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12.10.2021

Analyse der Verletzungen

Bericht der Arbeitsgruppe „Medizinische Betreuung“ der Zeitweiligen Untersuchungskommission zu den Ereignissen vom 7./8. Oktober 1989 in Berlin (Auszüge)
Bevölkerung

In den Einrichtungen des Berliner Gesundheitswesens wurden 58 Geschädigte mit 113 Verletzungen behandelt. 19 Frauen, 39 Männer im Alter zwischen 16 und 50 Jahren, 7 Patienten mussten stationär behandelt werden. Die häufigsten Verletzungen waren Quetschungen und Blutergüsse am ganzen Körper, Prellungen der Nierenlager, verursacht durch Schlagstockeinwirkung, Faustschläge und Fußtritte. Weiterhin Verdrehungen der Gelenke (Polizeigriff, Knebelkette), 18 Schädel-Hirn-Verletzungen, z.T. mit Kopfplatzwunden, und 11 Knochenbrüche (4x Hand, 1x Unterarm, 1x Oberarm, 2x Nasenbein, 1x Kieferngelenk, 1x Knöchel, 1x Fersenbein). Besonders erschüttert waren wir über den Gummiknüppeleinsatz gegen zwei schwangere Frauen und Sprayverletzungen in den Augen. Die schwerste Verletzung ist ein Schädel-Hirn-Trauma 2. Grades und Trommelfellverreißung. Dieser Patient befand sich noch Ende 1989 wegen seiner unfallbedingten Hirnschädigung mit psychisch-vegetativen Störungen (Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Herz-Rhythmus-Störungen und ataktischem Gangbild) in stationärer neurologischer Behandlung.

Aus den Gedächtnisprotokollen, Hinweisen der Kontakttelefongruppe und anderen Angaben wurden weitere 163 Geschädigte mit 247 Verletzungen analysiert. … Quetschungen und Blutergüsse durch Gummiknüppeleinsatz, besonders von den jungen widerstandsfähigen männlichen Opfern, (sind) nicht als Verletzung gemeldet worden. Da außerdem viele Verletzte … weder beim Arzt waren noch Gedächtnisprotokolle geschrieben hatten, ist das volle Ausmaß der gesundheitlichen Schäden nicht mehr zu erheben.

Nicht mehr möglich ist insbesondere die Analyse der psychischen Schäden in ihrem vollen Umfang. Bekannt sind uns hier die verschiedensten Angstzustände (vor Uniformen, beim Betreten der Straße – besonders bei Dunkelheit – , vor Menschenansammlungen und vor Hunden), Schlaflosigkeit, Depressionen nach erlittenen Demütigungen, nach dem Gefühl des totalen Ausgeliefertseins und der völligen Hilflosigkeit, Platzangst und Verfolgungswahn.

Erschütternd war die Erkenntnis, dass … auch in den Zuführungspunkten viele zum Teil schwere Verletzungen erlitten wurden. Schlimme Vorgänge sind uns von den Zuführungspunkten VP-Inspektion Schönhauser Allee, Revier Immanuelkirchstraße, Blankenburg (Pflasterweg), Rummelsburg und Lichtenberg/Rathausstraße bekannt.

Polizei- und Sicherheitskräfte

Nach Befragung … der Sicherheitskräfte konnte nur in vier Fällen ein Zusammenhang mit den Ereignissen vom 7./8. 10. 89 hergestellt werden. … Der Entstehungsmechanismus der Verletzungen dieser Personengruppe (ist) charakteristisch für die Gewaltlosigkeit der Demonstranten. (Herzanfall, Handknochenbruch nach Faustschlag gegen Demonstranten, Zerrung bei Anwendung eines Polizeigriffs gegen einen Demonstranten, Handbruch nach Sturz im Laufen ohne Einwirkung eines Dritten – d.Red.) … Die falschen Zahlen über verletzte Sicherheitskräfte (57 Verletzte – Angabe des VP-Präsidenten vor der Kommission), die Ursache und Wirkung der Gewalt verkehren sollten, sind somit richtiggestellt. Uns ist kein Beispiel einer von den Demonstranten ausgegangenen Gewalttätigkeit gegenüber Polizei und Sicherheitskräften bekannt. …

Haltung der Mitarbeiter des Gesundheitswesens

Auf der Straße: Ärzte am Ort, Schnelle-Hilfe-Wagen, Rettungsstellen und Krankenhäuser behandelten die Verletzten fachlich gut und human. … In einem besonderen Fall beweist ein Arzt … Zivilcourage. Gegen den ausdrücklichen Befehl des Leiters der MfS-Führungsgruppe bringt er einen Schwerverletzten, ohne auf die Stasi-Begleitung zu warten, in die Charité. … Um die schwere Verletzung oder einen eventuellen Todesfall zu vertuschen, wollte (MfS-General) Schwanitz verhindern, dass der Patient ins nächstgelegene Krankenhaus Prenzlauer Berg bzw. die fachlich bestausgerüstete Charité gebracht würde. In den Zuführungspunkten und U-Haft: Ärzte bzw. weißbekittelte Mitarbeiter des polizeilichen Gesundheitswesens, die sich nicht vorstellten, übersahen offensichtliche Verletzungen bei Zugeführten und führten keine bzw. nur Minimalbehandlungen durch. Sie übersahen geflissentlich die menschenunwürdigen Verhältnisse der Zugeführten. … Auch in den Untersuchungshaftanstalten, wo jeder Inhaftierte ärztlich untersucht wurde, fanden wir bei Durchsicht der Gesundheitsbögen keine Angaben über Verletzungen, die auf Tätlichkeiten der Polizei hindeuteten, obwohl viele mit Blutergüssen, Hautabschürfungen, Schädelprellungen und einer sogar mit einem Knochenbruch eingewiesen worden waren.

Quelle: Andreas Förster, "Eine Sternstunde des demokratischen Aufbruchs - Die Untersuchungskommission zur Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober 1989 in Ostberlin", Deutschland Archiv vom 12.10.2021
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