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28.9.2021

Liebe über Grenzen

Für seine Frau ging Werner Dyck in die DDR

Ein Interview von Aurelie Ade aus der Schülerzeitung "Georg." der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Kassel. Dieser Beitrag erhielt einen der beiden Sonderpreise der Redaktion Deutschland Archiv der bpb beim diesjährigen Schülerzeitungswettbewerb der Bundesländer.

Werner Dyck ist nunmehr über 70 Jahre alt, lebt in Wolzig und hat in seinem Leben so manches erlebt. In seinen jüngeren Jahren war er gerne segeln und surfen, heutzutage unternimmt er lange Spaziergänge mit seinem Hund und fährt regelmäßig Fahrrad. Nach seinem Chemiestudium in Marburg arbeitete er unter anderem als Physiklaborant und war in einem pharmazeutischen Betrieb in der Qualitätssicherung tätig. In seiner Jugend und noch während seines Studiums besucht er regelmäßig seine Verwandten in der DDR. In dieser Zeit lernt er seine spätere Frau Manuela kennen. Das einzige Hindernis: Sie lebt in der DDR und er in der BRD. Um mit seiner Liebe zusammenleben zu können, gibt es nur eine Möglichkeit. Er muss in die DDR übersiedeln und das tut er auch – freiwillig. Wir, von der Georg.-Redaktion fanden diese Geschichte so spannend, dass wir Herrn Dyck genauer zu seinem Leben in der DDR befragt haben.

Manuela und Werner Dyck damals in der DDR.


Herr Dyck, hätten Sie sich während des Studiums vorstellen können, in den Osten zu ziehen?

Durch meine Familie und Verwandtschaft bin ich schon recht zeitig mit dem Osten in Kontakt gekommen. In den Semesterferien habe ich mit meinen Eltern Reisen in die DDR unternommen. Ich kannte die Verhältnisse dort also recht gut. Wenn ich so zurückdenke, haben die Leute da nicht viel anders gelebt als bei uns, sie waren eher nicht die großen Gegner des Regimes. Klar hat sich dort auch etwas bewegt und es wurde mit Tauschgeschäften versucht, den Mangel zu umgehen. Manches gab es aber auch einfach nicht. Trotzdem hat man nicht schlecht gelebt. Es war ein anderes Niveau, und es gab andere Voraussetzungen, aber so ist das halt.

Wie haben Sie ihre Frau kennengelernt?

Also ich habe meine Frau bei einem Besuch meines Cousins kennengelernt.

Wie kamen Sie zu dem Entschluss, in die DDR zu ziehen?

Ich war sehr oft bei meiner zukünftigen Frau und sie war staatsgebunden. Sie hing außerdem sehr an ihren Eltern, sodass ein Umzug nicht infrage kam. So blieb uns nur die Möglichkeit, dass ich in die DDR einbürgere.

Wie ging es für Sie nach diesem Entschluss weiter?

Wir haben darüber natürlich Schritt für Schritt gesprochen, was da passiert. Ich hatte auch bei der Meldebehörde schon einmal um Rat gefragt, was es zu beachten gibt. Es gab Gespräche, zunächst in einer konspirativen Wohnung in Berlin. Dann hat sich das so nach und nach entwickelt. Zu dem Zeitpunkt war ich auch mit dem Studium fertig.

Hatten Sie Hoffnungen/ Ängste, bevor Sie umgezogen sind?

Klar, es gab einiges nicht. Aber meine Verwandtschaft hat mich dann unterstützt. Wenn ich was gebaut habe, habe ich eine Bohrmaschine aus dem Westen gekriegt, weil die Bohrmaschinen im Osten so schwer gingen. Ich hatte Vorteile gegenüber anderen. Baumaterial war auch nicht leicht zu ergattern. Mein Schwiegervater hat mir dann geholfen, so dass wir einen einigermaßen guten Wohnsitz hatten. Es war halt so, dass man sehen musste, wie man alleine klarkommt. Aber es gab auch privat viele Leute, die mir geholfen haben. Ich konnte nicht putzen, ich konnte nicht maurern. Die Leute aus dem Ort haben mit angepackt, das war einfach so. Ich hatte keine Nachteile. Wenn ich im Westen gewesen wäre, hätte ich gar keine Zeit gehabt. Da wäre der Beruf so im Vordergrund gewesen, dass ich in mein Haus nicht so viel Zeit hätte reinstecken können.

In Werner Dycks damaliger neuer Heimat in Wolzig. (© Privat)


Sie meinten eben, dass Ihnen von den Leuten aus dem Ort geholfen wurde. Würden Sie sagen, dass die Gemeinschaft in der DDR untereinander stark war?

Ja, es gab schon eine sehr große Gemeinschaft. Man hat sich untereinander geholfen, weil der Mangel so groß war. Man konnte nicht einfach gehen und sagen: „Ich bau mir jetzt ein Haus. Ich habe das Geld.“ Bei mir war das so, dass wir Stück für Stück anbauen mussten. Ich habe selbst angepackt und dadurch entstand eine gewisse Gemeinschaft. Ich spüre das heute noch so. Auch mit den Vereinen war das so. Man hat nicht gewartet, bis die Gemeinde einen Gehweg gebaut hat, sondern man hat sich zusammengetan und sich Betonsteine ergattert. Alle haben die Steine dann eingesetzt. Damit war die Sache erledigt. Heute wird vor meiner Tür seit zwei Jahren eine Straße gebaut, weil die Firma nicht in der Lage ist, das abzuschließen. Es geht nichts vorwärts. Früher ging das einfacher. Man hat Arbeit reingesteckt, Materialien irgendwie beschafft und dann hat sich das von alleine geregelt. Gut, das war vielleicht nicht so professionell, aber wenn ich das heute so sehe: Es ist alles irgendwo nur so halbfertig. Ich kann nicht verstehen, dass ein Flughafen über Jahrzehnte geplant und gebaut wird.

Wie war die Reaktion Ihrer Eltern, als sie erfuhren, dass Sie in die DDR ziehen?

Ganz allgemein sag ich mal ─ egal, ob Ost oder West ─ haben mich eigentlich alle für verrückt erklärt. Ich kenne auch ehrlich niemanden persönlich, der so einen Schritt gemacht hat. Ich habe nur gehört, dass manche aufgrund von Privatproblemen in die DDR gezogen sind. Erst einmal habe ich von keiner Seite Unterstützung gefunden. Der Schritt hatte ja auch einige Folgen. Ich habe einen neuen Personalausweis und eine DDR-Staatsbürgerschaftsurkunde bekommen.

Durften Sie im Urlaub einfach ausreisen?

Also ich habe einen Reisepass gehabt wie jeder andere DDR-Bürger. Man durfte bis zu einem bestimmten Verwandtschaftsgrad zu besonderen Anlässen eine Reise beantragen. Man musste dann zur Polizei oder zu einer bestimmten Meldebehörde, um einen Antrag zu stellen. Nach ein paar Wochen erhielt man einen Termin und bekam entweder eine Absage oder einen Stempel, der einem die Reise in den Westen gestattete. Ich bin zu vielen Anlässen gefahren, die meine Verwandtschaft betraf. Erstmal durfte ich natürlich nur alleine fahren. Aber in der Mitte der 80er Jahre hat es sich ergeben, dass eine Nichte geheiratet hat und ich gerade zum Geburtstag meines Vaters eingeladen war. Ich wollte nicht nochmal reisen und habe bei der Polizei gefragt, ob meine Frau nicht gleich mitfahren könne. Dann hat sie einen Antrag gestellt, der auch genehmigt wurde. Das war circa 1986/87. Kurz vor der Wende sind wir schon alle gemeinsam gefahren, auch unser Sohn durfte mit. Da hat sich eigentlich schon gezeigt, dass sich irgendetwas verändert. Es wurde einfacher zu reisen. Besuch einladen ging auch mithilfe eines Antrags. Die Verwandtschaft oder Bekannte bekamen ein Visum und konnten uns besuchen.

Im Freundeskreis (© Privat)


Hat sich der generelle Kontakt zu Ihren Verwandten und Bekannten verändert?

Naja, es war schon für einige schwierig, sich an diese Geschichte zu gewöhnen. Meine Familie wurde auch schon mal an der Grenze gefilzt, das war natürlich keine angenehme Sache. Aber meine Geschwister und meine Eltern waren eigentlich regelmäßig hier und haben uns besucht, auch, wenn sie vielleicht mit meinem Schritt nicht ganz einverstanden waren. Sie haben uns sogar öfter besucht, bevor die Grenze offen war als danach.

Wie war Ihre Lebenssituation drüben?

Wir sind oft in die Gaststätten zum Essen gegangen. Es war günstig, und wir haben dort Leute getroffen. Beim Bier entwickelten sich Gespräche. Der eine hatte dies, der andere das. Da entstanden dann Tauschgeschäfte. Gelitten habe ich unter meiner Situation überhaupt nicht. Da ich ja den Wunsch geäußert habe, DDR-Bürger zu werden, gab es allerdings viele Gespräche. Und klar wurde ich von jemandem beobachtet. Ich habe ihn deshalb „Nabelschnur“, genannt. Nach der Wende habe ich ihn sogar getroffen. Da hatte er plötzlich einen ganz anderen Namen… Aber so ist die Welt.

Und wie haben Sie gewohnt?

In der DDR habe ich auf einem sogenannten „Westgrundstück“ gewohnt. Das war ein Grundstück von jemandem, der nicht in der DDR lebte, sondern im Westen oder anderswo, oder der geflüchtet war. Das wurde dann staatlich verwaltet, in der Regel von der Gemeinde. In der Nähe von Berlin gab es haufenweise Westgrundstücke, da viele in den 60er Jahren mit der S-Bahn in den Westen geflüchtet sind. Bei mir war es etwas anders. Die Vormieter sind Ende der 70er verstorben und so habe ich das Haus 1978 mieten können. Dann haben wir angefangen, ein bisschen was anzubauen. Nach einigen Jahren bekamen meine Frau und ich eine Nutzungsurkunde, das bedeutet, dass wir keine Miete mehr zahlen mussten und Nutzer des Grundstücks waren, damit wir weiterbauen konnten. Nach der Wende kamen dann die Erben des eigentlichen Inhabers, die einen Rückübertragungsanspruch gestellt haben. Die Entscheidung dauerte 16 Jahre, bis wir eine Grundbucheintragung erhalten haben. Erst dann waren wir die Eigentümer.

Hatten Sie bezüglich der Überwachung Ängste oder waren beunruhigt?

Ich war nie beunruhigt. Ich war kein Regimegegner der DDR und wollte sie von mir aus nicht ändern. Klar war es schon ein bisschen ungewöhnlich, aber ich habe mich nicht eingeschränkt gefühlt. Auf der Arbeit wurde ich gebraucht und bin sogar zum Abteilungsleiter aufgestiegen. Unter der Beobachtung habe ich nicht gelitten. Jedoch habe ich mich nach der Wende gewundert, dass es einige im persönlichen Kreis gab, die sich plötzlich zurückgezogen haben. Aber meine Akte angucken wollte ich nicht.

Was hält eigentlich Ihr Sohn von Ihrer Geschichte?

Unser Sohn ist damit einfach groß geworden. Ich persönlich bin auch nicht stolz auf mich oder sehe mich als Vorbild. Ich bin nur ein Mensch. Ich war kein begeisterter DDRler, sage ich mal. Aber jeder steckt in seiner Haut.

Werner Dyck heute. (© Privat)


Wenn Sie in der DDR gefragt wurden, woher Sie kommen, was haben Sie dann geantwortet?

Dann habe ich meine Geschichte erzählt. Ich habe kein Problem damit. Exotisch war ich schon. Konnte man eigentlich auch nicht verstehen.

Wurden Sie auch schon mal komisch angeschaut oder kamen irgendwelche Kommentare?

Im engeren Umfeld war das kein Problem. Ich war jetzt nicht ausgestoßen. Manche waren vielleicht geschickt worden, um bestimmte Fragen zu klären, ob ich nicht doch irgendwie mit Tarnkappe eingereist bin. Ich habe es als normal empfunden. Das Unverständnis wurde geäußert, ja, aber es hat mich keiner verurteilt und als aussätzig habe ich mich nicht empfunden.

Wie haben Sie zusammen mit Ihrer Familie den Mauerfall wahrgenommen?

Ich habe die Nachrichten am Vorabend gehört, habe aber nicht mit einer sofortigen Maueröffnung gerechnet. Ich bin ganz normal ins Bett gegangen und am nächsten Morgen war im Labor die helle Aufregung. Ein Gruppenleiter von mir war gar nicht zur Arbeit gekommen. Mittags kam er dann angetorkelt und hat sich entschuldigt. Er hatte erst einmal mit seinem Nachbarn auf der anderen Straßenseite anstoßen müssen. Davor konnten sie sich nur über den Balkon zuprosten. Beide wohnten in der Sonnenallee und diese Straße war besonders, da die eine Seite im Osten und die andere im Westen lag. Also ich habe das so interpretiert, dass jeder zur Polizei muss, sich anstellt und einen Antrag stellt, der genehmigt wird. Ich habe nicht damit gerechnet, dass man die Grenze einfach so passieren kann. Ich bin auch nicht gleich losgefahren und habe geschaut, ob die Mauer offen ist. Ich war überrascht.

Denken Sie, dass ein getrenntes Deutschland in Zukunft wieder möglich wäre?

Ich sage nicht nie, aber ich hoffe mal, nicht. Allerdings gibt es Wahlergebnisse, die ich nicht gut finde. Da ist nicht alles überlegt, was dahinter steckt. Ich denke, dass die Leute nicht rational entscheiden, sondern einfach nur aus Protest. Sie lassen sich blenden. Die Entwicklung ist nicht günstig. Meine Familie hat durch den Zweiten Weltkrieg eine Menge Erfahrungen sammeln können. Ich wünsche mir nicht, dass es noch einmal dazu kommen wird.

Hätten Sie einen Rat an die Schüler*innenschaft?

Ja, man sollte sich nicht mit einfachen „Lösungen“ zufrieden geben, sondern miteinander kommunizieren und auch sagen, was man denkt ─ selbst wenn es gegen den Mainstream geht. Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern muss selbst denken und nicht irgendwelchen Leuten nachrennen.

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Fragen an Autorin Aurelie Ade

Aurelie, wie ist es zu dem Thema gekommen?

2019 war das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls, das inspirierte mich dazu, das Thema in den Georg aufzunehmen. Auf meinen Vorschlag hin erzählte unsere Lehrerin Frau Prauß, dass sie Herrn Dyck kennt, der für seine große Liebe in die DDR gezogen ist. Ich fand, dass diese Geschichte wirklich interessant und einmalig klang, da wir gewohnt sind zu hören, dass die Menschen eher aus der DDR geflohen sind. Ich dachte, es wäre schade, wenn diese Geschichte verloren gehen würde, gerade weil sich die Gelegenheit, sie zu erzählen, ergeben hatte. Herrn Dyck kannte ich persönlich vorher nicht. Letztendlich waren es also mehr oder weniger Zufall und weitreichende Beziehungen, die dieses Interview ermöglicht haben.

Welche Rolle spielt das Thema DDR und Mauerfall eigentlich noch im Unterricht?

Das Thema „DDR und Mauerfall“ wird bei uns in der Schule zweimal behandelt, einmal in der zehnten Klasse und anschließend noch einmal in der Abschlussklasse. Dabei wird jedoch eher weniger auf das alltägliche Leben in der DDR eingegangen, sondern sich vermehrt mit den Beziehungen zwischen der BRD und der DDR auseinandergesetzt. Gerade im Jahrgang 13 liegt der Fokus auf der damaligen Politik und Wirtschaft des Kalten Kriegs und den dadurch entstehenden Herausforderungen, denen sich beide deutschen Staaten stellen mussten. Über den Mauerfall, finde ich, wird recht ausführlich gesprochen. In meinem Kurs haben wir uns verschiedene Dokumentationen und Reden über den 9. November 1989 angeschaut und über die Bedeutung des Mauerfalls diskutiert. Ich kann nicht behaupten, dass dieses Thema zu kurz kommt. Allerdings steht bei uns die BRD etwas mehr im Vordergrund, wobei die DDR jedoch nicht sonderlich vernachlässigt wird. Ich vermute, das liegt daran, dass Hessen zum Westen gehörte. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass in den neuen Bundesländern das Thema möglicherweise tiefgehender besprochen wird und die ehemalige DDR im Vordergrund steht. Allerdings bezieht sich das Geschriebene bisher nur auf den Geschichtsunterricht im Grundkurs, die Leistungskurse beschäftigen sich mit dem Thema ausführlicher. Auch in anderen Fächern wie Deutsch oder Politik werden sowohl die DDR als auch der Mauerfall behandelt, sodass ich das Gefühl habe, dass das Thema keineswegs zu kurz kommt. Das Thema „DDR und Mauerfall“ ist bei uns also recht präsent im Unterricht und es wird sich differenziert damit auseinander gesetzt.

Zitierweise: Aurelie Ade, "Liebe über Grenzen - Für seine Frau ging Werner Dyck in die DDR", in: Deutschland Archiv, 29.09.2021, Link: www.bpb.de/340948. Ihr Beitrag ist der Schülerzeitung "Georg." der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Kassel entnommen. Weitere Schülerzeitungstexte folgen unter diesem Link.

Aurelie Ade

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