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8.9.2021

D wie Dialog

Die Geschichte des "Kennzeichen D"

Diplomat & Dolmetscher. Die Geschichte der ZDF-Sendereihe Kennzeichen D, die vor 50 Jahren, am 9. September 1971, begann. Das gesellschaftspolitische Fernsehmagazin blickte unvoreingenommen in die DDR und bemühte sich kalte Kriegsrhetorik zu vermeiden. Damit hatte es auch in seinem eigenen Sender keinen leichten Stand. Erinnerungen von Joachim Jauer.

Wie (un)ähnlich waren sich die Deutschen in Ost und West? Auch diese Fragen stellte Kennzeichen D, zum Teil auf verspielte Weise, wie in diesem Sketch mit zwei deutschen Clowns (Szenenfoto). (© Kennzeichen D / Norbert Bunge)


Die einen fuhren Opel, Mercedes oder – meist – VW, die anderen Wartburg, Skoda oder – meist – Trabant. Eins war allen deutschen Autofahrern gemeinsam. Ob Diesel, Benziner oder Zwei-Takter: Am Heck der so unterschiedlichen Karosserien klebte lange das Kennzeichen D. Nur ein kleines Schild, 17,5 Zentimeter breit, 12 Zentimeter hoch. Dieser Buchstabe D, schwarz auf weiß, im schwarzgeränderten Oval, blieb wohl nach 1949, also auch nach Gründung beider deutscher Teilstaaten, einziges Zeichen für die Einheit der Nation. Denn bis 1973 demonstrierten über 30 Millionen Bundesdeutsche und 1,7 Millionen DDR-Bürger mit diesem Minitransparent an ihren Autos für Deutschland – als Ganzes.

Doch damit machte die SED am 1. Januar 1974 Schluss. Die deutschen Kommunisten bestanden wegen der ersehnten internationalen Anerkennung auf ihren drei Buchstaben. Fortan mussten die Trabi-Fahrer an ihre kleine Kunststoff-Karosse ein größeres Oval montieren, um alle Reste des alten Ds zu überdecken. Der „Zonen-Mini“ mit der Maxi-DDR. 15 Jahre später änderte sich das. Im Spätsommer 1989 machten tausende Flüchtlinge aus ihren drei Buchstaben über dem Auspuff ihres Trabanten wieder ein Kennzeichen D, sie überklebten oder übermalten das D, das für „Demokratische“, und das R, das für „Republik“ stand. Zurück blieb das D für Deutschland – als Ganzes. Mit diesem Transparent fuhren sie auf friedlichem Umweg von Ungarn über die Grenze nach Österreich und demonstrierten zum ersten Mal für die deutsche Einheit, vier Monate, bevor die Menschen daheim mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“ auf die Straße gingen.

Geläufig geworden war der Begriff „Kennzeichen D“ in der DDR schon 28 Jahre zuvor durch eine populäre Westfernsehsendung. Auf der Suche nach einem Symbol, das die Deutschen in Ost und West trotz Zweistaatlichkeit noch einte, hatten wir beim Zweiten Deutschen Fernsehen das D gefunden. Das neue Politmagazin präsentierte vom 9. September 1971 an „Deutsches aus Ost und West“ unter eben jenem Titel KENNZEICHEN D.

Als der Weg zur Einheit noch mit Hoffnungen verbunden war. Schild bei einer Demonstration in Ostberlin im Spätherbst 1989. (© Holger Kulick)


Gesamtdeutsches „Lagerfeuer“

Das Fernsehen galt in seiner höchsten Blütezeit, also vor der Streaming-Ära, als das Lagerfeuer, vor dem sich die Zuschauerfamilien versammelten. Und KENNZEICHEN D im ZDF war damals so etwas wie ein gesamtdeutscher Stammtisch, an dem Doppeldeutschland hockte, gemeinsame Sorgen besprach, vom Nachbarn lernte oder auch über den Alltag in West und Ost stritt. Die Sendereihe versuchte, den Bundesbürgern die zugemauerte DDR ein wenig zu öffnen, beleuchtete kritisch, was die SED unter „Fortschritt“ verstand und zeigte den Ostdeutschen, dass beim westlichen Gold auch nicht alles glänzte. Das Magazin war sicher nicht Prophet der Einheit, aber bei der Beschreibung der deutschen Teilungsnöte war es stets besonders engagiert.

Das ZDF hatte bereits 1966 ein Magazin namens „drüben“ alle zwei Wochen für zwanzig Minuten in sein Programm aufgenommen. Das Mini-Magazin, in dem zum ersten Mal kontinuierlich Ereignisse und Entwicklungen im Osten Deutschlands beleuchtet wurden, war der Vorgänger von KENNZEICHEN D. Wer immer in Deutschland Ost es schaffte, mithilfe von abenteuerlich-kunstvollen Antennenbauten das ZDF zu empfangen, war abonnierter Zuschauer der Sendung. Die ARD war freundlich genug, KENNZEICHEN D am folgenden Vormittag „für Schichtarbeiter“ zu wiederholen. Denn in dem Magazin wurde realer, nicht propagandistisch geschönter DDR-Alltag gezeigt.

Wie später auch in der ARD-Sendung „Kontraste“ kam die zum Schweigen verurteilte DDR-Gegenöffentlichkeit zu Wort: Umwelt- und Friedensgruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche, Bürgerrechtler, kritische Schriftsteller und sogar die Parias des Regimes, Menschen, die rechtlos geworden waren, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Die getrennten Deutschen begannen einander in die Fenster zu schauen, obwohl die Gardine beim DDR-Nachbarn meist zugezogen war. Erst spät begannen Politiker in Ost und West zu begreifen, welche immense Wirkung selbst kritische Berichte aus der westlichen Welt neben Reportagen über den Osten in einer Sendung von jeweils 45 Minuten hatten.

Unser Standort war das geteilte Berlin. Die Mauerstadt erlebten wir unmittelbar als zutiefst gezeichnet von den Verbrechen der roten, aber auch der braunen Diktatur. Scharfe Beobachter wollten wir nach beiden Seiten sein, nach Ost und nach West. Hetzer wären wir, schimpfte die Propaganda Ost-Berlins, weil wir nicht nur hässliche Symptome, sondern das ganze System des „real existierenden Sozialismus“ negativ benoteten. Unverantwortlich kritisch wären wir gegenüber dem Westen, tadelte die Unionsmehrheit im ZDF-Fernsehrat, die überhaupt die Ansicht vertrat, man dürfe rote Äpfel Ost nicht mit goldenen Birnen West in eine Sendung packen. Im westlich verankerten, zeitweise närrischen Mainz war nicht immer Verständnis zu spüren für unsere an der Teilung geschulte Dialektik. Wir hielten uns an die Mahnung des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der den Deutschen in einer Fernsehansprache Selbstkritik empfohlen hatte: „Wer mit einem Finger auf andere zeigt, weist mit drei Fingern auf sich selbst zurück.“ Und der ehemalige RIAS-Journalist und Publizistik-Professor Hanns Werner Schwarze, Gründer von drüben und KENNZEICHEN D, gab der Redaktion als Leitlinie vor: „Nur, wer den Schmutz vor der eigenen Tür beseitigt, kann auf den Dreck beim Nachbarn zeigen.“

Zu diesem Zeitpunkt gab es seit 1968 mit ganz anderem Anspruch bereits eine weitere Sendereihe im ZDF, die über die DDR berichtete. Aus Mainz wurde regelmäßig und zu bevorzugter Sendezeit das eher kämpferische und konservative „ZDF-Magazin“ ausgestrahlt, das sich schon dem Namen nach als das politische Aushängeschild des Senders verstand. In den Jahren der sozialliberalen Koalition wurde die Sendung unter der Leitung des Journalisten Gerhard Löwenthal zu einem Periodikum scharfer Opposition gegen Willy Brandts Entspannungs- und Gewaltverzichtspolitik und die daraus folgenden „Ost-Verträge“. Im Proporzdenken von Medienfunktionären sollte KENNZEICHEN D gegenüber Löwenthals Kampf-Magazin Ausgewogenheit bedeuten.

„Balanceakt“ auf der Mauer

„Keine Magazin-Redaktion hat es so schwer gehabt wie die Berliner „D“-Mannschaft, beargwöhnt im eigenen ZDF-Hause, angefeindet draußen, ausgesetzt dem Proporzgerangel der Parteien, benachteiligt durch ungünstige Sendezeiten, verpflichtet einem gesamtdeutschen Anspruch, der sich weder in die Abgrenzungstheorien drüben noch in die Wiedervereinigungsutopien hüben einfügen lässt. Man könnte sich diese Redaktion angesiedelt vorstellen irgendwo im Niemandsland zwischen Sperrzone Ost und Zollgrenze West, vom unsicheren Port beiden Seiten gemächlich ratend und, nach Bedarf, strenge Zensuren verteilend.“ Das schrieb damals der Fernsehkritiker Karl-Heinz Janßen in der Zeit.

KENNZEICHEN D war ein Balanceakt auf der Mauer, verpönt als „linkslastig“ bei den kalten Kriegern West, misstrauisch verfolgt von des DDR-Staates Sicherheit. Proteste hagelte es in West und Ost, als wir die bittere Lage des geteilten Landes mit zwei Clowns karikierten. In einer eisigen Schneelandschaft standen sich zwei deutsche Michels als dumme Auguste gegenüber, beide in Schwarzrotgold, mit dem jeweiligen Staatsemblem auf der Brust, Bundesadler der eine, Hammer und Zirkel der andere. Beide trennte eine rot-weiße Barriere, und sie glotzten sich sprachlos über diese Grenze hinweg an. Weil sich Reporter und Reporterinnen von KENNZEICHEN D regelmäßig „in der Zone“ aufhielten und nicht nur von den unübersehbaren Problemen, sondern immer wieder auch über „Normalität“ menschlichen Zusammenlebens berichteten, handelten sie sich schnell bei westdeutschen Besserwissern den Vorwurf der Anbiederung an die Kommunisten ein. Im Osten aber verstand die große Masse der Zuschauerschaft, dass wir in der deutschen Zweisprachigkeit nicht nur westdeutsch formulierten, sondern auch „DDR-sch“ gelernt hatten.

Die Sendereihe, die ich zwischen 1983 und 1987 sowie 1990 und 1995 moderieren durfte, und dessen Redakteure und Redakteurinnen ständig vor Ort den schwierigen Alltag im „real existierenden Sozialismus“ beobachteten, wagte also den schwierigen Gang in die DDR hinein, suchte den Kontakt zu den Menschen, kritisierte das SED-Regime von innen und forderte die Einhaltung der Menschenrechte.

Heimliche Aufnahmen von Wolf Biermann und Robert Havemann

Ein besonderes Beispiel: 1980 veranstaltete die SED ein Gedenken an die Befreiung des Zuchthauses Brandenburg, in dem neben Robert Havemann auch Erich Honecker von den Nazis inhaftiert worden war. In der Reihe der ehemaligen Häftlinge links außen stand völlig überraschend der von der SED mit Hausarrest belegte und verfemte Partei-Kritiker Havemann, wenige Meter von ihm Parteichef Erich Honecker. Bei einem späteren Empfang ging Robert Havemann durch die Reihen der Gäste, einsam wie ein Aussätziger. KENNZEICHEN D hat diese Szenen gezeigt.

Der Ostberliner Regimekritiker und Kernphysiker Robert Havemann (l) und der Liedermacher Wolf Biermann am 21.1.1972 in dessen Ostberliner Wohnung, in der Havemann der Stockholmer Zeitung "Expressen" ein Interview gab. Biermann wurde 1976 auf Geheiß der SED-Führung aus der DDR ausgebürgert, Havemann unter Hausarrest gestellt bis er 1982 starb. (© picture-alliance/dpa)


Anfang April 1982 erhielt der Liedermacher Wolf Biermann, der sich – 1976 aus der DDR ausgebürgert – gerade in Paris aufhielt, die Nachricht, dass sein Freund Robert Havemann im Sterben lag. Er bat den Botschafter der DDR um eine Reiseerlaubnis in die DDR, und – das war eine Sensation – sie wurde innerhalb eines Tages erteilt. Unter strengster Bewachung kam Biermann an das Sterbebett seines Freundes ins Stasi-bewachte Haus. Das fast prophetische Testament Havemanns wurde in KENNZEICHEN D ausgestrahlt, sieben Jahre vor dem Mauerfall. Mit deutlicher Atemnot sagte Havemann:

„Freie und unabhängige Bewegungen in den sozialistischen Ländern sind von großer, maßgebender, ausschlaggebender Bedeutung für die Zukunft. Ich glaube, auch hier in der DDR ist so eine freie Bewegung in Gang gekommen.“ Diese Szene hat Katja Havemann, die damals schon eine private Videokamera besaß, heimlich, hinter einem Vorhang stehend, gefilmt,. Wir haben ihre Aufnahmen kurz nach Havemanns Tod in KENNZEICHEN D gesendet.

Niemand hatte damals, im Jahr 1971, als KENNZEICHEN D auf Sendung ging , eine feste Vorstellung, wann und wie das einmal werden könnte mit einem wieder vereinigten Deutschland. Die „Politik der kleinen Schritte“ formulierte eine leise Hoffnung auf die „Einheit“, doch das Datum war der „Sankt-Nimmerleinstag“, irgendwann im nächsten Jahrhundert, vielleicht… wer weiß. Dass diese Politik der kleinen Schritte zwischen den beiden deutschen Staaten erfolgreich war, habe ich später gern so erklärt: Der freie Westen musste die andere Seite so lange umarmen, bis sie keine Luft mehr bekam, und ihr zum Trost Westgeld in die Tasche stecken.

Kaum jemand in Bonn und Umgebung glaubte an das, was Politiker West den Brüdern und Schwestern im Osten zu einer möglichen Wiedervereinigung in Sonntagsreden „Verbindend-Verbindliches“ sagten. „Deutsche Einheit“, so hieß in den siebziger Jahren eine westdeutsche Zigarrenmarke, das Stück eins-fuffzig. Eine Vereinigung mit „denen da drüben“, mit den Kommunisten, galt an westdeutschen Stammtischen eben als blauer Dunst. Schon das gängige Doppel im Adjektiv „deutsch-deutsch“ drückte irgendwie Gemeinsamkeit und Trennung zugleich aus.

D wie Dialog

Die SED hat das D im ZDF als Beleg für militaristisches Streben der „Bonner Ultras“ nach „Großdeutschland“ geschmäht. Das hat jedoch eine kaum übersehbar große Anzahl von DDR-Bürgern nicht davon abgehalten, das Programm mit dem D einzuschalten. Selbst Erich Honecker sprach mich auf KENNZEICHEN D an, als ich 1986 im Kreis von Kollegen in der Halle des Staatsratsgebäudes mit dem SED-Chef auf den Besucher Willy Brandt wartete. Honecker antwortete auf die Frage von Kollegen, woher er denn die Sendung kenne, lachend: „KENNZEICHEN D ist Pflichtlektüre für jeden DDR-Bürger!“ Meine Bitte, das für meine Kamera noch einmal zu wiederholen, schlug er ab, ergänzte aber: „Natürlich nur, weil jeder DDR-Bürger wissen muss, was der Klassenfeind denkt und plant.“ Das war aus dem Mund des Saarländers jedenfalls freundlicher als die offizielle SED-Propaganda, die dem deutsch-deutschen Magazin den Titel „Aggressor auf Filzlatschen“ verliehen hatte.

Der Autor dieses Textes, der Journalist Joachim Jauer, war zeitweise ZDF-Korrespondent in der DDR und Jahre lang verantwortlich für das deutsch-deutsche Fernseh-Magazin im ZDF, "Kennzeichen D". 1989 berichtete er als Sonderkorrespondent aus Osteuropa über den Fall des Eisernen Vorhangs, die DDR-Fluchtbewegung und wurde Chronist der Revolutionen in den Staaten des untergehenden Warschauer Pakts. Für seine Verdienste als "deutsch-deutscher Dolmetscher" erhielt er im September 2021 das Bundesverdienstkreuz. Die Aufnahme entstand 1990. (© ZDF)

Das D im KENNZEICHEN habe ich als D wie Dialog verstanden, anders gesagt: Der Programmauftrag hieß für mich D wie Dolmetscher, also Vermittler zwischen zwei „Landessprachen“ in einer Muttersprache. Die Jahrzehnte der Teilung hatten bereits zu erheblicher Sprachlosigkeit geführt. Ein ehrlicher Dialog schloss „Ansprachen an die Brüder und Schwestern im Osten“ natürlich aus. Es war die Zeit, da die DDR das Unaussprechliche in der Bonner Politik war, da es – auch im ZDF –als politisch nicht korrekt galt, DDR oder gar Deutsche Demokratische Republik zu sagen, DDR zu schreiben allenfalls in Gänsefüßchen, womit das „Sogenannte“ an diesem Teilstaat betont werden sollte. Doch die meisten Westdeutschen, auch viele Politiker und Politikerinnen sprachen von der „Sowjetzone“, kurz von der „Zone“, oder abgekürzt von der „SBZ“ für Sowjetische Besatzungszone.

Für DDR-Zuschauer und Zuschauerinnen blieb Deutschland West virtuell, gerastert im 625-Zeilen-System der Mattscheibe. Es sei denn, sie hatten das Rentenalter erreicht und konnten sich durch Westbesuche ein eigenes Bild machen. Sonst blieb das Bild der Bundesrepublik Deutschland viereckig, jahrzehntelang schwarzweiß, vor allem aber ohne erlebten Hintergrund. West-Fernsehen war die Lieblingsbeschäftigung der DDR-Bürger. Die DDR versuchte, das Westfernsehen zu bekämpfen. In groß angelegten Aktionen waren FDJ-Trupps in den sechziger Jahren auf die Dächer von Wohnhäusern gestiegen und hatten die nach Westen ausgerichteten Fernsehantennen abgebrochen. Mit gezielten Kampagnen der SED-gesteuerten Medien sollte das West-Fernsehen der Lüge überführt werden. Denn die Partei wusste, dass die Mehrheit des DDR-Volkes den Westkanal bevorzugte ... und sah sich schließlich gezwungen, das widerwillig zu dulden.

Später war „nur noch“ mit Strafe belegt, wenn jemand Informationen aus Sendungen von ARD oder ZDF an andere weitergab. Und so war dann täglich in den Wohnzimmern der Klassenfeind zu Gast. Vor den Schrankwänden mit dem Fernsehapparat bildete sich allabendlich eine Parallelgesellschaft zur „sozialistischen Menschengemeinschaft“, deren Existenz die SED behauptete. Eine geheime Langzeitstudie des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung untersuchte zu DDR-Zeiten in einer anonymen Befragung den Fernsehkonsum von Jugendlichen. Ergebnis: Die große Mehrheit der Jugendlichen holte sich politische Informationen gern von ARD und ZDF, auch von RIAS Berlin und dem Deutschlandfunk in Köln.

Ja, es gab auch Fehleinschätzungen über das Deutsche aus Ost und West, harte Stellungnahmen zu den Gegnern der Entspannungspolitik mit Ost-Berlin, Übertreibungen um der publizistischen Pointe willen und auch journalistischen Irrtum. Wir diskutierten in der Redaktion unser DDR-Bild. Dass dieses sozialistisch-kommunistische Experiment, bewacht von sowjetischen Panzern, nie eine Alternative zur Bonner Republik mit ihrem Grundgesetz sein könnte, war unbestritten. Aber es gab auch den falschen Kommentar, der nach der Stagnation der Ulbricht-Ära in die Anfangsjahre von Honeckers Sozialpolitik leise Hoffnungen setzte. Dem bereitete der neue, jüngere SED-Chef durch seine scharfe Abgrenzungspolitik gegenüber der Bundesrepublik, mit der gerade ein Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen geschlossen worden war, sehr schnell ein hartes Ende.

Die internationale Anerkennung, die Ost-Berlin als Hauptstadt eines zweiten deutschen Staates erfuhr, führte beim Gründer von KENNZEICHEN D Anfang der siebziger Jahre zu der gewagten Annahme, „die DDR sei keine Zone mehr“. Wer dagegen als in Ost-Berlin residierender West-Korrespondent den SED-Alltag ständig vor Augen hatte und die Klagen der Menschen täglich hörte, erlebte, dass die DDR nie mehr als eine Sowjetische Besatzungszone war, an deren Spitze Kommunisten Stalinscher Prägung standen. Deutschland wurde durch Erich Honeckers Politik noch ein wenig mehr gespalten. Das bis dahin gemeinsame Kennzeichen D klebte, wie zu Anfang erwähnt, ab 1974 nur noch an Autos West. Die im Osten bekamen ein Kennzeichen DDR verpasst, zu groß für die kleine Hinterseite eines „Trabant“. Und die “Kulturschaffenden“, die mit einem Tauwetter in der DDR gerechnet hatten, fanden sich sehr schnell wieder in einer kulturellen Eiszeit oder verließen unter Druck ihre östliche Heimat.

Altes DDR-Länderkennzeichen an einem nach dem Mauerfall ausrangierten Uralt-Käfer, den DDR-Bürger in Fuldatal bei Kassel verkauft hatten. Er steht heute als kleines Denkmal in einem privaten Garten. (© picture-alliance/dpa, Uwe Zucchi)


Manche Kritik an Entwicklungen in der Bonner Republik wirkte durch Originalbilder und -töne, die wir im freien Westen ungehindert aufnehmen konnten, leider überzeugender als der Verriss von Zuständen in Honeckers Einflusszone. Das brachte KENNZEICHEN D den heftigen Vorwurf ein, wir würden den Westen zu schlecht und den Osten zu freundlich zeichnen. Doch vieles Unhaltbare und Unerträgliche, was wir im Osten dokumentieren wollten, war uns zu drehen durch die Abteilung Journalistische Beziehungen des DDR-Außenministeriums verboten oder unmöglich gemacht. Wir haben selbstverständlich darüber berichtet, aber konnten die Verbrechen der Diktatur leider nur selten in Bild und Ton belegen.

Drehverbote aber kein Maulkorb

Jedes Interview, alle Befragungen und sämtliche Dreharbeiten in „gesellschaftlichen Räumen“ mussten beim DDR-Außenministerium umständlich beantragt und dann genehmigt werden, was nicht immer zeitnah oder überhaupt geschah. Durch dieses Verfahren konnten die Genossen Leiter der Abteilung „Journalistische Beziehungen“ – alle übrigens im Neben- oder Hauptberuf „Oibe“, also Stasi-Offiziere im besonderen Einsatz – alles verbieten, was das SED-Politbüro auf westlichen Bildschirmen nicht sehen wollte. Beantragte Interviewpartner und Drehorte konnten die Genossen manipulieren und die Dreherlaubnis so verschleppen, dass an eine aktuelle Berichterstattung nicht mehr zu denken war. Drehverbote mussten wir hinnehmen, einen Maulkorb akzeptierten wir nicht. Denn obwohl wir häufig keine Bilder und Töne hatten: Die Story kam ins Programm, wenn auch viel zu oft nur verbal, manchmal mit aufgezeichneten Telefoninterviews, wenn das im schlecht funktionierenden DDR-Telefonnetz überhaupt gelang oder mit auf riskante Weise geschmuggelten privaten Videoaufnahmen.

Wir suchten nach kleinen Fortschritten im geteilten Deutschland mit der Formel „Wandel durch Annäherung“, mussten aber immer öfter Rückschritt oder Wandel durch Abgrenzung verzeichnen. Wir mussten das „Kaderwelsch“ der SED in Bonner Polit-Sprache übersetzen und die Wortgefechte westlichen Parteienstreits dem Osten verständlich machen. Doch vor allem ging es uns um D wie Dialog, also darum, die Deutschen in beiden Staaten – wenn auch virtuell – im Gespräch zu halten. Denn, so hofften wir, wer miteinander spricht, schießt nicht aufeinander.

Über die Rolle des Fernsehens im geteilten Deutschland ist viel gestritten worden. Böse Zungen sagen, geschönte DDR-Bilder der Westkorrespondenten hätten die Einheit verzögert. Doch Millionen Zuschauer in der DDR haben täglich den Westkanal geschaltet und festgestellt, dass unser DDR-Bild der real existierenden Wirklichkeit entsprach. Viele der KENNZEICHEN-D-Beiträge wurden in der DDR Tagesgespräch. In Brigaden wurde listig diskutiert nach dem Motto: „Genosse, stimmt denn das, was diese Hetzer vom ZDF gestern Abend erzählt haben?“ Und dann musste über Waldsterben auf den Kämmen des Erzgebirges, über Versorgungsmängel, die katastrophale Verseuchung der Umwelt im Chemiebezirk oder kirchlichen Protest gegen vormilitärische Ausbildung für Kinder und Jugendliche gesprochen werden.

Trickreiches und Augenzwinkendes

Mancher Brückenschlag erfolgte auch augenzwinkernd, besonders populär wurde die Vorführung des DDR-Kleinwagens Trabant, ein Auto mit Kunststoffkarosse und stinkendem Zweitakt-Motor. Insgesamt sollen bis 1991 über drei Millionen Trabanten gebaut worden sein. In KENNZEICHEN D präsentierte ein renommierter Autotester mit leichter Ironie den „Trabi“, der im DDR-Volksmund Rennpappe hieß. Er drehte ein paar Runden auf der Mercedes-Teststrecke in Stuttgart, fuhr dann ins Bild, stieg aus und sagte: „Daimler-Benz hat für das berühmte Plopp seiner Autotüren Millionen an Forschungsgeldern ausgegeben. Trabant hat diese Summe eingespart.“ Und krachend-klappernd warf er die Trabi-Tür zu. Selten wurde ich am Tag nach der Sendung in Ost-Berlin so häufig angesprochen wie nach dieser Sendung. Niemand zeigte sich gekränkt, alle schmunzelten, sogar die Genossen von der Abteilung Journalistische Beziehungen im Außenministerium der DDR.

Kurz nach der Wende bilanzierte die Wochenzeitung Die Zeit die Arbeit von KENNZEICHEN D in den Zeiten der deutschen Teilung unter dem Titel „Ausgefuchster Diplomat“. Diplomaten waren aber vor allem unsere Zuschauer in der DDR, die trotz des offiziellen Interviewverbots mit uns sprachen. Brachte das DDR-Fernsehen in Interviews systemkonforme oder sogar parteilich mobilisierende Antworten, so sprachen DDR-Bürger vor unserer Kamera zuweilen ungewohnten Klartext, selbst wenn „zwischen den Zeilen“ formuliert wurde.

Nur zweimal im Jahr wurde gestattet, mit Kamera und Mikrofon dem DDR-Volk mittels Straßenumfragen aufs Maul zu schauen. Gelegenheit bot die Leipziger Messe im Frühjahr und im Herbst, denn hier wollte die SED-Führung Weltoffenheit beweisen. Bedingung: Die Umfrage durfte nur in Leipzig-Innenstadt und nur zum Thema Leipziger Messe stattfinden. Wenn wir Kamera und Mikrofon auspackten, waren wir immer sehr schnell von etwa fünfzig Menschen umstellt. Schwer zu beurteilen, ob unter den Interessierten „Geschickte oder Gesandte“ waren. Ich stellte meine Frage in der genehmigten Formel: „Was sagen Sie zur Leipziger Messe in diesem Frühjahr/Herbst?“ Antworten: „Ich möchte auch mal zu meiner Schwester nach Kassel reisen dürfen.“ „Und was sagen Sie zur Leipziger Messe?“ „Bei uns in Prenzlau gibt es seit Monaten keine Schuhreparaturen mehr.“ Oder: „Hier sieht man schönes Kinderspielzeug. Aber alles wird ja in den Westen exportiert.“ Aber auch: „Meine West-Verwandten kommen nicht mehr zu Besuch, weil der Zwangsumtausch zu teuer für sie ist.“ Auf die schlichte Frage nach der Leipziger Messe enthüllten die Menschen ganz offen den Mangel- und Klagekatalog des DDR-Alltags. Seltsamerweise wurden diese Umfragen mehrfach genehmigt, während Interviews mit den Herrschenden stets abgelehnt wurden.

Viele Westdeutsche hatten üble Erfahrungen mit dem Grenzregime der DDR, sogar mit der Staatssicherheit gemacht, wann immer sie den Versuch unternahmen, auf Verwandtenbesuch in das verschlossene Land zu fahren. So ist verständlich, dass sie dann jedes Interesse an der DDR verloren und sich dem freundlichen Westen zuwandten. Die Wiedervereinigung haben wir bei KENNZEICHEN D – wie fast alle übrigens – in unüberschaubare Ferne verlagert, aber im Gegensatz zu manchem Bonner Politiker und der westdeutschen Mehrheit nicht aus dem Auge verloren. Im Westen regierte in Sachen „Einheit“ ganz überwiegend desinteressierte Nüchternheit, bei den Menschen im Osten verbreitet unerschütterliche Hoffnung.

Ich selbst, mit der Erfahrung von gut 20 Jahren eigener Berichterstattung über die DDR und weiteren Jahren als Korrespondent aus Moskaus Satellitenstaaten, habe mir bis ins Frühjahr 1990 nicht vorstellen können, dass die Siegermacht Sowjetunion ihre „Zone“ in den Westen und damit sogar in die NATO entlässt. Doch als im Frühjahr 1989 der Grenzzaun in Ungarn abgebautwurde, keimte die Hoffnung.

Die Deutschen in Ost, aber vor allem in West, hatten sich in ihrer Mehrheit mit der brutalen Spaltung abgefunden oder abfinden müssen. Bonner Politik setzte für „menschliche Erleichterungen“ unendlich geduldige Diplomatie und Milliarden von D-Mark ein. Kirchliche Gemeinden hielten, so gut und so oft es ging, über die Grenze hinweg Kontakt. Geradezu prophetisch aber sprach 1983 der CDU-Politiker und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Als Mitglied im Rat der EKD reiste Weizsäcker im Luther-Gedenkjahr nach Wittenberg. Die SED war überraschend offen für Besuche, denn sie feierte den Reformator plötzlich als Revolutionär. Als Weizsäcker am Lutherdenkmal eintraf, warteten einige hundert Menschen auf den prominenten Besucher aus Bonn. Weizsäcker sagte, er habe gerade den Vorort Piesteritz passiert und sei somit auch an der stinkenden Chemieproduktion VEB Stickstoffwerk vorbeigefahren. Seine einfache Feststellung, die wie ein Versprechen klang: „Wir atmen die gleiche Luft. Luft kann man nicht teilen!“, hallte im Beifall der Menschen nach und wurde von KENNZEICHEN D in die ganze DDR ausgestrahlt.

Plakat in Leipzig, fotografiert während der Friedlichen Revolution in der DDR bei einer Montagsdemonstration im November 1989. Es zeigt eine indirekte Aufforderung zur Wiedervereinigung unter einem gesamtdeutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, er war seit Mai 1984 in Bonn im Amt. (© Hoiger Kulick)


Auch nach der Wiedervereinigung blieb die Sendereihe „verbannt auf einen späten Sendeplatz“, wie die Frankfurter Allgemeine kritisch anmerkte, und wurde oft ersatzlos Sportübertragungen geopfert. Die Zeitung lobte KENNZEICHEN D als „Kleinod unter den Magazinen“ und attestierte der Sendung ein „Niveau, mit dem KENNZEICHEN D die Tugenden gewissenhaften Fernsehjournalismus über den Tag hinaus rettet.“ Nach mehreren Auszeichnungen erhielt das Magazin 1999 die „Goldene Kamera für Glaubwürdigkeit im Fernsehen“.

Der TV-Dolmetscher zwischen West und Ost wurde jedoch nach Überzeugung der Mainzer Programm-Verantwortlichen im neuen Jahrhundert, zehn Jahre nach Vollzug der deutschen Einheit, nicht mehr gebraucht, weil der deutsch-deutsche Brückenbau angeblich nicht mehr notwendig sei. KENNZEICHEN D wurde, gegen zahlreiche Proteste, vor allem aus dem Osten und aus der Evangelischen Kirche, eingestellt. Bis heute blieb die Position des „ausgefuchsten Diplomaten“ – trotz andauernder Missverständnisse zwischen neuen und alten Bundesländern – vakant.

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Beispiele für TV-Beiträge aus Kennzeichen D:

Rund 50 weitere Kennzeichen-Beiträge folgen zum Jahreswechsel 2021/22 im Deutschland Archiv online.

Zitierweise: Joachim Jauer, "D wie Dialog", in: Deutschland Archiv, 08.09.2021, Link: www.bpb.de/339887. Sein Beitrag erschien zeitgleich in einer kürzeren Fassung im Berliner Tagesspiegel.

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Joachim Jauer

Joachim Jauer

Joachim Jauer war ZDF-Korrespondent in der DDR. Er war Jahre lang verantwortlich für das deutsch-deutsche Fernseh-Magazin im ZDF, "Kennzeichen D", zuvor war er Reporter beim RIAS und unter Hanns Werner Schwarze Redakteur der Sendereihe "drüben" im ZDF, dem Vorläufer von "Kennzeichen D". 1989 berichtete er als Sonderkorrespondent aus Osteuropa über den Fall des Eisernen Vorhangs, die DDR-Fluchtbewegung und wurde Chronist der Revolutionen in den Staaten des untergehenden Warschauer Pakts. Er ist Autor der Bücher "Kennzeichen D - Friedliche Umwege zur deutschen Einheit" (Stuttgart 2015), "Urbi et Gorbi" (Freiburg 2009) und "Die halbe Revolution" (Freiburg 2019). Für seine Verdienste als "deutsch-deutscher Dolmetscher" erhielt er im September 2021 das Bundesverdienstkreuz.


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