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1.9.2020

Der Freundschaftsverein „EFA“: Motor des französischen Interesses an der DDR

Übersetzung: Jan Fredriksson

Der Erfolg des Freundschaftsvereins EFA, der den Austausch zwischen Frankreich und der DDR förderte, spiegelt das große Interesse für das „andere“ Deutschland in der französischen Bevölkerung wider. Dank dieses Vereins haben tausende Französinnen und Franzosen die DDR besucht und kennengelernt, was einzigartig in den westlichen Ländern war. Franck Schmidt berichtet in seinem Beitrag über die Arbeit des Freundschaftsvereins in Frankreich.

Filmvorführung zur DDR, organisiert vom Pariser Lokalkomitee der Echanges franco-allemands. Paris, 16. Februar 1967. (© Rencontres franco-allemandes. Organe de l'Association française pour les échanges culturels avec l'Allemagne d'aujourd'hui, n°46, avril-mai 1967.)


Am 22. Januar 1963, fast 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, unterzeichneten der französische Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) im Élysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, den sogenannten Élysée-Vertrag. Dieses Datum wird seither häufig als Höhepunkt der deutsch-französischen Aussöhnung bezeichnet. Gleichzeitig entstand jedoch im Schatten dieser Annäherung zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ eine zweite deutsch-französische Beziehung: jene zwischen Frankreich und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Der französische Staat nahm bis 1973 hinsichtlich der diplomatischen Anerkennung des sozialistischen Deutschlands, das in die internationalen Organisationen der sozialistischen Staaten wie den Warschauer Pakt und den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) integriert war, eine abwartende Position ein. Diese ergab sich aus dem Alleinvertretungsanspruch für Deutschland durch die Bundesrepublik im Rahmen der internationalen Diplomatie. Diese Haltung, wurde als Hallstein-Doktrin bekannt, benannt nach dem früheren Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein (1951 bis 1958). Im Sinne dieser Doktrin sah es die Bundesregierung als unfreundlichen Akt an, wenn ein Staat diplomatische Beziehungen mit der DDR einging, und drohte ihrerseits damit, in einem solchen Fall die diplomatischen Beziehungen zu diesem Staat abzubrechen. Allerdings ließ die bis dahin fehlende offizielle Anerkennung der DDR genug Raum für private Initiativen auf der französischen Seite. So kam es bereits 1958 zur Gründung der Association des Echanges franco-allemands (EFA).[1] Das erklärte Ziel dieses Vereins war es, zwischen Frankreich und beiden deutschen Staaten Beziehungen auf Augenhöhe herzustellen. Dabei war die Organisation durchaus erfolgreich, und ab Mai 1973 wurde sie zu einem der wichtigsten französischen Vereine mit kulturellem Bezug der 1970er und 1980er Jahre. Wer die Gründe für diese Entwicklung und ihre Wirkung auf die französische Gesellschaft verstehen möchte, muss sich mit der Geschichte der EFA von den Anfängen bis zur Auflösung der DDR befassen – so wird die Vielfalt der Aktivitäten und Maßnahmen deutlich, mit denen der Verein eine Zielgruppe erreichte, die weit über kommunistische DDR-Sympathisanten hinausging.

Ein Verein auf der Suche nach Legitimität (1958-1963)

1952 gründeten der Historiker und Germanist, Gilbert Badia, sowie der Intellektuelle und Übersetzer der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels, Emile Bottigelli, zwei Mitglieder der französischen Kommunistischen Partei (PCF), die Organisation Cercle Henri Heine.[2] Damit verfolgten sie das Ziel, den Kultur- und Hochschulaustausch zwischen der DDR und Frankreich zu bewerben und aufzubauen. Es war die erste Initiative dieser Art.[3] Sechs Jahre später, am 22. April 1958, verabschiedete der erste Förderverein für die Freundschaft zwischen Frankreich und beiden deutschen Staaten seine Statuten. Seine Gründer waren Hochschullehrer, Politiker und Linksintellektuelle. Sie gaben ihrer Organisation den Namen Association des Echanges franco-allemands, den sie mit dem Zusatz „Französischer Verein für den Kulturaustausch mit dem heutigen Deutschland“ versahen.

13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und neun Jahre nach der Gründung der beiden deutschen Staaten hielt die EFA in ihren Statuten[4] fest, „den Kulturaustausch zwischen Frankreich und Deutschland mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und gemeinsam mit den staatlichen Institutionen anzuregen, zu entwickeln und zu koordinieren“. Die EFA-Gründer wollten demnach vor allem über die Kultur die Beziehung zwischen Frankreich und den beiden deutschen Staaten vertiefen. Tatsächlich befasste sich der Verein von Anfang an ausschließlich mit den Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR, während man der Bundesrepublik vor allem die Rolle des politischen Schreckgespensts zudachte.

Bis heute fällt es schwer, die Beziehungen des Vereins zur PCF nachzuvollziehen. Die EFA war eine überparteiliche Organisation, deren Spektrum von den französischen Kommunisten bis zu den Gaullisten reichte und die sich stark am nationalen Einheitsgedanken der Résistance ausrichtete. Die Kommunisten versuchten zwar nicht, den Verein unmittelbar zu kontrollieren, doch sie übten durchaus eine indirekte Kontrolle aus, indem sie die Generalsekretäre sowie die Vorsitzenden in den Départements stellten.[5] So waren zwei Generalsekretäre des Vereins, Roland Lenoir (1958-1976) und nach ihm Gabriel Duc (1976-1988), zugleich Parteivorsitzende der PCF auf nationaler Ebene.[6]

In der Anfangszeit standen an der Spitze des Vereins ein Präsident und ein Nationalsekretariat, das sich um organisatorische Belange kümmerte. Um die Unterstützung französischer Persönlichkeiten aus relevanten Berufsgruppen und mit zum Verein passenden politischen Überzeugungen zu demonstrieren, wurde darüber hinaus ein nationales Komitee mit 91 Mitgliedern eingerichtet. Im Laufe der Jahre wurde das Komitee immer größer – 1972 hatte es 205 Mitglieder, 1987 waren es 258 – und gewann auch immer stärkeren Einfluss auf Entscheidungen. Ab November 1959 gab der Verein auch eine Zeitschrift mit dem Titel Rencontres franco-allemandes heraus („Deutsch-Französische Begegnungen“), die zunächst im Viermonatsrhythmus und vom zweiten Jahr an alle sechs Monate erschien.

Nach dem Tod des Gründungspräsidenten im Jahr 1960 entschied sich der Verein für einen gemeinsamen Vorsitz, den sich zunächst sechs und – nach jahrelangem Wachstum – gegen Ende der achtziger Jahre schließlich 19 Mitglieder teilten, die sich von einem Sprecher vertreten ließen.[7] Von 1960-1963 übernahm diese Rolle der ehemalige stellvertretende UNO-Generalsekretär Henri Laugier, der mit seinen hervorragenden Kontakten[8] ermöglichte, dass der Verein zwei internationale Tagungen zur Lösung der „deutschen Frage“ veranstaltete. Die erste Konferenz, bei der es insbesondere um Berlin ging, fand kurz nach dem Mauerbau im November 1961 in Paris statt. Die zweite Tagung richtete der Verein im Mai 1963 in Brüssel aus. Durch den Erfolg dieser beiden Veranstaltungen gewann die EFA an Legitimität und konnte ihren Willen demonstrieren, die französische Außenpolitik mitzuprägen.

Zugleich förderte der Verein eine intensive politische Reisetätigkeit französischer Parlamentarier verschiedener Parteien, zu denen auch die gaullistische Regierungspartei Union pour la nouvelle République (UNR) zählte. In Bonn stießen diese Abgeordnetenreisen auf starke Ablehnung, da die Bundesregierung sie als Zeichen einer bevorstehenden Anerkennung der DDR deutete.[9] Im Dezember 1963 fand in Paris die erste nationale Jahresversammlung der EFA statt. Nach eigenen Angaben zählte der Verein 4.000 Mitglieder in 19 verschiedenen Départements. Im Laufe der Versammlung wurde entschieden, lokale Komitees zu gründen und den Austausch zwischen Städten in Frankreich und der DDR zu fördern. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 40 französisch-ostdeutsche Städtepartnerschaften (hierzu auch der Beitrag von Constanze Knitter: Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR). Ab 1962 konnte die EFA auch auf die Unterstützung einer Partnerorganisation in der DDR zählen, der Deutsch-Französischen Gesellschaft der DDR, die der Dachorganisation Liga für Völkerfreundschaft angehörte.

So wurde es möglich, Bürgerinnen und Bürger der beteiligten Städte als Unterstützer für die diplomatische Anerkennung der DDR zu gewinnen. Die Weigerung des zuständigen Allied Travel Office in West-Berlin, die für eine Reise von DDR-Bürgern nach Frankreich notwendigen temporary travel documents auszustellen, wurde im Sinne der EFA gedeutet und als eine von vielen Gelegenheiten betrachtet, auf die Benachteiligung der DDR hinzuweisen. Die EFA leistete logistische und personelle Unterstützung bei den Austauschfahrten – insbesondere, wenn die jeweiligen Bürgermeister gegen den Austausch waren. Formelle Freundschaftskomitees wurden gegründet, deren Besetzung häufig exakt jener der lokalen EFA-Gruppe in der Stadt entsprach, wie etwa beim Freundschaftskomitee Straßburg-Dresden, das 1964 gegründet wurde.

In Frankreich wächst das Interesse an der DDR (1963-1970)

In den fünf Jahren nach der ersten nationalen Tagung des Vereins entwickelte sich die internationale Situation so, dass die Beziehungen zwischen Ost und West sich nach und nach entspannten. Zunächst öffnete General de Gaulle Frankreich gegenüber den sozialistischen Staaten, und mit Willy Brandt (SPD) als neuem Außenminister der Bundesrepublik lockerten sich ab 1966 auch die deutsch-deutschen Beziehungen. In dieser Phase organisierte die EFA eine Vielzahl von Themenreisen in die DDR, an denen unter anderem Lehrkräfte, Landwirte und SportlerInnengruppen teilnahmen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Verein Jugendlichen. Damit beabsichtige er, dem 1963 auf der Grundlage des Élysée-Vertrages gegründeten Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) Konkurrenz zu machen. Die EFA versuchte, Jugendliche mit einem Angebot, das aus Urlaubsreise und Ferienarbeit bestand, in die DDR zu locken. Diese Sommeraufenthalte dauerten drei bis vier Wochen. Gleichzeitig organisierten die Ortsgruppen Debatten zur sogenannten Deutschen Frage sowie touristische oder kulturelle Angebote – ein wichtigstes Beispiel sind die sogenannten „DDR-Wochen“ (Semaines de la RDA). Rund um den „Tag der Republik“ am 7. Oktober, an dem die DDR an ihre Gründung im Jahr 1949 erinnerte, organisierten die Lokalkomitees der EFA landesweit jeweils für eine Woche unter anderem Ausstellungen über die DDR, Filmvorführungen, Foto-Ausstellungen und Lesungen.

Pierre Abraham (rechts), Mitglied des Präsidiums der Association des Echanges franco-allemands, erhält den goldenen Stern der Völkerfreundschaft von Paul Wandel (links), Präsident der Liga für Völkerfreundschaft der DDR. Ostberlin, 17. Februar 1967. (© Rencontres franco-allemandes. Organe de l'Association française pour les échanges culturels avec l'Allemagne d'aujourd'hui, n°46, avril-mai 1967)

Da die Erinnerung an die Zeit der deutschen Besatzung in der französischen Gesellschaft damals noch sehr präsent war, weckte die Selbstdarstellung der DDR als pazifistischer und antifaschistischer Staat ein gewisses Interesse. Darüber hinaus sorgten die Wahlerfolge der Rechtsextremen in einer Reihe von Bundesländern 1967 und 1968 sowie die Enthüllung der Nazivergangenheit von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) dafür, dass die Propaganda des DDR-Regimes in Frankreich eine gewisse Glaubwürdigkeit erreichte. Die deutsche Teilung erschien nun vor allem innerhalb der politischen Linken als Bestätigung der französischen Theorie, die an das im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 entstandene Bild von einem aufgeklärten und einem militaristischem Deutschland[10] anknüpfte, es gebe ein „gutes“, also antifaschistisches, pazifistisches und sozialistisches, sowie ein „böses“, also imperialistisches, militaristisches und kapitalistisches Deutschland.[11] Bei der dritten EFA-Tagung in Montreuil im März 1968 zählte der Verein bereits 10.182 Mitglieder, und es konnten sogar Vorbereitungstreffen in den Départements organisiert werden. Dies zeigte den Erfolg der EFA in einigen Regionen, insbesondere in den politisch links geprägten Industriegebieten im Norden und im Osten Frankreichs. Nun wurden interne Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, die sich mit spezielleren Fragen auseinandersetzten, wie etwa dem sportlichen, wirtschaftlichen oder kulturellen Austausch.

Im Juni 1967 wurde auf Initiative des sozialistischen Abgeordneten Louis Périllier in der französischen Nationalversammlung eine Arbeitsgruppe für den deutsch-französischen Austausch ins Leben gerufen. Viele engagierte Linke sahen in der Deutschen Demokratischen Republik ein Beispiel für eine sozialistische Industriegesellschaft (gewissermaßen das andere deutsche Wirtschaftswunder[12]). Nach den Enthüllungen über die Verbrechen Stalins in der UdSSR durch die sogenannte Geheimrede Nikita Chruschtschows 1956 wurde die DDR für einen Teil der französischen linken Aktivisten zu einer neuen politischen Utopie.[13]

Allerdings lösten sich solche Hoffnungen weitgehend in Luft auf, nachdem die DDR die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings am 20. August 1968 unterstützt hatte. Daraufhin traten Leiter von EFA-Ortsvereinen zurück, wie etwa der Vorsitzende der Sektion Meurthe-et-Moselle oder jener für Nordfrankreich.[14] Der Vorstand veröffentlichte in der Vereinszeitschrift einen Meinungsartikel, in dem er sich von der Militäraktion in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik distanzierte und die Einschätzung äußerte, dieses Vorgehen könne „Auswirkungen auf das derzeit starke Interesse und die hohe Glaubwürdigkeit der DDR in der öffentlichen Meinung unseres Landes“[15] haben.

Während der vierten nationalen Tagung, die im April 1970 erstmals außerhalb der Umgebung von Paris in Lille stattfand, gab die Organisation ihrem Namen den neuen Zusatz „Vereinigung für die Zusammenarbeit zwischen den beiden deutschen Staaten und die Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik“. Die Anerkennung der DDR wurde nun zum Hauptziel der EFA, für das sich nun alle 12.622 Mitglieder in den 107 Ortsgruppen einsetzen sollten.

1970-1978: Blütezeit des Austauschs zwischen Frankreich und der DDR

Von 1970 bis 1972 sammelte die EFA im Rahmen einer nationalen Petition ungefähr 250.000 Unterschriften für die diplomatische Anerkennung der DDR.[16] Die Ostpolitik von Bundeskanzler Brandt ließ auf eine rasche Anerkennung der DDR hoffen, und die neue Dynamik, die durch die Ereignisse vom Mai 1968 (auch Pariser Mai genannt)[17] und die damit verbundene Politisierung der Jugend entstanden war, führte im Westen zu einem stärkeren Interesse an den sozialistischen Ländern. Aus französischer Sicht war die DDR das räumlich nächstgelegene sozialistische Land, und Deutsch war darüber hinaus die zweitwichtigste Fremdsprache in den französischen Schulen. Nach dem Pariser Mai engagierten sich mehr Frauen in der EFA, allerdings spiegelte sich dies nicht in den nationalen Gremien (Vorstand, Nationalsekretariat und Komitee) wieder – dort waren Frauen unterrepräsentiert.[18]

,,Tag der DDR" organisiert von dem Berufskomitee der Marseiller Eisenbahnarbeitern der Association France-RDA. Marseille, 28. Februar 1975. (© Rencontres franco-allemandes. Comité des Bouches-du-Rhône, avril-mai 1975.)

Ende der 1960er Jahre begann die Organisation, auch an Universitäten Präsenz zu zeigen – insbesondere im Bereich der Germanistik. Die EFA bot mit Unterstützung der DDR Stipendien an, die französischen Studierenden Aufenthalte von sechs oder zwölf Monaten in Ostdeutschland ermöglichten und schuf umgekehrt die Voraussetzungen für Lehraufenthalte ostdeutscher Lektoren an französischen Universitäten. Durch diese Aktivitäten der EFA wurde es möglich, auch in einem politischen Klima, in dem sich der Schul- und Hochschulaustausch angesichts des Fehlens diplomatischer Beziehungen schwieriger gestaltete, Kontakte zur DDR zu pflegen. Die EFA hatte praktisch eine Monopolstellung im Bereich der kulturellen Beziehungen zur DDR. Ihre Dienstleistungen, wie die Organisation der Aufenthalte, der Bücheraustausch und die von der DDR kostenlos bereitgestellte Fachliteratur, trugen zum Erfolg bei der Mitgliedergewinnung unter Lehrkräften und Studierenden bei. Der Verein finanzierte sich im Wesentlichen über die Auslandsaufenthalte, deren Kosten zwar die ostdeutschen Behörden übernahmen, aber für den die Teilnehmenden einen „Solidaritätsbeitrag“ zu entrichten hatten. Dazu kamen die Mitgliedsbeiträge und Abogebühren für die Mitgliederzeitschrift Rencontres franco-allemandes. Nach dem Inkrafttreten des Vertrags über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik erkannte die französische Regierung am 9. Februar 1973 die DDR offiziell an. Zwei Monate später veranstaltete die EFA eine außerordentliche nationale Tagung in einem Vorort von Paris. Um jegliche Zweideutigkeiten endgültig auszuräumen, benannte der Verein sich um – er hieß fortan nicht mehr Association des Echanges franco-allemands, sondern Association France-RDA.[19] Louis Périllier, Vorstandssprecher von 1970-1981, kommentierte, nun sei es an der Zeit für Frankreich, „von der Anerkennung zum Kennenlernen“[20] der DDR überzugehen. Da die Regierungen der beiden Staaten kein Konsularabkommen schlossen und auch keine Vereinbarung über die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern trafen, behielt der Frankreich-DDR-Verein de facto sein Monopol auf die kulturellen Beziehungen.

Jede einzelne Ortsgruppe konnte 50 oder sogar 100 Mitglieder umfassen, die eine Vielzahl von Veranstaltungen organisierten und als Mittler zwischen Frankreich und der DDR agierten. Auch in Unternehmen wurden Gruppen gegründet, wie zum Beispiel bei den Hafen- und Eisenbahnarbeitern von Marseille. Die Organisation konnte ihre Präsenz – mit Ausnahme des Südwestens und der Mitte des Landes – auf das gesamte Staatsgebiet Frankreichs ausweiten.

Bei der siebten nationalen EFA-Tagung 1975 in Amiens hatte der Verein eine Größe wie nie zuvor oder in nachfolgenden Jahren erreicht: Aus 36 Départements mit 115 Ortsgruppen und insgesamt 15.877 Mitgliedern waren 386 Delegierte angereist.[21] Damit war der Frankreich-DDR-Verein einer der größten Vereine mit kulturellem Bezug im ganzen Land. Eine Delegation aus der DDR, die von Margarete Müller, einem Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), geleitet wurde, verlieh dem Verein den „Großen Stern der Völkerfreundschaft“. Es wurde das Ziel ausgerufen, bis zur nächsten Hauptversammlung 20.000 Mitglieder zu erreichen und den Verein durch eine dezentrale, regionale Organisation effizienter zu gestalten.[22]

Insbesondere angesichts der ersten Ölkrise 1973 und des Anstiegs der Arbeitslosigkeit in Frankreich wurde die DDR von der politischen Linken nach wie vor im Sport, im sozialen Bereich und in der Wirtschaft als Vorbild betrachtet. Allerdings waren nun auch innerhalb des Vereins kritische Stimmen zu hören. Im Jahr 1978, bei der achten Tagung, drückten verschiedene Mitglieder ihre Enttäuschung angesichts des Verhaltens ihrer ostdeutschen Partner aus. Viele von ihnen waren, wie es der Vorsitzende für das Département Moselle darlegte, „völlig desillusioniert, was die Beziehungen zu den Menschen in der DDR angeht“.[23] Mitglieder berichteten, seit der Anerkennung der DDR seien die Austauschaktivitäten zurückgegangen. Einige warfen den Ostdeutschen vor, sie hätten ihre Partnerstadt nicht oft genug besucht oder seien niemals dort gewesen. Andere stellten fest, sie hätten schon lange nichts mehr von ihren „Freunden“ in der DDR gehört, was die Vereinsmitglieder als Geringschätzung ihres langjährigen Einsatzes für die Anerkennung des ostdeutschen Regimes empfanden.

Mitunter war eine gewisse Bitterkeit zu spüren, und einige fragten sich, ob der starke Rückgang der DDR-Kontakte vielleicht auf mangelndes Interesse seitens der ostdeutschen Partner zurückzuführen sei. Die achte Tagung markierte auch den Wendepunkt: Von da an begann die Mitgliederzahl zu stagnieren oder gar zu sinken – nach offiziellen Angaben ging sie von 1975 bis 1978 von 15.877 auf 15.710 zurück.

Zeitenwende (1978-1991)

Von den frühen 1980er Jahren an war der Verein von Mitgliederschwund und Überalterung geplagt. Ähnlich wie bei der Kommunistischen Partei Frankreichs – der viele Vereinsmitglieder nach wie vor nahestanden – schien die aktive Basis bald nur noch aus langjährigen Mitgliedern zu bestehen, die teils schon in den 1960er Jahren eingetreten waren. Darüber hinaus hatte der Wahlsieg des sozialistischen Kandidaten François Mitterrand am 10. Mai 1981 widersprüchliche Auswirkungen auf die Association France-RDA: Einerseits fing Frankreich an, echte zwischenstaatliche Beziehungen zur DDR aufzunehmen, andererseits verlor der Verein dadurch seine Bedeutung.

Bei den Tagungen von 1981 und 1984 sowie in der Vereinszeitschrift wurden der Rückgang der Mitgliederzahlen und die geringe Erneuerung der Zielgruppe beklagt. Tatsächlich beraubte das Kulturzentrum der DDR in Paris, das im Dezember 1983 eröffnet wurde, mit seinem reichhaltigen Angebot insbesondere die Ortsvereine der Pariser Region jeglicher Grundlage für ihre kulturellen Aktivitäten. Für das übrige Frankreich traf dies jedoch nur in geringerem Maße zu. Immerhin hatte der Verein 1987, als er seine letzte Tagung vor dem Ende der DDR ausrichtete, noch 14.222 Mitglieder – er hatte also nach wie vor treue Anhänger.

Im Januar 1988 reiste Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED, zu seinem ersten Staatsbesuch nach Frankreich. Der Vorstandssprecher des Vereins, Georges Castellan, nahm bei dieser Gelegenheit an einem Treffen der beiden Staatschefs teil, was für seine Organisation eine außerordentlich hohe Auszeichnung war. Im Jahr 1990 war eine nationale Tagung im Département Ardennes vorgesehen, aber die rasante politische Entwicklung und der Fall der Mauer brachten die Vereinsmitglieder aus dem Takt. Ende November 1989 versuchte der Vorstand mit einem Rundschreiben, die Ortsvereine zur Fortsetzung ihrer Aktivitäten zu bewegen, doch zahlreiche Mitglieder – einschließlich Georges Castellan – verließen die Organisation.

Bei der nationalen Tagung vom März 1991 in Ivry-sur-Seine sollte eine Neugründung auf der Tagesordnung stehen. Der Untergang der DDR führte nicht nur zu einer tiefgreifenden moralischen Krise, sondern warf auch existenzielle finanzielle Fragen auf. Einen Großteil der Einnahmen hatte der Verein bisher über seine Reiseabteilung erzielt, doch war ihm sein wichtigstes Betätigungsfeld und damit auch seine wichtigste Einnahmequelle abhandengekommen. Angesichts der deutschen Wiedervereinigung entschieden die 135 Delegierten, zur ursprünglichen Vereinsbezeichnung als deutsch-französische Austauschorganisation zurückzukehren und die Vereinsaktivitäten fortzusetzen – insbesondere den Städteaustausch und die Förderung der Deutschen Sprache als Fremdsprache in Frankreich. Einige Ortsgruppen der EFA haben sich bis in die heutige Zeit hinübergerettet, und ihre ältesten Mitglieder erinnern sich wehmütig, aber mit klarem Kopf an ihr Engagement für die DDR – das „verschollene Land“.[24]

Zitierweise: Franck Schmidt, "Der Freundschaftsverein „EFA“: Motor des französischen Interesses an der DDR ", in: Deutschland Archiv, 01.09.2020, Link: www.bpb.de/314791

Weitere Beiträge zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich:

Ulrich Pfeil: Die DDR als Zankapfel in Forschung und Politik - Französische Blicke auf den zweiten deutschen Staat

Nicole Colin: Utopie eines anderen Deutschlands: Theater- und Literaturtransfer zwischen Frankreich und der DDR >>

Corine Defrance: Die Darstellungen der Berliner Mauer in der französischen Populärkultur >>

Constance Knitter:Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR >>

Franziska Flucke: Vom sozialistischen Paradies zum Erinnerungsort? Sechzig Jahre DDR in französischen Deutschbüchern >>

Marie Müller-Zetzsche: Auf den Spuren des ostdeutschen Staates - DDR-Geschichte in französischen Ausstellungen nach 2009
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Fußnoten

1.
Echanges franco-allemands, abgekürzt EFA, sinngemäße Übersetzung: deutsch-französische Austauschgesellschaft/Frankreich-DDR.
2.
Übersetzt: „Heinrich-Heine-Kreis“, benannt nach dem einst im französischen Exil lebenden deutschen Dichter, der in Frankreich bis heute für viele Menschen das „gute Deutschland“ repräsentiert.
3.
Georges Castellan/Roland Lenoir, France-République Démocratique Allemande. 30 ans de relations, Presses universitaires de France, Paris 1978, S. 26.
4.
PAAP-1, 1er statuts de l’association des Echanges franco-allemands, Archives du Ministère des Affaires étrangères (AMAE), La Courneuve.
5.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“. Das Verhältnis Frankreichs zur DDR im Spannungsfeld von Perzeption und Diplomatie, Studien zur Zeitgeschichte, herausgeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band 86, Oldenburg 2014, S. 73.
6.
Gilbert Badia, „L‘association France-RDA”, in: Ulrich Pfeil (Hg.), La RDA et l’Occident. 1949-1990, Publications de l’Institut d’Allemand d’Asnières, Asnières 2000, S. 453-464, S. 459.
7.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ (Anm. 5), S. 82.
8.
Ebenda, S. 40-41.
9.
Ulrich Pfeil, Die ,,anderen“ deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949-1990, Zeithistorische Studien, Band 26, Köln/Weimar/Wien 2004, S. 283.
10.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ (Anm. 5), S. 18-23.
11.
Ebenda, S. 17-34.
12.
Georges Castellan, Roland Lenoir, Démocratique Allemande (Anm. 3), S. 184.
13.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ (Anm. 5), S. 102.
14.
Ebenda, S. 103.
15.
Ebd., S. 106.
16.
Ebd., S. 455.
17.
Der Monat Mai gilt als zentraler Zeitraum der 1968er Bewegung in Frankreich.
18.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ (Anm. 5), S. 83.
19.
Übersetzt: Frankreich-DDR-Verein.
20.
Georges Castellan/Roland Lenoir, Démocratique Allemande (Anm. 3), S. 176.
21.
Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ (Anm. 5), S. 79.
22.
Ebenda, S. 68.
23.
Lettre de Lucien Zeller, secrétaire du comité de Moselle de France-RDA, à France-RDA, compte-rendu des réunions préparatoires du congrès national de 1978, lettre datée 8 octobre 1978, 480PAAP-5, Archives du Ministère des Affaires Etrangères, La Courneuve.
24.
Nicolas Offenstadt, Le pays disparu. Sur les traces de la RDA, Paris 2019 (1. Ausgabe: 2018).

Franck Schmidt

Autor

Franck Schmidt

promoviert im Cotutelle de thèse-Verfahren. Hierbei betreuen zwei Hochschulen aus unterschiedlichen Ländern eine Dissertation. In diesem Fall sind es die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris und die Universität Heidelberg. Herr Schmidt forscht zum Thema des französischen Engagements für die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit einem biographischen Ansatz. Seine weiteren Forschungsinteressen umfassen die Sozialgeschichte der französischen und deutschen Linksparteien und die Frage der Auseinanderseztungen zwischen Klassen- und Nationalidentitäten innerhalb der elsässischen Arbeiterbewegung.


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