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14.5.2012

Schifffahrt ohne Grenzen

Die Schiffe dem Fluss und nicht den Fluss den Schiffen anpassen: An der Oder soll es Wirklichkeit werden. Derzeit werden mit Hilfe der EU zwei Fahrgastschiffe gebaut. Eine Fähre verkehrt schon.

An der Eisenbahnbrücke von Cigacice. Das ehemalige Tschicherzig wird wieder zum Touristenort. (© Inka Schwand)


Am Anfang jedes Vorhabens steht eine Idee. Manche Ideen sind aber so zukunftsweisend, dass ihre Umsetzung unmöglich scheint. So war es im Fall von Wadim Tyszkiewicz.

"Wenn man sich zum Fluss hinwenden will, muss man einen Stadthafen bauen lassen", verkündete der Bürgermeister von Nowa Sól (Neusalz an der Oder) vor einigen Jahren während einer Oderkonferenz in Stettin und tat so, als ob das die einfachste Sache der Welt wäre. Die Teilnehmer der Veranstaltung und die lokalen Behörden waren skeptisch. Mittlerweile weiß Tyszkiewicz, dass er Recht behalten hat. "Niemand hat daran geglaubt, dass der Hafen entstehen wird, erst recht nicht in so kurzer Zeit", erzählt der 53-jährige sichtlich zufrieden. "Doch der Hafen steht und viele von denen, die damals skeptisch waren, sind längst nicht mehr in ihren Ämtern." Anders dagegen Tyszkiewicz. Er regiert, seit er 2002 erstmals gewählt wurde, bereits in der dritten Amtszeit.

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Mündungsflüsse hat die Oder zwischen Haff und Ostsee. Es ist die Peene, die Swine/Swina und die Dievenov/Dziwna. Ein Teil der Swine ist kanalisiert worden und hieß seit 1880 Kaiserfahrt, weil der Kanal die schnellste Verbindung zum Seebad Swinemünde und zu den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin war.



"Ohne einen Hafen ist es unmöglich, den Wassertourismus an der Oder zu beleben. Immer wieder habe ich zu hören bekommen: Wozu braucht ihr einen Hafen, wenn es keine Schiffe gibt?" Manche würden an dieser Stelle aufgeben. Tyszkiewicz hat erst angefangen.

Erst der Hafen, dann die Schiffe

Im März 2005 haben Vertreter der Odergemeinden Sulechów, Nowa Sól und Bytom Odrzański eine Vereinbarung über den Bau der Hafeninfrastruktur unterzeichnet. Die Bauarbeiten dauerten nur zwei Jahre. Im Juni und Juli 2007 wurden die Häfen feierlich eröffnet.

Die Rechnung ging auf. Das neue Angebot hat eine neue Nachfrage geschaffen – der Wassertourismus kam in Schwung. Doch damit wollen sich die an der Oder liegenden Städte und Gemeinden nicht zufrieden geben. Sie planen bereits weitere Investitionen. Inzwischen entstehen in Sulechów, Nowa Sól und Bytom Odrzański auch Anlegestellen für Passagierschiffe. Allein in Nowa Sól können Schiffe mit einer Länge bis zu 83 Metern und einer Breite von 9,5 Metern anlegen. Theoretisch. Ein Problem hat Tyszkiewicz, der Visionär, nämlich noch. Es gibt zwar einen Hafen, aber noch keine Schiffe. Aber auch das soll sich bald ändern. Dafür ist das Projekt "Oder für Touristen 2014" da. Das Ziel: Der Bau zweier Fahrgastschiffe.

Im Oktober 2011 wurde die Ausschreibung veröffentlicht. Beide Schiffe sollen bis zu 120 Personen auf zwei Decks befördern können. Auch für Fahrräder soll es Platz geben. Der Tourismus an der Oder, ist sich Tyszkiewicz sicher, wird eine Kombination aus Radtourismus und Fahrgastschifffahrt sein.

Noch sind die Schiffe nicht fertig, aber einen Namen haben sie schon. Nimfa und Laguna sollen sie heißen und 2012 die ersten Touristen auf eine Oderfahrt mitnehmen. Ihre Heimathäfen sollen Nowa Sól und Kostrzyn nad Odrą (Küstrin an der Oder) sein. Auf der Route dazwischen, 250 Kilometer Oderlauf, sollen sie verkehren.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Deutsche Beteiligung

Am Projekt haben sich auch deutsche Gemeinden beteiligt. Das Land Brandenburg gilt als offizieller Partner des Vorhabens. "Der Wassertourismus hat in Brandenburg einen ganz besonderen Stellenwert. Einmal, weil unser Land über die größte Zahl der Flüsse und Seen in ganz Deutschland verfügt. Zum anderen, weil auf der deutschen Seite viele Fahrradrouten entlang der Oder entstanden sind." Auch Martin Linsen vom Tourismus-Referat des Ministeriums für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg will den Fahrradtourismus an der Oder mit den Schiffen kombinieren.

Natürlich sollen die Nimfa und Laguna auch auf der deutschen Seite der Grenze anhalten. Eisenhüttenstadt, Frankfurt an der Oder, Ratzdorf und Küstrin-Kietz sollen die Stationen sein. Dort bereitet man sich bereits auf wachsende Touristenzahlen vor. 2008 ist in Eisenhüttenstadt ein modernes Bollwerk eingeweiht worden. Wie in Nowa Sól bietet die Anlage Motorbooten und Paddelbooten Anlegemöglichkeiten. Hier sollen auch die neuen Fahrgastschiffe anlegen.

Den Initiatoren des Projekts war es wichtig, dass die Boote einen Tiefgang von weniger als einem Meter haben, um auch bei Niedrigwasser auf der Oder fahren zu können. Das sei besonders wichtig, sagt Martin Linsen, denn normalerweise bedeutet Niedrigwasser das Aus für den Schiffsverkehr. Auch die MS Fürstenberg aus Eisenhüttenstadt hat es erleben müssen. Wegen der wechselnden Wasserstände verbrachte das Fahrgastschiff mehr Zeit im Hafen als auf der Oder. Inzwischen haben die Betreiber aufgegeben.

Insgesamt über sechs Millionen Euro soll die zweite Phase des Projektes "Die Oder für Touristen 2014 – Entwicklung des Wassertourismus im grenzübergreifenden Gebiet der mittleren Oder" kosten. Zum Projekt gehört auch eine deutsch-polnische Werbekampagne für die mittlere Oder. Ohne EU-Mittel könnten sich die kleinen Gemeinden an der Oder eine solche Kampagne nicht leisten. Bis zu 85 Prozent aller Kosten sollen aus Brüssel übernommen werden.

Fähre ohne Grenzen

Die Fahrgastschiffe, die bald entstehen sollen, werden nicht die ersten sein, die die beiden Oderufer verbinden. Bereits seit 2007 verkehrt zwischen dem polnischen Ort Gozdowice und dem deutschen Güstebiese Loose eine Fähre. "Ohne Grenzen" heißt sie, von April bis Mitte Oktober bringt sie die Leute ans jeweils andere Ufer.

Die Geschichte der Fähre ist auch ein Beispiel dafür, wie viel sich seit dem Fall der Mauer im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen verändert hat. Denn schon damals gab es die Idee, eine Fähre einzurichten. Die Initiative war von einem Ehepaar ausgegangen, doch schnell war klar, dass es niemanden gab, der das finanzieren wollte. Mitte der neunziger Jahre gab es einen zweiten Versuch. Nun wollte ein Verein die Oder zwischen Gozdowice und Güstebiese Loose überqueren. Auch dieser Versuch scheiterte.

Doch der dritte Versuch klappte. Inzwischen war nämlich in Mieszkowice (Bärwalde) mit Piotr Szymkiewicz ein neuer Bürgermeister gewählt worden. Gozdowice gehört der Gemeinde Mieszkowice an, und der neue Bürgermeister war von der Idee der Fähre begeistert. Also stellte Piotr Szymkiewicz einen Antrag auf EU-Fördermittel und bekam vom Interreg IIIA Programm einen Förderbescheid von 450.000 Euro. Den Rest, etwa 25.000 Euro, gab der Landkreis Barnim.

Fähre "Bez Granic" (Ohne Grenzen) zwischen Gozdowice und Güstebieser Loose. (© Inka Schwand)

Allerdings vergingen noch fast sieben Jahre, bis die Fähre die ersten Passagiere auf die andere Seite der Oder transportieren konnte. Noch war Polen kein Mitglied der Europäischen Union, von der Schengen-Zone ganz zu schweigen. Um die Idee einer grenzüberschreitenden Fähre zu verwirklichen, blieb nichts anderes übrig, als einen neuen Grenzübergang zu bauen. Doch auch hier stießen die Ideengeber wieder auf unzählige Hürden. Soll der Übergang den deutschen oder den polnischen Behörden unterordnet werden? Diese Frage blieb lange unbeantwortet. Zwei Jahre dauerte es, die nötigen Unterschriften unter die Dokumente zu bringen. Im Oktober 2007 war es dann soweit: Die Fähre zwischen Gozdowice und Güstebiese wurde feierlich in Betrieb genommen. Wie sich zwei Monate später herausstellte, war der frisch eingeweihte Grenzübergang gar nicht nötig gewesen – im Dezember 2007 trat Polen der Schengen-Zone bei.

Von Cigacice nach Berlin

Diese Probleme blieben den Ideengebern aus Nowa Sól gespart. Grenzübergänge und Grenzkontrollen gehören der Vergangenheit an. Der ehemalige Grenzfluss ist, zumindest für den Wassertourismus, wieder ein ganz normaler Strom. Das hat auch private Investoren ermutigt. Seit April 2010 ist Cigacice (Tschicherzig), ein kleiner Ort etwa 40 Km nördlich von Nowa Sól, um eine Attraktion reicher. Von Frühjahr bis Herbst kann man hier sich auf eine Oderfahrt mit einem Frachtkahn machen. Die auf historisch getrimmten Boote bestehen ausschließlich aus Holz.

"Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war Cigacice ein Luftkurort", erzählt Piotr Włoch, der die Idee mit dem "galar" hatte. "Galar", das ist die polnische Bezeichnung für einen Frachtkahn, auch wenn der "galar" von Piotr Włoch natürlich nachgebaut ist. "Tschicherzig war damals sehr populär. Ob es damals schon Frachtkähne gab, weiß ich nicht. Aber man konnte aber einen Ausflug mit Booten machen. So wie heute wieder."

Auch die Geschichte von Piotr Włoch ist eine Erfolgsgeschichte. Alleine im Jahr 2011 nahmen 6.000 Passagiere an den Ausflügen teil. Im Vergleich zu 2010 war das Interesse so groß, dass Piotr Włoch sich entschieden hat, ein drittes Boot bauen lassen. Die meisten Touristen kommen während des alljährlichen Weinfestes in Zielona Góra (Grünberg) – sie verbinden den Ausflug nach Cigacice mit dem Besuch der umliegenden Weinberge.

Auch in Deutschland finden Włochs "galary" an Zuspruch – und das ohne besondere Werbekampagnen. "Bis Ende Juni machten die Deutschen etwa 50 Prozent aller Touristen aus", sagt Piotr Włoch. Das hat ihn ermuntert. Ab 2012 plant er auch Ausflüge von Cigacice nach Berlin und zurück.

Einmal ist der junge Pole die Strecke mit seinem Frachtkahn schon gefahren. Drei Tage dauerte es, bis das kleine Boot über Oder und Spree die deutsche Hauptstadt erreichte. "Die Landschaft und die Erlebnisse waren unvergesslich", erinnert sich Piotr Włoch. "Unser Boot war die ganz große Attraktion. Sogar die Wasserpolizei hat von unserem "galar" Fotos gemacht."

Monika Stefanek

Monika Stefanek

Monika Stefanek

Monika Stefanek hat von 2002 bis 2009 in Stettin beim Głos Szczeciński gearbeitet. Inzwischen lebt sie als freie Journalistin in Berlin und berichtet u.a. für Polskie Radio Szczecin, Europäisches Radio Netzwerk EuRaNet, sowie diverse deutsche Zeitungen.


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