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28.10.2021

Generationenkonflikte in der modernen jüdischen Geschichte

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Generationenkonflikte in der modernen jüdischen Geschichte (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Konflikte zwischen verschiedenen Generationen entwickelten sich in der modernen jüdischen Geschichte immer wieder. Jedes Mal ging es letztlich darum, wie verschiedene Alterskohorten von Juden und Jüdinnen das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt gestalten und wie sie ihre Beziehung zur jüdischen Tradition verstehen wollten.

19. Jahrhundert

Im Zuge der allgemeinen sowie der jüdischen Aufklärung (der Haskala mit Moses Mendelssohn als Wegbereiter), erwachte mit der Generation der kurz vor der Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert Geborenen ein neues jüdisches Selbstbewusstsein. 1819 trafen sich in Berlin sieben junge jüdische Intellektuelle und gründeten den "Verein zur Verbesserung des Zustandes der Juden im deutschen Bundesstaate", den sie später in den "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" umbenannten. Zu seinen Gründungsmitgliedern gehörten unter anderem der Berliner Jurist und Philosoph Eduard Gans (1797–1839), der Wissenschaftler Leopold Zunz (1794–1886), der Mathematiker und Philosoph Lazarus Bendavid (1762–1832) und der Dichter Heinrich Heine (1797–1856). Sie alle einte die Suche nach einem wissenschaftlichen Ausdruck ihrer jüdischen Identität, denn sie wollten sich nicht mehr ausschließlich mit der Lehre der jüdischen Religion auseinandersetzen. Vielmehr setzten sie sich zum Ziel, das Judentum mit den Methoden der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Rechts- und Literaturwissenschaften zu studieren. Sie wollten die "Leistungen der Juden" in der Vergangenheit in ein neues Licht rücken, auch, um weiteren Errungenschaften in der Zukunft den Weg zu bereiten. Nur so könne das Selbstbewusstsein der "intellektuellen Erben von Moses Mendelssohn" zum Ausdruck gebracht und die "Juden in Deutschland aus den Ghettos heraus in die Moderne […]", an die europäische Kultur herangeführt werden.

Die Gründung des Vereins war eine direkte Antwort auf die "Hep!-Hep!"-Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, zu denen es im Spätsommer des Jahres 1819 in rund dreißig, vorwiegend süddeutschen Städten gekommen war. Die pogromartigen Ausschreitungen dauerten mehrere Monate an und richteten sich vor allem gegen die zunehmenden Freiheiten und die Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung infolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft über Europa. Der Verein wollte mit seinem Bemühen aber keinen praktischen Schutz und Selbsthilfe bieten, sondern vielmehr die "Verbesserung des Zustandes der Juden" auf dem Weg theoretischer und philosophischer Arbeit erreichen. Schon die Tatsache, dass der Verein im Namen den Begriff "Juden" enthielt, kann als Zeichen einer neuen, selbstbewussten Identifikation der Mitglieder mit ihrer jüdischen Herkunft und Identität verstanden werden, da zu dieser Zeit im bürgerlichen Umfeld eine Verbindung zum Judentum für die Karriere zum Nachteil gereichte.

Der Verein war allerdings nicht nur theoretisch ausgerichtet, sondern übernahm mit der Errichtung einer "Unterrichtsanstalt" auch eine bildungspraktische und erzieherische Initiative. Hier sollte armen jungen Juden aus Osteuropa, die in Berlin eine bessere Zukunft suchten, kostenlos Unterricht erteilt werden. Sie wurden in den Fächern der klassischen Bildung, Deutsch und andere moderne Sprachen, Geschichte und Geografie unterrichtet – aber nicht in der jüdischen Religion.

Zeitgenössische jüdische Kritiker warfen dem Verein vor, durch ihren Versuch, das Judentum an die europäische Kultur heranzuführen, zu seiner Selbstzerstörung beigetragen zu haben. Einige spätere, zionistische Kritiker beschuldigten die Gründungsmitglieder sogar, "Erstlinge der Entjudung" gewesen zu sein. Schließlich wurde aber ihr Mut gewürdigt sowie die Notwendigkeit, in einer christlichen, tendenziell judenfeindlichen Umgebung, ihre jüdische Identität selbstbewusst zu zeigen und voranzutreiben.

Anfang 20. Jahrhundert

100 Jahre später entstand die bürgerliche Jugendbewegung, die sich allgemein gegen die Zumutungen der Moderne, vor allem aber ihrer eigenen Elternhäuser wandte, gegen ein starres Erziehungssystem und vorbestimmte Lebenswege. "Zurück zur Natur" galt als Motto, und die Jugendlichen übten sich auf ihren Wanderungen im gemeinschaftlichen Leben, Singen und Debattieren. Allerdings war die Jugendbewegung insgesamt ein komplexes Phänomen, in dem Juden und Jüdinnen auch mit antisemitischen Ausgrenzungstendenzen zu kämpfen hatten. Aus diesem Grunde bildeten sich schon vor dem Ersten Weltkrieg eigene Jugendgruppen, zionistische zunächst und bald darauf auch dezidiert deutsch-jüdische. Beide Richtungen verband das Bedürfnis, auch ein eigenes, jüdisches Generationsbewusstsein auszudrücken.

Für jüdische Jugendliche hatte der heraufbeschworene Generationskonflikt noch eine zusätzliche Bedeutung, denn die Abgrenzung zur Generation der jüdischen Väter und Mütter ließ sich so besonders gut betonen. Die Eltern erschienen dabei zwar als eine politisch liberale, aufstiegs- und wirtschaftsorientierte, aber auch religiös desinteressierte Generation, die trotz aller Früchte von Emanzipation und Integration weiterhin mit antisemitischen Ausgrenzungen konfrontiert war. Die jüngeren Jüdinnen und Juden konnten sich dagegen als politisch radikaler, gar sozialistisch orientiert inszenieren, als die Generation des Aufbruchs, für die ihre jüdische Herkunft und Identität mehr bedeuten sollte als für die assimilierten Väter.

Andere Jugendliche blieben weiterhin den wenigen, nicht antisemitischen gemischten Gruppen verbunden, wie z.B. der Jugendkulturbewegung, die vor allem für junge Juden – meist um 1890 geboren, aus bürgerlichem Hause stammend – attraktiv war: Vor dem Ersten Weltkrieg soll ein Drittel der Mitwirkenden jüdisch gewesen sein. Unter ihnen waren besonders Intellektuelle wie Siegfried Bernfeld (1892–1953), Otto Fenichel (1897–1946) oder Walter Benjamin (1892–1940). Die jungen Juden und Jüdinnen waren von den neuen Idealen der Jugendlichkeit, Gemeinschaft, Natürlichkeit und des Jugendprotestes begeistert, welche die Jugendbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg boten.

Wichtige Bestandteile dieser neuen Bewegung waren zudem ein anderes Geschlechterverhältnis und eine andere Sichtweise auf Sexualität gegenüber der stärkeren Prüderie der Wandervogelbewegung, obgleich die jungen Männer allerorten den Ton vorgaben. Die Jugendlichen selbst, wie auch die sie argwöhnisch beobachtende Gesellschaft, verstanden die gesamte Bewegung als politischen Protest. In deutschen Parlamenten wurde – so etwa im April 1914 im Preußischen Abgeordnetenhaus – mit großer Sorge über die angebliche Zügellosigkeit der Jugend und den sich anbahnenden Generationskonflikt debattiert. Zentraler Konfliktstoff war dabei ein anderes, engeres Verhältnis zwischen den Geschlechtern, was sich in den Jugendbewegungen aber viel weniger dramatisch ausnahm, als dies in den gesellschaftlichen Fantasien unterstellt wurde. Beängstigend wirkte insbesondere der neue Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität.

In den 1920er Jahren wurden diese radikalen Aufbrüche nach und nach von der Jugendpflege der Gemeinden eingehegt. Zugleich fächerte sich die jüdische Jugendbewegung immer weiter auf, ihr Spektrum reichte von radikal kommunistisch bis religiös-orthodox, von zionistisch bis deutschnational und imitierte damit letztlich die politischen Positionierungen der Erwachsenenwelt. So ist es auch kein Zufall, dass gerade die jungen Zionisten zu den ersten gehörten, die (zum Teil schon vor) 1933 nach Palästina gingen, während die linksorientierten jungen Männer und Frauen aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten und die breite, jüdische Mitte sich im bedrohten Gemeindeleben der 1930er Jahre engagierte.

Gegenwart

Auch nach dem Holocaust blieben Generationskonflikte innerhalb der viel kleineren jüdischen Gemeinschaft der Bundesrepublik virulent. Einige Vertreter und Vertreterinnen einer jungen Generation wie Micha Brumlik (geb. 1947), Daniel Cohn-Bendit (geb. 1945), Dan Diner (geb. 1946) oder Cilly Kugelmann (geb. 1947) engagierten sich nicht nur in der linken Protestbewegung der 1960er und 1970er Jahre, sondern begehrten auch gegen die verkrusteten Strukturen in den jüdischen Gemeinden auf. In diesem Umfeld und mit diesem Profil entstand der Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD). Zentrale Bruchstellen zwischen den Generationen waren dabei insbesondere die Frage der "Mischehe" und die Beziehungen zu Israel. Da die Kontakte mit der nichtjüdischen Umwelt gerade bei den Jüngeren zugenommen hatten und der Heiratsmarkt unter Jüdinnen und Juden in Deutschland begrenzt war, stellte sich die Frage der "Mischehen" erneut, denn diese veränderten die Struktur der jüdischen Gemeinden. Nach dem jüdischen Gesetz sind nämlich allein Kinder einer jüdischen Mutter auch jüdisch und können nur dann auch Mitglieder einer traditionellen jüdischen Gemeinde sein; aus diesem Grund gibt es heute in Deutschland neben den Einheitsgemeinden auch liberale Gemeinden, in denen auch Personen Mitglieder sein können, die nur einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter haben.

Und auch in der Gegenwart drücken sich immer wieder Konflikte aus, bei denen sich eine junge jüdische Generation gegen die (aus ihrer Sicht) erstarrten Strukturen in den jüdischen Gemeinden protestiert und die Diskurse über jüdische Identitäten vorantreibt und damit sichtbarer macht, wie vielstimmig und vielfältig jüdisches Leben in Deutschland ist. Ablesbar ist ein solches Generationsbewusstsein in entstehenden oder sich weiter etablierenden alternativen und emanzipatorischen neuen Räumen.

Stefanie Schüler-Springorum, Adina Stern, Uffa Jensen

Zur Person

Stefanie Schüler-Springorum

ist Historikerin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. schueler-springorum@tu-berlin.de


Adina Stern

ist freiberufliche Wissenschaftslektorin, vor allem im Bereich der deutsch-jüdischen Geschichte, und Übersetzerin aus dem Hebräischen und Englischen. Seit 2016 ist sie geschäftsführende Redakteurin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung sowie ausgewählter Monographien und Sammelbände des Zentrums für Antisemitismusforschung (TU Berlin).


Uffa Jensen

Prof. Dr. Uffa Jensen ist stellvertretender Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und Gründungsmitglied des Arbeitskreises "Geschichte & Theorie". Er ist seit 2007 Mitglied der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts in der Bundesrepublik Deutschland.


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