zurück 
21.1.2019

Plovdiv und die Maritsa

Die diesjährige Kulturhauptstadt Plovdiv ist die zweitgrößte Stadt Bulgariens und mit seiner über 7000-jährigen Geschichte eine der ältesten Städte Europas. Für die Entwicklung der 360.000-Einwohner-Stadt am Fuße der Rhodopen war die Maritsa bis Anfang des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Danach rückte der Fluss an den Rand des Blickfeldes.

Die Maritsa in Plovdiv (© Andreas Kunz)


"Stadt unter den Hügeln"

Auf ihrem gemächlichen Weg nach Osten teilt die Maritsa das heutige Plovdiv in einen kleineren, industriell geprägten Norden und in einen südlichen Stadtteil, in dem sich die historische Altstadt auf weithin sichtbaren Hügeln über die thrakische Ebene erhebt. Noch weiter im Süden umgibt die Stadt ein weitläufiger Gürtel aus Plattenbauten. Hier lebt heute - fernab vom Fluss - die Mehrzahl der Stadtbewohner. So kommt es, dass kaum jemand von der "Stadt an der Maritsa" redet, die "Stadt unter den Hügeln" aber ein geläufiges Synonym für Plovdiv ist. Die Maritsa leiht ihren Namen zwar der Lokalzeitung, einem Fußballklub, einem bankrotten Textilkombinat und der Autobahn durch das Flusstal ins türkische Edirne, doch im Alltag hat sich der Ort vom Fluss abgewandt.

Von sporadischen Kanus und Schlauchbooten abgesehen, verkehren keine Boote mehr auf dem Fluss, der einstige Hafen ist zugeschüttet, nicht einmal eine Anlegestelle gibt es. Über weite Strecken dient das Flussufer als Parkplatz für das internationale Messegelände und die Innenstadt. Eine Handvoll Restaurants haben zwar Terrassen mit Maritsa-Blick; wer aber ohne Konsumzwang und unbeschallt von Turbo-Folk auf den Fluss schauen will, dem bleiben nur einige ramponierte Bänke am Ufer. Auch die einzige Fußgängerbrücke bietet keine freie Sicht, sie ist überdacht und beidseitig von Geschäften gesäumt. So werfen die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt meist nur einen Seitenblick auf die Maritsa, wenn sie auf den Uferboulevards oder auf einer der vier Brücken im Stau stehen.

Die Flussufer sind nur an wenigen Stellen zugänglich. Vorwiegend nutzen Angler die Steintreppen in den drei Meter hohen Kaimauern, um ans fischreiche Wasser zu kommen. Beliebt ist die Maritsa auch bei Ornithologen. Wo sonst lassen sich Eisvögel und Seidenreiher mitten in der Stadt beobachten? Den größten Teil des Jahres mäandert der Fluss träge zwischen sumpfigen Inseln durch sein breites Bett. Mit hohen Gummistiefeln lässt er sich dann an einigen Stellen zu Fuß durchqueren. Doch wenn im Rila-Gebirge, dem Ursprungsgebiet der Maritsa, der Schnee schmilzt oder die Regenfälle einsetzen, steigt der Wasserstand und der Fluss attackiert die Brücken der Stadt mit Treibholz und braunen Fluten.

Stadtpanorama von Plovdiv (© Andreas Kunz)


Viele Völker, viele Namen

In der Antike war der Fluss mächtig, er hatte seinen eigenen Flussgott, den bärtigen Hebros, und einen Platz in der griechischen Sagenwelt, hatten doch die Mänaden Orpheus' Kopf samt seiner Lyra in den Fluss geworfen. Griechische Kaufleute von der Insel Thasos befuhren den Hebros und gründeten eine Handelsniederlassung in der Stadt, die von den einheimischen Thrakern Eumolpia oder Pulpudeva genannt wurde. 341 v. Chr. verleibte Philipp II. von Makedonien sie als Philippopolis seinem Reich ein.

Die Römer tauften den Ort nach der Eroberung 72 v. Chr. Trimontium und bauten ihn zu einem Knotenpunkt zwischen Europa und Kleinasien aus. Der Fluss lag damals noch 250 Meter näher am Stadtkern, wie eine kürzlich ausgegrabene Anlegestelle aus dieser Zeit belegt. Die Relikte aus der 800-jährigen römisch-byzantinischen Epoche machen das moderne Plovdiv zu einem Freilichtmuseum: unter dem Hauptpostamt liegt das antike Forum, unter der Fußgängerzone das Stadion mit einst 30.000 Sitzplätzen. Das Amphitheater mit seinem spektakulären Panoramablick auf die Rhodopen wird auch heute wieder genutzt.

Bulgarisch wurde die Stadt - nun Paldin genannt - erstmals unter Khan Krum im Jahre 812. Aufgrund ihrer Lage zwischen dem Bulgarischen Reich und Byzanz war sie in der Folge immer wieder heftig umkämpft. Die Slawisierung der Stadt ging jedoch weiter, begünstigt durch die Christianisierung Bulgariens 864 und die damit verbundene Schaffung der altbulgarischen Kirchensprache. Unter Zar Simeon (893-927) war Paldin Teil eines Großreichs, das fast den ganzen Balkan umfasste. Wenig ist darüber bekannt, wie der Fluss in dieser Ära genutzt wurde. Der slawische Name Maritsa taucht in den Quellen erstmals im 12. Jahrhundert auf.

1364 kamen die osmanischen Eroberer: aus Philippopolis machten sie das türkische Filibe. In den 500 Jahren ihrer Herrschaft entstand auf den antiken Ruinen eine typisch orientalische Stadt. Die Minarette von über 50 Moscheen konnte man hier zählen, es gab Karawansereien, Gasthäuser, türkische Bäder, hunderte von Werkstätten und einen großen Bazar. Während der osmanischen Zeit entstand das Völkergemisch, welches bis heute für Plovdiv charakteristisch ist: unter den Kaufleuten gab es - neben Türken und Bulgaren - viele Armenier, Griechen und sephardische Juden.

Romafamilie an den Ufern der Maritsa (© Andreas Kunz)


Stolipinovo – eine Stadt in der Stadt

Mit den Osmanen kam auch das Volk der Roma nach Bulgarien. Sie sind heute mit etwa 80.000 Angehörigen die größte ethnische Minderheit in der Stadt. Aber während das armenische Viertel, das orientalisch anmutende Leben rund um die Schumaja-Moschee und das alte türkische Handwerkerviertel im Stadtzentrum viele Besucher anziehen und zum besonderen Reiz Plovdivs beitragen, liegt die Welt der Roma fast unsichtbar an den Rändern der Stadt.

So geht es weiter unten an der Maritsa, wo sie die Stadt zwischen Industriebrachen und unter einer verrosteten Eisenbahnbrücke hindurch unspektakulär verlässt, viel lebhafter zu als im Zentrum. Hier liegt Stolipinovo, das größte Roma-Viertel auf der Balkanhalbinsel. Die Vorfahren der Roma kamen als Hilfssoldaten, Hufschmiede und Kanonenkugelgießer im Gefolge der osmanischen Truppen nach Plovdiv. Bis in die 1930er Jahre lebten sie im Stadtzentrum, dann wurden sie in die Sümpfe an der Maritsa vertrieben. Heute leben in Stolipinovo mehr als 45.000 Menschen in heruntergekommenen Wohnblocks und improvisierten Häusern, die meisten von ihnen in bitterer Armut. Die Bevölkerungsdichte ist hier sechs Mal so hoch wie in der übrigen Stadt.

Auch in Stolipinovo wird geangelt, allerdings weniger zum Zeitvertreib, sondern um den schmalen Geldbeutel oder den eigenen Speiseplan ein wenig aufzubessern. Im Sommer verwandelt sich die Maritsa trotz Badeverbot zu einer Art Freibad, denn für einen Schwimmbadbesuch in der Stadt fehlt den meisten Familien das Geld. Und einmal im Jahr, am 6. Mai, feiern die Roma am Fluss. Sie begehen hier ihren wichtigsten Feiertag, das Frühlingsfest Ederlezi. Wer es sich leisten kann, schlachtet ein Schaf und lädt Verwandte und Nachbarn ein, Menschen und Häuser werden mit frischem Grün geschmückt, man segnet einander mit Wasser aus dem Fluss.

Vergangener Reichtum und "Nationale Wiedergeburt"

Doch vom Leben und von der Armut der Roma flussabwärts hören die Menschen im Stadtzentrum nicht sehr gerne, man sieht sich lieber als Hort der bulgarischen Kultur und der ruhmreichen "Nationalen Wiedergeburt" - in der auch der Fluss eine grundlegende Rolle spielt.

Ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich die Maritsa zur wichtigsten Verkehrsader für Thrakien. Fast alles wurde über das Wasser transportiert: Weizen aus der fruchtbaren Thrakischen Ebene, Reis, Milch und Käse aus dem Umland von Plovdiv, Bauholz und Eisen aus den Bergen für das schon damals boomende Istanbul. Gespanne aus zehn oder mehr flachen Kähnen konnten ein Vielfaches dessen transportieren, was die Kamelkarawanen zwischen Plovdiv und Edirne bewältigten.

Im 19. Jahrhundert schickten Plovdiver Kaufleute jährlich 200.000 Tonnen Waren flussabwärts nach Edirne und weiter nach Enez an der Mündung, wo Schiffe aus Westeuropa warteten, um Ladungen von Fellen, Baumwollballen und Tabak zu übernehmen. Vom Reichtum dieser Epoche zeugen die prächtigen Kaufmannshäuser in der Altstadt. Auch Bulgaren konnten es unter dem "türkischen Joch" zu großem Wohlstand bringen und damit das erwachende bulgarische Nationalbewusstsein fördern; sie bauten Schulen, unterstützten Schriftsteller, Volkskünstler und Studenten.

Plovdiv wurde ein Zentrum der "Nationalen Wiedergeburt" und - wenn auch nur für wenige Monate im Sommer 1878 - zur ersten Hauptstadt des unabhängigen Bulgarien. Der Fluss selbst kam im Lied "Es rauscht die Maritsa" zu Ehren, der ersten Nationalhymne des Landes. Gleichzeitig aber machte der Eisenbahnbau nach Istanbul die Schifffahrt unrentabel, die Abholzung der Bergwälder und die Bewässerungskanäle für die Reisfelder trockneten die Maritsa aus. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden die letzten Flusskähne.

Neuverortung, Neuentdeckung

So riss die einst enge Verbindung zu den Nachbarländern über den Fluss ab, und als sich der Eiserne Vorhang schloss, war für die Bulgaren 150 Kilometer flussabwärts buchstäblich die Welt zu Ende. Heute liegt dort die EU-Außengrenze. Trotz dieser Nähe empfindet man sich in Plovdiv weniger als im Grenzland liegend, sondern eng der europäischen Kultur und Lebensweise verbunden. Nicht zufällig wird Plovdiv 2019 die erste Europäische Kulturhauptstadt auf bulgarischem Boden.

Im Verhältnis zu den beiden anderen Flussanrainern Türkei und Griechenland spielt die Maritsa als Verkehrsweg inzwischen keine Rolle mehr und auch von den Flüchtlingsschicksalen weiter unten am Fluss und im bulgarisch-türkischen Grenzland bleibt Plovdiv unberührt; ein Flüchtlingsheim gibt es hier nicht und das berüchtigte Lager in Charmanli ist 100 Kilometer entfernt.

Den griechischen Namen "Philippopolis" hört man heute wieder häufig im Gedränge der zentralen Einkaufsstraße. Die südlichen Nachbarn kommen als Kurzbesucher und – seit der Wirtschaftskrise in Griechenland – in großer Zahl als Firmeninhaber ins unternehmerfreundliche Bulgarien. Auch das osmanische "Filibe" ist allen Stadtbewohnern geläufig. Die gemeinsame Sprache erleichtert den alteingesessenen Plovdiver Türkinnen und Türken den Handel mit der Türkei, aus der ein Großteil dessen importiert wird, was in der Stadt an Kleidern, Haushaltswaren und Südfrüchten verkauft wird.

Der Maritsa sieht man ihre historische Bedeutung für Plovdiv heute nicht mehr an. Der Fremdenverkehr spielt sich im Stadtkern ab. Die Einheimischen verbringen ihre Freizeit anderswo. Eine erste Rückbesinnung auf den Fluss erfolgte 2015 während der jährlichen Architekturwoche, die sich ganz dem Verhältnis zum Fluss widmete. Architekten, Künstlerinnen und Künstler schufen zahlreiche Projekte: sie errichteten ein temporäres Strandbad mit Kultur-Bühne, sammelten Erzählungen von Maritsa-Anwohnern, bauten Pavillons am Fluss, luden zum Gärtnern am Ufer und zur Erkundung der verwilderten Flussinsel Adata ein.

Eine besonders anschauliche Idee hatten Studierende der örtlichen Universität: sie fertigten eine Karte vom alten Flussbett und Gebäuden an, die einst am Fluss lagen, und machten den früheren Flussverlauf mit Installationen in der Stadt sichtbar. Erste zaghafte Schritte sind also getan, um den "vergessenen Fluss" wieder ins kollektive Gedächtnis Plovdivs zurück zu holen und sich seiner vielfältigen Rolle in der Stadtgeschichte zu erinnern.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/4.0 Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/4.0
Autor: Andreas Kunz für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Andreas Kunz

Andreas Kunz

Andreas Kunz

Andreas Kunz wurde 1970 in der Schweiz geboren und hat in Salzburg Slawistik studiert. Neben seiner Arbeit als Übersetzer seit 1999 als freier Journalist und im Dokumentarfilmbereich tätig. Anfangs mit Schwerpunkt Russland, seit 2005 zahlreiche Reisen und Recherchen in Bulgarien. Lebt seit 2014 in Plovdiv.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln