verschärften die judenfeindliche Aggression ab den 1970er-Jahren noch durch Schmierereien, Parolen und nazistische Symbole. 1953 verlor die DDR-Gesellschaft ihre kritischen Stimmen für die Anprangerung und Abwehr von Antisemitismus durch die antizionistischen Repressionen des SED-Regimes nachhaltig. In dieser Zeit etablierte sich die staatliche antizionistische Ideologie vollends. Antisemitismus und Antizionismus waren scheinbar entkoppelt und die Camouflage perfektioniert. Gerade die Friedhofsschändungen, der Eifer und die Zerstörungswut in diesen anonymen, hinterhältigen und primitiven Handlungen offenbarten das Fortbestehen eines aggressiven Antisemitismus.

Das staatlich verordnete und allgemeine behördliche Verharmlosen und Verheimlichen der Friedhofsschändungen war äußerst erfolgreich. Es funktionierte wie eine ideologische Immunisierung gegenüber der Wahrnehmung von Antisemitismus. Der Antizionismus war eine der zentralen Staatsideologien der DDR. Er weist antisemitische Züge auf, was aber von den Verantwortlichen per se verneint wurde. Das Dogma der Nichtexistenz von Antisemitismus im antifaschistischen sozialistischen Staat führte zu einem komplizierten Umgang mit den tatsächlichen antisemitischen Phänomenen wie den Friedhofsschändungen. Beide Ideologeme, der Antizionismus als Camouflage und das sozialistische Dogma der Nichtexistenz von Antisemitismus, waren jeweils auf ihre Weise darauf ausgerichtet, Antisemitismus zu leugnen. Es bildete sich ein eigenes Konglomerat der Judenfeindlichkeit in der DDR aus, das von den allgegenwärtigen ideologischen Facetten des staatlichen Antizionismus überlagert wurde. Der Antizionismus fungierte dabei als Ersatzventil für antisemitische Vorurteile. Dies lässt sich allerdings nicht explizit in den Friedhofsschändungen erkennen. Der staatliche Umgang mit den jüdischen Friedhöfen gewann an Bedeutung, weil nach 1945 betreuende jüdische Gemeinden fehlten. Die Stätten wurden nicht beachtet, vergessen, waren Schändungen und Verwahrlosung ausgesetzt, auch der radikalen Umgestaltung in OdF-Gedenkstätten. Die DDR, ein laizistischer atheistischer Staat, setzte ihre Gedenkkultur autoritär und bewusst auf ausgewählten jüdischen Friedhöfen durch, aber nicht um der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, sondern um sich als antifaschistischer Staat zu legitimieren.

Dieser Beitrag von Monika Schmidt entstammt dem Buch: Wolfgang Benz (Hrsg.), Antisemitismus in der DDR - Manifestationen und Folgen des Feindbildes Israel, erschienen 2018 im Metropol Verlag.

Fußnoten

1.
Julius H. Schoeps, Sepulcra hostium religiosa nobis non sunt. Zerstörung und Schändung jüdischer Friedhöfe seit 1945, in: Adolf Diamant, Geschändete jüdische Friedhöfe in Deutschland 1945 bis 1999, Potsdam 2000, Nachwort, S. 87–95, hier S. 91.
2.
Schmidt, Übergriffe, S. 295 ff.
3.
Bericht d. Stellv. d. Oberbürgermeisters für Inn. ü. d. Schändung des Jüdischen Friedhofes in Erfurt vom 11. 7. 1983, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStA Weimar), BzPA der SED Erfurt, SL der SED Erfurt, Altregistratur Nr. 1033, Bl. 195.
4.
Ebenda.
5.
Bericht vom 11. 7. 1983, S. 2, ebenda, Bl. 196.
6.
Protokoll vom 11. 7. 1983, ebenda, Bl. 190.
7.
Ebenda.
8.
Bericht vom 11. 7. 1983, S. 2, ebenda, Bl. 196.
9.
Ebenda.
10.
Brocke u. a., Stein und Name, S. 341.
11.
Schreiben vom 13. 7. 1982, Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz, Best. 30413/7.3, Sig. 11959.
12.
Schreiben des Stadtbezirksschulrates an den Rat des Bezirks Erfurt vom 17. 7. 1985, Stadtarchiv Erfurt, RdSt Erfurt, A 7317.
13.
Anzeige vom 20. 9. 1977, Archivunterlagen der Jüdischen Gemeinde zu Dresden (JG Dresden).
14.
Ebenda.
15.
Schreiben eines Steinmetzbetriebes vom 18. 10. 1977, ebenda.
16.
Anzeige vom 20. 10. 1977, ebenda.
17.
Schreiben des VPKA vom 2. 3. 1978, ebenda.
18.
Schmidt, Übergriffe, S. 277.
19.
Schreiben des Rates des Bezirkes an den Staatssekretär für Kirchenfragen vom 15. 9. 1983, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Merseburg (LHASA, Merseburg), Rat des Bezirkes Halle, 3. Abl., Nr. 20329, Bl. 563.
20.
SED-Information über das Gespräch vom 28. 2. 1973, S. 3, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY 30/ IV B 2/14/174, Bl. 8; vgl. auch Waibel, Rechtsextremismus, S. 79.
21.
Annette Leo, Umgestoßen. Provokation auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin Prenzlauer Berg 1988, Berlin 2005, S. 99, Äußerung eines Mitarbeiters des Ministeriums für Staatssicherheit, der im Verfahren zur Schändung des jüdischen Friedhofes Berlin, Schönhauser Allee Anfang 1988 beteiligte Jugendliche verhört hatte, in einem Interview von Annette Leo.
22.
Ebenda, S. 71 f., 104, 112 u. 115; Waibel, Rechtsextremismus, S. 91 f.
23.
Ebenda, S. 103.
24.
Ebenda, S. 104.
25.
Handschriftlicher Bericht zum Vorkommnis auf dem jüdischen Friedhof von Potsdam vom 28. 7. 1988, S. 3, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), MfS, Ast. Potsdam, BVfS Potsdam, AKG B 2642, Bl. 12; vgl. diesen Bericht, Bl. 10 ff.
26.
Information der BVfS Potsdam über die Untersuchungsergebnisse vom 1. 8. 1988, S. 3, ebenda, HA XX/4, Nr. 6175, Bl. 48.
27.
Beurteilungsblatt der BVfS Potsdam zum 14. 10. 1988, ebenda, HA IX, Nr. 17537, Bl. 389.
28.
Edmund Silberner, zitiert nach Keßler, SED und die Juden, S. 34.
29.
Christoph Hölscher, NS-Verfolgte im „antifaschistischen Staat“. Vereinnahmung und Ausgrenzung in der ostdeutschen Wiedergutmachung (1945–1989), Berlin 2002, S. 141 f. und 174 f.; Angelika Timm, Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997, S. 52–55; Haury, Antisemitismus, S. 305–310; Weigelt, „Der zionistische Agent …“, S. 78 f. und 85 ff.
30.
Irene Diekmann (Hrsg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Potsdam 1998, S. 64.
31.
Vgl. z. B. Schreiben des Stellv. d. Vors. f. Inneres an den Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Frankfurt/O. vom 14. 10. 1988 mit Information: „Veranstaltungen zum ehrenden Gedenken für die jüdischen Opfer anläßlich des 50 Jahrestages der faschistischen Pogromnacht im Bezirk Frankfurt (Oder)“ (4 Seiten) und „Jüdische Friedhöfe und Standorte ehemaliger Synagogen im Bezirk Frankfurt (Oder)“ (4 Seiten), BLHA, Rep 601, Nr. 27289.
32.
Schreiben des Rats des Kreises an den Rat des Bezirkes vom 1. 6. 1988, BLHA, Rep 601, Nr. 27285.
33.
Foto des größeren jüdischen Friedhofes des Lagers in Hillersleben von 1945, SG Magdeburg, Akte: Friedhof Hillersleben, Fh. 42.
34.
Brief aus Debrecen an Horst Ismar Karliner vom 4. 1. 1948, ebenda.
35.
Brief aus Debrecen an Karliner vom 17. 3. 1948, ebenda.
36.
Informationsbericht zum Ermittlungsstand um den jüdischen Friedhof in Hillersleben vom Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt (LvJGSH) vom 21. 12. 1994, ebenda.
37.
Brocke u. a., Stein und Name, S. 546–550.
38.
Schreiben der JLGM an Lisa O. in Rochester/USA vom 30. 12. 1966, SG Magdeburg, Akte: Friedhof Hillersleben, Fh. 42.
39.
Schreiben der Lisa O. in Rochester/USA an die JLGM vom 30. 1. 1967, ebenda, Hervorhebung im Original.

Monika Schmidt

Monika Schmidt

Monika Schmidt

Dr., Diplompolitologin. Sie arbeitete in zahlreichen Projekten zur Geschichte der Judenverfolgung im Nationalsozialismus, seit 1998 weitgehend am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, und veröffentlichte 2016 ein Werk über Schändungen jüdischer Friedhöfe in der DDR.


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