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23.8.2021

Tage der Ohnmacht

Am 22. August 1961 starb die 59-jährige Berlinerin Ida Siekmann bei einem Fluchtversuch durch einen Sprung aus dem Fenster. Sie gilt als das erste Todesopfer der Berliner Mauer, von dem damals weltweit Notiz genommen wurde. Aus Anlass des 60. Jahrestag des Mauerbaus erinnerten der evangelische Bischof Christian Stäblein und der katholische Erzbischof Heiner Koch in einer gemeinsamen Predigt an ihr Flüchtlingsschicksal – und zogen eine Parallele in die Gegenwart. Ein Denkanstoß über Flüchtende heute und die "Ohnmacht" des Westens angesichts der Übernahme Kabuls durch die Taliban.

Improvisiertes Mahnmal zur Erinnerung an ida Siekmann Ende August 1961. (© picture-alliance/akg, Gert Schuetz)


Die beiden Bischöfe gestalteten gemeinsam die Gedenkfeier am 13. August 2021 in der Kapelle der Versöhnung im einstigen Mauerstreifen an der Bernauer Straße. Zunächst schilderte Bischof Christian Stäblein das Schicksal Ida Siekmanns, die zu fliehen versuchte, als ihr Wohnhaus an der Bernauer Straße 48 in Ostberlin geräumt und zugemauert werden sollte, weil es einen Ausgang auch nach Westen besaß. Als Ida Siekmann in Panik aus dem Fenster ihrer Wohnung im 3. Stock sprang, verfehlte sie das gerade erst entfaltete Sprungtuch der Westberliner Feuerwehr nur knapp.

Kranzniederlegung in Gedenken an alle Mauertoten und Opfer der deutschen Teilung am 13. August 2021 an der Ecke Bernauer Straße / Ackerstraße in Berlin-Mitte. (© bpb / kulick)


In einem Gedenkbuch erinnern Versöhnungsgemeinde und Stiftung Berliner Mauer an die Schicksale der 140 Maueropfer an der Berliner Mauer. Der evangelische Bischof Christian Stäblein trug Ida Siekmann Lebensgeschichte vor, auch dokumentiert in der Chronik der Mauer der bpb.. Anschließend ergriff der katholische Erzbischof Heiner Koch das Wort. Er zog in seiner Predigt einen Vergleich zur aktuellen Situation in Afghanistan, dem Sterben auf dem Mittelmeer und der Ohnmacht der zuschauenden westlichen Welt. Seine Ansprache im Wortlaut:

Menschen harren an Begrenzungsmauer des Hamid Karzai International Airport in Kabul aus, um auf das Flugfeld zu gelangen, von wo aus ausgewählte Flüchtende außer Landes geflogen werden. Das Bild entstand am 23.8.2021.. (© picture-alliance, Sayed Khodaiberdi Sadat / Anadolu Agency)


"Am 13. August 1961 war ich mit meinen Eltern in Tirol im Urlaub. Den Abend werde ich nicht vergessen. Mit vielen anderen Urlauberinnen und Urlaubern saßen wir in unserer Pension vor dem Fernseher und sahen die Bilder aus Berlin, die die Erwachsenen alle nicht fassen konnten. Das schier Unvorstellbare wurde Wirklichkeit. Ich habe noch die erregten Stimmen im Sinn: „Das ist doch unmöglich. Das kann man doch nicht zulassen. Das muss man doch verhindern. Sind die denn alle wahnsinnig? Das sind doch Nazi-Methoden!“ Und immer deutlicher wurde den Menschen vor den Bildschirmen das größte Leid an diesem Abend: dass offensichtlich niemand gegen diese furchtbare Tat einschreiten konnte oder wollte. Die Maurer und die Machthaber in der DDR setzten Realität und ihrer Macht bot keiner Einhalt.

Die eigene erlittene Ohnmacht war das, was die Erwachsenen, die ich damals beobachtete, so wütend machte. Die Ohnmacht, dass Menschen, Institutionen und Staaten mit ihren Regierungen nichts machen können oder wollen, erlebe ich auch heute – in sicherlich ganz anderen Zusammenhängen: Das nach dem Rückzug der NATO sich selbst und seit dem 13. August 2021 den Taliban überlassene Afghanistan ist ein ebenso beredtes Beispiel wie die auf dem Mittelmeer in Booten treibenden Geflüchteten und die an die Ufer gespülten Leichen der heute auf der Flucht Umgekommenen.

Ist der 13. August 1961 also ein Siegestag der Ohnmacht? Ja, in mancher Hinsicht sicherlich.

Das Mahnmal für das Maueropfer Ida Siekmann in der Bernauer Straße in Berlin etwa 1980. (© picture-alliance)


Aber wie wir heute – 60 Jahre danach – wissen, gab es auch den 9. November 1989. Jenen Tag, an dem die Freiheit über die Unfreiheit und die Ohnmacht siegte. Das kommt uns Christen vertraut vor. Der Ostersonntag wäre ohne den Karfreitag nicht möglich gewesen. Kein leeres Grab ohne Kreuz. Und es ist das Kreuz, das früher ein Instrument der Folter, des Todes, der Unfreiheit war. Und für uns heute ein Mahnmal der Erlösung, des Lebens, der Freiheit ist. So erinnern wir uns heute an einen der Karfreitage in der Geschichte Berlins und Deutschlands.

Wir haben uns an einem der vielen Golgota-Hügel in unserer Stadt und unserem Land versammelt. Direkt an einem Monument, das für viele von uns ein Symbol der Unfreiheit und Enge war. Und das uns heute an die Kostbarkeit der Freiheit erinnert.

Der Ort des Gedenkens: die Kapelle der Versöhnung im Berliner Mauerstreifen. Sie markiert die Stelle, an der bis 1985 die evangelische Versöhnungskirche stand, aber dann von den DDR-Grenztruppen gesprengt wurde. Das Ziel war ein freieres Sicht- und Schussfeld um Fluchtversuche aus der DDR besser zu vereiteln.


Ida Siekmann ist das erste Opfer dieses modernen Golgota in der Bernauer Straße. Sie steht stellvertretend für die vielen Opfer der Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit und natürlich auch für all jene, die einen Fluchtversuch zwar überlebt hatten, aber anschließend eingesperrt, gefoltert, erpresst wurden. Ida Siekmann und all diese Menschen haben nicht kapituliert angesichts der Ohnmachtserfahrung, wie sie die Erwachsenen, die ich gerade beschrieb, erlebt haben. Das ihnen widerfahrene schreiende Unrecht ist in aller Grausamkeit auch ein Zeichen ihrer Größe und Würde, die sie gerade in ihrem so erlittenen Leid und Tod bewahrten. Und sie sind ein Aufruf für uns heute, um alles in unserer Macht stehende zu tun, dass Menschen – in welcher Situation auch immer – nicht ohnmächtig der Gewalt ihrer Mitmenschen ausgesetzt sein dürfen, und dass wir alles gegen Situationen tun müssen, die menschliches Leben zerstören und menschliche Lebensentfaltung verhindern.“

Bei der Andacht für ida Siekmann am 13. August 2021. Links im Bild der katholische Erzbischof Heiner Koch neben seinem evangelischen Amtskollegen Bischof Christian Stäblein. Rechts der Pfarrer der Versöhnungskapelle Thomas Jeutner.


Zitierweise: Heiner Koch und Christian Stäblein, "Tage der Ohnmacht", in: Deutschland Archiv, 22.8.2021, Link: www.bpb.de/338868.

Ergänzend zum Thema:

- Video: "Die Mauer. Eine Berliner Straßenkreuzung erzähl Geschichte", Deutschland Archiv 9.8.2021

- Georg Sälter, Die Mauer und die Machtelite der DDR, Deutschland Archiv vom 7.11.2019

- Muhle, Reuschenbach, Arnim-Rosenthal: "Der Teilung auf der Spur - Orte der Berliner Mauer zwischen Authentizität, Massentourismus und Gedenken", Deutschland Archiv vom 7.6.2021

- 60 Jahre Mauerbau. Ein Schwerpunktdossier der bpb.

- Detlef Matthes, Heimliche Mauerfotos aus Ost-Berlin, Deutschland Archiv vom 8.11.2019

- Historikerstreit: Wer war Opfer der Berliner Mauer?

- "Die Mauer 1961 - 2021" - Bildmontagen und eine Virtual-Reality Animation

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Heiner Koch und Christian Stäblein

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