zurück 
3.3.2010

Der Tod

Die intensive Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens führt unweigerlich zur Frage nach dem Ursprung (göttliche Schöpfung?) und dem Ende allen Seins. Der Tod durchzieht als roter "Leid-Faden" die gesamte Gothic-Kultur.

Grabmal auf dem Alten Friedhof in Freiburg. (© AP)


Gothics lieben diese endlosen Gespräche über das Ende und mögliche Wiedergeburten, obwohl sie natürlich wissen, dass sie die gültige Antwort erst dann erhalten werden, wenn es so weit ist, die irdische Hülle abzustreifen. Der Glaube an Reinkarnation ist in der Gothicszene weit verbreitet; vermutlich zunächst, weil es einfach "natürlich" erscheint: Die sterblichen Überreste des Menschen zerfallen in der Erde, vereinen sich so wieder mit der Natur und bringen neues Leben hervor. Außerdem scheinen Menschen, die sich intensiv mit dem Sinn des Lebens befassen, fast zwangsläufig in die Hoffnung hineinzuwachsen, da gebe es noch mehr als das bekannte kümmerliche Erdendasein, vielleicht, um nicht in Verzweiflung zu verfallen.

Wenn Gothics sich so intensiv mit dem Tod beschäftigen, steht dahinter nicht nur die Faszination für alles Extreme, im Besonderen extreme psychische Situationen, sondern auch das Ziel, den Tod wieder wie zu vorchristlichen Zeiten zu entdämonisieren, als unweigerlich eintretenden Alltagsfall zu akzeptieren. Die Gothics sind keine "Subkultur des Todes", die ihre Mitglieder in den Suizid treibt, wie es sensationsheischende Medienreportagen gerne behaupten, sondern das Gegenteil davon: "ein Versuch, sich mit der eigenen Einsamkeit und Todesnähe kritisch und zusammen mit anderen auseinanderzusetzen. Sie entwickeln mit dem Bewusstsein, dass sie hier und jetzt leben und ihre Probleme bewältigen müssen, eine andere Beziehung zum eigenen Tod, da sie die große Angst anderer Menschen vor dem Sterben überwunden haben" (Richard 1997, S. 131). Die Beschäftigung der Gothics mit dem Tod entwickelt sich also nicht aus eigener Todessehnsucht, sondern führt zur Todesakzeptanz. Das ist ein Unterschied.

Die Gothics sind ein melancholisches Völkchen. "Happy Gothics", wie sich ein Grüppchen Münsteraner Schwarzer provokativ nennt, sind eher ein Widerspruch in sich, zumindest eine Kuriosität. Obwohl es seit einigen Jahren immer mehr von ihnen gibt, fallen Gothics im Stadtbild kaum auf. Immer auf der Suche nach dem Sinn ihrer eigenen Existenz und neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Persönlichkeit, leben sie gerne zurückgezogen in den eigenen vier Wänden, lesen viel, schreiben eigene Gedichte und Prosa, malen oder gestalten selbst ihre Wohnung, hören Musik und diskutieren mit gleichgesinnten Besuchern. Auch an den Wochenenden ziehen sie häufig die kontemplative Stille der Natur dem hektischen städtischen Leben vor. Ausflüge in nahe gelegene Wälder (vor allem im Herbst), zu möglichst alten, verwitterten und verwilderten Kirchen, Burgen, Ruinen und Friedhöfen sind populäre Freizeitinteressen der Gothics. Die Szene-Illustrierten veröffentlichen deshalb regelmäßig Foto- und Reisereportagen über "die schönsten Friedhöfe Europas".

Eigene Szenetreffpunkte haben sich die Gothics kaum geschaffen. Die inzwischen etwa 60 - 80 Szeneläden zwischen Erfurt und Kiel dienen in erster Linie als Gelegenheit zum Einkaufen von Kleidung, Musik etc., nicht als Orte der Kommunikation. "Meine Lehrer haben öfters bei meinen Eltern angerufen und gesagt, der sitzt immer allein in der Ecke. Wenn die anderen Kinder Fangen gespielt haben oder Verstecken, habe ich gelesen und nachgedacht", erinnert sich PaPa, 25 Jahre alt, Betreiber eines Gothicladens in Duisburg (in: Hitzler/Bucher/Niederbacher 2001, S. 70). Gothics sind ich-bezogene "Denker und Poeten", einsame Individualisten selbst inmitten ihrer Solidargemeinschaft.

Auch mit der bunten Welt der übrigen Jugendkulturen wollen sie nichts gemein haben. Bei Techno-Raves, HipHop-Jams und anderen schrillen, lautstarken Events trifft man sie nicht. Auch Sport ist in der Regel nicht ihr Ding, zu schnell, zu konkurrenzorientiert. Existieren gleich mehrere Exemplare ihrer Gattung an einer Schule, sondern sie sich gerne vom lautstarken Pulk der Mitschüler in eine ruhigere Ecke ab. Lediglich ausgewählte Punks und Black Metaller dürfen sich ihnen als anerkannte Artverwandte bisweilen respektvoll hinzugesellen. "Wir sind etwas Besonderes", signalisieren sie dem Rest der Welt mit jedem Blick und noch viel mehr mit ihrer demonstrativ gezeigten Ignoranz gegenüber der Welt um sie herum. Das macht sie auch unter Gleichaltrigen nicht unbedingt beliebt. Gothics gelten im Allgemeinen – nicht völlig zu Unrecht – als "arrogant".

Die Gothics sind eine Mondkultur inmitten von Sonnenkulten. Der Mond symbolisiert Sehnsucht, und die Zeit seiner Präsenz, die Nacht, bedeutet Stille und Einsamkeit; sie ist aber auch der bevorzugte Spielort der Sexualität; die Ästhetik der Nacht(geschöpfe), die Vielfalt ihrer Farben, Töne, Gerüche enthüllt sich nicht dem oberflächlichen Betrachter. In der Mythologie zahlreicher Religionen und auch in den meisten Sprachen wird der Mond – Luna – dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Und in der Tat sind die Gothics sowohl in ihrer Ästhetik als auch in der realen Geschlechterpräsenz eine stark weiblich geprägte Kultur.



Literatur

Hitzler, Ronald/Bucher, Thomas/ Niederbacher, Arne: Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. Opladen 2001.

Richard, Birgit: Schwarze Netze. Die Gruftie- und Gothic-Punk-Szene. In: SPoKK (Hrsg.) 1997, S. 129 – 140.

Klaus Farin

Zur Person

Klaus Farin

ist Fachautor, Dozent und Leiter des Archiv der Jugendkulturen sowie des gleichnamigen Verlages.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln