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30.4.2013

Die Erfindung der Elbe

Die Erfindung der Sächsischen Schweiz ist ein Werk des 18. Jahrhunderts. Das gleiche gilt für die Elbedarstellung vor Altona. Andere Landschaften an der Elbe haben es nicht in den Kanon deutscher Landschaften gebracht. Warum eigentlich nicht? Warum nicht die mittlere Elbe als deutschen Amazonas feiern?

Das Prebischtor mit dem Hotel im Schweizer Stil. Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© Bürger-falk; Wikimedia Commons)


Schauerliche Tiefe

Die wohl bizarrste Felsenformation im Elbsandsteingebirge ist das Prebischtor nördlich von Hřensko/Herrnskretschen. Dieser größte Felsenbogen aus Sandstein in Europa hat seit jeher die Maler, Wanderer und Empfindsamen angezogen. Nüchterne Betrachtung war selten, aber es gab sie, wie Griebens Reiseführer der Sächsischen Schweiz von 1922 zeigt:

"Die obere Felsenplatte (438 m) ist 17 m lang und 3 m dick, mit einem Geländer versehen, ruht mit dem äußersten Ende nur auf einem starken Felsenpfeiler u. bietet eine umfassende Aussicht. Die Wölbung des Tores ist unten 26 m breit, nur wenige Schritte tief, aber 21 m hoch."

Wer das Prebischtor zum ersten Mal vor sich aufragen sieht, hält sich aber nicht an geologische Fakten, sondern beginnt zu schwärmen. 1837 veröffentlichte Karl August Friedrich von Witzleben unter seinem Pseudonym A. Tromlitz die Reihe Das malerische und romantische Deutschland, in der auch ein Band über die Sächsische Schweiz erschien. Über das Prebischtor und seine Umgebung notierte er:

"Die drei neben dem Tor in schauerlicher Tiefe sich dahinziehenden Schluchten, die auf beiden Seiten hoch über die Waldungen emporragenden Felswände, vor uns das minder hohe Gebirge – dies alles schafft ein so schönes, großartiges Bild, dass man mit immer wachsendem Vergnügen dabei verweilt."

Ein "schönes, großartiges Bild" hatte von Witzleben vor sich. Zwanzig Jahre zuvor hatte auch der Schandauer Pfarrer Wilhelm Leberecht Götzinger die Einzigartigkeit der Felsenformation hervorgehoben:

"Hier zu stehn, ist etwas so Einzigartiges und Auffallendes, das seine Wirkung umso weniger verfehlt, da gewiß noch Keiner, der hier war, auf so einem Ort gestanden hat."

Das Prebischtor ist der Höhepunkt eines 112 Kilometer langen Wanderwegs, der schon im 19. Jahrhundert der "Malerweg" genannt wurde. In acht Etappen führt er vom Liebethal nördlich von Pirna über Lohmen nach Stadt Wehlen an der Elbe, weiter über die Bastei nach Rathen, dann über Hohnstein nach Bad Schandau, hoch auf die Ostrascheibe, vorbei am "Kuhstall", einem weiteren Felsentor, bis zum Prebischtor als unübertroffenem Finale. Von Herrnskretschen fährt man von dort mit dem Schiff auf der Elbe zurück nach Pirna. Wer will, kann noch den beiden Tafelbergen des Elbsandsteingebirges, dem Königstein und dem Lilienstein, seine Aufwartung machen. So geht es nun schon seit mehr als zweihundert Jahren, und es wird wohl noch lange so bleiben. Einer, der zur Verbreitung des Faszinosums der "malerischen Landschaft" ganz wesentlich beigetragen hat, ist der Pfarrer aus Schandau. Über den Malerweg schrieb er:

"Man mache sich gefaßt … von nun an eine ununterbrochene Reihe von Naturschönheiten und Seltenheiten zu sehen, welche an Größe, Schönheit und Umfang immer mehr zunehmen je weiter man kommt … Das Auge wird mehrere Tage lang eine Weide haben, welche für Geist und Herz die schönste Nahrung gibt."

Die Entdeckung der Sächsischen Schweiz



Das Blaue Wunder in Dresden ist auch zu einer Marke geworden. (© Inka Schwand)

Der Blick auf malerische Naturschönheiten ist wie das Reisen zum Zwecke seiner selbst eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Auf der "Grand Tour" nach Italien entdeckten britische Adlige auch Deutschland und seine Flüsse, allen voran den romantischen Rhein. Freilich war diese Entdeckung eher unbeabsichtigt. Wegen der revolutionären Ereignisse in Paris war die bis 1789 gängige Route über die französische Hauptstadt und den Süden Frankreichs unsicher geworden.

Fast zur gleichen Zeit wie der romantische Rhein wurde an der Elbe die Sächsische Schweiz entdeckt. Die Entdecker kamen allerdings nicht aus England, sondern aus der Schweiz. Adrian Zingg aus Sankt Gallen war Maler und wurde 1764 als Kupferstecher an die Dresdener Akademie berufen. Als ob die sächsische Metropole unter August III. nicht genügend Motive geboten hätte, unternahm Zingg immer wieder Ausflüge entlang der Elbe in diese sonderbare Landschaft mit ihren pittoresken Felsen und tief eingeschnittenen Tälern. Gleiches galt für Anton Graff aus Winterthur, den berühmtesten Porträtmaler seiner Zeit, der ebenfalls in Dresden lehrte. Von Graff stammt unter anderem das Porträt Friedrichs II. aus dem Jahre 1781, das wie kein anderes das Bild des Preußenkönigs geprägt hat.

Als sich Zingg und Graff in den 1760er Jahren von Dresden auf den Weg elbaufwärts machten, stand zunächst der Strom im Mittelpunkt ihres Interesses. In seinen Skizzen brachte Zingg rund um den Königstein eine Landschaft hervor, der die Elbe zu Füßen lag. Das ist das künstlerische Thema, das mit dem geomorphologischen Begriff des Elbsandsteingebirges korrespondiert.

Bald aber konzentrierte sich Zingg auf die bizarren Felsen und Steintore, die ihm als Motive lohnender schienen. 1783 nannte er die Landschaft erstmals "Sächsische Schweiz". Das wissen wir von Wilhelm Leberecht Götzinger, der sich drei Jahre später – nicht ohne eine gewisse Rückversicherung – ebenfalls für diesen Namen verwandte: "Alle Schweizer, welche die hiesige Gegend besucht haben, versichern, dass sie mit den Schweizer Gegenden sehr viel Ähnlichkeit hat."

Dieses touristische Branding des 18. Jahrhunderts hatte Folgen. Zuvor hatte man die Gegend vor den Toren Dresdens einfach nur "Meißner Hochland" genannt, "Pirnisches Sandgebirge" oder "Heide über Schandau". Wer es noch ungefährer liebte, ordnete die Felsenlandschaft gleich den "Böhmischen Wäldern" zu.

Nun aber waren ein Vergleich und ein Begriff zur Hand, die die Landschaft aus dem größeren Zusammenhang der Wälder und des Hochlandes herauslösten und sie, unter ästhetischen Gesichtspunkten, schließlich neu definierten. Das Repertoire war fortan umrissen, schreibt die Landschaftsplanerin Antonia Dinnebier, die sich lange mit der Entdeckung der Sächsischen Schweiz und der Theorie von Landschaften beschäftigt hat: "Das Material zum Bild der Sächsischen Schweiz entstammt der Topographie und besteht aus dem Elbtal und vielgestaltigen Felsformationen. Linkselbisch prägen die weiten Ebenheiten und hoch aufragende Tafelberge das Landschaftsbild. Rechtselbisch sind bizarre Felsen und tiefe Gründe charakteristisch."

Die Erfindung einer Landschaft

Mit dem Rückgriff auf die Schweiz wurde der Canyon der Elbe topographisch umrissen – und zugleich touristisch erschlossen. Dabei folgte auch die Sächsische Schweiz den Etappen, die laut Dinnebier mit der "Entdeckung einer Landschaft" einhergehen. In einem ersten Schritt muss eine Landschaft, der bis dahin keine größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, "erfunden" werden. In der Sächsischen Schweiz war das gleichbedeutend mit der Identitikation des "Repertoires" und seiner Anbindung an eine bereits bekannte Landschaft – die Schweiz. "Mit der Bezeichnung ›Sächsische Schweiz‹", so Antonia Dinnebier, "wurde das Gebiet Ende des 18. Jahrhunderts auf eine damals schon namhafte Gegend bezogen, also in Bekanntes eingeordnet." Neben Italien und dem englischen Lake-District, so die Landschaftsplanerin, "war die Schweiz eine der ersten ästhetisch entdeckten Landschaften, die in der Folge das Vorbild für die Entdeckung weiterer Gegenden abgaben".

Der zweite Schritt war die Verbreitung der neuen "Marke". Dafür sorgte Adrian Zingg mit seinen Studenten aus Dresden, die in ihren Zeichnungen und Gemälden die "Singularibus", die Besonderheiten der Sächsischen Schweiz, festhielten. Ein ganz anderes Publikum erschloss der Pfarrer Götzinger mit seinem ersten Reiseführer. Er pries nicht nur die Besonderheit der Landschaft, die durch die Wiederholungen der Motive – Königstein, Bastei, Prebischtor – ikonografische Züge annahm. Seine Beschreibung der Sächsischen Schweiz von 1801 war auch praktische Anleitung zur Reise. Nicht nur auf Skizzen und Bildern sollte man die bizarren Felsen bewundern, sondern durch eigenen Augenschein in Besitz nehmen.

Die dritte Etappe der Entdeckung schließlich folgte dem wachsenden Interesse des Publikums. Der beginnende Tourismus forderte Unterkünfte und trittsichere Routen. Also wird die Landschaft neu gestaltet und umgebaut. In der Sächsischen Schweiz betraf das vor allem den Wanderweg entlang der Edmundsklamm, bei dessen Anlage man auch vor Felssprengungen nicht zurückgeschreckte, sowie den Basteiweg von Wehlen nach Rathen mit der 76,5 Meter langen Basteibrücke, die 1851 errichtet wurde.

Am stärksten wurde in die gerade erst entdeckte Landschaft am Prebischtor eingegriffen. Fernab jeder Straße entstand dort 1858 eine Hütte, der 1881 der Bau eines Hotels folgte – natürlich im Schweizer Stil. Inzwischen ist dieses Hotel selbst Teil der Landschaftsinszenierung geworden ist, denn es gilt längst als eigenständige Sehenswürdigkeit und steht unter Denkmalschutz.

So ist aus dem "Meißner Hochland" oder den "Böhmischen Wäldern", eine Landschaft, die einst – wie das Mittelrheintal – als gewöhnlich und reizlos galt, eine touristische Marke geworden. Auch William Turner, der Begründer der Rheinromantik, hat der Sächsischen Schweiz während seines Dresden-Aufenthalts 1835 die Ehre erwiesen. Der Massentourismus setzte schließlich ein, als die Sächsische Schweiz auch verkehrstechnisch erschlossen wurde. 1838 fuhr das erste Dampfschiff elbaufwärts von Dresden nach Schandau. 1851, in dem Jahr, in dem die Basteibrücke fertig gestellt wurde, nahm die Eisenbahn die Strecke von Dresden ins böhmische Bodenbach in Betrieb.

Landschaften an der Elbe

1094 Kilometer ist die Elbe lang. Auf ihrem Weg vom Riesengebirge bis zur Mündung in die Nordsee überwindet sie ein Gefälle von 1386 Metern. 25 Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsgebiet auf einer Fläche von 148.000 Quadratkilometern. Die Hydrologen kennen an dem Strom, der nach der Länge den vierzehnten Rang unter den Flüssen Europa einnimmt, nur drei Abschnitte: Die Oberelbe von der Quelle bis zum Eintritt ins Flachland bei Riesa; die Mittelelbe als Tieflandfluss bis zum Stauwehr in Geesthacht und schließlich die von den Gezeiten geprägte Unterelbe bis zur Mündung bei Cuxhaven.

Weitaus größer ist die Zahl der charakteristischen Landschaften, die die Internationale Kommission zum Schutz der Elbe (IKSE) kennt. Den Anfang macht das Riesengebirge. Schon 1963 wurde das Quellgebiet der Elbe von der ČSSR zum Nationalpark erklärt, es ist ein Minigebirge mit einer "Musterkollektion alpiner Formen", wie es die IKSE formuliert. Der alpine Charakter hat nicht nur Naturforscher, sondern auch Dichter angezogen. Für die "Holzbrücke", die Kafka gleich zu Beginn in seinem Schloss beschreibt, hat wohl die Elbbrücke in Spindlermühle als Vorbild gedient. Wie die Sächsische Schweiz wurde auch das Riesengebirge erst im 18. Jahrhundert entdeckt und genauer bezeichnet. Zuvor hieß sie einfach nur "das Gebirge". Am Tor zum Riesengebirge liegt die Stadt Hohenelbe/Vrchlabí. Hier beginnt das Riesengebirgsvorland, das bis Königinhof/Dvůr Králové nad Labem reicht. Dort endete vor dem Krieg auch das deutsche Sprachgebiet.

In weitem Bogen fließt die Elbe nun durch das Böhmische Becken, das in Tschechien Labská nížína, Elbniederung, heißt. Hier liegen mit Pardubice/Pardubitz und Hradec Králové/Königgrätz einige der ältesten tschechischen Städte, denn das Becken – wegen des Elblaufs auch der "goldene Bogen" genannt – ist die Kornkammer Böhmens. Großflächige Schutzgebiete gibt es dort nicht, vielmehr wurde die Elbe, vor allem in den 1920er und 930er Jahren, auf einer Länge 240 Kilometern staureguliert. Insgesamt gibt es am tschechischen Lauf der Elbe 24 Staustufen.

In Litoměřice/Leitmeritz verlässt die Elbe den "goldenen Bogen" und durchbricht an der Porta Bohemica, der Böhmischen Pforta, bei Velké Žernoseky das Böhmische Mittelgebirge. Anders als das Elbsandsteingebirge sind die České středohoří mit ihren markanten Bergkegeln vulkanischen Ursprungs. Allerdings ist die Elbe hier nicht durchgängig landschaftsprägend. Viel markanter sind die Berge, die auch Caspar David Friedrich in seinem Gemälde Böhmische Landschaft um 1808 in Szene gesetzt hat. Das Böhmische Mittelgebirge reicht im Nordosten bis Teplice/Teplitz, im Südwesen folgt es dem Lauf der Bilina bis Most. Die größte Stadt ist hier Ústí nad Labem/Aussig mit dem hoch aufragenden Schreckenstein.

Auf das Elbsandsteingebirge beziehungsweise die Böhmische und Sächsische Schweiz und das Dresdner Elbtal folgt zwischen Pirna und Torgau das Mittelgebirgsvorland. Charakteristisch ist die vom Weinanbau geprägte Kulturlandschaft an den von der Sonne verwöhnten Elbhängen bei Radebeul, Meißen und Diesbar-Seußlitz. Die Geschichte des Weinanbaus an der Elbe geht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Mit einer Anbaufläche von 5000 Hektar erreichte er im 16. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Seit der Wende haben vor allem junge Winzer den Weinbau wieder belebt.

Bei Riesa erreicht die Elbe schließlich das Norddeutsche Tiefland. Das Bild des Stroms bestimmen nun die Buhnen, mit denen man die Elbe seit dem 19. Jahrhundert reguliert hat. Charakteristisch ist in diesem Abschnitt der Elbe, der bis zum Stauwehr in Geesthacht reicht, das niedrige Gefälle von nur 17 Zentimetern pro Kilometer. Das ließe die Elbe schnell in die Breite gehen, sie würde sich ausdehnen und neue Wege suchen, wäre sie nicht seit dem 12. Jahrhundert immer wieder eingedeicht worden. An der mittleren Elbe gibt es auch die größte Dichte an Schutzgebieten. Alleine das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe reicht auf 400 Kilometern Flusslänge von oberhalb Wittenberg bis nach Lauenburg und umfasst fünf Bundesländer.

Eine an Ikonographie und Popularität mit der Sächsischen Schweiz vergleichbare Landschaft oder touristische "Marke" hat die Elbe auf ihrem Weg bis Hamburg bislang aber nicht hervorgebracht.

Schiffe, nichts als Schiffe

Es gibt da dieses Bild, von dem man den Künstler nicht kennt, wohl aber den Titel – Blick von einer Terrasse an der Palmaille auf Neumühlen. Entstanden ist das Gouache-Bild um 1760, also etwa zu der Zeit, als die Maler Adrian Zingg und Anton Graff dem Ruf des sächsischen Hofs nach Dresden folgten. Im Vordergrund des Gemäldes steht ein Paar, vornehm gekleidet, die Perücke war noch nicht aus der Mode. Am rechten Rand erstreckt sich am Neumühlener Elbufer die streng gestaltete Gartenanlage des Hamburger Senators Jencquel. Doch der Blick des Paares gilt nicht dem Rokokogarten, sondern dem Fluss. Breit strömt die Elbe hier an Altona vorbei, auf dem Wasser schaukeln Handelsschiffe. Auch ein Aussichtsturm ist zu sehen – ein Hinweis auf das ikonographische Potential des Flusses auch außerhalb der Bildrealität. Standen bei den Malern des 18. Jahrhunderts in der Sächsischen Schweiz die Felsen und Schluchten im Mittelpunkt, war es in Hamburg und Altona die Elbe.

Das Gemälde des unbekannten Künstlers steht an der Schwelle einer neuen Betrachtung Hamburgs. Noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts überwogen die Stadtansichten, die in Form von Veduten am südlichen Elbufer entstanden und den Blick auf die Hamburger Silhouette richteten. Nun aber rückte nicht mehr die Stadt, sondern der Fluss ins Visier, die Elbe war nicht mehr Kulisse, sondern Sujet der Maler. Verändert hatte sich auch die Perspektive, schreibt Matthias Seeberg in seinem Aufsatz über die Entdeckung der Elblandschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Statt der starren Zentralperspektive, wie sie noch bei den Veduten zu Beginn des Jahrhunderts vorherrschte, überwog nun "eine stark subjektive Perspektive (…), die sowohl den Betrachter im Bild als auch den Betrachter des Bildes von außen zum Genuss der Aussicht auf den Fluss von einem jeweils ausgewählten Standpunkt einladen möchte".

Der Wandel der Perspektive ging einher mit der Entdeckung des Elbufers durch reiche Patrizier. An der Palmaille in Altona, in Neumühlen oder Blankenese errichteten sie Villen, Landhäuser und Parks, deren Schauseite sich ebenso zur Elbe richtete wie der Blick des jungen Paares im Bild des unbekannten Künstlers. Ähnlich den Felsen in der Sächsischen Schweiz wurde in Hamburg der Elbblick zur Marke, meint Seeberg: "Die gleichzeitige Herausbildung eines Kunstmarkts sorgte dann für die weitere Verbreitung eines Sujets, und der Blick auf die Elblandschaft wurde somit zum Paradigma hanseatischer Selbst- und Weltbetrachtung."

Zur Weltbetrachtung der Patrizier gehörten die Schiffe. Auf der Gouache von 1760 waren es dreimastige Segelschiffe. Sechzig Jahre später waren auf einem Bild von Johann J. Faber Blick über die Elbe oberhalb von Neumühlen bereits die ersten Dampfschiffe zu sehen. Auf Lovis Corinths Blick auf den Köhlbrand von 1911 ist die Elbe zur Industrielandschaft geworden. Rauch steigt auf aus den Schornsteinen der Frachter auf dem Wasser wie aus den Fabrikschloten am Ufer. Kein Bild der Elbe ohne Schiffe, heißt es im Katalog einer Ausstellung, die das Altonaer Museum 2006 unter dem Titel Alles im Fluss. Ein Panorama der Elbe zusammengetragen hat. Die Schiffe auf dem Fluss sind sozusagen das Pendant zu den Villen der Patrizier am rechten Elbufer, ein "Knotenpunkt des Austausches mit der Welt", wie es im Katalog heißt. Allerdings fällt auf, dass es sich auf den Gemälden vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart fast ausschließlich um Seeschiffe handelt. Binnenschiffe haben auf der Hamburger und Altonaer Elbe offenbar nichts zu suchen. Nicht stromaufwärts richtet sich das Interesse, der Kompass zeigt Richtung Meer und England, von wo die Reisenden im 18. Jahrhundert aufgebrochen waren, die die Schönheit des romantischen Rheins und später auch der Elbe entdeckten.

Die Niederelbe hat es in den Olymp deutscher Landschaften gebracht. (© Inka Schwand)


Die unentdeckte Elbe

In einem Essay hat die in Teufelsbrück, einem Stadtteil Hamburgs, lebende Schriftstellerin Brigitte Kronauer einen Spaziergang am Elbufer beschrieben – und die Landschaft des 18. Jahrhunderts der Gegenwart wieder nahegebracht:

"Wer von den St. Pauli Landungsbrücken immer längs der Elbe Richtung Neumühlenkai, Hans-Leip-Ufer, Teufelsbrück, Elbuferweg, Strandweg, Falkensteiner Ufer, wo die Leute im Sommer in Strandkörben wie auf den Nordseeinseln sitzen, elbabwärts wandert, womöglich noch über Wedel hinaus zur pathetischen Horizont-Deichlinie am Fährmannssand mit seinen Lerchen, Lämmern, Austerfischern und vorgelagerter, malerischer, das heißt bloß: unregulierter Uferzone, bewegt sich auf seinem Fußmarsch, der viele Stunden dauern wird, nicht nur zunächst an einem großen Teil der Hafenanlagen entlang und, ohne es zu bemerken, bei Övelgönne über den Elbtunnel hinweg. Er marschiert geradewegs auf einen im Juni endlosen Sonnenuntergang zu mit festlich entrolltem Nachhall in einem riesigen Himmel und Wasserspiegel. Er bricht auf in das Bild der Ferne schlechthin, und die Schiffe fahren ihm im Gegenlicht als deren ehrwürdige Wahrzeichen voran."

Kronauers Text erschien 2003 in dem von Thomas Steinfeld herausgegebenen Buch Deutsche Landschaften und trägt die Überschrift Die Niederelbe. Das ist für diesen Elbabschnitt wahrhaft eine Erhebung in den Adelsstand. Die Niederelbe befindet sich damit in der Gesellschaft bekannter und markanter Landschaften wie der Lüneburger Heide oder dem Bodensee. Weitere Landschaften an der Elbe haben es nicht in Steinfelds Buch gebracht, nicht einmal die Sächsische Schweiz. Wohl aber kam das Wendland zu seinem Recht, jene vom Widerstand gegen das Zwischenlager Gorleben geprägte Alternativlandschaft, die im Nordosten von der Elbe begrenzt wird, im Westen vom Höhenzug des Drawehn und im Osten von der alten hannoversch-preußischen Grenze, die nun Niedersachsen von Sachsen-Anhalt und der Altmark scheidet.

War es ein Missverständnis zwischen Herausgeber und Autorin, oder war es Absicht? Statt sich über das Wendland, seine Müslis und Mollis auszulassen, schmuggelte die Schriftstellerin und FAZ-Feuilletonistin Ingeborg Harms eine Hommage an die mittlere Elbe in Steinfelds Olymp der deutschen Landschaften:

"Wer sich in den mit Weiden, vereinzelten Bäumen, Weißdornhecken und Hagebuttenbüschen bestandenen Wiesen umschaut, den kann aus heiterem Himmel die Erkenntnis treffen, dass er sich auf dem Grunde eines gewaltigen Wassers bewegt. Zu diesem Eindruck trägt die Einsamkeit bei, die selbst an Sommertagen in den Elbsenken herrscht. Dann kippt das Trockenbecken in die Vision eines von dichtem Gehölz umschlossenen Dschungelstroms um, wie man ihn heute eher in Borneo oder im Amazonas findet."

Ein erstaunlicher Vorgang. Da bestellt der angesehene Herausgeber eines Buches einen Text über das Wendland bei einer angesehenen Autorin – und die verfehlt das Thema. Oder muss man die Frage anders stellen? Warum konnte das Wendland zur Marke werden, der man einen Text widmen möchte, die mittlere Elbe aber nicht? Warum bestellte Thomas Steinfeld für sein Buch keinen Text über die Elbtalauen?

Um eine Landschaft als solche identifizieren zu können, das hat die Landschaftsplanerin Antonia Dinnebier am Beispiel der Sächsischen Schweiz gezeigt, bedarf es der Bilder, die sich rasch verbreiten und schließlich kulturelles Allgemeingut werden. Von der mittleren Elbe aber gibt es keine Landschaftsmalerei. Kein Caspar David Friedrich hat ihr ein Bild gewidmet, kein Ludwig Richter und auch kein Lovis Corinth. Grund dafür sind weniger die fehlenden Motive, denn in ihrem Text spricht Ingeborg Harms ganz ungeniert von den "Turbulenzen des Winters" und "Caspar David Friedrichschem Schollengeschiebe". Es war die Grenzziehung, die hier die Elbe zum Strom am Kartenrand machte – erst zwischen Hannover und Mecklenburg, später zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

Nun aber, da die Grenze verschwunden ist, rückt die Elbe, zumindest bei Ingeborg Harms, wieder in den Mittelpunkt des Landschaftsempfindens und -beschreibens. Auch im Spielfilm geschieht das. War die Elbe in Wim Wenders Im Lauf der Zeit noch unüberwindbare Grenze, der man nur auf einer Seite folgen konnte, versetzte der junge Berliner Regisseur Marco Mittelstaedt sein Roadmovie Elbe aus dem Jahre 2006 gleich auf den Fluss. Es geht in diesem Film um zwei arbeitslos gewordene Elbschiffer, die von Magdeburg aus mit einer Jolle gen Hamburg segeln, die große Stadt zwischen Elbe und Meer, die bis heute ein Sehnsuchtsort geblieben ist. "Unbedingt sehenswert sind vor allem die Landschaftsaufnahmen, die teilweise deutlicher als die Charaktere selbst die seelische Verfassung der Protagonisten widerspiegeln", schrieb der Kritiker Joachim Kurz in einer Rezension für die Kino-Zeit. "Auf diese Weise wird der Titel gebende Fluss nicht zum dritten, sondern zum eigentlichen Hauptdarsteller des Filmes."

Deutsches Amazonien

Die mittlere Elbe wartet als deutsches Amazonien noch auf ihre Entdeckung. (© Inka Schwand)

Allmählich schält sich das Repertoire der Landschaft heraus, die die Elbe schon lange ist, die aber bislang der Entdeckung harrte: Wasser und Weite, Blau und Grün, Auen und Wiesen, Mäander und Altarme, freier Fluss als – fast – freie Natur. Ein Repertoire, das tatsächlich schwierig zu malen ist, weil es wohl eher die Vogelperspektive verlangt, die in den zahlreichen Publikationen der Umweltschutzverbände bereits eingenommen wird. Beschrieben und verbreitet wird das Bild der Mittleren Elbe – und das M wird hier bewusst groß geschrieben – allerdings immer häufiger. In Essays wie dem von Ingeborg Harms, in Gedichten wie Ein paar Notizen aus dem Elbholz von Nicolas Born, in Romanen wie Nachglühen von Jan Böttcher, in journalistischen Liebeserklärungen aus der Feder des Büchnerpreisträgers Arnold Stadler, der sich im Wendland, das auch ihm ein Elbland ist, niedergelassen hat.

Noch fehlt die Marke. Doch warum soll man nicht zurückgreifen auf den ebenso kühnen wie charmanten Vorschlag von Ingeborg Harms? Warum nicht die Elbe preisen als amazonischen Dschungelstrom, als deutsches Amazonien? Auch die Sächsische Schweiz war nicht von Anbeginn eine Schweiz, also muss an der Elbe auch kein Regenwald wachsen, damit ein solches Branding gerechtfertigt ist.

Die Landschaftselemente jedenfalls sind vorhanden. Im Lödderitzer Forst bei Aken findet sich der größte zusammenhängende Auenwald Mitteleuropas. Die Elbschleifen bei Coswig und Dessau oder das Elbknie bei Damnatz gehören zum Aufregendsten, was dieser frei fließende Fluss zwischen Elbsandsteingebirge und Unterelbe zu bieten hat. Die Ausbreitung des Wassers nach starken Regenfällen ist nicht nur bedrohlich, sondern auch faszinierend. Mit dem Biber ist an der Elbe wieder einer ihrer ältesten Bewohner heimisch geworden.

Als die Grenze fiel, schreibt Ingeborg Harms über ihre eigene Entdeckung des mecklenburgischen Elbufers, "übertraf die Poesie der altmodischen Landschaft jede Vorstellungskraft". So oder so ähnlich hatte auch der Schandauer Pfarrer Wilhelm Leberecht Götzinger 1786 von der Sächsischen Schweiz geschwärmt – und eine elbische Erfolgsgeschichte eröffnet, die auch andernorts noch viele Bilder hervorbringen wird.

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada

Uwe Rada ist Journalist und Publizist. Er koordiniert das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. 2013 erschien bei Siedler sein Buch Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss, aus dem wir dieses Kapitel, stark gekürzt, entnehmen.


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