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24.4.2020

"Ich bin völlig ausgegrenzt“

Aus der Serie "Werdegänge" (III)

Die Stasi war Geheimdienst und Geheimpolizei zugleich. 1989 gab es schätzungsweise 91.000 offizielle und 189.000 inoffizielle Mitarbeiter („IM“) bei einer Bevölkerungszahl von 17 Millionen. Bernd Roth (1951) war zuerst IM und später Stasi-Offizier. Er berichtet, wie er schon als Jugendlicher zum IM wurde und danach zum selbstbewussten hauptamtlicher Mitarbeiter. Nach dem Mauerfall hat er versucht, neuen Stolz zu entwickeln und seine Geschichte aufzuarbeiten, bemüht darum, sich von Verschweigern und Beschönigern im MfS abzugrenzen. Aber er räumt auch selber ein, Gefahr zu laufen, "dass ich lüge".

Im Herbst 1989 endete die Allmacht der Stasi in der DDR. Ab Anfang Dezember kam es zu Besetzungen der Stasi-Dienststellen, im Januar 1990 stand die Abschaffung der DDR-Geheimpolizei endgültig fest. (© Holger Kulick)


Das Gespräch mit Bernd Roth protokollierten Manon de Heus und Marijke van der Ploeg:

‚‚In der Nachkriegszeit, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, hatte die DDR jungen Leuten nicht viel zu bieten. Es mangelte an vielem und es gab keine Diskotheken. Im Westen entstanden zu ungefähr der gleichen Zeit die Flower-Power-Bewegung und Bands wie die Beatles und die Rolling Stones. Die Leute waren gierig auf so etwas Neues, aber im Osten war das alles nicht erlaubt. Es wurden zwar Ostbands gegründet, aber, ich sag das einfach mal so, die haben im Grunde genommen die West-Musik gecovert.

Jugend in der DDR-Singebewegung

Politisch war das natürlich nicht unbedingt gewollt. Die FDJ hat daraufhin die Singebewegung ins Leben gerufen, als eine Art Ventil und um die Jugendkultur zu kanalisieren. Mit den Singeklubs sollte die sozialistische Kulturpolitik gefördert werden. Als Jugendlicher bin ich Mitglied im Singeklub Maxhütte Unterwellenborn geworden. Der Klub hatte sehr viel Zulauf aus Ecken und Schichten, die nicht unbedingt konform waren. Ich habe einen, wenn man das so bezeichnen will, proletarischen Hintergrund, aber diese Leute hatten teilweise Eltern, die Akademiker waren. Wir hatten auch einen, der bis heute in der Jazz-Szene unterwegs ist. Andere sind später in die alternative Poetenbewegung abgewandert.

Aus diesem Mischmasch heraus ist im Klub ein gewisses Milieu entstanden. Wir haben uns mit gesellschaftlichen Themen auseinandergesetzt und haben gemerkt, dass es nicht immer stimmt, wie die FDJ oder die SED unser Land abbildet. Bei uns in Unterwellenborn gab es zum Beispiel ein riesiges Eisenwerk mit Hochofen, Stahlwerk, Walzwerk und allem Drum und Dran. Das war eine fürchterliche Sauerei für die Umgebung: Der Dreck ist jeden Tag tonnenweise rausgeflogen. Wir haben angefangen, Lieder über solche Sachen zu schreiben. Lieder, die nicht im Sinne vom zentralen Denken waren, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. In anderen Klubs passierte das auch. Die sozialistischen Parolen, die wir zu Anfang brav nachgesungen hatten, weil uns das Wissen irgendwie fehlte, sangen wir kaum noch. Die DDR-Singeklubs entwickelten sich wildwüchsig weiter und die FDJ hatte letztendlich nicht mehr so richtig im Griff, was da passierte.

"Junge, aus dir muss mal was werden"

Ich fand meine Freizeit viel interessanter als die Schule, das war immer schon mein Pech. Ich war faul und leistungstechnisch sehr schwach, aber meine Eltern und Großeltern haben mir immer gesagt: "Junge, aus dir muss mal was werden, enttäusch uns nicht." Mein Elternhaus war linksorientiert, ich bin also mit einem Gefühl groß geworden, auf der richtigen Seite zu stehen. Mein Großvater hat einen Teil der Elternrolle übernommen und war ganz wesentlich für mich.

Bernd Roth als Jugendlicher (© Privat)


Als er starb, ich war 16 oder 17, ist meine Welt zusammengebrochen. In dieser Zeit bekam ich das Angebot IM zu werden. Meine Mutter hatte wegen ihrer Arbeit gute Kontakte zu Offizieren des Ministeriums für Staatssicherheit. Aus Angst, dass aus mir nichts Richtiges wird, hat sie mich mit denen in Kontakt gebracht, aber wegen meines linksorientierten Elternhauses wären sie wahrscheinlich auch so auf mich aufmerksam geworden.

Jedenfalls habe ich darin eine Lösung für meine Probleme gesehen. Ich wollte nicht für 600 Mark in irgendeinem scheiß Ost-Betrieb arbeiten. Das war mir zuwider, aber weil es in der Schule so schlecht lief, wusste ich nicht, wie ich meine Zukunft sonst gestalten sollte. Wisst ihr, man muss einfach verstehen können, warum Menschen sich in bestimmten Momenten für irgendwas entscheiden, auch wenn es eine Fehlentscheidung ist. Als IM kam ich in Kreise, die mich geistig sehr gefördert haben. Künstler, Leute aus der Kirche: Ich habe enorm viel von denen mitgenommen und gelernt.

Ich weiß, dass das absurd klingt, weil ich ja genau diese Leute überwachen sollte, aber für mich war das so. Ich war ja, wie gesagt, selbst Teil dieser Welt. Ich war Mitglied der Singebewegung, die immer kritischer wurde, und ich hatte schulterlanges Haar und trug einen grünen Parka. Dazu muss man natürlich sagen, dass ich damals als Jugendlicher eine sehr pubertäre Einstellung zu den ganzen Ereignissen hatte.

In gewisser Weise hat sich da für mich ein Abenteuer abgespielt. Die Leistungssache habe ich, um es einfach mal so zu sagen, mit einem Freund geklärt, der sehr gut in der Schule war. Das hat mir natürlich auch gewisse Freiheiten verschafft bei meinen Eltern.

Vom IM zum festen Stasi-Mitarbeiter

1973 bin ich vom IM zum hauptamtlichen Mitarbeiter bei der Stasi geworden. Das war ganz anders, als IM zu sein, da liegen Welten dazwischen. Der IM war allein und hat sich auch so gesehen: als Einzelperson. Irgendwann hat er vielleicht erahnt, dass es noch andere gibt, aber dass er Teil war eines tief gestaffelten Systems, ausgelegt für die totale Überwachung, das hat der IM nicht gesehen. Ich auch nicht, ich habe das erst gemerkt, als ich hauptamtlich angestellt worden bin. Ich musste eine Verpflichtung unterschreiben, die es mir verboten hat, über meine Arbeit zu reden. Ein Offizier, der Dinge vom Inneren in die Öffentlichkeit gebracht hat, begang eine Straftat. Er konnte dafür in den Knast kommen.

Meine Freunde aus dem Singeklub wussten, dass ich Offizier bei der Stasi war. An deren Einstellung zu mir hat sich dadurch überhaupt nichts geändert. Sie haben immer gesagt: Er ist bei der Stasi, aber er ist ein Kumpel. Ich hatte allerdings ein Riesenglück, dass ich in der Wirtschaftsecke gelandet bin und nicht in der Kirchenecke oder der Kulturecke. Meine Arbeit hatte mehr mit West-Spionage und Abwehr zu tun.[1]

Über meine guten Freunde und über Mitglieder der Singeklubs habe ich zum Beispiel keine Berichte geschrieben. Außerdem hatte ich einige Vorgesetzte, die nicht einordnen konnten, was in den Singeklubs passierte. Sie wussten nicht so wirklich, was ich dort gemacht habe, und das war natürlich ein Vorteil. 2011 oder 2012 konnte ich meine Stasi-Akten einsehen: Wegen mir sind keine Freunde in Haft gekommen. Ich will mich da nicht rausreden und natürlich sind meine Projekte auch weitergesponnen worden, aber das ist schon wichtig zu wissen[2].

Stolz auf "entlarvten CIA-Spion"

Von meiner Lebenseinstellung und von meinem Denken her, hatte ich Ressentiments gegenüber gewissen Dingen, die beim Ministerium passierten. Da hat mir vieles widerstrebt, aber es war nicht möglich, das zu artikulieren. Ich habe mir in diesem System also meine Rechte so genommen, wie ich sie für richtig gehalten habe. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich ein Stasi-Offizier mit unwahrscheinlichem Erfolg war. Suchen Sie mal jemanden, der in der DDR einen CIA-Spion entlarvt hat. Da gibt es fast keinen, aber mir ist das gelungen. Wissen Sie, wie hoch ich angesehen war? Wer hoch angesehen ist, kann sein eigenes Funktionieren bestimmen und kann auch mal "Fehler" machen. Trotz aller Dinge, die bei der Stasi passiert sind, hatte ich immer ein Nischendenken. Als ich Offizier war, habe ich mir das erhalten.

Mit den Singeklub-Mitgliedern habe ich heute noch guten Kontakt, aber meine ehemaligen Kollegen sind für mich, bis auf wenige, nicht mehr von Bedeutung. 30 Jahre nachdem das Ganze, Gott sei Dank, den Bach runterging, haben die ihre persönliche Schlussfolgerung immer noch nicht sehen können. Das hängt mit Intellekt zusammen. Ich habe mir mühselig den Ballast von diesem System vom Halse geschafft.

Das ist nicht einfach, dazu gehören Nachdenken und eine selbstkritische Auseinandersetzung. Wenn diese ehemaligen Stasi-Offiziere nicht dazu fähig sind, die richtigen Schlussfolgerungen aus dem zu ziehen, was sie jeden Tag erlebt haben, dann tut es mir leid. Mit solchen Leuten rede ich nicht. Ich rede nur mit Leuten, die willens genug sind, sich auf Augenhöhe mit einem zu unterhalten.

"Ich sage Ihnen ganz offen: Ich habe Sie damals gehasst", berichtete am 21. Februar 2013 in Gera Bernd Roth (l.). Er war ab 1983 Major des Ministeriums für Staatssicherheit. Neben ihm Moderatorin Dagmar Hovestädt, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn und Lutz Rathenow (r.), ein ehemals oppositioneller Schriftsteller aus Jena und Ostberlin, er ist heute Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.


2011 habe ich im Selbstverlag ein Buch geschrieben: "Berichte eines STASI-Täters". Ich habe es über mehrere Jahre nachts geschrieben und es dann irgendwann als E-Book hochgeladen. Ich habe niemanden gefragt und niemandem gesagt, dass ich das mache und habe von meiner Schwester Vorwürfe bekommen. Ich hätte meine Familie schlecht gemacht und es gab eine Auseinandersetzung. Wenn jemand sagt, du hast einen Stab über die Familie gebrochen, dann musst du darüber nachdenken. Du musst zumindest prüfen oder darüber nachdenken, ob das wirklich so ist.

Manche Dinge hätte ich jetzt anders aufgeschrieben als damals, weil sie einfach vielschichtiger waren, als ich angenommen habe. Das hängt auch wieder mit dem Nachdenken zusammen. Ich habe die Öffentlichkeit gesucht, weil es nicht in Ordnung ist, dass die Welt sagt: Das sind alles nur primitive Stasi-Offiziere. Die reden nicht, die sind viel zu blöd. Wir lassen sie lieber verrotten und sterben, dann ist das Thema erledigt. So kann man Geschichte als Gesellschaft nicht verarbeiten. Und so kann ich das auch nicht an die nächste Generation weitergeben.

"Hier ist einer, der reden will"

Ich bin angefeindet worden, nachdem ich meine Geschichte öffentlich gemacht habe, aber das interessiert mich nicht. 2012 und 2013 sind alle möglichen Nachrichtenteams hierhergekommen, um mich zu irgendwelchen Aussagen zu bewegen. Ich muss ganz ehrlich sagen, diese Sendungen, die dabei rausgekommen sind, die waren teilweise blamabel für mich. Ich habe das aber gemacht, um überhaupt in der Öffentlichkeit zu sagen: Hier ist einer, der reden will.

Worum es mir geht, ist, dass wir, die „Täter“, Teil der Diskussion werden. Wenn jemand zwei Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hat, dann kann ich das dadurch entstandene Leid natürlich nicht lindern. Natürlich nicht, aber ich kann ein Klima erzeugen, in dem Sachen besprochen werden können. Das könnte den Opfern helfen, aber diesen Austausch hat es nie gegeben, der war nicht gewollt.

Ich bin völlig ausgegrenzt. Fragen Sie mich mal, wie oft ich zu einem Zeitzeugengespräch eingeladen wurde. Einmal, vor zwei Jahren, war ich an einer Schule in Leipzig. Da hat sich ein Lehrer getraut, obwohl er hinterher dafür kritisiert worden ist. „Ich komme“, habe ich gesagt, „aber ich will nicht lügen."

"Auch ich laufe Gefahr, dass ich lüge"

Mein Herz dreht sich im Leibe um, wenn ich manchmal mitbekomme, was Zeitzeugen aus der Opferecke den jungen Leuten in der Schule für einen Mist erzählen. Jeder Zeitzeuge lügt nach meiner Ansicht und das ist auch völlig verständlich. Wenn jemand traumatisiert ist, weil er im Knast saß und sein Leben ruiniert worden ist, dann kann er teilweise nicht anders. Auch ich laufe Gefahr, dass ich lüge. Damit das nicht passiert, habe ich zu den Schülern gesagt: „Hier, lest meine Biografie.“ So wie es in meinem Buch geschrieben steht, so haben sie es gelesen. Danach haben sie mich Sachen gefragt und ich habe es so erzählt, wie es für mich war. Die Fragen waren sowas von beschissen, da merkt man, dass Geschichtspolitik in den Schulen nicht angekommen ist. Die DDR-Geschichte schon gar nicht.

Alle Portraits sind dem Band entnommen: "Das Pfand meiner Mutter - Geschichten über das Leben in der DDR", protokolliert von Manon de Heus und Marijke van der Ploeg, erschienen im Aspekt-Verlag, Soesterberg (Niederlande), 2019

Sie wissen doch bestimmt aus den Umfragen, wie viele Leute nicht wissen, wer Honecker oder Hitler waren? Es gibt viele entartete Geschichten über die Stasi. Es wird Zeit, dass wir auch mal über die SED und die Parteibonzen, die Leute kaputtgemacht haben, reden. Es gibt so viele Facetten der DDR-Geschichte, die besprochen werden müssen, und was haben wir gemacht? Wir haben alles an der Stasi-Problematik aufgehängt. Das hat natürlich zum Teil damit zu tun, dass es die Stasi-Akten gibt. Die sind sehr greifbar. Es hat aber in einer Verengung der DDR-Geschichte resultiert, wobei der Stasi-Fokus gewaltig ist, aber wir, die ehemalige Stasi, kein Teil der Aufarbeitung sind.

Wissen Sie, ich brauche keine öffentliche Anerkennung. Ich weiß selbst, was ich wert bin. Ich habe früher viele Minderwertigkeitskomplexe gehabt und ich weiß, dass man fast schwebt, wenn man die loswird. Wenn Sie irgendwas verschweigen müssen und immer Angst haben, dass es jemand erfährt, was ist das denn für ein Leben? Das ist doch kein Leben? Das ist meine Lehre, auch für die heutige Zeit. Desto offener Sie sich in die Welt stellen, desto eher können Sie unverstellt mit den Menschen reden. Ich will die Sachen unverstellt wissen. Ich will mich auseinandersetzen mit Menschen, die das können, nicht mit uninteressierten Affen.‘‘

Zitierweise: Manon de Heus / Marijke van der Ploeg, "Portrait Bernd Roth", in: Deutschland Archiv, 24.4.2020, Link: www.bpb.de/308228

Mehr zum Thema:

Bernd Roth im bpb-Stasi-Dossier - "Die Spitzel waren immer nur Mittel zum Zweck"

Weitere Interviews in der Reihe "Werdegänge", aufgezeichnet von Manon de Heus und Marijke van der Ploeg.

Fußnoten

1.
Die Stasi hatte mehrere Arbeitsbereiche. Es gab zum Beispiel eine Abteilung, die unter anderem den Kultursektor, die kirchlichen und unterirdischen Aktivitäten überwachen musste, eine Abteilung für Spionageabwehr, eine Abteilung für Passkontrolle und Tourismus, eine Abteilung, die die Wirtschaft der DDR schützen musste, und so weiter.
2.
Es kann sein, dass ein anderer Stasi-Mitarbeiter den Fall übernommen hat, sodass jemand trotzdem bestraft wurde, aber das bekamen die Mitarbeiter in anderen Abteilungen nicht mit.

Bernd Roth

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