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1.10.2021

"Ich wünsch mir, dass die Mauer, die noch immer in vielen Köpfen steht, eingerissen wird"

Ein Denkanstoß. Was trennt, was eint die beiden bis 1990 getrennten beiden deutschen Staaten? Eine Reflexion von Amelie Angles aus der Konacher Schülerzeitung "1240", eingereicht beim diesjährigen Schülerzeitungswettbewerb der 16 Bundesländer unter Beteiligung der bpb.

Vier Jahrzehnte lang gab es zwei deutsche Staaten. Mit dem Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, war das geteilte Deutschland Geschichte.

Ein deutsches Autobahnschild in Erinnerung an Deutschlands und Europas Teilung bis ins Jahr 1989. (© Schülerzeitung 1240 / Kronach)


Für uns Schülerinnen und Schüler gehört dieser Abschnitt der deutschen Geschichte einer ziemlich weit entfernten Vergangenheit an, die wir eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht oder Erzählungen unserer Familien kennen. Natürlich sind uns die Begriffen „Ost“ und „West“ bekannt, die sich die letzten 30 Jahre im Wortschatz gehalten haben. Genauso bekannt sind uns Hinweisschilder auf das ehemals geteilte Deutschland an Straßen und Autobahnen.

Was ging voraus?

Blicken wir zurück: Das Deutsche Reich kapitulierte nach dem zweiten Weltkrieg und die Siegermächte teilten Deutschland in vier Besatzungszonen ein und bildeten zwei neue deutsche Staaten. Im Westen die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und im Osten die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Es gab eine Ausnahme: Berlin, das mitten in der DDR lag und in sich noch einmal geteilt wurde, der Westen gehörte zur BRD, der Osten zur DDR.

1961 errichtete die DDR-Regierung eine Mauer an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland. Diese Mauer ähnelte einem Hochsicherheitsgefängnis und isolierte seit dem 13. August 1961 die DDR-Bürger vom Westen. Zum System gehörte ab diesem Zeitpunkt Repressalien, staatliche Bespitzelung, fehlende Meinungsfreiheit und eingeschränkte Reisemöglichkeiten. >

Unter Aufsicht der Volkspolizei wurde am 13. August 1961 die Berliner Mauer gebaut. (© dpa - Bildarchiv)


In Westdeutschland erlebten die Menschen einen wirtschaftlichen Aufschwung, während in Ostdeutschland die Bevölkerung unter dem System des Kommunismus litt. Zur Normalität der Menschen gehörten unter anderem überteuerte Lebensmittelpreise und eine sehr geringe Produktvielfalt. Ein Komplex aus einer bewachten Mauer, Stacheldraht und Zäunen schottete die DDR von Westberlin ab. Auf Personen, die unerlaubt die Grenze passieren wollten, wurde geschossen.

Das Regime fiel zusammen, als es dem Druck der friedlichen Revolution nicht mehr standhalten konnte. Die friedliche Revolution beschreibt, wie sich die DDR zum Ende der 1980er Jahre hin gesellschaftspolitisch und auch politisch wandelte. Eine Kombination aus fortschreitender Liberalisierung in den Ostblockstaaten, dem wirtschaftlichen Verfall in der DDR und dem sturen Verhalten der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) führte zu einem immer mehr wachsenden Unmut in der Bevölkerung. In ganz Ostdeutschland gingen schließlich die Menschen in großen Massen auf die Straßen und forderten mit friedlichen Demonstrationen, Protesten und gewaltfreien Initiativen das Ende der DDR, sie forderten die Volkssouveränität, alle Macht soll vom Volk ausgehen. Im Zuge dessen öffnete Ungarn die Grenzen für DDR-Bürger, sodass viele Menschen fliehen konnten.

Am 9. November desselben Jahres fällt schließlich die Mauer, die Deutschland für fast 30 Jahre trennte. Familien und Freunde konnten sich endlich wiedersehen und der Grundstein für die Deutsche Einheit war gelegt. Am 3. Oktober 1990 wurde die Deutsche Einheit vollendet. 41 Jahre nach der Trennung lebte die gesamtdeutsche Bevölkerung nun wieder in einem vereinten und vor allen Dingen freien Land.

Mauerrest im Süden Berlins 1991. (© Holger Kulick)


Warum aber wurde der 3. Oktober als Nationalfeiertag auserkoren? Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund war, dass es eine möglichst schnelle Wiederherstellung des Landes nach dem Abschluss der Verträge geben sollte. Nach der Wiedervereinigung war natürlich erst der Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 im Gespräch, doch aufgrund der Datumsgleichheit mit der Reichspogromnacht, die sich ebenfalls am 9. November 1938 ereignete, galt dieses Datum schnell als ungeeignet. Grund für die Festlegung des Tags der Deutschen Einheit auf den 3. Oktober war, dass es einen möglichst schnellen Zusammenschluss der beiden Länder nach dem Abschluss der Verträge geben sollte. Und ein anderer Grund war, dass beide Länder Anfang Juli 1990 beschlossen hatten, die ersten gesamtdeutschen Wahlen auf den 2. Dezember zu legen.

Doch dadurch, dass die Einigungsverträge noch am Laufen waren, musste die DDR bis zum 7. Oktober der Bundesrepublik Deutschland beitreten, damit die DDR-Bürger auch an den Wahlen teilnehmen konnten. So wurde am 22. August um 21 Uhr von dem DDR-Ministerpräsidenten eine Sondersitzung der Volkskammer einberufen, von der am 23. August das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde: „Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990.“

Vor 30 Jahren in der Nacht zum 3. Oktober 1989 am Brandenburger Tor. (© picture-alliance/dpa)


Am 3. Oktober 1990 um Mitternacht wurde schließlich vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker die Wiedervereinigung des vierzig Jahre lang geteilten Deutschlands verkündet. Seitdem ist dieses Datum der deutsche Nationalfeiertag, der Tag der Deutschen Einheit. Jedes Jahr werden an diesem Tag Bürgerfeste in Deutschland gefeiert – meist mehrere Tage lang. Im dreißigsten Jubiläumsjahr 2020 mussten diese jedoch ausfallen – Corona war schuld!

Und heute?

Für mich und die meisten Jugendliche meiner Generation ist es sicherlich schwer, sich vorzustellen, dass das Land, in dem wir leben, vor 31 Jahren noch getrennt war. Denn wir kennen Deutschland nur als ein Land mit 16 Bundesländern, in dem wir frei reisen und ganz offen unsere politische Meinung äußern dürfen. Für mich ist es seltsam und vor allem traurig, wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen, die in der DDR lebten, nicht einfach so von Sachsen oder Thüringen nach Bayern fahren konnten, um dort zum Beispiel die Ferien zu verbringen oder eine Stadt zu erkunden, oder offen sagen durften, wenn ihnen etwas nicht an der Art gefiel, wie das Leben in ihrem Land gestaltet wurde. Ich habe Freunde in Dresden, in Rostock, im ehemaligen Ost-Berlin oder in Weimar, die ich jederzeit besuchen kann. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, all diese großartigen Menschen nicht zu kennen.

Natürlich weiß ich, dass die Angleichung immer noch kein abgeschlossener Prozess ist, wenn zum Beispiel Löhne in den neuen Bundesländern geringer als in den alten Bundesländern sind. Ebenso weiß ich, dass vor allem viele Erwachsene auch heute noch in den Kategorien Ost und West denken.

Ich wünsche mir, dass auch diese Mauer, die noch immer in vielen Köpfen steht, eingerissen wird. Dies kann gelingen, wenn wir alle Verständnis für die Geschichte der Ost- und Westdeutschen aufbringen.

Verblichene Parole aus der Zeit nach dem Mauerfall in Berlin. (© bpb)


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Fragen an Autorin Amelie Angles

1) Wie kam es dazu diesen Text für die Schülerzeitung zu erstellen?

Meine ersten Berührungspunkte mit dem Thema hatte ich durch einen Städtetrip nach Berlin und natürlich durch die Hinweisschilder an der Autobahn, die auf das ehemals geteilte Deutschland hinweisen. Und selbstverständlich haben wir auch zuhause Gespräche geführt, da wir sehr nahe an der ehemaligen Grenze leben. Die Idee zu meinem Artikel entstand letztendlich durch meine Mitgliedschaft in der Deutschen Streicherphilharmonie, welches auch Orchester der Deutschen Einheit genannt wird. In meinem ersten Jahr als Orchestermitglied standen die Konzerte unter dem Thema ,,30 Jahre Deutsche Einheit‘‘ und geplant waren Konzerte in allen 16 Bundesländern. Schon da habe ich einiges nachgelesen und nachgefragt, was vor 30 Jahren eigentlich genau passiert ist. Viele Informationen meines Artikels habe ich dann auf einer Konzertreise am Einheitstag, dem 3. Oktober erhalten: Ein Dozent unseres Orchesters, der aus der ehemaligen DDR stammt, erzählte uns nach einem Konzert von dieser Zeit und seinen damit verbundenen Erlebnissen. Damit nahm mein Artikel Gestalt an.

2) Können Sie sich an das Echo erinnern, das Ihr Text erhielt?

Ich erhielt ein Lob von meinem Chefredakteur und dem betreuenden Lehrer unserer Schülerzeitung. Von Seiten meiner Mitschüler gab es sehr wenige Reaktionen.

3) Welche Rolle spielt das Thema DDR und Mauer bei Euch eigentlich noch im Unterricht?

Im Unterricht haben wir bisher nur einmal über diese Themen gesprochen. Unser Geschichtslehrer hat im Oktober mit uns eine ,,Sonderstunde“ dazu abgehalten. Ansonsten gab es bisher in meinem Schülerleben keine Berührungspunkte.

4) Welche Klasse besuchten Sie, als der Beitrag entstand?

Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt die 8. Klasse des Frankenwald-Gymnasiums Kronach.

Zitierweise: Amelie Angles, "Am 3. Oktober – 31 Jahre vereintes Deutschland", in: Deutschland Archiv, 1.10.2021, Link: www.bpb.de/340960. Ihr Beitrag ist der Schülerzeitung "1240" des Frankenwald Gymnasiums in Kronach entnommen. Weitere Schülerzeitungstexte unter diesem Link.

Amelie Angles

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