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20.5.2021

Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten Judentums

Moses Mendelssohn - Wegbereiter des emanzipierten Judentums (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Moses Mendelssohn gehörte zu den wichtigsten Intellektuellen Europas, zu den Wegbereitern der jüdischen Aufklärung (der Haskala) und war schon zu Lebzeiten weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. Er wurde 1729 in Dessau geboren und wuchs in einem jüdisch-orthodoxen Haushalt auf, seine Muttersprachen waren Jiddisch und Hebräisch. Im Alter von 14 Jahren machte er sich alleine auf den Weg nach Berlin und erklärte den Wachen am Stadttor – so erzählt man sich –, er käme, um "zu lernen". Und das tat er gründlich: Mendelssohn folgte nicht nur seinem Lehrer aus Dessau an die jüdische Religionsschule in Berlin, sondern lernte neben dem Studium der jüdischen Bibel (der Thora) und der verschiedenen mit ihr zusammenhängenden Bücher, alte und moderne Sprachen, las die Werke der wichtigsten Philosophen seiner Zeit (wie zum Beispiel Spinoza, Hobbes und Locke) und unterrichtete sich eigenständig in Mathematik und Physik. Um nebenbei seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er sowohl als Privatlehrer der Kinder des Kaufmanns Bernhard Isaak und später als Buchhalter und schließlich Geschäftsführer in dessen Unternehmen.

Die Themen, in denen sich Moses Mendelssohn zu bewegen wusste, reichten von Physik über Philosophie und Literatur bis tief in die jüdische Religionswissenschaft. So entstanden aus seinen vielfältigen Überlegungen ein Reichtum an Texten, publiziert in mehreren Sprachen. Auch den Wettbewerb der Königlichen Akademie zur Fragestellung nach einer Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften von 1763 konnte er gewinnen – gegen Immanuel Kant. Er war in ständigem schriftlichem Austausch mit vielen wichtigen Persönlichkeiten der Aufklärung und veröffentlichte umfangreiche Publikationen über alle Bereiche der zeitgenössischen Philosophie: Ästhetik, politische Theorie, Semiotik, Philologie und mehr. Sein Haus in der Spandauer Straße 68 im Berliner Nikolaiviertel, wo er mit seiner Frau, der Hamburgerin Fromet Guggenheim, die er 1762 heiratete, und ihren gemeinsamen zehn Kindern lebte, wurde zu einem Treffpunkt für die intellektuelle Elite Berlins und für Besucher aus aller Welt.

All das war alles andere als selbstverständlich in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung nicht die gleichen Bürgerrechte hatte wie die christliche und kulturell und politisch separat von der Mehrheitsgesellschaft lebte. Doch durch die europäische Aufklärung, die bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts gegen Vorurteile und für Toleranz plädierte und im Zuge der mit ihr einhergehenden Diskussionen über die gesellschaftliche (zu dieser Zeit nur männliche) Gleichberechtigung, wurde auch die Gleichstellung der Juden in der deutschen Gesellschaft zu einem wichtigen philosophischen und politischen Thema. Mendelssohn nahm an dieser Debatte aktiv teil, wurde quasi zum Fürsprecher seiner deutschen Glaubensgenossen. Nachdem man ihn aufgefordert hatte, die Gründe für die jüdische Gleichberechtigung doch einmal darzulegen, veröffentlichte er 1783 seinen wichtigsten Aufsatz über das Judentum unter dem Titel "Jerusalem". Diesen langen Essay unterteilte er in zwei Teile: Während er im ersten Teil für die Trennung von Staat und Religion plädiert, erläutert er im zweiten die Vorteile des Judentums als Religion der Vernunft. Jüdinnen und Juden würden die Geschichten der biblischen Texte als historische Wahrheit verstehen und glaubten nicht, wie die Christen, an eine "göttliche Offenbarung". Daraus könne gefolgert werden, dass sich die "jüdische Vernunft auf die ganze Menschheit übertragen" ließe. Dieser Essay stellte nicht nur ein philosophisches Traktat dar, sondern erläuterte erstmalig einer breiten – jüdischen und nichtjüdischen – Öffentlichkeit die zentralen Thesen der Haskala.

Mendelssohns Essay war eine Sensation. Immanuel Kant etwa lobte ihn – wenn auch nur privat – für seine "Scharfsinnigkeit, Feinheit und Klugheit"; sein Freund Gotthold Ephraim Lessing schrieb das berühmte Theaterstück "Nathan der Weise", das sich mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung mit Mendelssohn in der Figur des weisen Nathan beschäftigt. Andere wiederum waren weniger verständnisvoll, reagierten im besten Fall skeptisch oder – wie die meisten, die in der Regel auch gegen die Aufklärung waren – ablehnend, und argumentierten vehement gegen die Gewährung gleicher Rechte für Juden und gegen ihre Integration in die deutsche Gesellschaft.

Auch von seinen Glaubensbrüdern und -schwestern verlangte Mendelssohn ihren Teil an der sogenannten Emanzipation der Jüdinnen und Juden und fordert sie auf, Deutsch zu lernen, die Sprache auch im Alltag zu sprechen, und nicht im Jiddischen und in der "heiligen Sprache" Hebräisch zu verharren. Damit sollten sie nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sondern ihrerseits Toleranz ihren christlichen Mitbürgern gegenüber zeigen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und übersetzte die Hebräische Bibel des Alten Testaments, in ein "gepflegtes und korrektes Deutsch […] entsprechend dem heutigen Sprachgebrauch".

Die jüdische Gleichstellung wurde zwar in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution nach und nach umgesetzt, aber Mendelssohn erlebte diesen Wendepunkt nicht mehr. Er starb am 4. Januar 1786. Kurz nach seinem Tod wurde sein Leben und Wirken zu einem Mythos, sowohl in der nichtjüdischen Welt der europäischen Aufklärung als auch unter den aufgeklärten Jüdinnen und Juden. Die einen – wie z.B. Isaac Abraham Euchel (1756-1804), einem wichtigen Vertreter der Haskala – lobten seine Person und seine Lehren, doch andere (wie z.B. die Aufklärer Salomon Maimon und Saul Ascher) lehnten seine Thesen vollständig ab und fürchteten den Untergang des Judentums durch Anpassung. Dabei verwiesen sie immer wieder auf die Tatsache, dass einige seiner Kinder sich hatten taufen lassen. Erst die nächste Generation – zu der z.B. der Dichter Heinrich Heine oder der Historiker Heinrich Graetz gehörte – machte Mendelssohn zu einem wichtigen Wegbereiter in der jüdischen Geschichte und sahen ihn als fast sagenumwobenen Führer von der Dunkelheit des Mittelalters ins Licht der Moderne.

In der Welt des orthodoxen Judentums – einer Strömung, die im 19. Jahrhundert in Abgrenzung des neu entstandenen Reformjudentum entwickelt wurde und in der die überlieferten Weisungen und Regeln möglichst genau einhalten werden soll(t)en – hingegen, in die die Haskala keinen Einzug hielt, war und ist er bis heute verpönt: Der bekannte Rabbiner Moses Schreiber (1762-1839), Leitfigur der strengen Orthodoxie, warnte seine Gemeindemitglieder sogar, "die Bücher des Rabbi Moses aus Dessau nicht zu berühren". Dieser Streit weitete sich auf ganz Europa, vor allem auf die vielen jüdischen Gemeinden Osteuropas aus. Mendelssohns zentrale Stellung verlor sich vor allem mit dem Aufkommen des Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung, die eine Heimstätte im Land Israel anstrebte. Sein Plädoyer für jüdisches Leben in Deutschland stieß letztlich auf Ablehnung bei Personen, die für jüdische Selbstbestimmung in einem jüdischen, eigenen Staat eintraten. Heute ist Mendelssohn für viele Jüdinnen und Juden in Israel ein deutscher Jude, dessen Leben und Werk zur Assimilation und zum Verlust des Nationalstolzes führten.

Moses Mendelssohns Familie umfasst noch heute über 200 Mitglieder, verstreut über den ganzen Erdball. Viele davon sind ebenfalls Berühmtheiten geworden, wie etwa sein Enkel Felix Mendelssohn-Bartholdy, der berühmte deutsche Komponist, dessen Schwester Fanny Hensel, eine der wenigen bekannten Komponistinnen ihrer Zeit, oder seine Tochter Dorothea Schlegel, die Schriftstellerin der Romantik, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie alle haben eines gemein: Im Zuge des gesellschaftlichen Drucks der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind sie selbst oder sogar schon ihre Eltern zum Christentum übergetreten, um, wie der ebenfalls zum Christentum konvertierte Dichter Heinrich Heine es nannte, "mit dem Taufzettel ein Entreébillet zur europäischen Kultur" zu bekommen. Allerdings ermöglichten es weder die Aufklärung noch die rechtliche Gleichstellung, weder die Taufe noch die später so verzweifelt von den deutschen Jüdinnen und Juden angestrebte Assimilation Mendelssohn und seinen Nachkommen, gleichwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu werden.

Adina Stern

Adina Stern

Redakteurin und Lektorin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung sowie ausgewählter Monographien und Sammelbände des Zentrums für Antisemitismusforschung (Technische Universität Berlin).


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