30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
zurück 
19.9.2020

Leserbrief

Peter Joachim Lapp, Eine kritische Erwiderung auf Gerhard Sälter
Das vom Forschungsverbund SED-Staat (FU Berlin) veröffentlichte biografische Handbuch „Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989“ (Hrsg.: Klaus Schroeder und Jochen Staadt) nahm der Historiker Gerhard Sälter, Leiter der Abteilung Forschung und Dokumentation in der Stiftung Berliner Mauer zum Anlass, sich mit der Sinnhaftigkeit der Aufarbeitung und des Gedenkens an die DDR-Mauer- und Grenztoten zu befassen.

Eine lesenswerte Arbeit, die ihn als soliden Kenner der damaligen Verhältnisse ausweist und zu Bewertungen kommen lässt, die im höchsten Maße interessant, aber auch diskussionsbedürftig sind.

Sälter reiht sich in die Reihe der Kritiker des o.a. Werkes ein, kommt aber zu einem eher moderaten Urteil. Wobei er insbesondere den Bewertungsmaßstäben, die die FU-Forscher hinsichtlich der Einordnung der Grenzopfer vorgenommen haben, nicht folgen will und dafür Gründe aufzählt, über die man trefflich streiten kann. Schroeder und Staadt haben sich für eine recht großzügige Auslegung, wer zu den Grenzopfern zu zählen ist und wer nicht, entschieden, was nachzuvollziehen ist. Und dafür klare Einstufungskriterien benannt, denen diejenigen, die des Lesens und Nachdenkens fähig sind, plausibel erscheinen müssten.

Ein Streit darüber ist Ansichtssache. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Unrechtsregime der DDR für 600 – 700 Mauer- und Grenztote verantwortlich ist, darüber hinaus für Zehntausende Inhaftierungen von Bürgern, die eine Flucht in den Westen planten und für Vorbereitungshandlungen oder als „Grenzverletzter“ Monate und Jahre im Strafvollzug verbringen mussten.

Im weiteren Verlauf seiner Studie versucht der Berliner Historiker das Töten von DDR-Bürgern durch Angehörige der „sozialistischen“ Grenzsicherungsorgane in Bezug zu Opfern aus anderen Zeiten und anderen Ländern zu setzen.

Im Unterkapitel „Die Gewaltgeschichte des Kalten Krieges“ führt Sälter an, dass die Todes-opfer an Mauer und Grenze der SED-Diktatur zwar zuzurechnen sind, diese aber, anders als die Opfer der NS-Zeit, „von der SED-Führung nicht intendiert waren.“ Für die Erhaltung der Macht der SED in der DDR sei die Durchsetzung des Grenzregimes (nur) „billigend in Kauf genommen“ worden. Der Unterschied zwischen Absicht/Vorgaben (Intention) und billigender Hinnahme markiere, neben der Größenordnung, einen wesentlichen Unterschied zum Nationalsozialismus und insofern begründeten die DDR-Grenzopfer „ungeachtet so vieler Übereinstimmungen in der Herrschaftsinszenierung und Machtausübung“ zwischen dem Dritten Reich und der DDR „eben keinen Zivilisationsbruch“ der SED-Diktatur. Unabhängig von der Problematik eines Vergleichs von NS- und SED-Herrschaft scheint diese Ansicht abwegig. War es nicht Absicht und dauerhaftes Vorhaben der SED, die Bürger im Lande zu halten, und sei es mit Gewalt? War es kein „Zivilisationsbruch“ wenn die SED den Sozialismus als den „Humanismus des 20. Jahrhunderts“ verkaufte und zugleich an der DDR-Grenze Menschen erschoss, Minen und Selbstschussanlagen verlegte, die Bewachung der Grenze als „Front- bzw. Gefechtsdienst im Frieden“ bezeichnete und Tausende aus politischen Gründen inhaftierte?

Vollends aufs Glatteis begibt sich Sälter aus meiner Sicht, wenn er die „650 Grenzopfer“ des SED-Regimes in Relation zu den Opfern diverser Diktaturen und autoritärer Systeme setzt und Vorgänge in Indonesien 1965/66, wo eine halbe Million „Kommunisten, Christen und Demokraten Massakern zum Opfer (fielen), die mit Unterstützung der USA und aus der Bundesrepublik (sic!) organisiert worden sind“, und dann apodiktisch festhält: „Die Thematisierung dieser Gewaltdimension gehört zum Bewertungskontext der SED-Diktatur und ihres Grenzregimes.“

Es verwundert nicht, wenn Sälter bei den Toten des Algerien-Krieges und den „heutigen Opferzahlen staatlicher Gewalt“ in den USA und schließlich beim EU-Grenzregime landet. Letzteres trage dazu bei, die Todesrate bei der Migration in Richtung Europa zu erhöhen, es sei unbestreitbar, „dass das Migrations- und Grenzregime der EU Teil der komplexen Ursachen dafür ist.“ Solche Zusammenhänge können laut Sälter „Zweifel sähen an einer Gedenkpraxis, die 650 Grenzopfer der DDR beklagt, aber von diesen Opfern schweigt.“ Überhaupt drohe das sich auf die Friedliche Revolution und die deutsche Vereinigung stützende Freiheitspathos brüchig zu werden, wenn die EU und die Bundesregierung gleichzeitig mit der Regierung von Libyen „paktiere“, welche Flüchtlinge unter grausamen Bedingungen in Lagern festhalte: „Damit haben die Europäische Union und die Bundesrepublik ihre Unschuld in Bezug auf Grenzregime verloren, welche bisher das historische Gedächtnis an die Grenzopfer der DDR stützte.“

Sälter will, dass man die Opfer aller Grenzregime, aller Gewalt in der Welt, im Zusammenhang zu sehen hat, zumindest beim Gedenken an die Toten. Mit anderen Worten: Wer DDR-Grenzopfern gedenken will, hat sich zugleich an alle Opfer der Gewalt zu erinnern. Wer das nicht tut, verspielt seine Glaubwürdigkeit. Ein idealistischer und humanistischer Ansatz, zweifellos. Überfordert dieses „Eine-Welt-Gedenken“ an die Opfer aber nicht die Bürger?

Wo soll das enden? Gewalt und Opfer im Innern von Ländern und an ihren Grenzen gibt und gab es in Dutzenden von Staaten auf nahezu allen Kontinenten, etwa in Syrien, Afghanistan, im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, auf dem Balkan, in Amerika, in China, Vietnam, Kambodscha, in Teilen der Ukraine und in Nordkorea. Haben Deutsche beim Gedenken an die DDR-Grenzopfer diese ausländischen Opfer immer „mitzudenken“? Wer das kann und will, sollte das tun! Bei den Hunderttausenden und Millionen Opfern, derer zu gedenken wäre, geht der Bezug zu den Hunderten von deutschen Todesopfern der Teilung aber vermutlich verloren.

Es darf nicht sein, ein gesondertes Erinnern an die DDR-Grenzopfer abzuwürgen, dieses dem herrschenden Zeitgeist entsprechend nicht mehr zuzulassen oder zu überarbeiten sowie alle Opfer in ein „Gedenkgemenge“ zu pressen.

Außerdem: Wer meint, die „Weißen Kreuze“ für die Maueropfer von ihrem Standort am Reichstag entfernen zu müssen, wie geschehen, weil diese als heuchlerisch angesichts der Situation an den EU-Grenzen empfunden wurden, handelt geschichts-, seelen- und würdelos. Das Erinnern an die Grenztoten der DDR ist und bleibt sinnvoll an dem Ort, wo sie gestorben sind. Zeitlos! Ihr Sterben sollte nicht vom Leid, das überall anzutreffen war und ist, überlagert werden und nicht vom verordneten Vergessen oder dem Relativieren ihrer Rolle seitens der Meinungsführer der politischen Klasse und der Historikerzunft abhängig sein.

Gerhard Sälter ist zuzustimmen, wenn er in seiner Arbeit im Deutschland Archiv-online dreißig Jahre nach der Einheit unseres Landes abschließend eine „breite Debatte über die sachgerechte öffentliche Darstellung der SED-Diktatur und ein angemessenes Gedenken an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes“ für „notwendig“ hält. Eine Aussage, die man auf Grund seiner hier in Rede stehenden Studie nicht unbedingt erwartet hatte. Dass diese Debatte streitig geführt werden dürfte, ist abzusehen und nur zu begrüßen…

Peter Joachim Lapp war langjähriger Redakteur beim Deutschlandfunk und ist Autor des Buchs "Das Grenzregime der DDR", Aachen 2013. Auch für die bpb hat er Texte verfasst.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln