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10.5.2012

Strom der Erinnerung

Johannes Bobrowski hat mit seiner Novelle Litauische Claviere die Memel in der deutschen Literatur verewigt. Doch die Literatur an diesem Fluss reicht weit über den einst ostpreußischen Unterlauf hinaus. Eine Erkundung in vier Etappen.

Denkmal für den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz im weißrussischen Nahwahrudak. (© Inka Schwand)


Johannes Bobrowski, der wohl bekannteste Lyriker Ostpreußens, hat in seinem Gedicht Die Memel den Ton vorgegeben, der angeschlagen wird, wenn in Deutschland nach 1945 von diesem Fluss die Rede ist:

Hinter den Feldern, weit,
hinter den Wiesen
der Strom.
Von seinem Atem aufweht die Nacht.
Über den Berg fährt der Vogel und schreit (...)

Aus der Finsternis
Kommst du, mein Strom,
aus den Wolken.
Wege fallen dir zu
und die Flüsse, Jura und Mitwa,
jung, aus Wäldern, und lehmschwer
Szeszupe. Mit Stangen die Flößer
treiben vorbei. Die Fähre
liegt auf dem Sand. (…)

Strom,
alleine immer kann ich dich lieben
nur.
Bild aus Schweigen.
Tafeln dem Künft’gen: mein Schrei.
Der dich nie erhielt.
Nun im Dunkel
halt ich dich fest.

Ein Deutscher im Osten

Bobrowskis Gedicht erschien 1961 im Bändchen Sarmatische Zeit, zuerst in der Stuttgarter Deutschen Verlags Anstalt, kurz darauf im Ostberliner Unionsverlag. Die SED hatte gerade die Mauer bauen lassen, der Eiserne Vorhang zog sich zu, fast blickdicht verhängte er den Westdeutschen die Sicht auf verlorene Heimaten: die Sudeten, Schlesien, Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, das Memelland. In der DDR, wiewohl auf der östlichen Seite des Vorhangs gelegen, war es nicht anders. Über Flucht und Vertreibung hatte das SED-Regime, auch aus Rücksicht auf die Sowjetunion, den Mantel des Schweigens gelegt – und das Erinnern an die Orte und Flüsse der Kindheit ins Private gedrängt. Und plötzlich erhob da einer seine Stimme und besang einen Strom, der vor allem durch die erste Strophe des Deutschlandlieds bekannt war. Was war das für einer, der da mit einem Male ins literarische Geschehen drängte? Ein Ewiggestriger, ein Unerschrockener, ein unpolitischer, gar ein naiver Poet?

110

Kilometer lang war der ostpreußische Abschnitt der Memel. Das ist gemessen am Gesamtlauf nicht viel. Den größten Anteil heute hat mit 459 Kilometern Belarus.

354.000

Einwohner zählt das litauische Kaunas. Es ist damit die größte Stadt an der Memel, gefolgt von Grodo in Belarus mit 328.000 Einwohnern und Sowjetsk/Tilsit im Kalinigrader Gebiet mit 42.000 Einwohnern.



Es war Bobrowski selbst, der Auskunft gab über sein literarisches Erinnern an den Verlust. 1961, als sein erster Gedichtband veröffentlicht wurde, schrieb der 44-Jährige an den Schriftstellerverband der DDR:

"Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit."

Nein, ein Ewiggestriger war das nicht, der da über die "lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens" sinnierte, wohl aber einer, der sich die Erinnerung nicht nehmen ließ. Horst Bienek, der Westdeutsche aus dem ehemaligen deutschen Osten, der ihm darin in nichts nachstand, urteilte nach dem frühen Tod seines Schriftstellerkollegen 1968: "Seine Welt war begrenzt, sein Werk nicht umfangreich; aber in dem Ausschnitt, den er gab, hat er Vollkommenheit erreicht."

Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit geboren, er wuchs, wie er in seiner "Bio-Bibliographie" an den Schriftstellerverband notierte, "auf beiden Seiten der Memel" auf. "Der Strom", wie ihn alle nannten, hat ihn geprägt – und auch die multikulturelle Atmosphäre, die in Tilsit herrschte. Dieser vielsprachigen Grenzlandschaft setzte er mit seinem letzten Roman Litauische Claviere ein literarisches Denkmal. Die Geschichte handelt vom Gymnasiallehrer Voigt und dem Konzertmeister Gawehn, die im Jahre 1936 dem litauischen Nationaldichter Kristijonas Donelaitis eine Oper widmen wollen. Doch das Miteinander hat zu dieser Zeit bereits erste Risse bekommen, wie die Fahrt mit der Kleinbahn zeigt, die Voigt und Gawehn über den Strom in Richtung des Dörfchens Willkischken antreten:

"Es hatte ihn festgehalten am Fenster, jetzt begannen die Wiesen, er hatte kaum bemerkt wie der Zug hielt, hatte dem litauischen Zollbeamten die Grenzkarte für den Tagesstempel hingehalten und sie wieder eingesteckt, der Zug war weitergefahren, in die Wiesen hinein."

Zollbeamte, Grenzkarten, Grenze. Bobrowskis Erzählung spielt in einer Zeit, in der das drohende Unheil bereits aufgezogen war. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Memelland ein Politikum geworden. Zuerst unter französischer Verwaltung, wurde das Gebiet nördlich der Memel 1923 von litauischen Truppen besetzt. Die internationale Gemeinschaft akzeptierte die Annektion, forderte von der litauischen Regierung im Gegenzug aber weitreichende Minderheitenrechte für die Deutschen. Vor allem nach 1933 begannen die Hitleranhänger im Memelland gegen die litauische Verwaltung Stimmung zu machen. Nicht mehr die Grenzgänger hatten nun das sagen, sondern die Grenzschützer. In Bobrowskis Litauischen Clavieren mündet der Kampf der Nationalitäten in eine Massenschlägerei am heiligen Berg der Litauer, dem steil über dem Ufer der Memel aufragenden Rombinus. Die deutsch-litauische Oper, die der Gymnasiallehrer Voigt und der Konzermeister Gawehn im Sinn hatten, bleibt unvollendet.

Eine imaginäre Welt

Wer heute im russischen Sowjetsk durch die Straßen schlendert, kann den literarischen Spuren von Voigt und Gawehn noch immer folgen. Erhalten blieb das Gymnasium, in dem die Romanfigur Professor Voigt einst unterrichtete, an ihm nahm der gemeinsame Ausflug ins litauische Willkischken seinen Anfang. Erhalten blieb auch das Theater, an dem Bobrowskis Gawehn als Konzermeister arbeitete. Selbst die Hohe Straße, die Prachtmeile von Tilsit mit ihren Jugendstilhäusern, hat den Krieg überstanden. Sie heißt heute ulica Pobedy, Straße des Sieges.

Und auch Johannes Bobrowski, der Dichter der vergessenen Landschaft, ist in seiner Geburtsstadt wieder präsent. Schon 1992, zu seinem 75. Geburtstag, brachte die Stadtverwaltung eine Gedenktafel in der ulica Smolenskaja, der ehemaligen Grabenstraße an. Auf ihr ist zu lesen, dass "in dieser Straße der bekannte deutsche Schriftsteller und Kulturschaffende Johannes Bobrowski geboren wurde und lebte". Allerdings: Die Grabenstraße 7, das Geburtshaus des Dichters, steht nicht mehr. Die Gedenktafel wurde kurzerhand am Nachbarhaus angebracht.

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den Deutschen an der Memel auch die deutsche Memelliteratur in Vergessenheit geraten ist. Johannes Bobrowski, der wenige Tage nach der Vollendung seiner Litauischen Claviere am 2. September 1965 in Berlin starb, muss die Vergeblichkeit seiner literarischen Erinnerung bewusst gewesen sein. Nicht umsonst schrieb er sich, auch mit den Titeln seiner Gedichtbände – Sarmatische Zeit oder Schattenland Ströme – in eine Sphäre, die Horst Bienek, der Freund, als "eine fiktive, eine imaginäre Welt" bezeichnet hat. Bobrowski dichtete gegen das Vergessen an, in dem er die Welt, die er davor bewahren wollte, der Gegenwart noch weiter entrückte – in eine ferne Vor-Vergangenheit, in der die Ufer der Memel tatsächlich allen gehörten. Nicht nur als Dichter des deutschen und litauischen Memellands hat sich Bobrowski der Nachwelt vermittelt, sondern auch als Dichter des Mittel- und Oberlaufs des Stroms.

Nirgendwo wird dies so deutlich wie in seinem Gedicht über Wilna, dem kulturellen Zentrum des Großfürstentums Litauen, das zugleich eine poetische Vermessung des litauischen, polnischen, ruthenischen und jüdischen Raums des Memelstroms und seiner Geschichte ist:

Wilna, du reifer Holunder!
Mit grünen Augen
ist deine Wolfzeit versunken.
Ur und Bär und der Eber,
da sie erschreckte der Hornschrei
Giedimins, sie hielten
erst am Njemen atmend,
im Eichwald über dem Ufer,
äugten hinab. Es hat
Mickiewicz besungen der wilder
leuchtenden Tage Glanz
und das Düster.

Der multikulturelle Nationalheld

Über Sowjetsk/Tilsit wacht heute immer noch Genosse Lenin. (© Inka Schwand)

Ortswechsel. Einige hundert Kilometer stromaufwärts von Tilsit/Sowjetsk erhebt sich aus dem Tiefland Weißrusslands eine zauberhafte Anhöhe. 355 Meter misst sie an ihrer höchsten Stelle, dem Berg von Nawahrudak, um den die Memel einen großen Bogen macht. Nawahrudak ist ein besonderer Ort, das sieht man schon von weitem. Auf der ehemaligen Burg herrschte von 1238 bis 1263 der litauische Staatsgründer Mindaug, hier soll er auch begraben sein. Nawahrudak ist zudem mit jenem Dichter verbunden, von dem Johannes Bobrowski sagte, er habe "der wilder leuchtenden Tage Glanz und das Düster" dieser Landschaft besungen. Tatsächlich war Adam Mickiewicz, den die Polen als Dichterfürsten verehren, in seinen Gedichten und Poemen immer wieder zur Landschaft seiner Kindheit in Zawossie bei Nawahrudak zurückgekehrt, wo er am 24. Dezember 1798 geboren wurde. Zu dieser Landschaft zählte er auch die Memel, die hier, an ihrem Oberlauf, von zahlreichen Zuflüssen gespeist wird. Selbst im fernen Exil in Paris war ihm der Strom ein Band der Erinnerung an die Heimat und an längst entrückte Kindheitstage:

Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wellen,
Die einst das Kind genetzt, wenn’s Blumen pflückte,
In die der Jüngling dann, der glutberückte,
Getaucht an wild einsamen Waldesstellen?

Dass Adam Mickiewicz zum polnischen Nationaldichter wurde, war zu Lebzeiten nicht abzusehen: Wohl verhalf er als Romantiker der aufstrebenden Nationalbewegung zu ihren Volksmärchen, Balladen und Sagen. Als Patriot setzte er sich für den Kampf gegen die russische Fremdherrschaft und die Schaffung eines neuen, freien Polen ein. Als Dichter schuf er mit der Versdichtung Pan Tadeusz ein Werk, das ohnegleichen in der Weltliteratur ist – ein ebenso patriotisches wie spöttisches Sittengemälde des polnischen Adels, an dessen Streitigkeiten einst die Rzeczpospolita, die polnisch-litauische Adelsrepublik, zugrunde ging. In der Einigung des Adels sah Mickiewicz die Voraussetzung für die Wiedergeburt Polens.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009
Doch zum Nationalhelden wurde Mickiewicz erst posthum. Zu Lebzeiten hatte er sich, vor allem aus den Reihen der Warschauer Kritiker, sogar des Vorwurfs erwehren müssen, die polnische Sprache zu verunstalten. Dass die Hüter der polnischen Sprache derartige Geschütze gegen den Dichter aus dem Osten auffuhren, wundert kaum. Schließlich galt die Gegend um Nawahrudak nicht nur als eine ferne und fremde Landschaft, in der sich Geschichte und Gegenwart, Dichtung und Wahrheit vermengten. Der Oberlauf der Memel war auch ein ethnischer, religiöser und sprachlicher melting pot, in dem die Wörter, Dialekte und Sprachen fließend ineinander übergingen. Dort, in jenem Babylon an der Memel, fühlte sich Mickiewicz zuhause. Warschau dagegen sah er nie und auch nicht die alte Königsstadt Krakau, in der sein Leichnam im Jahre 1900 seine letzte Ruhestätte fand.

Einer, der an den anderen, den nicht nur polnischen Adam Mickiewicz erinnern möchte, ist Anatol Jaumieniau. In Zawossie, inmitten einer sanften, hügeligen Landschaft zwischen Nawahrudak und Baranawitschy, steht das Geburtshaus von Adam Mickiewicz, und Anatol Jaumieniau, der Direktor des dazugehörigen Museums, will darin das vielstimmige Grundrauschen an der Memel wieder aufleben lassen. Vom Glück der Kindheit des jungen Adam spricht er, der ersten Liebe zu Maryla, die unerfüllt blieb, von der Schreibstube, die sich der junge Student im Wirtschaftsgebäude des elterlichen Folwark eingerichtet hat, da war er längst nach Wilna gezogen, ins intellektuelle Zentrum der polnisch-litauisch-weißrussischen-jüdischen Welt, die so anders war als das vorwiegend polnischsprachige Warschau. Immer schneller spricht Jaumieniau, und immer öfter wechselt er die Sprache, mal weißrussisch, mal polnisch, dazwischen ein paar Wörter auf Litauisch. "So hat Mickiewicz gesprochen", sagt er und lächelt vielsagend. Seine Botschaft ist eindeutig: Nicht nur den Polen gehört der Dichter des Pan Tadeusz, sondern auch den Weißrussen und den Litauern.

An Orzeszkowas Memel

Adam Mickiewicks Pan Tadeusz wird in Grodno in der belarussischen Ausgabe ausgestellt. (© Inka Schwand)

Nächster Ortswechsel. Keine 20 Kilometer von Grodno entfernt – mit seinen 328.000 Einwohnern ist es die fünftgrößte Stadt in Belarus – zeigt sich das Memeltal von seiner abgeschiedenen Seite. Wir fahren durch Dörfer mit bunten Holzhäusern, bewacht von wackligen Bretterzäunen, über einsame Nebenstraßen, die wie mit einem Lineal über die weiten Felder gezogen sind, überholen ein paar Radfahrer und Trecker, dann stehen wir an der Kreuzung mit dem hölzernen Wegweiser, eine mit menschlichem Antlitz geschnitzte Gestalt aus der goldenen Zeit der Ritter und Gutsbesitzer. Kein Zweifel: Der Orzeszkowa-Pfad ist kein gewöhnlicher Touristenweg, sondern eine Zeitreise in die literarische Vergangenheit eines Dorfes, in dem auf den ersten Blick alles normal scheint: Auf den Feldern arbeiten die Bauern schon im Februar, aus den Kaminen der Holzhäuser steigt dunkler Rauch, die Fenster der Gutshäuser sind zerbrochen. Doch dann finden wir das Grab von Jan und Cecylia, den mythischen Begründern des Geschlechts der Bohatyrowicze, das dem Dorf de Namen gegeben hat.

Etwas weiter thront auf einem Hügel im Wald ein Denkmal, gewidmet ist es den Gefallenen des Januaraufstandes 1863, die letzte der polnischen Erhebungen gegen die Fremdherrschaft der Zaren. Bohatyrowicze ist beides: reales Dorf am Steilufer der Memel und literarischer Erinnerungsort. Hier spielt das große Epos Nad Niemnem – An der Memel der polnischen Autorin Eliza Orzeszkowa.

An der Memel ist tatsächlich ein Roman von epischer Größe, in dem, der Titel sagt es bereits, die Memel eine ganz besondere Rolle spielt. Wie schon in Mickiewicz' Pan Tadeusz geht es um den Streit zweier Familien. Im Mittelpunkt steht die junge Justyna Orzelska, die bei ihrem Onkel auf dem Gut der Korczyńskis lebt. Das Familienoberhaupt will sie mit einem adligen Hasardeur verheiraten, ansonsten drohe der Familie die Pleite. Doch Justyna verliebt sich in Jan Bohatyrowicz, den Sohn einer Bauernfamilie im Nachbardorf. Heimlich treffen sie sich an der Memel, wo Jan ihr die Geschichte beider Familien offenbart. Damals, sagt Jan, habe es keine Rolle gespielt, ob einer adlig war oder Bauer, der Gegner habe das polnische Volk über die Standesgrenzen hinweg geeint. Und noch etwas erfährt Justyna an der Memel: Die Familie der Bohatyrowicze waren nicht immer Bauern gewesen. Jan trägt ihr ein Volkslied vor, das von Jan und Cecylia, den Ahnen der Familie, handelt. Auch diese Liebenden trennten die Standesunterschiede, also flohen sie im 16. Jahrhundert aus ihrer Heimat an die Memel und gründeten dort das Geschlecht der Bohatyrowicze samt dem gleichnamigen Dorf. So nimmt die Erzählung ihren Lauf – und endet mit einer Liebesheirat.

Dass Orzeszkowas Roman die Memel im Namen trägt, ist kein Zufall, weiß die polnische Literaturwissenschaftlerin Ewa Petniak: "Der Niemen erscheint auf vielen Karten im Buch und ist eigentlich die Hauptperson des Romans. Seine Bestimmung erinnert an ein Gemälde impressionistischer Meister, auf dem sich das Spiel der Farben und des Lichts abwechseln. So ist es auch im Fall des Niemen. Das Bild des Stroms ist mit Sicherheit nicht statisch, weil alles hier wogt, funkelt, schwingt und sich in verschiedenen Farben zeigt, es ist also ungewöhnlich lebendig."

Vielsprachige Provinz

An der Memel, das war für Eliza Orzeszkowa nicht nur ein Roman, es war auch ein biografischer Ort. Geboren am 6. Juli 1841 in Milkowszczyzna in der Nähe von Grodno, ging sie nach dem frühen Tod des Vaters nach Warschau in eine Ordensschule. Im Alter von 16 Jahren wurde sie mit dem 16 Jahre älteren Piotr Orzeszko verheiratet, kam zum ersten Mal nach Grodno – und staunte über die umliegende Landschaft. Vor allem im Sommer erkundete sie die Ufer der Memel und kam dabei immer wieder nach Bohatyrowycze. Es ist ein Arkadien, an das sie sich zeitlebens erinnern sollte:

"Auf der einen Seite des Horizonts steigt maßvoll der Höhenrücken an mit seinen sich verdunkelnden Borken und Hainen. Auf der anderen das Hochufer der Memel, eine Wand aus Wäldern, die aus dem Grün der Erde emporwächst, mit einer Krone dunklen Geästs, abgeschnitten vom blauen Himmel. In einem riesigen Halbkreis umfasst es das weite und ebene Flachland, aus dem hier und da ein paar wilde Birnbäume wachsen, alte, krumme Weiden und einsame, schlanke Pappeln."

Was für ein Gegensatz zu Grodno, der lauten, provinziellen Stadt, an der Orzeszkowa anfangs kein gutes Haar lässt. Immer wieder beklagt sie sich in Briefen an Freunde über dieses "Ongród", wie sie es nennt, das einer "traurigen, leblosen Gruft" gleiche. Doch dann entdeckt sie das andere Grodno, eine Provinz zwar, aber eine überaus bunte. Sie erlebt das vielsprachige Treiben der Stadt, in der Jiddisch gesprochen wird, Polnisch, Russisch und das "Hiesige", ein weißrussisch-polnischer Dialekt, den die Bauern aus der Umgebung in die Stadt tragen.

Eliza Orzeszkowa hielt "Ongród" die Treue – und die Grodnoer dankten es ihr. Als die Schriftstellerin im Frühjahr 1910 in ihrem "grauen Hof" im Sterben lag, versammelten sich die Einwohner und bedeckten das Pflaster mit Mänteln, um der Todkranken wenigstens den Straßenlärm zu ersparen. Ihr Begräbnis am 23. Mai 1910 geriet schließlich zu einer Manifestation, wie sie die russische Gouverneursstadt seit den Teilungen Polens-Litauens nicht gesehen hatte. 15.000 Menschen waren gekommen, um ihrer Heldin das letzte Geleit zu geben: Juden vom Heumarkt und den ärmlichen Vierteln am linken Memelufer, der polnische Landadel von seinem Gutshöfen in der Umgebung, russische Beamte, polnische Bürger, weißrussische Bauern aus den Dörfern und natürlich die Armen der Stadt, um die sich Orzeszkowa zeit ihres Lebens gekümmert hatte. Ihr Haus schien in der Menge der Trauernden zu verschwinden. Nur den Schülern hatte die zaristische Verwaltung nicht freigegeben – aus Angst vor Unruhen.

Sowjetische oder europäische Erinnerung

Im "grauen Hof", der heute hellblau glänzt, wartet Lidija Malzewa. Stolz führt sie durch den "Gedenkraum an Orzeszkowa" und erzählt aus dem Leben der Dichterin: von der Zwangsheirat mit dem ersten Ehemann, die sie als Autorin immer wieder verarbeitet hat, dem Engagement als Frauenrechtlerin oder der Spendenaktion für die Obdachlosen nach der großen Feuersbrunst 1885. Von dem Roman Meier Ezofowicz berichtet Malzewa, mit dem Orzeszkowa dem jüdischen Grodno ein Denkmal gesetzt hat, und von ihrer Utopie einer sozial gerechten Ordnung.

Je mehr Malzewa in Fahrt kommt, desto mehr wird aus der Schriftstellerin Orzeszkowa die Vorkämpferin für Frieden und Sozialismus, nach der auch die Straße benannt ist, an der das heute "blaue Haus" steht. Kein Zweifel: Im "Gedenkraum" der Gebietsbibliothek von Grodno hält man an der sowjetischen Erinnerung an eine Autorin fest, deren Denkmal aus den zwanziger Jahren schon 1947 wieder an seinem alten Platz aufgestellt worden war. Zwei Jahre später lobte die Grodnenskaja Prawda die russischsprachige Ausgabe ihrer Werke ausdrücklich:

"Die Werktätigen unseres Bezirks bewahren voller Elan das Gedächtnis an Eliza Orzeszkowa. Nach ihr ist eine zentrale Straße der Stadt ernannt, die durch ein von der Sowjetmacht wiedererrichtetes Denkmal verschönert wird. Das Werk Eliza Orzeszkowas ist den sowjetischen Menschen in seinem demokratischen Geiste nahe, der sich aufopfert für den Kampf um das Glück des Volkes."

Was für ein Kontrastprogramm ist dagegen der Orzeszkowa-Pfad an den Ufern der Memel in Bohatyrowicze! Vor allem im Sommer wandeln polnische Touristen, ausgerüstet mit Landkarten aus der polnischen Zwischenkriegsrepublik, Fotoapparaten und einer Ausgabe von Nad Niemnem auf den Spuren einer Autorin, die in Polen nicht nur als Demokratin und Frauenrechtlerin verehrt wird, sondern auch als glühende Patriotin.

Was aber wäre ein europäisches Gedenken an Orzeszkowa? Welcher Gestalt kann ein nicht mehr vor-, sondern postmodernes Babylon an der Memel sein? Antworten auf Fragen wie diese stellen sich in Polen, Belarus und Litauen vor allem jüngere Autoren.

Aufbruch in Minsk

Die letzte Station der literarischen Reise an der Memel führt ins Hier und Jetzt. In einem Café der weißrussischen Hauptstadt Minsk wartet Barys Piatrovich, der Chefredakteur der unabhängigen Literaturzeitschrift Dziejaslou. Gerade erst hat er in seinem Verlag Fundacja Njoman einen Band mit unveröffentlichten Gedichten von Jakub Kolas herausgegeben, neben Jan Kupala der Begründer der modernen weißrussischen Literatur. "Kolas spricht von der Memel als 'Vater Njoman'", sagt Piatrovich. "Das hat auch damit zu tun, dass die Memel in Weißrussland entspringt und uns mit Europa verbindet."

Tatsächlich ist die Memel aus der weißrussischen Literatur, vor allem aus den Volksliedern, nicht wegzudenken. Namentlich für die Generation von Kolas und Kupala, die wie die jungen Autoren in Polen und Litauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine "nationale Wiedergeburt" kämpften, war die Memel das Symbol für die Unabhängigkeit des Landes. Das wichtigste Sprachrohr der weißrussischen Nationalbewegung war die Zeitschrift Nascha Niwa (Unsere Flur). Zu ihren Autoren gehörte auch Ciška Hartny (1887-1937). In seinem Gedicht An die Memel beschwört er die Hoffnung auf eine neue Zeit:

"Oh du, Niemen Fluss! / Hast du je gedacht, geträumt, / Als du die Träne des Bauern / In deinem Gewässer auffingst,
Als über dir / Der abgemagerte Sohn des Unglücks stand / Und über dem dunklen Wasser / Melancholische Lieder sang,
Dass die Zeit kommen wird, / Wo die Ohnmacht vergeht, / Die Morgenröte der Wiedergeburt / Über dem Volk erstrahlen wird?
Dass aus der schmerzenden Brust / Der Kinder Weißrusslands / Über dir / Das Lied freier Menschen aufbrausen wird."


Hartnys Hoffnung wurde enttäuscht. Anders als Litauen und Polen wurde Weißrussland nach dem Ersten Weltkrieg nicht unabhängig – sondern als Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Hartny selbst versuchte, das Beste daraus zu machen, und wurde Direktor des Weißrussischen Staatsverlags, Direktor des Staatsarchivs und Stellvertreter des Volkskommissars für Bildungswesen. Darüber hinaus war er seit ihrer Gründung 1928 Mitglied der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften. Doch dann erging es ihm wie Kolas und Kupala. 1931 wurde er als "Nationalist" aus der KP ausgeschlossen und 1937, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, verhaftet. Hartny starb kurz darauf in einer Heilanstalt.

Barys Piatrovich hingegen, der Chefredakteur von Dziejaslou, sieht in der Memel keineswegs einen Fluss der verpassten Möglichkeiten. Für ihn weist sie geradewegs in die Zukunft. "Wenn wir uns Europa öffnen, und wenn Europa sich uns öffnet, wird die Memel die Völker nicht mehr teilen, sondern verbinden." Einen ersten Anfang hat das Goethe Institut in Minsk mit dem Festival "European Borderlands" gemacht. Junge Autoren aus Belarus, Litauen, Polen und Russland stellten im September 2009 ihre Texte vor und stießen auf ein begeistertes Publikum. Nicht mehr nach tragischen Helden dürstet es die Jugend von heute, sondern nach Austausch und Vernetzung in einem freien Europa.

So schiebt sich also, ganz allmählich, die Gegenwart vor das Bild der Memel als ein "Strom der Erinnerung" – vor die sanften Hügel im Memelbogen um Nawahrudak, vor die literarische Landschaft von Adam Mickiewicz, vor die Steilufer des Stroms oberhalb Grodnos und seiner Eliza Orzeszkowa, vor die Memelschleifen bei Tilsit, deren Bilder Johannes Bobrowski in die deutsche Literatur gerettet hat.

Chronologie

1798: Geburt von Adam Mickiewicz in Zawossie, heute Weißrussland

1834: Im Pariser Exil erscheint Mickiewicz' Versepos Pan Tadeusz

1841: In der Nähe von Grodno wird die Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa geboren

1863: Januaraufstand in Polen und Weißrussland gegen die die russische Fremdherrschaft

1910: Orzeszkowas Beerdigung ist eine Manifestation gegen die russische Zarenherrschaft

1917: In Tilsit an der Memel wird Johannes Bobrowski geboren

1965: Bobrowski vollendet seine Novelle Litauische Claviere. Kurz darauf stirbt er

2009: Literaturfestival "European Borderlands" am Goethe Institut Minsk

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada, geboren 1963, lebt als Journalist und Publizist in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2010 im Siedler-Verlag Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. 2013 erscheint Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Uwe Rada koordiniert das Online-Dossier Geschichte im Fluss der Bundeszentrale für politische Bildung.


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