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11.5.2021

Das Bild des Juden in den deutschen Medien

Essay

Antijüdische Bilder und Sprache sind überall in den Medien zu finden – daher ist es unumgänglich, sich mit den Ressentiments, Vorurteilen, Klischees und auch der Befangenheit gegenüber Juden in den Redaktionsstuben zu befassen.

BU FEHLT (© picture-alliance/dpa)


Worüber wollen wir hier reden? Über das Bild von Juden in den deutschen Medien? Oder über das Bild Israels in den Medien? Oder über das Bild von Israelis, die in Deutschland leben oder über Juden im Ausland und wie sie in deutschen Medien dargestellt werden, zum Beispiel Juden in den USA? Und wenn wir schon über die USA reden, reden wir dann über die sogenannte "jüdische Lobby“ oder über Amerikaner, die zufälligerweise Juden sind? Und wenn es um Deutschland geht, reden wir dann über das Bild von jüdischen Deutschen in den Medien oder das von deutschen Juden oder über das Bild von Juden in Deutschland? Worüber reden wir? Über welches Bild von welchen Juden in deutschen Medien?

Um mit Facebook zu sprechen, "it’s complicated“. Doch wenn wir uns überhaupt die Frage stellen möchten, welche Juden wie in deutschen Medien wahrgenommen werden, müssten wir doch eher die Frage stellen, wie es der jeweilige Journalist oder Autor, die jeweilige Journalistin oder Autorin mit "den Juden“ hält. Was sind Juden für sie, für ihn? In welchem Kontext nimmt er oder sie Juden wahr?

Was hat "jüdisch“ damit zu tun?

Fangen wir mit einer Banalität an. Ist für einen nichtjüdischen Journalisten ein Jude in Deutschland mit einem deutschen Pass ein "Deutscher“, ein "jüdischer Deutscher“ oder ein "deutscher Jude“, oder doch eher ein Fremder? Vielleicht sogar mit "Migrationshintergrund“? Denn davon wird abhängen, wie über Juden geschrieben und berichtet wird. Häufig fehlt jegliche Vorinformation oder Bildung zu diesem Thema. Das konnte man zum Beispiel bei der Berichterstattung über den Terroranschlag in Wien Anfang November 2020 erleben. Der Anschlag begann vor der Synagoge in der Seitenstettengasse im 1.Bezirk, wo die Israelitische Kultusgemeinde Wien auch Büroräume hat. Doch schnell wurde in der Live-Berichterstattung im Fernsehen aus der "israelitischen“ eine "israelische“ Kultusgemeinde. Denn dem Korrespondenten war der Unterschied offensichtlich nicht klar: Begriffe wie "mosaisch“ oder "israelitisch“ sind alte deutsche Worte für "jüdisch“ und haben mit dem Staat Israel oder der israelischen Nationalität nichts zu tun. Hier offenbart sich eine Gedanken- und Achtlosigkeit, weil man sich der Problematik gar nicht bewusst ist.

Und so fragt sich auch so mancher Journalist nicht, warum er in einem Artikel über einen Schriftsteller – um nur ein Beispiel zu nennen – schreibt: der "jüdische Autor XY“. Ihm würde es nie einfallen, der "katholische“ oder der "evangelische“ Autor zu schreiben. Es sei denn, es hätte eine Bedeutung im Zusammenhang mit dem Werk. Dann würde das Sinn machen. Geradezu inakzeptabel wird es dann bei dem Zusatz "jüdisch“, also wenn das Jude-Sein absichtlich betont werden soll, obwohl es absolut keine Rolle spielt. Ein berühmtes Beispiel: der Frankfurter Immobilienmakler Ignatz Bubis und die Grundstücksspekulationen im Frankfurter Westend in den 1970er Jahren. Natürlich fokussierten sich die deutschen Medien damals auf die "jüdischen Spekulanten“. Es gab natürlich auch nichtjüdische Spekulanten, die beteiligt waren an den Entmietungen und Neubauten in dem Stadtviertel. Doch die Medien ereiferten sich damals fast nur über die Juden, als es um die dubiosen Praktiken im Frankfurter Westend ging. In einem berühmt gewordenen SPIEGEL-Interview sagte Ignatz Bubis damals, man könne ihn gern einen Spekulanten nennen, aber wenn man ihn einen "jüdischen Spekulanten“ nenne, dann sei das antisemitisch. Regisseur Rainer Werner Fassbinder war in seinem Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod“ (verfasst 1975) wesentlich "mutiger“ als die Medien. Er denunzierte seine Spekulanten-Figur gleich als "reichen Juden“. Punkt. Dass dann in den Feuilletons ein Streit darüber entstand, ob das nun antisemitisch sei oder nicht, war der blanke Hohn.

Zurück ins Hier und Jetzt, das so anders nicht ist. Zwar mag sich der Usus weitestgehend durchgesetzt haben, dass die Religionszugehörigkeit der Person, über die in den Medien geschrieben oder berichtet wird, keine Rolle spielen sollte. Aber dennoch wird der Zusatz "jüdisch“ auch heute gern gesetzt. Vielleicht unbewusst – weil man sich selbst nicht im Klaren darüber ist, dass man selbst ein Vorurteil hat. Oder ganz bewusst, um die Person, über die berichtet wird, in ein bestimmtes oder gar schiefes Licht zu setzen, weil man damit Vorurteile bei den Lesern, Zuhörern und Zuschauern aktivieren möchte.

Wie über jüdisches Leben berichtet wird

Wir sollten uns hier also mit Ressentiments, Vorurteilen, Klischees und auch der Befangenheit gegenüber Juden in den Redaktionsstuben befassen, denn genau darum geht es. So werden etwa Bildredaktionen besonders "einfallsreich“, wenn es um ein jüdisches Thema geht. Man nimmt dann aus dem Archiv gerne Fotos von ultraorthodoxen Juden, wie es sie kaum (noch) in Deutschland gibt. So etwa der SPIEGEL 2019 in einem Sonderheft zur Geschichte der Juden in Deutschland. Auf dem Cover zwei ärmliche Ultraorthodoxe. Das Bild stammt aus dem Scheunenviertel in Berlin zwischen den Weltkriegen. Der Titel des Heftes: "Jüdisches Leben in Deutschland“. Bis dahin also einfach nur: Klischee. Doch dann kommt der wirkliche Skandal, im Untertitel: "Die unbekannte Welt nebenan“. In diesem einen Cover ist eine wesentliche Problematik deutscher Berichterstattung und des deutschen Blicks gegenüber Juden in Deutschland erfasst. Ein Klischee und die Aussage, Juden gehören nicht dazu. Sie sind eine Welt "nebenan“. Nicht: mittendrin oder gar integraler Bestandteil der Gesellschaft. Nein. Ausgegrenzt. Früher tatsächlich zwangsweise, heute in den Köpfen so mancher Nichtjuden und damit natürlich auch Journalisten. 2021 wird in ganz Deutschland die Existenz jüdischen Lebens seit genau 1700 Jahren mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Aber in den Köpfen vieler ist und bleibt es eine Welt, die nicht dazugehört.

Übrigens: ein Klischeefoto, das in der letzten Zeit von vielen Zeitungen und Fernsehsendern gerne verwendet wird, zeigt den Hinterkopf eines nicht ultraorthodoxen Juden mit einer blauen Kippa, auf der ein Davidstern zu sehen ist. Das Problem dabei ist, dass die meisten Juden in Deutschland sich überhaupt nicht von Nichtjuden unterscheiden. Sie tragen nämlich keine Kippa. Und die Wenigen, die es tun, tun dies kaum noch in der Öffentlichkeit, denn es ist zu gefährlich geworden. Aber wo die Redaktionen meinen, Juden "kenntlich“ machen zu müssen, wird das Klischee bedient und damit auch reproduziert - anstatt sich zu überlegen, wie sich Juden adäquater, heutiger Realität entsprechender darstellen ließen.

Wenn es um Israel geht, schaut es nicht viel anders aus. Bildredaktionen zeigen dann ebenfalls gerne orthodoxe Juden, Siedler mit Maschinenpistolen oder Soldaten. Keine Frage, dort, wo es inhaltlich Sinn macht, haben diese Bilder ihre Berechtigung. Aber ansonsten? Repräsentieren diese Gesellschaftssegmente ganz Israel? Dabei ist es interessant, wie sich in den meisten Medien in den letzten Jahren zwei "Labels“ für den jüdischen Staat herauskristallisiert haben: Da gibt es zum einen das negative Label "Israel“ mit all den bekannten Konnotationen, wie etwa "Apartheidstaat“, “Kolonialstaat“, "Besatzungsmacht“ und vieles mehr. Zum anderen gibt es das positive Label "Tel Aviv“: die Stadt am Mittelmeer ist hip, ein Hightech-Hub, hat großartige Restaurants mit Fusion Food, ein tolles Nachtleben, ist liberal. Da gibt es Strand, Sonne, schöne Frauen, coole Jungs, die Stadt ist Multikulti, lässig. Das wird dann auch gerne gezeigt. Nur wird dabei häufig der Eindruck erweckt, als ob Tel Aviv nicht zu Israel gehöre, als ob es kein Teil dieses Staates sei, den man ansonsten als das "Böse“ darstellt. Was aber bei Tel Aviv zum Problem wird. Denn Tel Aviv ist ja "gut“. Also muss man es abtrennen vom Rest des Landes. Das mag oft ganz absichtslos geschehen - oder auch nicht -, die Rote Linie zwischen absichtlichem Vorurteil und unbewusstem Klischee ist mitunter sehr fein. Das konnte man bei dem Artikel gegen den Pianisten Igor Levit in einer linksliberalen Tageszeitung im Herbst 2020 sehen. Dass Levit Jude ist, wurde nicht erwähnt. Doch in dem Artikel sind offensichtliche antisemitische Klischees und Vorwürfe vorhanden. Der Artikel wirft Levit zwei Dinge vor: dass er ein schlechter Pianist sei (wobei das kaum erklärt und ausgeführt ist) und dass er sich mit seinen politischen Tweets einer "Opferanspruchsideologie“ bediene – einer häufigen antisemitischen Denkfigur, wonach Juden einen Opferstatus etablieren und zu dubiosen Zwecken ("Einfluss", "Macht", "Geld") missbrauchen würden. Allein mit diesem Begriff hat der Artikel mit Sicherheit den Raum für derartige Assoziationen geöffnet. Dazu kommt Kritik, dass Levit nach dem erneuten Angriff auf einen Juden vor der Synagoge in Hamburg getweetet hatte, dass er "müde“ sei. Müde vom ewigen Antisemitismus in Deutschland. Und dann sind in dem Artikel auch noch Formulierungen über Levits Kontakte und sein Netzwerk. Damit wurden auch hier Formulierungen gewählt, die Assoziationen für antisemitische Stereotype und mithin Verschwörungstheorien herstellen, denen zufolge Juden bestens vernetzt seien oder im Geheimen und Verborgenen (konspirativ) agieren würden.

Um es hier nochmal klar zu stellen – und allein die Tatsache, dass man es klarstellen muss, zeigt, wie verkrampft und verquer die Diskussion zum Thema Juden in Deutschland ist: Natürlich darf der Kritiker Levit als Künstler schlecht finden. Und er kann natürlich auch das Getweete Levits kritisieren. Aber ohne antijüdisches Geraune. So einfach wäre das.

Bereits in der Vergangenheit ist diese große deutsche Tageszeitung immer mal wieder mit antisemitischen Karikaturen aufgefallen. Und jedes Mal kam eine Entschuldigung, man habe das so nicht beabsichtigt, es sei ein Missverständnis gewesen. Bei der letzten antisemitischen Karikatur (der israelische Premier Netanyahu wurde da grobschlächtig nach bester Stürmer-Manier mit allen "typisch jüdischen“ Merkmalen dargestellt) zog die Redaktion – wiederum nach einer öffentlichen Entschuldigung – die Konsequenz. Die Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten wurde beendet. Das mögen viele als richtigen Schritt gesehen haben. Doch die Frage, wieso zum wiederholten Male eine antisemitische Karikatur überhaupt ins Blatt gehievt wurde, wurde öffentlich nicht weiter diskutiert.

Wie über Israel berichtet wird

Man möge sich nicht täuschen: antijüdische Muster und Patterns sind überall in den Medien zu finden sind, nicht nur links von der Mitte. Das ist nicht anders als in der gesamten deutschen Gesellschaft. Und ebenso wie sich der "klassische“ Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten zunehmend verlagert hat auf einen israelbezogenen Antisemitismus in Form einer oftmals nur vermeintlich legitimen und notwendigen Kritik des Staates Israel – so hat sich das auch analog in den Redaktionen entwickelt. Denn etwas gegen Juden zu sagen, ist ja heikel und nicht politisch korrekt. "Israelkritik“ dagegen scheint vermeintlich legitim und geboten. Allerdings gibt es die Bezeichnung "Israelkritik“ so für kein anderes Land. Sie speist sich aus einem moralischen Überlegenheitsgefühl, das sich in Deutschland, auch in der Politik seit vielen Jahren durchzusetzen scheint. Gerade weil man den Zweiten Weltkrieg und die Shoah zu verantworten habe, und weil man meint, sich intensiv mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt zu haben, wird zuweilen der Eindruck vermittelt, man könne mit diesem Kapitel nun abschließen. Beispiele in der deutschen Politik oder in öffentlichen Debatten gibt es viele. Doch auch hier muss man wieder fein unterscheiden. Es gibt diejenigen, die sich wirklich im Klaren sind, was sie sagen oder tun. Und andere, die ohne darüber viel nachzudenken eine Haltung übernehmen, die Mainstream zu werden scheint, ohne sich die Frage zu stellen, inwiefern sie überhaupt berechtigt und richtig ist. Das gilt übrigens nicht nur gegenüber Israel. Erinnert sei an den Tonfall während der Eurokrise gegenüber Italien und Griechenland. Was sich allerdings weltweit mit Blick auf Israel durchzusetzen scheint, ist natürlich auch in Deutschland zu finden: der "3D-Test“ zur Erkennung von israelfeindlichem Antisemitismus nach den israelischen Politiker Nathan Sharanksy. Der 3D-Test will den Unterschied zwischen legitimer Kritik an Israel und israelbezogenem Antisemitismus anhand von drei Kriterien prüfen: Die drei D stehen für Dämonisierung, Doppelstandard und Delegitimierung. Wenn also die jüdische Siedlerbewegung im Westjordanland immer wieder als völkerrechtswidrig und als Hindernis zum Frieden attackiert wird, aber über die illegale Besiedlung Marokkos in der besetzten West-Sahara oder der Türkei in Nord-Zypern in der Politik und ebenso in den Medien kaum bis gar nicht geredet wird, dann stellt sich schnell die Frage, warum das so ist.

So hat der berühmte amerikanische Journalist Thomas Friedman von der New York Times die Israel-Boykott Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) als eindeutig antisemitisch bezeichnet. Und zwar nicht, weil sie israelische Politik kritisiert, denn das ist natürlich und selbstverständlich völlig legitim – sondern, weil BDS (und andere) die viel schlimmeren Verbrechen, die zum Beispiel in Syrien, Saudi-Arabien oder Iran begangen werden, völlig ausklammert, die Taten Israels hingegen zum singulären Verbrechen oder gar zum größeren Verbrechen als alle anderen erklärt. In den Medien macht sich diese Haltung durchaus auch bemerkbar. So wird über Angriffe der israelischen Luftwaffe auf Gaza in Headlines berichtet, um dann irgendwann im Text zu sagen, dass diese Angriffe eine Reaktion auf palästinensische Raketenangriffe aus Gaza waren, um nur ein Beispiel zu nennen. Da wird also actio und reactio einfach umgedreht. Warum geschieht das? Einfach nur, weil Israel die Besatzungsmacht und darum automatisch schuldig ist? Mal abgesehen davon, dass der palästinensisch-israelische Konflikt viel zu komplex ist, um Schuld oder Unschuld eindeutig einer Seite zuweisen zu können, wäre das Argument der Besatzung als Rechtfertigung für die Verkehrung der Reihenfolge von Ereignissen nicht wirklich einleuchtend. Warum also geschieht das? Die Antwort scheint nahe zu liegen.

Während die israelische Besatzung im Westjordanland seit Jahrzehnten ein Dauerthema in deutschen Medien ist, während die bloße Ankündigung einer Annexion von Gebieten im besetzten Westjordanland durch Premier Netanyahu im Sommer 2020 zum medialen Großereignis wurde - einer Annexion, die dann gar nicht stattfand - wird heute über die völkerrechtlich illegale Annexion der Krim durch Russland 2014 kaum (mehr) gesprochen. Genau das ist die Anwendung von Doppelstandards in der Berichterstattung über israelische Politik.

Wie könnte man über "andere“ Kulturen, Religionen und Denkweisen berichten?

Doch zurück zur deutschen Binnensituation. Allein die Formulierung des "jüdischen Mitbürgers“ wie sie Politiker und Journalisten gerne verwenden, ist eine indirekte Ausgrenzung. Wenn ein jüdischer Deutscher plötzlich von seinen "christlichen Mitbürgern“ sprechen würde, wären wohl alle ob dieses Sprachgebrauchs verständlicherweise irritiert. Denn was bitte ist ein Mit-Bürger? Entweder sind alle Bürger oder alle Mit-Bürger. Angesichts solch fundamentaldemokratischer Fragen wäre es umso wichtiger, dass Journalistinnen und Journalisten ihren eigenen Sprachgebrauch sehr genau überprüfen. Dass dies auch mit dem deutschen Bildungs- und Erziehungssystem zu tun hat, ist offensichtlich. Die Problematik, wie und was da über Juden gesagt und beigebracht wird, beeinflusst die gesamte deutsche Gesellschaft. Dass die Berichterstattung über Juden oftmals so problematisch ist, mag natürlich auch daran liegen, dass es Hemmungen und Unsicherheiten von nichtjüdischen Deutschen angesichts der Last der Shoah gibt; oft ist es wahrscheinlich einfach pure Unkenntnis; bei manchen dürften auch das Vorurteil und der Dünkel sich überlegen Fühlender zum Vorschein kommen – und immer wieder offenbart sich auch einfach nur ein grundlegender Mangel an Empathie. Das Problem reicht aber weiter als antisemitische Tropen in vielen Berichten und Reportagen, oder den zunehmenden israelbezogenen Antisemitismus an Schulen, oder die Reproduktion von Klischees im politischen Sprachgebrauch. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wie man mit anderen Kulturen, Religionen und Denkweisen umgehen soll. Das Problem ist viel größer, als dass man es auf das Antijüdische beschränken könnte. Wie berichtet man über eine Kultur, die nicht die eigene ist, und deren Ansichten und Vorstellungen man nicht versteht und vielleicht sogar ablehnt, weil sie nicht dem eigenen Wertesystem entsprechen? Über solche Fragen wird trotz der wachsenden Globalisierung meines Erachtens in vielen Journalistenschulen oder Redaktionen zu wenig nachgedacht. Auch hier gilt natürlich: dies ist kein ausschließlich journalistisches Problem.

Wenn ein Journalist einen kritischen Bericht über die Beschneidung bei Juden (oder Muslimen) macht, darf er dieses Ritual als barbarisch kritisieren? Natürlich ja. Aber ist es auch richtig und angemessen? Wird eine solche Kritik diesem Phänomen gerecht? Schafft so ein Artikel dann, dem nichtjüdischen Leser klarzumachen, welchen Stellenwert die Beschneidung im Judentum hat? Und dass diese im Judentum als überhaupt nicht barbarisch angesehen wird, im Gegenteil? Dass also die jüdische Wertvorstellung von dem, was barbarisch ist und was nicht, einfach anders ist? Nicht besser, aber eben anders?

Ähnliches findet sich bei der Kritik an Israels militärischem Vorgehen beispielsweise in Syrien. Sind sogenannte "preemptive“ Strikes, also sogenannte vorbeugende Luftschläge angemessen oder nicht? Dies ist kein rein israelisches Problem, ebenso wenig die Frage, inwieweit heute noch das internationale Recht zum Thema Kriegsverbrechen stimmig ist oder nicht. Es regelt eigentlich den Krieg zwischen zwei regulären Armeen, die als solche durch ihre Uniformen zu erkennen sind. Aber was geschieht heute bei sogenannten asymmetrischen Kriegen? Wo einer der Akteure die bewusste Taktik anwendet aus zivilem Gebiet heraus zu agieren und keine Uniform trägt und somit von Zivilisten nicht zu unterscheiden ist? Viele Staaten haben mit diesem Problem zu kämpfen, sogar Deutschland, etwa in Afghanistan. Auch Israel. Beispielsweise in Gaza oder im Libanon mit der Hezbollah. Israel also schnell und gern der Kriegsverbrechen zu beschuldigen, ist einfach und vielleicht manchmal auch richtig. Doch es geschieht häufiger als etwa bei Russland, China, Saudi-Arabien, Iran, oder bei Kriegsverbrechen auf dem afrikanischen Kontinent. Und es zieht die größere Problematik hinter der heutigen Form asymmetrischer Kriege nicht in Betracht. Das ist der feine Unterschied. Es würde sich also schon lohnen, immer wieder die Frage zu stellen, ob die eigenen Be- und Verurteilungskriterien, die man anwendet, auch der Sache, über die man berichtet, gerecht werden, ob sie stimmig sind. Wie schon nun häufiger gesagt, das sind Fragen, die weit über die problematische Berichterstattung über Juden und Israel hinausgehen. Aber ohne Bewusstsein und Klarheit bei diesen größeren Fragen, wird man auch über Juden oder Israel nie vernünftig schreiben können. Häufig wird dann erklärt, dass man von einem aufgeklärten, demokratischen Staat wie Israel mehr erwarte als von China oder Saudi-Arabien. Was ja im bBedeutetn das im Umkehrschluss etwawürde, dass die Menschenrechte und das internationale Recht nicht allgemeingültig wären?.

Und wenn dann in puncto Judentum auch noch pure Unkenntnis dazu kommt, wird es fatal. Beispielsweise, wenn bei einem israelischen Militärschlag der Bibelsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn“ im Text auftaucht, quasi als Beleg für die Grausamkeit des Judentums seit der Antike. Doch dieser biblische Satz war eine unglaubliche Errungenschaft. Denn dieser Satz aus der Thora, den die Christen ‚Altes Testament‘ nennen, besagt, dass man kein Recht habe mehr Gewalt zu verüben als man selbst erdulden musste. Doch in einer wie oben beschriebenen Berichterstattung wird aus jüdischem Humanismus ein antijüdisches Ressentiment.

Mit Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt kommt noch ein weiteres Problem dazu. Insbesondere in Deutschland werden Juden häufig als Opfer gesehen. Während Bilder des kleinen, die Hände erhobenen Jungen aus dem Warschauer Ghetto, die tätowierten Unterarme der Überlebenden von Auschwitz, die Leichenberge von Dachau oder der hoffnungslose Blick eines jüdischen Kindes aus einer Luke eines Viehwaggons der Reichsbahn sich tief in das kollektive Bewusstsein der Deutschen Erinnerungskultur gegraben haben, während Juden über zwei Jahrtausende in der europäischen Geschichte überwiegend rechtlos, schwach, verfolgt und gedemütigt waren und ebenso gesehen wurden und werden, sind Juden heute keine Opfer mehr. Besonders in Israel wird das historische Bild des Juden konterkariert. Der braungebrannte, kraftstrotzende Jude in der israelischen Uniform mit einer Maschinenpistole in der Hand – dieses Bild gibt es noch nicht so lange. Daran haben sich viele noch nicht gewöhnt, daran wollen sich viele nicht gewöhnen. Das heißt natürlich nicht, dass man alles, was die israelische Politik oder die Armee tun, gutheißen kann oder soll. Aber man muss immer genau überprüfen, wo das kollektive Bild des Juden mit dem tatsächlichen nicht korreliert. Und was das dann mit dem nichtjüdischen Autor und den Lesern oder Zuschauern oder Usern macht. Nur soviel ist klar: die Art, wie Juden in den deutschen Medien dargestellt werden, erzählt mehr über die deutsche Gesellschaft als über die Juden, über die man vermeintlich berichtet.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Richard C. Schneider für bpb.de

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Richard C. Schneider

Richard C. Schneider

Richard C. Schneider, Editor-at-Large bei BR/ARD, war u.a. von 2005 - 2015 als Korrespondent und Studioleiter im ARD Studio Tel Aviv. Er ist als Kind von Holocaust-Überlebenden in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat zahlreiche Bücher zum jüdischen Leben in Nachkriegsdeutschland geschrieben und für die ARD zwei preisgekrönte vierteilige Dokumentarserien über Juden in Deutschland nach 1945 gemacht: "Wir sind da! Juden in Deutschland nach 1945“, 2000, und "Trotzdem Deutsch! Juden in der deutschen Nachkriegskultur“, 2005.


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