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8.11.2019

Die Mauer...

...heimlich fotografiert in Ost-Berlin 1986/87

Das Bild der Mauer ist heute sehr geprägt von der Buntheit ihrer Reste, wie an der East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain entlang der Spree. Bunt war sie dort aber nie. Sie war grau und weiß, damit sich potenzielle Flüchtlinge davor besser abzeichnen. Schilder mit der Aufschrift "Grenzgebiet - Betreten verboten" machten deutlich, hier ist Schluss. Die Mauer zu fotografieren war verboten. Der Ostberliner Fotograf Detlef Matthes hielt sie daher heimlich mit der Kamera fest - sie war für ihn eine Art Sehnsuchtssymbol, denn dahinter lag unerreichbar der Westen.

Mühlenstraße in Friedrichshain, 1987. Heute verläuft hier die East Side Gallery. (© Detlef Matthes)


Im Zeitraum von 1984 und 1987 habe ich angefangen mich intensiver mit der Berliner Mauer zu beschäftigen, die die DDR auf ihrem sowjetisch besetzten Ostberliner Grund und Boden gebaut hatte. Ich wollte wissen, wie es hinter der innerstädtischen Mauer aussieht, um nach Westberlin blicken zu können, denn nach Westberlin hat mich die DDR-Regierung nicht gehen lassen.

Sich ein eigenes Bild vom anderen Teil Berlins, von diesem ominösen und vielversprechenden Westberlin, oder der BRD - machen zu wollen, genehmigte die DDR-Regierung nur wenigen ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Da ich oft im Westfernsehen gesehen habe, dass die Mauer an Westberliner Seite bemalt war, wollte ich herauszufinden, ob das an der Ostberliner Seite auch so sei. Doch dem war bei Weitem nicht so, sie war weiß/grau.

 Mühlenstraße in Friedrichshain, 1987. Heute verläuft hier die East Side Gallery. Auf der Ostseite des Grenzüberganags Chausseestraße, heimlich aus der Straßenbahn heraus fotografiert, Mitte, 1987. Altes Pumpwerk Friedrichshain im Grenzstreifen an der Holzmarktstraße, Berlin-Mitte, 1987 Straße der Pariser Kommune, 1987 Schillerstraße in Wilhelmsruh in Pankow, 1987 Schillingbrücke aus der S-Bahn zwischen Jannowitzbrücke und dem damaligem Hauptbahnhof, 1987 Damals unzugänglicher,  versperrter S-Bahn-Eingang-Ausgang Oranienburger Straße vor dem Alten Postfuhramt, 1987. Die Station war ein sogenannter "Geisterbahnhof", an dem keine Züge hielten. Zwischen Bösebrücke und Helmut-Just-Brücke, Blick Richtung Eberswalder Güterbahnhof, 1987 Krausenstraße Ecke Lindenstraße in Berlin-Mitte, 1987 Lohmühlenstraße in Treptow, Blick in den Grenzstreifen nach Kreuzberg 36 am Landwehrkanal, 1987 Blick aus Hochaus Komplex Leipziger Straße ins Grenzgebiet Alte Jacobstraße, Sebastianstraße, Berlin-Mitte, 1987. Lohmühlenstraße in Treptow, Blick Richtung Landwehrkanal in Kreuzberg, 1987 Nasses Dreieck, Blick zu Häusern an der Steegerstraße in Wedding, Pankow, 1987 Grenzgebiet Zimmerstraße Ecke Lindenstraße, Mitte, 1986 Schiffbauerdamm, Berlin-Mitte, 1987 Gartenstraße, Blick Richtung Wedding an der Ecke Bernauer Straße, Berlin-Mitte, 1987 Grenzübergang - Bahnhof Friedrichstraße, Berlin-Mitte, 1987, mit Sichtblenden versehen Hinterhof Pflugstraße 10A, Blick auf die S-Bahntrasse der Nord-Süd-Linie S2 nach S-BHF Humboldhain im Wedding, Mitte, 1987 Hinterhof Pflugstraße 10A, Blick nach Wedding, Gartenstraße, Berlin-Mitte, 1987. Hochhaus Komplex Leipziger Straße, Blick ins Grenzgebiet um die Kommandantenstraße, 1987. HSiM an der Lindenstraße in Berlin-Mitte, 1987 HSiM an der Mühlenstraße in Friedrichshain, 1987 Blick zur Helmut-Just-Brücke im Mauerkorridor zwischen Pankow und Prenzlauer Berg, 1987 Bösebrücke, Grenzübergang Bornholmer Straße, 1987 Bouchéstraße in Treptow, Blick Richtung Harzer Ecke Bouchéstraße, 1987. Brandenburger Tor in Mitte, 1987, dort lauerten Grenzsoldaten. Der Vorplatz durfte nicht betreten werden. Blick aus Hochhaus Komplex Leipziger Straße nach Kreuzberg 61, Berlin-Mitte, 1987 Blick in die Oderstraße, Prenzlauer Berg, 1987 Blick ins Nasse Dreieck, Pankow, 1987 Blick nach Kreuzberg 61 aus Hochhaus Komplex Leipziger Straße, Berlin Mitte, 1987. Auf der Westseite das Axel-Springer-Verlagshaus. Blick nach Neukölln vom S-Bahnhof Plänterwald, 1987. Fontanestraße in Wilhelmsruh in Pankow, 1987


Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es sein kann, dass einige wenige Leute in der DDR mich daran hinderten, dahin zu gehen, wo ich hin wollte. Und ich wollte eben nach Westberlin. Nicht nur die Mauer stand mir im Weg sondern eben fremde Leute, die darüber gewacht haben, wer in den Westen reisen durfte und wer nicht. Wer waren diese fremden Leute, die meinten, über mein Leben bestimmen zu können? Was bewegte sie, ihre Ideologie nicht in Frage zu stellen und mich einfach nur reisen zu lassen? Hinderte sie möglicherweise etwas daran in anderen Kategorien zu denken? Was für Leute waren diese Leute?

Wenn Mauern gebaut werden, stelle ich mir immer die Fragen: Warum und wofür werden sie gebaut und wer soll geschützt werden, wer fühlt sich ohne sie gefährdet oder bedroht? Stecken hinter den Beschlüssen Grenzzäune, Sandwälle, Mauern zu bauen Zwangscharaktere, die sich abschotten müssen, um die politische/wirtschaftliche/kulturelle/wissenschaftliche (...) Landschaft in ihrem Sinne zu prägen, so dass sich ihre psychopathologischen Zustände dadurch noch erhärten und nur das zulassen, was ihnen zusagt?

Blick nach Kreuzberg 61 aus Hochhaus Komplex Leipziger Straße, Berlin Mitte, 1987. Auf der Westseite das Axel-Springer-Verlagshaus. (© Detlef Matthes)


Mauern sind nach dem Fall der Berliner Mauer, also nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs, dem Ost-West-Konflikt, vielfach neu entstanden. In der Folge "Grenzen, die wieder geschlossen werden" der Arte-Serie "Mit offenen Karten", wird anschaulich darüber berichtet. Alteingepflanzte, unbewältigte Konflikte brachen und brechen sich Bahn, führen zu neuen Kriegen und damit zum Aufbau neuer Grenzen. Wurde denn aus den "Irrungen und Wirrungen" der Geschichte nichts gelernt? Alte Denkgewohnheiten scheinen sich tief in altem Politikverständnis verfestigt, und in neues politisches Denken übertragen zu haben.

Der damalige Ostblock, als Konsequenz des Zweiten Weltkrieges, zeigte eindringlich, was passiert, wenn Mauern gebaut werden. Wie schwer es ist, Annäherung allein schon hier in Deutschland zwischen Ost und West zu bewerkstelligen, und wie viel Zeit investiert werden muss, um Wunden psychologischer und physischer Natur heilen zu lassen. Die Teilung Europas und damit auch die Teilung Deutschlands (exemplarisch in Berlin) zeigte wie viele Menschen entwurzelt, verletzt und gedemütigt wurden und wie viele Tote zu beklagen sind.

Schiffbauerdamm, Berlin-Mitte, 1987 (© Detlef Matthes)


Ich habe erlebt, was es heißt, in einem perfiden Unterdrückungsstaat zu leben. Allein schon durch das Fotografieren der Auswüchse dieses Unrechtssystems, wurde ich bestätigt, dass ideologische Abgrenzung all derer, die Angst vor sich selbst hatten und haben, nicht dazu führen kann, den freien Willen von Menschen zu brechen. Dieser Wille, da hin zu gehen, wo man meint, das Leben besser leben zu können, wird durch keine Mauer, durch keine Grenze, auf Dauer gebrochen werden können. Flucht aus Einengung und damit einhergehender geistiger Isolation und sozialer Empathielosigkeit, ist der Grund, weshalb der Wunsch bestand, ein freies Leben zu führen.

Hochhaus Komplex Leipziger Straße, Blick ins Grenzgebiet um die Kommandantenstraße, 1987. (© Detlef Matthes)


Auf diesen Mauerfotos aus Ostberlin ist die Abschottung durch die SED-Diktatur deutlich erkennbar.

Mein Drang diese Mauer in Ostberlin zu überwinden hat mich dazu bewegt, Fotos von diesem sogenannten antifaschistischen Schutzwall zu machen. Dieses Bollwerk war kein "antifaschistischer Schutzwall" sondern ein Abschottungssystem, um vom Versagen der eigenen Politik und von fehlender Legitimität abzulenken. Und wenn Machtverhältnisse so gestaltet werden, dass Mauern errichtet werden müssen, dann ist es höchste Zeit, dem ein Ende zu bereiten. Denn wer mauert, hat´s nötig. Das stand früher nahe dem Potsdamer Platz auf der Mauer. Das gilt im Übrigen auch noch heute.

Brandenburger Tor in Mitte, 1987, dort lauerten Grenzsoldaten. Der Vorplatz durfte nicht betreten werden. (© Detlef Matthes)


Wem nützen also Mauern? Wer soll dadurch geschützt, wer ausgegrenzt, werden? Wer hat ein Interesse daran den Schutz der eigenen Unzulänglichkeit der "Einheit in der Vielheit" entgegenzustellen und ein Leben ohne Mauern nicht wahr werden lassen zu wollen?

Detlef Matthes

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Detlef Matthes

Detlef Matthes

Der Fotograf Detlef Matthes, geb. 1968, hatte im Zeitraum 1984 bis 1987 mehrere Bilder von den Sperranlagen der Mauer in Ostberlin aufgenommen. 1987 schrieb er einen Erlebnisbericht über einen Polizeieinsatz gegen Jugendliche nahe dem Brandenburger Tor, den er in den Westen schickte. Die Stasi fing den Brief jedoch ab und nahm Matthes wegen "unerlaubter Verbindungsaufnahme" fest. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung wurden seine Mauerfotos gefunden. Er kam sechs Wochen in Untersuchungshaft, 1988 erfolgte seine Ausreise aus der DDR. Seine Website: www.mauerfotos-aus-ostberlin.de


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