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counter 20.12.2019

Thälmanns Turnhose und andere Dinge

Kurze Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR

Welche Spuren hat der DDR-spezifische Antifaschismus in den Sammlungen von Museen und Gedenkstätten hinterlassen und was erzählen diese Dinge heute noch über die DDR? Der Leitgedanke, der hier vorgestellten Überlegungen zur Kulturgeschichte im Museum, ist, dass Diskurse strukturell die Gegenstände fokussieren, die sie zum Thema haben. Dieser Beitrag zeigt, wie sich durch den Antifaschismus als Diskurs ein Monument seiner selbst in den Sammlungen der DDR etablierte.

Dauerausstellung Museum für Deutsche Geschichte mit Blick auf Guillotine und Schrumpfkopf (DHM, F53 1438, ca. 1953). (© Deutsches Historisches Museum )


Eine Kulturgeschichte der DDR, die sich mit dem Antifaschismus auseinandersetzt, findet in den Ausstellungen der Museen, Gedenkstätten oder auch Traditionskabinette einen reichen Fundus zur Analyse. Die diesbezügliche Forschung zeigt, wie diese Ausstellungen Teil eines „ideologischen Staatsapparates“ wurden, wobei der propagierte Antifaschismus manchem als „säkularisierte Religion“ erschien.[1] Die NS-Ausstellungen der DDR wurden kürzlich ebenfalls durch den Museumsverband Brandenburg untersucht, mit der Absicht noch genauer und auch etwas "gelassener" als bisher hinzuschauen.[2] Anknüpfend an diese Arbeiten soll erneut der Blick auf Museen und Ausstellungen als Hort der Objekte gerichtet werden. Hierbei wird sich insbesondere auf das zentrale Geschichtsmuseum der DDR – also das Museum für Deutsche Geschichte (Bestand heute im Deutschen Historischen Museum) und seine auch andernorts kuratierten Ausstellungen bezogen.

Die Abkehr vom Nationalsozialismus

Die sowjetische Militäradministration (SMAD) schrieb den Museen bereits kurz nach Kriegsende einen entscheidenden Beitrag zur Bildung des Volkes zu. Sie ordnete im Oktober 1945 nicht nur die Erfassung und den Schutz von Museumswerten, sondern auch die Wiedereröffnung der Museen an. Diese erschienen vorrangig als kulturelle Aufklärungsinstitute, die den „antidemokratischen und humanitätsfeindlichen Charakter der faschistischen, rassischen und militaristischen Ideologie aufdecken“ sollten.[3] Leiter der Museen sollten dabei demokratische Personen sein. Nach Aufforderung der SMAD wurden den Museen in der SBZ nazistische und militaristische Objekte entnommen.

Die eingeforderte Entmilitarisierung galt jedoch nicht grundlegend für die Museen der DDR. Denn Waffen wurden durchaus gesammelt, ausgestellt und in diesem Rahmen auch für die Wehrerziehung herangezogen. Ausstellungen bezogen sich oftmals auf die Bestände des Nationalsozialismus (NS), welche die deutsche Arbeiterklasse im Kampf gegen Konterrevolution, Reaktion und Faschismus zeigten, so ein Titel einer Ausstellung des Armeemuseums in Dresden. Zum einen wurden militärische Objekte aus dem Widerstand in Deutschland, zum anderen aber Waffen, Ehrenzeichen und Uniformen ausländischer Armeen oder Partisanen gezeigt. Für die NS-Zeit wurde jedoch – zumindest am Museum für Deutsche Geschichte - keine umfängliche Ehrenzeichensammlung angelegt, sondern nur Einzelexemplare beschafft. Solche Sammlungsbestände, so wurde befürchtet, verherrlichten in den Ausstellungen den Nationalsozialismus. Allerdings wurden beispielsweise Abzeichen des NS verwendet, die vom Hakenkreuz bereinigt in der Bundesrepublik weiterhin getragen wurden, und dies wurde dementsprechend kritisiert.

NS-Waffen wurden in der Buchenwalder Ausstellung gezeigt, um die Ausbeutung von Häftlingen durch die Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) zu thematisieren. Auch hier war der Unrechtsbezug klar hervorgehoben, genauso wie bei der Ausstellung von Folterinstrumenten oder Galgen. Grundsätzlich konnten in der DDR NS-Objekte nicht über den offiziellen Handel bezogen werden, durchaus wurden diese aber, wenn sie anfielen, auch durch staatliche Stellen an die Museen übergeben.

Ausstellungskonzeptionen in der DDR

Während uns heute die Ausstellungen der DDR über die NS-Zeit als Ausdruck des Antifaschismus erscheinen, war der Begriff des Antifaschismus selbst nicht zentral in der museologischen Literatur der DDR. Schließlich war der Faschismus ausschließlich eine Epoche der darzustellenden Geschichte, wobei diese, gemeinsam mit der Darstellung der DDR, den „Höhepunkt“ der Ausstellungen bilden sollte.[4] Wesentlich war die Gestaltung im Sinne des historischen Materialismus. Diese Weltanschauung beschrieb die Gesellschaft nach ökonomischen Grundsätzen und sollte die Entwicklung des Sozialismus und Kommunismus durch die Arbeiterklasse begleiten. Die museumspolitischen Anstrengungen konzentrierten sich somit verstärkt auf die Darstellung der Arbeiterbewegung. Auch die Periode des Faschismus wurde dementsprechend aus der Perspektive der Arbeiterbewegung und der KPD, als Partei der Arbeiterklasse, interpretiert. Dies zeigt sich beispielsweise in dem Statut der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten vom 28. Juli 1961, das als erste Aufgabe der Gedenkstättenarbeit festschrieb, „den Kampf der deutschen Arbeiterklasse und aller demokratischen Kräfte gegen die drohende faschistische Gefahr“ darzustellen. Es folgte die Präsentation der KPD als stärkster Kraft des Widerstands.[5]

Die „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ war dabei das Standardwerk, das zur Orientierung genutzt wurde und nach dem mitunter auch die Ausstellungen gegliedert wurden. Nach 1989/90 verließen sukzessive diejenigen Dinge die Museen und Gedenkstätten, die Produkte dieses DDR-spezifischen Antifaschismus waren, selbst aber nicht zum Sammlungsbestand gehörten. Zum einen waren es die Hilfswerke, insbesondere Bücher, deren Inhalt obsolet wurde und die dadurch wieder in ihrer Dinglichkeit sichtbar wurden, vor allem in Hinblick auf die Frage ihrer Entsorgung. Zum anderen aber waren es die Ausstellungen selbst, die abgebaut, Kataloge, die nicht mehr gebraucht wurden oder alte Gästebücher, die von Jugendweihestunden und Betriebsausflügen berichten, die ins Archiv wanderten.

Parteilichkeit in der DDR-Museologie

Doch nicht nur die theoretischen Vorannahmen, sondern auch eine DDR-spezifische Prägung der Parteilichkeit ist aus den Museen verschwunden. Sie zeigte sich neben der inhaltlichen Schwerpunktsetzung auch in der Gestaltung unter anderem in der Verwendung von Sprache, Illustrationen oder Bildmaterial. Eine bemerkenswerte Zeichensetzung in diesem Sinne war insbesondere in den frühen Jahren der DDR die Verwendung von Topfpflanzen in den Ausstellungen.

Sonderausstellung '15. Jahrestag der Befreiung' (DHM, HA MfDG, A 61 516 -D, Drehbuch, S. 163). (© Deutsches Historisches Museum)

Pflanzen wie Bogenhanf und Monstera finden sich im Museum der Widerstandsbewegung in Buchenwald vor der Thälmann-Skulptur, im Dimitroff-Museum in Leipzig vor einem Bild der Befreiung Berlins oder am Museum für Deutsche Geschichte vor der Statue des sowjetischen Soldaten oder den Bildern Liebknechts, Luxemburgs, Thälmanns, Piecks und Ulbrichts. Diese Topfpflanzen wirken etwas altbacken, wenig revolutionär, gleichzeitig waren sie ein Ausdruck der Huldigung, des Dankes, und Zeichen der wertebezogenen Museumsarbeit. Sie machten aus dem Museum in gewisser Weise auch einen Ort des Gedenkens, der der Pflege bedurfte. Die DDR-Museologie selbst verband mit ihrer Arbeit einen bildungspolitischen Auftrag. Museen galten als Institutionen der „sozialistischen Erziehungs- und Bewußtseinsarbeit.“[6] Dabei - und dies ist zentral für die antifaschistischen Ausstellungen der DDR – sollte die „ideologische Zielrichtung der Ausstellungen […] eindeutig frei von Objektivismus sein; als charakteristischer Zug soll[te] das parteiliche Herangehen an die behandelten historischen Erscheinungen und Prozesse deutlich hervortreten.“ Geschichte hatte weiterhin unter dem Gesichtspunkt der Klasse eingeschätzt zu werden, wobei „Anhänger und Gegner des Fortschritts“ klar hervortreten sollten.[7] Kurzum: Die Parteilichkeit der Museumsarbeit wurde in der DDR nicht nur erkannt, sondern auch in besonderem Maße hervorgehoben. Ein objektiver Anspruch bestand gerade deshalb nicht, dennoch sollte nach wissenschaftlichen Grundsätzen gearbeitet werden.

Kämpfer- und Opferdarstellungen in der DDR

Bei den Verfolgten und ihren Nachkommen in ganz Deutschland und auch in anderen Ländern entstand spätestens nach Kriegsende der Wunsch, selbst ihre Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen. Dinge, die zunächst aus persönlichen Motiven aufgehoben wurden, erschienen durch den antifaschistischen Diskurs in der DDR auch für eine Gruppe bewahrenswert. In der SBZ setzte sich insbesondere die Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) für die Form der Ausstellung als Öffentlichkeitsarbeit ein. Die Materialsammlung erfolgte über Kameradinnen und Kameraden sowie über die Presse.

Mit dem gesammelten Material eröffnete die VVN 1948 die Wanderausstellung „Das andere Deutschland.“ Sie unterteilte die NS-Geschichte in die Darstellung des faschistischen Deutschlands und den aktiven Widerstandskampf, den die Ausstellung, gemäß ihrem Titel, überproportional bedachte. Die Sammlungsstücke der Verfolgten fanden in den Museen und Gedenkstätten der DDR aufnehmende Institutionen. Schließlich bestand seitens der Ausstellungsgestaltenden nicht nur Interesse an solchen Objekten, sondern es wurde sogar Hände ringend danach gesucht. Ein Teil des Ausstellungsmaterials und andere durch die VVN gesammelten Gegenstände und Dokumente gingen in die Bestände des Museums für Deutsche Geschichte über. Für die Eröffnung der Ausstellung in Buchenwald 1954 wurde auch über die Presse gezielt nach weiteren Exponaten gesucht. Der Aufruf zur Abgabe von Sammlungsgut des Stadtmuseums Weimar für den Aufbau der Abteilung der „neuen und neusten Zeit“ sollte beispielgebend für andere Häuser sein.[8]

Unbedingt galt es, den Eindruck eines „Papiermuseums“ zu vermeiden. Im Sinne der Parteilichkeit wurden vor allem diejenigen Objekte in die Sammlungen integriert, die sich der Arbeitergeschichte und der Geschichte der KPD zuordnen ließen. Zudem kam den Erinnerungsstücken der Kämpfer gegen den Faschismus eine herausragende Stellung zu. Es sind darunter Objekte wie die rote Turnhose und das Hemd Ernst Thälmanns, die dieser im Zuchthaus getragen haben soll oder, die von Bruno Apitz in Buchenwald aus der Goethe-Eiche heimlich gefertigte Schnitzerei „Das letzte Gesicht“, die sich noch heute im Bestand des Deutschen Historischen Museums befinden. Die Objekte, die den nur als Opfer wahrgenommenen Verfolgten zugeordnet wurden, blieben tendenziell inhaltsleer, beziehungsweise verwiesen auf die menschenverachtenden Praktiken der Täter. Als Beispiel dafür mag einer der vielen, gesammelten ‚Judensterne‘ angeführt werden, die seit den 1950er Jahren in staatlichen Ausstellungen gezeigt wurden, dort aber ohne Hinweise auf deren Provenienz für die jüdischen Opfer im Allgemeinen standen. Bei dem hier gezeigten Objekt

Der 'Judenstern, den Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit ab 1941 tragen mussten, ist mit der Personenangabe Tana Peter gekennzeichnet. (DHM, A 90/ 1136).Kennzeichen Tana Peter (DHM, A 90/ 1136). (© Deutsches Historisches Museum)

aus dem Altbestand des Museums für Deutsche Geschichte lässt sich nur durch einen Stempel auf der Rückseite, der nicht aus dem Museum stammte, das ungetragene Kennzeichen einer Vorbesitzerin zuordnen. Die Geschichte dieser Frau war dem Museum jedoch nicht bekannt. Ein Vergleich mit der Bundesrepublik zeigt, dass ‚Judensterne‘ in die Sammlungen der dortigen Museen erst in den 1980er Jahren nachgewiesen werden konnten.[9] Die gesammelten Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus sind somit in gewisser Weise Zwitterwesen, da sie Auskunft über die NS-Zeit selbst geben können, sie den Umstand ihrer Bewahrung aber oftmals dem antifaschistischen Sammlungsansatz der DDR verdanken. Dieser inkludierte – wie gezeigt – vor allem ein bestimmtes Set an Dingen und bezog sich im Rahmen einer explizit parteilichen Geschichtsschreibung auf sie. Dies wiederum führte zu einer spezifischen Verteilung von Wissen über diese Objekte. Andere Gegenstände wurden de facto ausgeschlossen. Rückblickend werden dabei immer neue Bestandslücken sichtbar, so wurde später unter anderem das Nichtthematisieren von bestimmten Opfergruppen wie Sinti und Roma oder Homosexuellen bewusst.[10]


Mythen und Irrtümer in Ausstellungen der DDR

Zum Umgang mit den antifaschistischen Sammlungsobjekten gehört, dass die über sie erzählten, oft sehr emotionalen Geschichten über den Widerstandskampf kritisch zu hinterfragen sind. Die Fehleranfälligkeit von Geschichtsdarstellungen kann im Allgemeinen beispielsweise auf fehlenden Quellen beruhen, auf der Perspektivität des Erlebnisses und der sich selbst inszenierenden oder schwankenden Erinnerung. Zu allen möglichen Irrtümern gehören im Kontext der DDR die Darstellung im Sinne des historischen Materialismus und der Parteilichkeit, die das Weitertragen von antifaschistischen Mythen zusätzlich begünstigten, da die Argumentation aktiv in eine spezifische Richtung gelenkt werden sollte. Bestimmte Personen wie Ernst Thälmann oder auch Ereignisse wie die Befreiung des Lagers Buchenwald wurden zu Chiffren in der Erinnerungskultur der DDR, die mit „Sachzeugen“ wie Waffenbeständen aus Buchenwald in den Ausstellungen untermauert wurden. Ihre nationale Überhöhung versperrte mitunter die Sicht auf die tatsächlichen Ereignisse, an deren Erforschung sich, wie die Geschichte um das sogenannte Buchenwaldkind zeigt, bis heute abgearbeitet wird.[11] Bestimmte Hintergründe wurden in den Ausstellungen nicht erwähnt. Zu denken sei beispielsweise an das sowjetische Speziallager in Buchenwald oder die Guillotine aus dem Zuchthaus Brandenburg, deren Fortnutzung nach 1945 in der DDR in den betreffenden Ausstellungen ausgeklammert wurde. Für solche Ambivalenzen gab es keinen Raum.

Überhöht wurde die Darstellung der Rettung der Lenin-Statue 1943 in Eisleben, die nach heutigem Forschungsstand nicht durch den Widerstand vor dem Einschmelzen bewahrt wurde, sondern weil sie schlichtweg zu groß für den Schmelzofen war.

Wurden aber tatsächlich Dinge durch DDR-Museologinnen und Museologen erfunden? Auch hier bleiben offene Fragen zu weiteren Objekten: Unklar ist bis heute, ob es sich bei dem sogenannten Buchenwalder Schrumpfkopf

Dauerausstellung Museum für Deutsche Geschichte mit Blick auf Guillotine und Schrumpfkopf (DHM, F53 1438, ca. 1953). (© Deutsches Historisches Museum )

oder dem durchschossenen Herz um Nachbildungen handelt und wenn ja, wer diese unter welchen Umständen wo fertigte.[12] Der bewahrte Lampenschirm aus Buchenwald bestand aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus Menschenhaut, wie angegeben. Ein ehemaliger Häftling hatte diesen übergeben, Museum und Gedenkstätte unterließen es jedoch seine Echtheit zu überprüfen. Zu anderen Dingen verliert sich die Spur in den Archiven. So ließ das Museum für Deutsche Geschichte einige Sachen, die in Bezug zu Olga Benario standen, für die Eröffnung des Museums der deutschen Widerstandsbewegung nach Buchenwald bringen. Zu diesen Objekten zählten ein Atlas, ein Ring, ein vierblättriges Kleeblatt, eine Lokomotive sowie ein Laubfrosch. Während der Atlas bis heute in Ravensbrück vorhanden ist, gerieten die anderen Dinge in Vergessenheit, auch wenn zumindest die Lokomotive „aus Brot geformt, in der Einsamkeit der Dunkelhaft“ noch in der Literatur beschrieben wurde.[13] Zwar konnten im Zuge dieser Recherche auf die Beschreibung ungefähr zutreffende Objekte, in der Sammlung der Gedenkstätte Ravensbrück nachgewiesen werden, doch ein Bezug zu Benario ergibt sich nicht oder nicht mehr. Dies lässt sich als Hinweis lesen, dass Museen und Gedenkstätten in der DDR durchaus nicht beliebig mit den Objekten umgingen.

Kontrolle der Ausstellungsgestaltung

Ebenfalls in einem ambiguen Kontext wurde ein Abendmahlskelch aus der Kirche zu Ketzin von 1788 aus der Sammlung des Stadtmuseums Berlin (ehem. Märkisches Museum) ausgestellt. Er wurde 1968 für die Gestaltung eines Museums mit Bezug zur jüdischen Geschichte in Gröbzig, heute Sachsen-Anhalt, angefragt und sollte pragmatischer Weise als Kiddush-Becher ausgestellt werden, also als Becher für den Segensspruch über Wein am Schabbat und Feiertagen. 1966 hatte sich der Rat der Stadt Gröbzig in einem Plan zur kulturellen Entwicklung der Stadt für eine Neugestaltung der Ausstellung im Museum anlässlich des 30. Jahrestags der Pogromnacht 1968 entschieden. Das Gröbziger Heimatmuseum war 1934 in die örtliche Synagoge eingezogen. Der damalige Museumsleiter hatte bereits zu NS-Zeiten jüdisches Sammlungsgut aufgenommen, und dies wurde nach 1945 als Rettungsnarrativ etabliert. Ein neuer Museumsleiter bat die Fachstelle für Museen des Ministeriums für Kultur um Unterstützung bei der Neuausrichtung der Ausstellung mit Fokus auf die jüdische Geschichte vor Ort. Diese schlug daraufhin vor, eine Arbeitsgruppe zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts ins Leben zu rufen.

Diese Arbeitsgruppe war hochkarätig besetzt und bestätigte das Konzept der Ausstellung. Allerdings gab es dazu ein resolutes Schreiben des Staatssekretariats für Kirchenfragen, welches diese Konzeption für „politisch problematisch“ einstufte. Eine jüdische Ausstellung sei nur im Rahmen eines Heimatmuseums vertretbar, welches die „historische Traditionen des bürgerlich-demokratischen und des antifaschistischen Befreiungskampfes der örtlichen Entwicklung“ darstellt und in diesem Zuge auf die Rettung der Synagoge eingeht. Es hieß weiter: „[… Wir bitten] zu veranlassen, dass hier keine subjektivistischen Auffassungen einzelner Mitarbeiter bei der Gestaltung eines Heimatmuseums zum Tragen kommen können, sondern daß hier sowohl die politischen, grundsätzlichen Überlegungen als auch unsere kirchenpolitischen Gedanken beachtet werden.“[14] In Gröbzig wurde auf diese Richtlinien eingegangen, ohne vollständig das eigene Anliegen aufzugeben. Das Museum sollte nun keine Ausstellung mit ausschließlich jüdischem Fokus zeigen, stellte aber dennoch im Rahmen der Ortsgeschichte umfassende Bezüge zur Entwicklung des jüdischen Alltags und der Judenverfolgung dar. Offiziell wurde nun aufgrund verzögerter Bauarbeiten eine Eröffnung der Ausstellung zum 20. Jahrestag der DDR im Oktober 1969 angekündigt. Es zeigt sich, dass kein spezielles Prüfverfahren für Ausstellungen existierte, es aber durchaus, mitunter starken Druck seitens übergeordneter Einrichtungen gab, dem gängigen Geschichtsnarrativ zu entsprechen. Dennoch konnten eigene Schwerpunktsetzungen vorgenommen werden. Der aus Berlin geliehene Becher wurde laut Inventarverzeichnis in der Ausstellung gezeigt. Als ab den 1970er Jahren eine Debatte über Tradition und Erbe in der DDR angestoßen wurde, die eine stärkere Differenzierung der Geschichte einforderte und Engführungen kritisierte, konnte nun auch in Gröbzig – auch dem Namen nach – ein jüdisches Museum eröffnen.

Performativität des Antifaschismus

Aus performativer Sicht wurde der Antifaschismus in den Museen der DDR stetig neu hervorgebracht und zur Schau gestellt. Einerseits erfolgte dies im Rahmen der „Versammlung“, also der Ausstellungsbesuche in Gruppen, der Gedenkfeierlichkeiten etc., andererseits aber durch die Sammlung selbst, also der den Diskurs begleitenden Anhäufung von Gegenständen. Hierbei treten insbesondere Reproduktionen von Objekten hervor. Dabei ist für die Beschreibung des Antifaschismus als Diskurs und seiner Auswirkungen auf den Objektbestand weniger entscheidend, dass Objekte im Allgemeinen reproduziert wurden.

Dies passierte auch in der Bundesrepublik bis 1990 und wird auch bis heute, wenn auch in anderem Umfang, so gehandhabt. Entscheidender ist also nicht das reproduziert, sondern vielmehr was reproduziert wurde. Bestimmte Objekte erschienen seinerzeit so wesentlich für die Darstellung des Faschismus und seiner Gegenbewegung, dass Nachbildungen vorgenommen wurden, um ihre Botschaft in einem noch größeren Umfeld zu verbreiten.

Aus heutiger Sicht erzählen diese Replikate, anders als ursprünglich beabsichtigt, weniger über die Geschichte, die sie abbilden sollten, als vielmehr etwas über diejenigen, die sie anfertigen ließen. Auch in den Museen der DDR galt es nur als vertretbar, auf Nachbildungen zurückzugreifen, wenn mit Originalobjekten nicht (mehr) gearbeitet werden konnte. Ganze Räume wurden nachgestaltet, wie die Druckerei der Neubauer-Poser-Widerstandsgruppe oder eine Häftlingszelle, die aus einer faschistischen Haftanstalt in Leipzig und aus dem Köpenicker Gefängnis rekonstruiert wurde.


Szenerien wurden ebenfalls nachgebildet. Beispielsweise wurde in Buchenwald ein Prügelbock nachgebaut, auf dem im Lager Häftlinge ausgepeitscht wurden. Eine über diesen gelegte Puppe sollte versuchsweise die Position der Opfer illustrieren. Als einzig nachgebaute Anlage wurde in Buchenwald die Genickschussanlage für die sowjetischen Kriegsgefangenen gefertigt. Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht die umfassende Nachfertigung von Einzelobjekten. Solche Nachbildungen waren bei professioneller Fertigung in der Regel am Gegenstand selbst als Reproduktionen gekennzeichnet, im Ausstellungskontext wurde dies jedoch nicht zwingend betont.
Bereits in der Frühzeit des Ausstellungswesens der DDR kam es zu Nachbildungen aus Mangel an verfügbaren Originalobjekten. Bei der Gestaltung des Museums der Widerstandsbewegung in Buchenwald wurde unter anderem ein Häftlingsanzug gefertigt, da es unmöglich war, einen solchen rechtzeitig zu beschaffen, „obwohl Hunderttausende ihn getragen“ hatten.[15] Auch im Armeemuseum Dresden wurden verschiedenste Nachbildungen gezeigt, darunter Fahnen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der „Antifaschistischen Aktion“ und der XI Internationalen Brigade 'Ernst Thälmann',[16] Modelle sowjetischer Waffen, oder ein Kurzwellenempfänger aus Buchenwald. Reproduktionen – beispielsweise von Spielzeug aus dem Lager - wurden ebenfalls zur Ausstellung in Traditionskabinetten verwendet.


Welches Ausmaß die Nachfertigungen mitunter einnahmen, zeigen 19 Ballen nachgewebten, gestreiften Stoffes und 15 Anzüge inklusive Kappen. Ihre Herstellung wurde 1987 auf Bitten der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Häftlinge des KZs Neuengamme durch die Gedenkstätte Sachsenhausen für Gedenkfeierlichkeiten beauftragt. Eine Produktion einer geringeren Menge soll aus technischen Gründen nicht möglich gewesen sein. Anzüge und Stoff wurden durch das Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer vertrieben, gingen unter anderem nach Ravensbrück, ans Museum für Deutsche Geschichte, in die Gedenkstätte Below und ans DDR-Fernsehen. Es zeigt sich also grosso modo, dass Reproduktionen, die die NS-Zeit betreffen, anhand der gängigen Auswahlkriterien der Sammlungserstellung dieser Zeit erfolgten, und somit die für den antifaschistischen Diskurs aussagekräftigsten Gegenstände aufgegriffen und vervielfältigt wurden. Dies waren vor allem Typenobjekte der Kämpfer (also beispielsweise die Fahnen), aber auch der Opfer (hier insbesondere der Häftlingsanzug), beziehungsweise Dinge, die die Bestialität der Täter ausdrückten. Diese Gegenstände wurden Teil des wiederholenden Gedenkens und entsprechend in die Ausstellungen integriert.

Ausstellung von Gedenkplaketten, Sachsenhausen, 2019. (© Anna Georgiev)

Das ritualisierte Gedenken wurde auch anderweitig Teil des Museums. Massenhaft produzierte antifaschistische Anstecknadeln, Medaillen, Münzen etc. wurden nicht nur durch die Gedenkstätten vertrieben, sondern fanden Eingang in die Sammlungen. Als Erinnerungsstücke von Lagerbesuchen oder von Überlebenden sowie deren Angehörigen getragen, kamen Objekte – beispielsweise über Häftlingsnachlässe – wieder in die Gedenkstätten, beziehungsweise ins Museum. Diese Objekte sind auch ein Zeichen dafür, dass die DDR ebenfalls Entwicklungen nach 1945 durch den Sammlungsbestand abbildete. Hervortreten in diesem Rahmen auch Originalobjekte, die sich bereits in den Sammlungen befanden, andererseits aber auch als nachgefertigte Erinnerungsstücke in Umlauf waren und als solche erneut in die Museen und Gedenkstätten gelangten.


Hierbei ist zum Beispiel an die vermutlich 1935 gefertigte Medaille aus dem Widerstandskampf „Versetzt ihm eins“ (gemeint ist das Hakenkreuz) zu denken. Von dieser Medaille, von der einst 5000 Stück gefertigt worden sein sollen, kamen 1971 drei Exemplare in das Museum für Deutsche Geschichte. Auch im Museum der Gedenkstätte Buchenwald gab es ein Original. Von dieser Medaille wurden zusätzlich mindestens vier Galvanos, also Reproduktionen, angefertigt. Diese Medaillen wurden nicht nur in der Dauerausstellung des Museums für Deutsche Geschichte gezeigt, sondern auch bei Sonderausstellungen in Moskau, Sofia, Belgrad, Ljubljana oder Budapest. Durch das Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer wurde 1984 eine etwas größere Nachfertigung dieser Medaille mit der zusätzlichen Aufschrift des neuen Ausgabejahres angefertigt. Zwei Exemplare dieser nachgefertigten Medaille wurden 1989 ebenfalls in den Museumsbestand aufgenommen. Eine weitere wurde später durch die Mitarbeitenden des Deutschen Historischen Museums (DHM) nachinventarisiert. Somit wurde hier gleichsam ein Stück Gedenkkultur musealisiert.
Neben nachgeprägten Medaillen finden sich auch Textilien in den Sammlungen, die ursprünglich nicht für Ausstellungszwecke gefertigt wurden. So kamen zwei Häftlingsjacken aus der Verfilmung von „Nackt unter Wölfen“ über die Gedenkstätte Buchenwald an das Stadtmuseum Zwickau. Andere Objekte, die Ausdruck des rituellen Gedenkens in der DDR waren, gelangten erst nach 1990 in die Museen. Insbesondere ist hier an die Vielzahl der Gedenksteine zu denken, die demontiert wurden und als Zeugnisse einer vergangenen Kultur inzwischen wieder ausgestellt werden. Diese Objekte in ihrer Ästhetik der Vielzahl sind Ausdruck eines gelebten und persönlich wiederholten Gedenkens und Mahnens. Sie verweisen gleichzeitig in ihrer Wiederholung auf den Ritus Antifaschismus in der DDR.



Fazit

Es zeigt sich, dass die gesammelten Objekte zum Thema Nationalsozialismus in der DDR ihre Bewahrung dem DDR-spezifischen Antifaschismus verdanken. Dieser erleichterte eine Aufnahme dieser Objekte in die Sammlungen und bereitete ihr mitunter sogar den Weg. Ebenso prägte er die Dokumentation dieser Gegenstände. Der Zugang der DDR-Museologinnen und Museologen zu den Objekten ist inzwischen historisch, aber seine Auswirkungen manifestieren sich bis heute in den Sammlungen. Nichtsdestotrotz ragen diese Dinge auch über ihre Zuschreibungen hinaus. Sie erzählten uns über ihre Verwendung in der NS-Zeit, über den Willen der Überlebenden, ihre Erfahrungen weiterzutragen und ihre mitunter schematische Einbettung in die antifaschistische Geschichtsschreibung der DDR. Damit ist jedoch ihre Fähigkeit nicht erschöpft, uns in einem anderen diskursiven Rahmen neue Geschichten zu erzählen. Mit immer anderen Fragen können wir uns an diese Objekte wenden. Damit objektiv(-e) Geschichte zu schreiben, gelingt jedoch umso besser, je mehr wir ihre Herkunft und ihre daraus resultierende Perspektive verstehen.

Zitierweise: "Thälmanns Turnhose und andere Dinge - Kurze Objektgeschichte antifaschistischer Ausstellungen der DDR “, Anna Georgiev, in: Deutschland Archiv, 20.12.2019, Link: www.bpb.de/302804
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Fußnoten

1.
Kulturamt Prenzlauer Berg, Aktives Museum Faschismus und Widerstand (Hrsg.), Mythos Antifaschismus. Ein Traditionskabinett wird kommentiert, Berlin 1992, S. 12 (mit Beiträgen von Annette Leo, Regina Scheer, Thomas Flierl). Manfred Agethen, Gedenkstätten und antifaschistische Erinnerungskultur in der DDR. In: Ders. et al (Hrsg.), Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg 2002, S. 128-144, hier S. 129.
2.
Museumsverband Brandenburg (Hrsg.), NS im Museum – jenseits und diesseits der Wende, Museumsblätter Mitteilungen, Dez. 2016.
3.
Statut für staatliche und kommunale örtliche Heimatmuseen, 22.01.1946, Bundesarchiv (BArch), DR 2/636, SMA Nr.27/390,. Vgl. Richtlinien für die Eröffnung von Museen in der sowj. Besatzungszone, 23.01.1946, Bundesarchiv (BArch), DR 2/636, SMA Nr.27/390.
4.
Heinz Knorr, Aufbau historischer Ausstellungen in den Museen, Fachlich-methodische Anleitungen für die Arbeit in den Heimatmuseen, Heft 2, Halle 1960, S. 7f.
5.
Zit. nach Volkhard Knigge, Buchenwald, Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945-1995, S. 92-173, hier S. 154.
6.
Knorr, Aufbau (Am. 4), S. 7.
7.
Wolfgang Herbst, K. Levykin, Museologie. Theoretische Grundlagen und Methodik der Arbeit in Geschichtsmuseen, Berlin 1988, S. 198.
8.
Sonderdruck des Weimarer Kulturspiegels 6/1958, Heimatkundliches Merkblatt 3 zit. nach Knorr, Aufbau (Anm. 4), S. 17f.
9.
Jens Hoppe, Jüdische Geschichte und Kultur in Museen, Münster 2001, S. 177. (Dies ist keine Aussage über die Sammlungen der Gedenkstätten).
10.
Christian Hirte, ‚Es darf sich nicht wiederholen! ‘ Ausstellungen zur Zeit des Nationalsozialismus in Stadt- und Bezirksmuseen der DDR. In: Museumsverband Brandenburg (Hrsg.) NS im Museum, S. 12-49, hier S.17.
11.
Vgl. Annette Leo, Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie, Berlin 2018.
12.
Der heutige Leiter der hist. Sammlung Buchenwald hält Fragen zur Echtheit des Menschenherzes für noch nicht geklärt. Weitere Untersuchungen dazu stehen noch aus (E-Mail 09.2019). Dennoch wurde das Gegenteil bereits behauptet: Siegfried Stadler, Das durchschossene Herz, Wie die Instrumentalisierung von Buchenwald und das Schweigen der DDR nachwirken, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.5.1999, S. 54.
13.
Ruth Werner, Olga Benario. Die Geschichte eines tapferen Lebens, Berlin 1961, S. 355, 452.
14.
Staatssekretariat für Kirchenfragen, Information. Betr.: Heimatmuseum in Gröbzig, 19.6.1968, Bundesarchiv (BArch), DO 4/1353.
15.
Museum für Deutsche Geschichte, Vorschläge für die weitere Ausgestaltung der nationalen Gedenkstätte Buchenwald, 22.9.1956, Archiv Buchenwald, Ordner „Museum 18.8.1954, 1955, 1964, 1985.“
16.
Diese Fahne besitzt ebenfalls eine spektakuläre Rettungsgeschichte und überdauerte – so wird erzählt - zwischen zwei Decken eingenäht, verschiedene Lager, vgl. Alois Peter, Unsere Fahne. In: Spanien heute – Ein Informationsmaterial der Österreichischen Spanienkämpfer, zit. nach www.kfsr.info/unsere-fahne/, letzter Zugriff am 12.11.2019.

Anna Georgiev

Autorin

Anna Georgiev

studierte Kulturwissenschaften und Interkulturelle Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Sie ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Europäischen Kolleg Jena und promoviert dort zum Thema Musealisierung jüdischer Kultur und Geschichte in der DDR.


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