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26.1.2011

Erinnern für die Zukunft

Die Gedenkstätte Berliner Mauer im Kontext des Gedenkstättenkonzeptes des Bundes

Die Überreste der Berliner Mauer stehen im Spannungsfeld doppelten Gedenkens, das nur mittelbar aufeinander bezogen zu sein scheint: Sie stehen als Symbol der deutschen Teilung und der Unterdrückung durch die SED-Diktatur einerseits und als Zeichen deren friedlicher Überwindung andererseits.

Einleitung




Gedenkstätte Berliner Mauer, Ansicht des Abschnitts A mit Nachzeichnung des Mauerverlaufs entlang der Bernauer Straße, Ecke Gartenstraße, 2010. (© Stiftung Berliner Mauer)

Aus dem Stadtbild ist die Berliner Mauer fast gänzlich verschwunden, trotzdem ist sie bis heute das weltweit berühmteste Bauwerk der DDR und sehr wahrscheinlich auch das der Stadt. Heute, 20 Jahre nach ihrem Fall, "kommt alle Welt nach Berlin, um das Monstrum der Berliner Mauer wie einen erlegten Drachen zu inspizieren", schreibt Axel Klausmeier, der Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer.[1] – Um im Bild zu bleiben, ihre Panzerteile aus Beton sind als Monumente über die ganze Welt verstreut, dank der NASA trägt gar ein Gebirgszug auf dem Mars ihren Namen.[2]

Die Kristallisationskerne staatlich geförderter Erinnerungskultur an die deutschen Diktaturgeschichten des 20. Jahrhunderts sind Gedenkstätten. Diese entwickeln sich zunehmend zu Lernorten für die Nachgeborenen und nehmen auch museale Funktionen wahr. Diesem Trend verdankt auch die 2009 eröffnete Gedenkstätte Berliner Mauer ihre Entstehung. Die Geschichte ihrer Etablierung ist Gegenstand der folgenden Ausführungen, die sich in drei Teile gliedern.

Einleitend geht es um die Bilder und die doppelte Symbolik dieser DDR-Grenzbefestigung. Der zweite Teil ist den Berliner Entscheidungen für einen dauerhaften Ort der Erinnerung an die Mauer gewidmet. Abschließend geht es um das Gedenkstättenkonzept des Bundes, in dem die Bundesregierung festlegte, welche Gedenkstätten an die doppelte deutsche Diktaturgeschichte von nationaler Bedeutung sind und finanziell vom Bund gefördert werden.

Erst durch die Beteiligung des Bundes an der Förderung der Stiftung Berliner Mauer konnte diese Gedenkstätte vom Land Berlin ausgebaut werden. Ihre nationale Bedeutung stand außer Frage, war sie doch das Symbol der Teilung und wurde sie 1989 zum Symbol deutscher Einheit.

I. Die Berliner Mauer als internationales Denkmal




Berliner Mauer entlang der Bernauer Straße nach der Grenzöffnung, November 1989. (© Stiftung Berliner Mauer)

Es sind vor allem die weltweit verbreiteten Bilder der Freude über die Öffnung der Mauer 1989 – der Befreiung durch ein Volksfest –, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind. Sie standen im krassen Kontrast zu den Bildern, die um die Welt gingen, als die Mauer gebaut wurde und als Sperranlage funktionierte, etwa die Fernsehbilder vom öffentlichen Sterben Peter Fechters 1962 an dieser tödlichen Grenze: Die Mauer als befestigte Grenze richtete sich gegen die Bevölkerung der DDR, um die Flucht nach West-Berlin zu verhindern. Im SED-Staat war die "Republikflucht" ein Straftatbestand. Die Mauer teilte nicht nur Berlin, sie war zugleich Teil der innerdeutschen Grenze und eine Außengrenze des sowjetischen Imperiums zu den westlichen Demokratien Europas.

Die Besucherzahlen der Gedenkstätte Berliner Mauer sind heute Ausdruck von Tourismus und historischer Spurensuche. Als die Mauer fiel, war ihre Symbolik ein politischer Faktor für die weltweite, mediale Rezeption der friedlichen Revolution in der DDR und erleichterte der Regierung von Helmut Kohl die Durchsetzung der deutschen Einheit.

Gerald Kleinfeld, langjähriger Direktor der German Studies Association (GSA), sprach im Mai 1989 über die Symbolik der Mauer für die Deutschlandpolitik der USA: "Für die Amerikaner ist die Mauer ein Symbol des Unrechts, der Menschenverachtung, der fortgesetzten Verletzung der Menschenrechte, vielleicht wichtiger als für manchen Westdeutschen und West-Berliner. Die USA sind hier aus nationalen Interessen, aber auch, weil es um politische Ideale geht. Dies ist genau der Punkt. Jede amerikanische Regierung tritt für das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes ein. Und die öffentliche Unterstützung dafür ist breit und tief. Als die Mauer 25 Jahre alt wurde, berichteten in den USA selbst Provinzzeitungen umfassend über Geschichte und Bedeutung dieses Monumentes."[3] Kleinfeld betonte damals, dass die amerikanische Deutschlandpolitik auf dem Bündnis mit der Bundesrepublik beruhte und die Beziehungen der Vereinigten Staaten zur DDR davon abgeleitet sind. Seine Einschätzung der Bedeutung der Mauer in der amerikanischen Öffentlichkeit sollte sich ein halbes Jahr später als richtig erweisen. Tatsächlich war es die US-Politik, die am entschiedensten das deutsche Recht auf Selbstbestimmung unterstützte.

28 Jahre lang war die Mauer Sinnbild der deutschen Teilung. Als die Berliner am 9. November 1989 die Mauer selbst öffneten, verwandelte sich auch deren Symbolik: Sie wurde zum Symbol für einen Sieg der Freiheit und für die deutsche Wiedervereinigung. Dieser deutsche Bastillesturm trug entscheidend dazu bei, dass der Eiserne Vorhang fiel und Stalin den Raum verließ. So umschrieb der Schriftsteller Stefan Heym das Zerbrechen des mit Gewalt errichteten Sowjetimperiums.

Die Symbolik der Mauer verbindet somit zwei Zäsuren der deutschen Teilungsgeschichte nach 1945: 1961 war ihr Bau die Befestigung der deutschen Teilung und zugleich der Anfang der Entspannungspolitik – und 1989 das Ende der DDR und der Anfang der Wiedervereinigung Deutschlands. Sieht man auf das Ende der Mauer, überstrahlt heute die Symbolik der Befreiung die der Repression und des Schreckens, die die Wahrnehmung einer ganzen Generation beherrschte.

Bernauer, Ecke Eberswalder Straße nach dem Mauerbau, September 1961. (© Stiftung Berliner Mauer)

Ungezählte Geschichten und Bilder sind mit der Berliner Mauer verbunden. Sie beginnen mit dem unerhörten Gewaltakt, mit dem der SED-Staat im Einvernehmen mit der Sowjetunion Berlin für 28 Jahre teilte. Prägend für ihre Geschichte sind die unzähligen, menschlichen Tragödien, die von dem Grenzregime verursacht wurden. Dabei geht es nicht allein um das Schicksal der 136 Toten[4], sondern auch um die Menschen, deren Fluchtabsicht entdeckt wurde und die für diesen Versuch in die Gefängnisse gingen. Die durch das Bauwerk zerrissenen Berliner Familien hat ohnehin niemand gezählt. Die Geschichte der Mauer ist primär eine Opfer- und Leidensgeschichte vieler Berliner.
Kontrastiert wird diese repressive Seite der Mauer durch den Mut zum Widerstand gegen die Grenze des SED-Staates, die das Machtmonopol der kommunistischen Partei sicherte: die Fluchthelfer der ersten Stunde aus West-Berlin, die Tunnel gruben und Flüchtlinge ausschleusten. Der Protest gegen das Bauwerk innerhalb und außerhalb der DDR verstummte nie. Robert Havemann forderte 1976 in der DDR: "Schrittweiser Abbau der Mauer durch schrittweise Senkung der Altersgrenze für Westreisen" und "Generalamnestie für alle politischen Gefangenen einschließlich der Grenzverletzer".[5] Die Verweigerung in den Grenztruppen wird symbolisiert durch das Bild von Conrad Schumann, dem Unteroffizier der Grenzpolizei, der am 15. August 1961 über den Stacheldraht sprang und sich damit dem Grenzdienst entzog.



II. Gedenkstätte von nationaler Bedeutung




Die Jahre zwischen 1990 und 2005 standen in Berlin im Zeichen des Mauervergessens. Ein zähes Ringen, um eine Gedenkstätte als Kristallisationspunkt für die Erinnerung an die Teilung der Stadt begann. Nach dem Mauerfall war die Frage für die Stadt und ihre Politiker, wie viel Mauer zur Erinnerung für die Nachgeborenen bewahrt werden solle?

Die Denkmalschützer als Anwälte dieser Erinnerung erlitten in der allgemeinen Abrissfreude von 1990 eine Niederlage. Sie stellten zwar die Mauer in der Bernauer Straße unter Denkmalschutz als nationales Monument, konnten ihn aber gegen die Stimmung der Berliner und die Politik der von Eberhard Diepgen geführten großen Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten nicht durchsetzen.

Der 30. Jahrestag des Mauerbaus 1991 führte immerhin zu einem Beschluss des Berliner Senats, in der weitgehend geschleiften Bernauer Straße eine "Erinnerungs- und Gedenkstätte Berliner Mauer" zu errichten. Mit dem Bund einigte sich das Land, die Bernauer Straße zum zentralen Ort "des Gedenkens an die Berliner Mauer zu machen"[6]; acht Jahre vergingen, bis das Dokumentationszentrum zur Gedenkstätte 1999 eröffnet wurde. All diesen Bemühungen der Berliner Politik, der Erinnerung an die Mauer einen Ort zu geben, haftete etwas Halbherziges an. Ein Hauptgrund hierfür lag sicher an den gespalteten Ost-West-Erinnerungen an die Teilung der Stadt.

Weitere sechs Jahre vergingen, bis Öffentlichkeit und Politik in Berlin durch eine gelungene Provokation die Lücke gezeigt wurde: In der Stadt gab es keinen Ort mehr, der an die schmerzhafte Teilung erinnerte. Das Museum "Haus am Checkpoint Charlie" hatte auf einem gepachteten Grundstück an der Berliner Friedrichstraße ein privates Mahnmal für die Toten an der Mauer und der innerdeutschen Grenze errichtet. Es bestand aus einem 144 Meter langen Stück rekonstruierter Grenzmauer und 1.065 Holzkreuzen für namentlich bekannte Tote der innerdeutschen Grenze. Während der von Klaus Wowereit geführte Senat und die SPD-PDS-Koalition diese "Aktionskunst" verurteilten, brachten Besucher und Vertreter der Opferverbände ihre Erleichterung zum Ausdruck, dass endlich mitten in der City demonstrativ auch der Toten an der Mauer gedacht wurde.

Die Provokation wirkte: Abgeordnete des Deutschen Bundestages aus FDP, Bündnis90/Die Grünen, CDU und SPD sorgten im Parlament für einen Beschluss, in dem gefordert wurde, die Gedenkstätte Bernauer Straße auszubauen. Die Bundesregierung und das Land Berlin sollten bis zum 13. August 2005 ein Rahmenkonzept vorlegen.

Der Druck des Bundestages wirkte, im April 2005 legte der Senator für Kultur- und Wissenschaft, Thomas Flierl (PDS), den ersten Entwurf für das "Gedenkkonzept Berliner Mauer" vor. Der Entwurf hatte auffällige Lücken: Die politische Verantwortung der SED für den Mauerbau und der Auftrag der Staatspartei an die Grenztruppen zu schießen, um Fluchtversuche zu verhindern, waren ausgeblendet. Gleichwohl war der Entwurf ein entscheidender Schritt nach vorn. Der Senat beabsichtigte, den "Schnitt durch eine ganze Stadt"[7] zu zeigen. Der Ausbau der Gedenkstätte in der Bernauer Straße konnte in Angriff genommen werden, auch weil sich Berlin sicher war, der Bund werde sich an der Finanzierung beteiligen.


Luftbild (© Stiftung Berliner Mauer)

Luftbild der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße: vorn links das Besucherzentrum, rechts Abschnitt A mit Nachzeichnung des Mauerverlaufs, Infosäulen, Fundamentresten und dem Fenster des Gedenkens, dahinter Abschnitt B – das Denkmal – und die Abschnitte C und D, zum Zeitpunkt der Aufnahme im Bau, Juni 2010.

Die Teilung der Stadt stand aber nicht im Mittelpunkt der konzeptionellen Debatte um das Gedenkstättenkonzept. Der öffentliche Diskurs reflektierte die Mauer vornehmlich in dem "Opfer-Täter-Schema", das für die Tat- und Leidensorte aus beiden deutschen Diktaturen typisch ist. Die Mauer wurde überwiegend als ein weiteres Repressionsinstrument der SED-Diktatur gegen die Bevölkerung der DDR wahrgenommen. Damit besaß die Erinnerung an ihre Opfer Priorität für die Gedenkstätte in der Gestaltung ihrer Ausstellung. Die weltpolitischen Zusammenhänge von Mauerbau und -fall bildeten nur den Rahmen für die Schilderung der Ereignisse an der Mauer. Der "Eiserne Vorhang" als Grenze europäischer Einflusszonen, der Deutschland nach Hitlers Krieg geteilt hatte, wurde lange Jahre reduziert auf die Willkür des Grenzregimes der kommunistischen Diktatur. Diese Wahrnehmung der Mauer, die nicht zuletzt auf das Täter-Opfer-Schema der deutschen Erinnerungskultur an die Diktaturen zurückzuführen ist, blendet andere Dimensionen ihrer Existenz außerhalb der DDR aus. Das betrifft die Auswirkungen auf West-Berlin ebenso wie die kulturelle Auseinandersetzung mit der Mauer und die Folgen ihrer Existenz für die Deutschlandpolitik der Bundesregierungen und des Berliner Senats vor 1989. Vor allem aber verstellt sie den Blick auf die Teilung der Stadt und des Landes. Die Grenzziehungen, zu denen die Mauer zählt, lagen nicht in der Verantwortung der SED, die Befestigung der innerdeutschen Demarkationslinie ordnete im Frühjahr 1952 Stalin an, 1961 konnte Walter Ulbricht die Stadt erst durch Stacheldraht teilen, nachdem Nikita Chruschtschow dies entschieden hatte. Die Berliner Mauer wäre in ihrer Bedeutung verkürzt, würde sie auf ein nationales Monument der Deutschen reduziert; sie ist ein internationales Symbol für den kalten Krieg.

Dieser Ambivalenz und die nationale und internationale Bedeutung der Mauer soll die Gedenkstätte in der geplanten Ausstellung bewusst Rechnung tragen: "Das Gedenkensemble thematisiert lokale, nationale und internationale Dimensionen der Berliner Mauer gleichermaßen." Wesentliche Aspekte sind, die Schrecken des an der Mauer herrschenden Grenzregimes mit seinem Todesstreifen; die Versuche von Menschen, der Diktatur zu entkommen und in die Freiheit zu gelangen; der Ort, "der den Opfern Raum gibt und an dem das individuelle und nationale Gedenken an die Opfer von Mauer und Teilung seine würdige Form finden"; die Gedenkstätte, in der "auch die sehr stark divergierenden Ost- und West- Erfahrungen der Mauer gerade in Bezug auf den Alltag der Stadtbewohner sichtbar gemacht und zueinander in Beziehung gesetzt werden"; und "die Freude über den Fall der Mauer und die friedliche Überwindung des SED-Regimes wie auch der deutschen Teilung."[8]



III. Die Gedenkstätte Berliner Mauer
im Gedenkstättenkonzept des Bundes 2008




In der Bundesrepublik liegt die Kulturhoheit bei den Bundesländern; bis 1990 war die Errichtung und Unterhaltung von Gedenkstätten an die nationalsozialistische Diktatur bis auf Ausnahmen keine Angelegenheit des Bundes.

Der Einstieg in die Förderung von Gedenkstätten der Bundesländer war eine direkte Folge der deutschen Vereinigung. Auslöser war die Umgestaltung der "Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR" in den ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagern Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück. Die Gestaltung dieser Gedenkstätten sollte in der DDR nicht nur an die Opfer nationalsozialistischen Terrors erinnern, sondern auch der antifaschistischen Legitimation der SED-Diktatur dienen. Das Leid der Opfer der sowjetischen Speziallager von 1945 bis 1950 fand in ihnen keine Erwähnung.

Die neuen Gedenkstätten verstanden sich als wissenschaftlich fundierte Lernorte. Im Unterschied zu den klassischen Geschichtsmuseen sind sie "Denkmale aus der Zeit sowohl Tat- und Leidorte wie auch – konkret und symbolisch – Grabfelder und Friedhöfe."[9]

Ohne eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Finanzierung von Gedenkstätten als den Kristallisationskernen einer Erinnerungskultur an die beiden Diktaturen in Deutschland, war diese nicht zu etablieren. Der 13. Deutsche Bundestag beauftragte 1995 seine Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der Deutschen Einheit" mit der Ausarbeitung einer Gedenkstättenkonzeption und der Bestimmung der Gedenkstätten von gesamtstaatlicher Bedeutung. Die nationalsozialistische Diktatur betraf Deutschland insgesamt, die Stätten des Gedenkens an sie waren folglich über das ganze Land verteilt. Die Gedenkstätten an die kommunistische Diktatur beschränkten sich auf das Gebiet der DDR. Die Kommission würdigte auch die zentrale, historische Rolle Berlins in den beiden Diktaturen, deren Zentralen hier ihren Sitz hatten. Daher ist die Konzentration von zeithistorischen Museen und Gedenkstätten in Berlin besonders groß. Eine weitere zentrale Aufgabe löste die Kommission im Blick auf die doppelte Diktaturgeschichte. Im Vergleich der Diktaturen untereinander sollten die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft nicht "relativiert" und die der SED nicht "bagatellisiert" werden. Diese Formel war ein wesentlicher Beitrag für die Etablierung einer bundesstaatlichen Gedenkstättenkonzeption für beide Diktaturen. Der Bundestag verabschiedete dieses Gedenkstättenkonzept, und es wurde zur konzeptionellen Grundlage für die Förderung der Gedenkstätten von nationaler Bedeutung durch den Bund. Damit gelang es, "in der Bundesrepublik negatives Gedächtnis als staatlich geförderte, öffentliche Aufgabe zu etablieren und zu einer Ressource für demokratische Kultur und diese fundierende Bildungsprozesse zu machen."[10]

Dieser Gedanke der Erziehung zur Demokratie durch Erinnern an die doppelte Diktaturgeschichte findet sich als Leitmotiv auch in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes von 2008: "Jeder Generation müssen die Lehren aus diesen Kapiteln unserer Geschichte immer wieder neu vermittelt werden."[11]

Die innerdeutsche Grenze und die Mauer trennten die beiden deutschen Staaten, erwiesen sich aber auch als Klammer der getrennt verlaufenen, deutschen Nachkriegsgeschichte. An diese getrennte Gemeinsamkeit erinnern die Grenzlandmuseen an der ehemaligen Zonengrenze und die Erinnerungs- und Gedenkorte an die Mauer in Berlin. Deren gesamtnationale Bedeutung unterstrich die Kommission: "Die Erinnerung an Teilung und Grenzregime ist in der ehemals geteilten Stadt Berlin von besonderer Bedeutung."[12]

Die Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder zog aus der aktiven Beteiligung des Bundes an der Finanzierung dieser politischen Erinnerungskultur organisatorische Konsequenzen innerhalb der Regierung. Im Bundeskanzleramt wurde ein Staatsminister für Kultur berufen, der die Kulturförderung des Bundes koordinierte und auch für die Förderung der Gedenkstätten von nationaler Bedeutung zuständig war. Die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt an dieser Struktur fest.

Die politische Entscheidung des Bundes, sich dauerhaft an der Finanzierung deutsche Erinnerungskultur zu beteiligen, war die unabdingbare finanzielle Voraussetzung für die Entstehung der Stiftung Berliner Mauer. Ihr schrieb das Gedenkstättenkonzept von 2008 auch eine über Berlin hinausgehende nationale Bedeutung zu. "Die neue Landesstiftung 'Berliner Mauer' wird ein kompetenter Kooperationspartner für andere Institutionen sein, die das Thema 'Teilung und Grenze' darstellen. Da nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland gespalten war, bietet sich eine vertiefte Zusammenarbeit auch mit Einrichtungen entlang der früheren, fast 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze an."[13]

Ein eigenständiges Kapitel "Teilung und Grenze" für diese Gedenkstätten gibt es im Gedenkstättenkonzept des Bundes nicht; sie werden unter den Erinnerungsorten und Museen zur SED-Diktatur aufgeführt. Unter dem Gesichtspunkt der von der Diktatur ausgehenden Gewalt an ihrer Grenze gegen die Bevölkerung der DDR ist diese Zuordnung auf den ersten Blick schlüssig. Das DDR-Grenzregime an der Berliner Mauer gehört zweifellos in den Komplex diktatorischer Gewalt, doch ihr Bau lässt sich nicht allein auf den Machtwillen der SED zurückführen; die Entscheidung zu ihrem Bau fiel in Moskau. Auch ihr Fall geschah in einer weltpolitischen Konstellationen, dem die SED in anderer Weise unterworfen war als 1961. Der Mauerfall bleibt das Symbol deutscher Selbstbefreiung von einer Diktatur und gehört zu einer weltpolitischen Zäsur, dem Ende des sowjetischen Imperiums.

Bezogen auf die Spaltung Deutschlands ist die Zuordnung im Gedenkstättenkonzept des Bundes falsch. Nicht die SED hat die Grenze ihres Staates bestimmt, sondern sie beruhte wie die der westlichen Besatzungszonen auf den Entscheidungen der alliierten Siegermächte von 1944/45. Der Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer, Klausmeier, will völlig zu Recht, dass dort "die Freude über den Fall der Mauer und die friedliche Überwindung des SED-Regimes wie auch der deutschen Teilung" gezeigt wird.[14]

Abschnitt A des Gedenkstättenareals an der Bernauer Straße mit Infosäulen und dem Fenster des Gedenkens, 2010. (© Stiftung Berliner Mauer)

Die Gedenkstätte Berliner Mauer lässt sich also nicht pauschal dem "negativen Gedächtnis" der Bundesrepublik zuordnen und auch nicht in das Täter-Opfer-Schema einordnen. Diese beiden Aspekte gelten für die Tat- und Leidorte der Diktaturen, für ihre Gefängnisse, Vernichtungs- und Konzentrationslager, aber die Symbolik der Mauer ist vor allem im Blick auf 1989 ambivalent. Der Mauerfall bleibt das Symbol deutscher Selbstbefreiung von einer Diktatur und gehört zu einer weltpolitischen Zäsur, dem Ende des sowjetischen Imperiums.

Fußnoten

1.
Axel Klausmeier, Ein Memorialort neuer Prägung. Die Erweiterung der »Gedenkstätte Berliner Mauer« an der Bernauer Straße, in: DA 42 (2009) 5, S. 892–900, hier 893.
2.
Anna Kaminsky (Hg.), Die Berliner Mauer in der Welt, Berlin 2009.
3.
Gerald R. Kleinfeld, Beitrag zur Diskussion um »Die Zukunft Deutschland in einer sich wandelnden Welt«, in: Ilse Spittmann-Rühle/Gisela Helwig (Hg.), Von Weimar nach Bonn. Freiheit und Einheit als Aufgabe, Köln 1989, S. 92.
4.
Vgl. Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke, Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ergebnisse eines Forschungsprojektes, in: DA 43 (2010) 4, S. 672–681.
5.
Robert Havemann, Acht Vorschläge zur Demokratisierung des realen Sozialismus in der DDR, in: ders., Berliner Schriften, München 1977, S. 161f.
6.
Thomas Flierl, Gedenkkonzept Berliner Mauer, 18.4.2005, S. 7.
7.
Thomas Flierl, Gedenkkonzept Berliner Mauer, 18.4.2005, S. 8.
8.
Axel Klausmeier, Ein Memorialort neuer Prägung. Die Erweiterung der »Gedenkstätte Berliner Mauer« an der Bernauer Straße, in: DA 42 (2009) 5, S. 892–900, hier 897f.
9.
Volkhard Knigge, Zur Zukunft der Erinnerung, in: APuZ, 25–26/2010, S. 10–16, hier 12.
10.
Volkhard Knigge, Zur Zukunft der Erinnerung, in: APuZ, 25–26/2010, S. 10–16, hier 11f.
11.
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen. Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, BT-Drs. 16/9875, 19.6.2008, S. 1; in Auszügen dok.: DA 41 (2008) 4, S. 600–608, hier 601.
12.
Schlußbericht der Enquete-Kommission, in: Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der Deutschen Einheit« im Deutschen Bundestag, Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1999, Bd. 1, S. 613.
13.
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen. Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, BT-Drs. 16/9875, 19.6.2008, S. 8.
14.
Axel Klausmeier, Ein Memorialort neuer Prägung. Die Erweiterung der »Gedenkstätte Berliner Mauer« an der Bernauer Straße, in: DA 42 (2009) 5, S. 892–900, hier 898.

Manfred Wilke

Der Autor

Manfred Wilke

Prof. Dr., Zeithistoriker und Publizist, Projektleiter am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München, Berlin.


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