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20.5.2016

Antikolonialismus und kulturelle Selbstbehauptung

Kolonialherren gelang es nur selten, eine völlige politische und kulturelle Hegemonie zu etablieren. Verschiedene Formen des Widerstandes, der Verweigerung und der Subversion gehören von Anfang an ebenso zur Geschichte der kolonialen Begegnung wie Expansion und Ausbeutung.

Mohandas Karamchand Gandhi (1869 bis 1948) war einer der politischen und ideologischen Führer Indiens während der Unabhängigkeitsbewegung gegen die britische Kolonialherrschaft. (© picture-alliance, picture alliance/CPA Media)


Wenn koloniale Herrschaft auch in den allermeisten Fällen auf asymmetrischen Machtbeziehungen basierte, so gelang es den Kolonialherren nur selten, in den beherrschten Gebieten eine völlige politische und kulturelle Hegemonie zu etablieren. Vielgestaltige Formen des Widerstandes, der Verweigerung und der Subversion gehören deshalb von Anfang an ebenso zur Geschichte der kolonialen Begegnung wie Expansion und Ausbeutung. Widerstand gegen die Fremdherrschaft drückte sich dabei nicht notwendigerweise, ja vielleicht nicht einmal besonders häufig, in direkter physischer Konfrontation aus. Mindestens ebenso bedeutend waren die verschiedenen Strategien der Kolonisierten, sich dem kulturellen und zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch der Kolonialmacht auf einer ideologischen Ebene entgegenzustellen. Denn seit dem späten 18. Jahrhundert gründete sich koloniale Herrschaft nicht allein auf politischer und militärischer Dominanz.

Sie schöpfte ihre Legitimation zunehmend aus der Annahme einer grundsätzlichen, auch rassistisch motivierten Ungleichwertigkeit zwischen Herrschern und Beherrschten. Die Aufrechterhaltung des Abstandes zwischen den beiden Kollektiven — der amerikanische Historiker Frederick Cooper prägte dafür den Begriff "the politics of difference" — wurde damit zum wichtigen Bestandteil imperialer Herrschaftssicherung. Paradoxerweise wurde diese Politik der Differenz weiterbetrieben, obwohl häufig im gleichen Atemzug die Beseitigung aller Unterschiede durch "Zivilisierung" oder "Hebung" der Kolonisierten in Aussicht gestellt wurde. Es ist deshalb wenig überraschend, dass zahlreiche Vertreter der kolonisierten Eliten ihren Widerstand gegen imperiale Herrschaftsansprüche über eine Neuverhandlung der vermeintlichen Differenz zwischen Herrschern und Beherrschten artikulierten.

 Manuela Beltrán war eine Anführerin der patriotischen Bürgerbewegung im heutigen Kolumbien gegen die spanische Kolonialmacht. Über ihr Leben ist wenig bekannt – aber gesichert ist, dass sie in schon fortgeschrittenem Alter im Jahr 1781 eine Revolte gegen die spanische Krone anzettelte. Nachdem das neue Steuersystem in einer Verordnung am 16. März 1781 auf einem Plakat in der Stadt El Socorro veröffentlicht wurde, informierte sie die Menschen darüber und riss das Plakat ab. Damit war sie die erste Person in Kolumbien, von der überliefert ist, dass sie ein Symbol der spanischen Herrschaft zerstörte. In Kürze versammelten sich mehr als zweitausend Menschen auf den Marktplatz vor der Residenz des Bürgermeisters und folgten ihrem Schlachtruf "Lang lebe der König – ein Ende der schlechten Regierung". Der Aufstand verbreitete sich wie ein Lauffeuer im nordöstlichen Teil des damaligen Reiches und mündete in der "Revolución Comunera", die aber von den spanischen Herrschern rasch aufgelöst wurde. Sukarno war der erste Präsident Indonesiens. Als Anführer des Widerstandskampfes in Niederländisch-Ostindien verbrachte er über zehn Jahre in niederländischer Haft. Aus dieser entlassen wurde er, als die Japaner 1942 das Land eroberten, mit denen er in der Folge kollaborierte. Am 17. August 1945 erklärte er sein Land für unabhängig (siehe Foto). Als Präsident unterdrückte er das parlamentarische System zugunsten einer autoritären "Gelenkten Demokratie". Emilio Aguinaldo (1869-1964) kämpfte als Kopf der Widerstandsbewegung „Katipunan“ gegen die Spanier und die USA für die Unabhängigkeit der Philippinen. Das Bild aus dem Jahr 1901 zeigt die Gefangennahme Aguinaldos durch den US-amerikanischen General Frederick Funston während des Philippinisch-Amerikanischen Kriegs. Ho Chi Minh wurde 1890 als Nguyan That Tan geboren. Für über 30 Jahre führte er die nationalistische Bewegung an und kämpfte erst gegen die japanische, dann die französische Kolonialmacht und dann gegen die von den USA unterstützten Südvietnamesen. Er war Präsident Nordvietnams von 1954 bis zu seinem Tod 1969. Rhee Syng-man (1875-1965) trat 1896 dem Independence Club bei, der für die koreanische Unabhängigkeit gegenüber Japan eintrat. Der Club wurde 1896 aufgelöst und Rhee Syng-man bis 1904 inhaftiert. Nach seiner Freilassung emigrierte er in die USA. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korea verließ er das Land wieder und versuchte die nächsten 30 Jahre vergeblich internationale Unterstützung für die Unabhängigkeit zu gewinnen. Seit 1919 war er Oberhaupt der neugegründeten Provisorischen Regierung der Republik Korea, welche er aus dem Exil leitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er mit Unterstützung der US-Amerikaner nach Korea zurück, wo er 1948 zum ersten Präsidenten der Republik Korea (Südkorea) gewählt wurde. Als Präsident übte er eine diktatorische Herrschaft aus. Auf dem Foto ist er zusammen mit US-General Edward Craig zu sehen. Das Bild ist während des Koreakrieges (1950-53) entstanden Mohandas Karamchand Gandhi (1869 bis 1948) war einer der politischen und ideologischen Führer Indiens während der Unabhängigkeitsbewegung gegen die britische Kolonialherrschaft. Muhammad Ali Jinnah (1876 bis 1948) war Anwalt, Politiker und gilt als Gründer Pakistans. Von 1913 an war er der Anführer der Muslimliga in Britisch-Indien. Er setzte sich für die Teilung von Britisch-Indien in Indien und Pakistan ein, womit er die Rechte der indischen Moslems schützen wollte. Zur Formierung des Staates Pakistans kam es schließlich am 14. August 1947. Bis zu seinem Tod war Jinnah der erste Generalgouverneur des neuen Staates. Habib Bourguiba (1903-2000) führte Tunesiens Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialmacht von Frankreich aus. Er begründete 1934 die Neo-Destur-Partei und war in den Jahren 1934-1954 mehrfach wegen Volksverhetzung in französischer Haft. 1957 wurde er Präsident des nordafrikanischen Staates, als dieser die volle Unabhängigkeit erlangte. Samuel Maharero (1856 - 1923, Oberhäuptling der Herero) hat in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika – nach anfänglicher Zusammenarbeit mit den Deutschen – als Anführer den Widerstand der Herero gegen die Kolonialherren angeführt. In dem Kolonialkrieg, den das Deutsche Reich zwischen 1904-1908 gegen die Herero und Nama führte, verlor Maharero die entscheidende Schlacht auf dem Plateau des Waterbergs (1904) gegen die deutsche Armee. Der Vernichtungskrieg gegen die Herero wird heute als Genozid eingestuft. Patrice Lumumba (Mitte) wird am 2. Dezember 1960 von Mobutu-Truppen verhaftet und der Presse vorgeführt. Der Mitbegründer des "Mouvement National Congolais" wurde im Juni 1960 erster Ministerpräsident von Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Staatspräsident Kasawubu setzte ihn jedoch am 5. September 1960 ab. Nach einem Militärputsch übernahm Mobutu Sese Seko die Macht und ließ Lumumba verhaften. Er ist am 17. Januar 1961 unter ungeklärten Umständen ermordet worden. 1966 erklärte man ihn zum Nationalhelden. Julius Nyerere (1922-1999) gründete 1954 die Tanganyika African National Union (TANU), die versuchte, sich aus der britischen Kolonialherrschaft zu befreien. Ziel war es, die Stämme aus Tanganyika (Festland) und Sansibar (Inseln) zu vereinen. Nachdem er zunächst 1961 Tanganyika in die Unabhängigkeit führte und Präsident des neu errichteten Staates wurde, konnte er im Jahr 1964 beide Stämme vereinen und daraus einen gemeinsamen Staat namens Tansania bilden – mit Nyerere als ersten Präsidenten. Bekannt wurde Nyerere auch für seine Ideen eines 'afrikanischen Sozialismus' (Ujamaa), die aber nur teilweise erfolgreich sein sollten. 1985 trat er als Staatspräsident zurück. Kenneth Kaunda (geboren 1924) führte Sambia 1964 in die Unabhängigkeit. Er war erst Mitglied des African National Congress (ANC), der ersten größeren antikolonialen Organisation im britischen Protektorat Nordrhodesien. Später wurde er der Präsident von dessen Nachfolgeorganisation, Zambia African National Congress. Als solcher verfolgte er eine Strategie des zivilen Ungehorsams und stellte sich gegen die britischen Pläne, die drei zentralafrikanischen Kolonien Süd- und Nordrhodesien sowie Nyasaland zu vereinen. Dies führte zur Inhaftierung von Kaunda und weiteren Widerstandskämpfern durch die Briten. In der Öffentlichkeit wuchs die Unterstützung für die Bewegung. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1960 wurde Kaunda zum Präsidenten der kurz zuvor entstandenen United National Independence Party (UNIP) gewählt, die aus den ersten größeren Wahlen 1962 als Sieger hervorging. Die britische Regierung entschied sich, die Dekolonialisierung zuzulassen und gewährte Sambia 1964 schließlich die Unabhängigkeit. Toussaint Louverture (1743-1803), geboren als Sklave in der französischen Kolonie Saint-Domingue (heute Haiti), ging als Anführer der ersten erfolgreichen Revolution gegen Europas Kolonialherrschaft in die Geschichte ein. Zwischen 1794 und 1801 brachte er in mehreren Kämpfen die gesamte Insel, also auch die heutige Dominikanische Republik, unter seine Kontrolle. Kurz darauf erließ er eine Verfassung für die gesamte Insel. 1802 aber entriss ihm eine aus Frankreich entsandte Armee wieder die Macht. 1803 starb Louverture in einem Gefängnis in Frankreich. 1804 war Haiti dann endgültig unabhängig. Hidalgo Costilla (1753- 1811), mexikanischer Priester und Revolutionsführer, strebte eine Republik ähnlich den Vereinigten Staaten von Amerika an. Am 16. September 1810 – heute der mexikanische Unabhängigkeitstag – rief er zum Kampf gegen die spanische Kolonialmacht auf. Zunächst schlossen sich ihm rund 600 Menschen an, auf dem Weg in die Hauptstadt Mexiko-Stadt wuchs die Anzahl seines Gefolges bis Mitte Oktober auf rund 80.000 an. Nach mehreren Gefechten wurde er Anfang 1811 geschlagen und später hingerichtet. Die Fortsetzung des Kampfes – mit Hidalgo als Symbol der Unabhängigkeitsbewegung – mündete 1821 schließlich in der Unabhängigkeit Mexikos. Simón Bolívar (1783-1830) führte die südamerikanische Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft in den heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Panama, Ecuador, Peru und Bolivien an. Der als "El Libertador" (Der Befreier) gefeierte Bolívar war entscheidend an der Unabhängigkeit Venezuelas 1811 beteiligt. 1819 wurde er Präsident von Groß-Kolumbien, das Venezuela und Kolumbien vereinte, 1822 befreite er auch Ecuador und gliederte es dem neuen Staatenverbund an, und 1823 folgte die Befreiung Perus, das sich 1827 auch Groß-Kolumbien anschloss. Eine Konföderation aller amerikanischen Staaten konnte Bolívar nie verwirklichen –  Groß-Kolumbien zerfiel 1830. José de San Martín (1778-1850), im heutigen Argentinien geboren, führte Chile in die Unabhängigkeit und befreite Peru von der spanischen Kolonialmacht. Zunächst Mitglied der spanischen Armee, schloss er sich 1812 einer Widerstandsbewegung in Argentinien an. Von dort führte er 1817 seine Armee über die Anden nach Chile und überraschte die spanischen Truppen. Binnen eines Jahres konnte er ganz Chile befreien und setzte daraufhin eine nationale Regierung ein, verzichtete aber auf das Amt des Präsidenten. Stattdessen plante er Invasion in Peru... ...Mitte 1820 rückte San Martín mit seiner Armee nach Peru vor, wo er innerhalb eines Jahres das Land einnehmen konnte und am 28. Juli 1821 die Unabhängigkeit Perus ausrief. Da aber die spanischen Truppen ihren Widerstand fortsetzten, bat San Martín um die Mithilfe Simón Bolívars, der kurz zuvor erst Venezuela, Kolumbien und Ecuador befreit hatte. Bei dem Treffen zwischen den beiden in der Nacht von 26. auf den 27. Juli 1822 soll es zu Uneinigkeiten gekommen sein. Vermutet wird, dass San Martín eine konstitutionelle Monarchie für Peru vorsah, während Bolívar eine Demokratie nach amerikanischem Vorbild vorschwebte. In der Folge trat San Martín zugunsten Bolívars zurück, der das Land schließlich endgültig befreien konnte. San Martín zog sich nach Nordfrankreich zurück und starb dort 1850. Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara (rechts im Bild): Guevara (1928-1967), argentinischer Arzt und Revolutionär, wurde in der Rebellenarmee als zweiter Mann hinter Castro in der Kubanischen Revolution (1953-1959) zur Symbolfigur. Später schloß sich Guevara dem bewaffneten Kampf in Bolivien an und wurde 1967 vom bolivianischen Militär gefangen genommen und erschossen. Gamal Abdel Nasser (1918-1970) war ein ägyptischer Diktator. Er gründete die konspirative Organisation der „Freien Offiziere“. Ihr Ziel war es, die Briten und das ägyptische Königshaus aus Ägypten zu vertreiben. Er war 1952 am Sturz von König Faruk I. beteiligt. Zunächst wurde Nasser Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitkräfte. Von 1954 an leitete er als Minister- und Staatspräsident die Geschicke seines Landes und begründete eine Diktatur. Auf dem Foto zu sehen ist Nasser am 22. Februar 1958: Nachdem er zum ersten Präsidenten der Vereinigten Arabische Republik (Union Ägyptens und Syriens von 1958 bis 61) gewählt wurde, richtet er sich an die versammelte Menge in Kairo. Jomo Kenyatta (ca. 1894-1978) war ein afrikanischer Staatsmann und Nationalist, der erste Premierminister (1963-64) und erste Präsident (1964-78) nach Kenias Unabhängigkeit. 1947 wurde Kenyatta zunächst Präsident der neu entstandenen Kenyan African Union, die sich für die Unabhängigkeit von britischer Kolonialherrschaft einsetzte. Er wurde 1952 verhaftet, weil man ihn für einen der Anführer der rebellischen Mau Mau Society hielt, und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die britische Kolonialregierung bezeichnete die um 1950 entstandenen Geheimbünde des Stammes der Kikuyu als Mau-Mau Rebellen. Ihr Aufstand (1952-1956) wurde von den Briten niedergeschlagen. Nach seiner Entlassung verhandelte Kenyatta die Bedingungen für die Unabhängigkeit in London 1962. Als Kenia 1963 die Unabhängigkeit erlangte, wurde er zum ersten Premierminister des Landes. Der ghanaische Politiker Kwame Nkrumah (1909-1972) führte die Unabhängigkeitsbestrebungen der britischen Kolonie Goldküste an. Er gehörte 1945 zu den Organisatoren des 5. Panafrikanischen Kongresses und wurde Leiter des Westafrikanischen Nationalsekretariats. 1947 kehrte er an die Goldküste zurück und wurde 1951 erster Ministerpräsident der Goldküste (ab 1957 des unabhängigen Ghana). 1960 wurde er Staatspräsident der Republik Ghana. Nkrumah war geistiger Führer des Panafrikanismus und des afrikanischen Sozialismus. 1964 führte er das Einparteiensystem ein, schaltete oppositionelle Politiker aus und förderte den Kult um seine Person. Er wurde 1966 durch einen Armeeputsch gestürzt.


Widerstand durch Anpassung: gemässigter Anti-Kolonialismus

Die Herrschaftsstrategien der teilweise sehr unterschiedlichen Imperialmächte bewegten sich in der Regel in einem Spannungsfeld von Versuchen, die beherrschten Eliten zu assimilieren und der klaren Markierung sozialer und kultureller Distanz. Im französischen und japanischen Kolonialreich spielten Pläne einer breit angelegten kulturellen Assimilation dabei eine besonders wichtige Rolle. In Algerien beispielsweise förderten die Kolonialherren im späten 19. Jahrhundert mit großem Aufwand die Verbreitung der französischen Sprache und Kultur unter der einheimischen Bevölkerung, etwa durch französische Literatur und Geschichte in der Schulbildung, sowie Theater und Musikaufführungen. Aber auch im niederländischen und britischen Empire, wo die Machthaber gemeinhin viel lieber mit Formen indirekter Herrschaft experimentierten, d.h. traditionelle Eliten in das koloniale System integrierten und auf "association" statt auf "assimilation" setzten, erwies sich die Heranbildung zumindest einer kleinen, westlich gebildeten indigenen Funktionselite aus Sicht der Kolonialmacht als unerlässlich.

Zum einen garantierte die Existenz einheimischer Schreiber, Beamter, Lehrer oder Anwälte das reibungslose und kostengünstige Funktionieren des Verwaltungs- und Ausbeutungsapparates der Kolonien. Der Lohn von indischen Post- oder Eisenbahnbeamten betrug nur rund ein Viertel des Lohns von Europäern. Erstere galten zudem als zuverlässiger, da man annahm, dass sie weniger Alkohol konsumieren. Zum anderen hoffte die Kolonialverwaltung aber auch, diese Schicht könnte als Scharnier zwischen der europäischen Kolonialelite und der lokalen Bevölkerung fungieren und damit die koloniale Herrschaft weiter zementieren. Für Indien, das Herzstück des britischen Kolonialimperiums, hatte der prominente britische Verwaltungsbeamte Thomas Babington Macaulay in einer vielzitierten Denkschrift "Minute On Indian Education" bereits 1835 einen entsprechenden Umbau des Bildungssystems postuliert.

Man müsse, so Macaulay, höhere Bildungsinstitutionen nach westlichem Muster für die Ausbildung einer dünnen indigenen Oberschicht zur Verfügung stellen. Nur dadurch sei es möglich, eine Gruppe von loyalen "go-betweens" zu kreieren, deren Existenz für die langfristige Herrschaftssicherung notwendig sei. Das Ziel war also, in seinen Worten: "a class of persons, Indian in blood and colour, but English in taste, in opinions, in morals, and in intellect".

In Indien ebenso wie in Algerien, auf den zunächst von Spanien und später von den USA beherrschten Philippinen und in vielen weiteren Kolonien bildeten sich im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts solche hybriden, mit beiden Kulturen vertrauten Schichten heraus. Nahezu flächendeckend entstanden in kolonisierten Räumen "verwestlichte" Eliten, die im Laufe ihrer Ausbildung (die häufig im Ausland erfolgte) nicht nur den modernen Bildungskanon Euro-Amerikas aufgesogen hatten, sondern zum Teil auch mit den Vertretern liberaler oder linker politischer Theorien in Berührung gekommen waren. Viele von ihnen waren offene Bewunderer der jeweiligen Kolonialmacht und dem was sie ― ganz in der Rhetorik der imperialen Herrscher ― als deren zivilisatorische Errungenschaften ansahen. Sie erachteten den Kontakt mit den Kolonialherrschern als eine historische Chance, ihre Gesellschaften zu reformieren. Aus der Mitte dieser Gruppen rekrutierten sich die allermeisten Vertreter der Strömung eines moderaten, bürgerlichen anti-kolonialen Nationalismus, der sich in nahezu allen Kolonien beobachten lässt.

Ihre politischen Forderungen waren in der Regel sehr langfristig ausgelegt und beinhalteten nur sehr selten einen radikalen Bruch mit der Kolonialmacht. Stattdessen beschränkten sie sich auf die Beseitigung von Missständen und eine graduelle Ausweitung der politischen Beteiligung der indigenen Oberschichten im Rahmen der imperialen Ordnung. Um ihren Führungsanspruch zu legitimieren, verwiesen diese bürgerlichen Nationalisten auf ihre Identität als Einheimische bei gleichzeitiger Betonung ihres "zivilisierten" Status. Mit anderen Worten: die Assimilationsleistung, die sie vollbracht hatten, hatte den zivilisatorischen Abstand zur Kolonialmacht aufgehoben. Wenn die Versprechen der imperialen Zivilisierungsmission ernst gemeint waren, berechtigte sie dies zur Herrschaftsausübung und machte damit – zumindest langfristig – die Präsenz der Fremdherrscher überflüssig.

Der vietnamesische "Nationalrevolutionär" Phan Châu Trinh (1872 – 1926), einer der führenden Köpfe der frühen antikolonialen Bewegung in Französisch-Indochina, ist ein typischer Vertreter dieser Gruppe. Trinh entstammte der vorkolonialen Bildungs- und Verwaltungselite der Mandarine und war bis zum Anfang des 20. Jahrhundert mit dem Hof verschiedener Nguyen Kaiser assoziiert, die als Marionetten der Franzosen ihr Land offiziell weiter regieren durften. 1905 legte Trinh seinen Dienst unter der von ihm zunehmend als morsch und korrupt wahrgenommenen Monarchie nieder und begann seinen jahrzehntelangen Kampf für die Errichtung einer demokratischen Republik. Er kritisierte die verkrusteten konfuzianistischen Strukturen des traditionellen Vietnam radikal und warb daher bei seinen Landsleuten dafür, mit den liberalen Vertretern des Kolonialregimes beim Erreichen des Fernziels Demokratie zusammenzuarbeiten. Die Franzosen wiederum versuchte er unter anderem mit dem Verweis auf die Staatstheoretiker Rousseau und Montesquieu an ihr eigenes demokratisches Gedankengut zu erinnern ― wenn auch nur mit mäßigem Erfolg.

Das Bild zeigt ein Gruppenfoto der Delegierten des First Indian National Congress, Bombay/Mumbai, 1885 (© picture-alliance, CPA Media Co. Ltd)



Auch die erste Generation der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung besaßen eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber den kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Kolonialherren – vor allem in den Bereichen Literatur, Philosophie, Natur- und Staatswissenschaften, und später auch hinsichtlich des Bildungssystems. Entsprechend grenzten sie sich stärker von den Werten und politischen Visionen traditioneller Landsleute ab als von denjenigen der Briten.

Ähnlich wie in Indochina versuchten die moderaten Nationalisten auch in Indien ihre Beherrscher an die eigenen Werte zu erinnern. Sie kritisierten daher zumeist eine mangelnde Umsetzung der zivilisatorischen Normen und nicht etwa das Phänomen des Kolonialismus per se. Paradigmatisch dafür kann der Politiker, Intellektuelle und Geschäftsmann Dadabhai Naoroji (1825-1917) stehen. Naoroji war einer der Gründer de Indischer Nationalkongresses (Indian National Congress/INC) im Jahr 1885. Der INC sollte nicht nur schon bald zur wichtigsten organisatorischen Plattform der indischen Nationalbewegung werden, sondern auch zum Vorbild für viele spätere antikoloniale Sammelbewegungen weltweit. In seinem Buch Poverty and Un-British Rule in India artikulierte Naoroji 1901 eine viel beachtete ökonomische Kritik an der Herrschaft der Briten in Indien. Dabei verurteilte er den einseitigen Abfluss von Profiten aus der kolonialen Wirtschaft nach Großbritannien als "un-britisch". Gleichzeitig betonte er jedoch, dass die indische Bevölkerung die vielfältigen Segnungen des Raj (=britische Herrschaft in Indien) im Falle einer Korrektur der Wirtschaftspolitik und Rückkehr der Kolonialmacht zu ihren eigenen ethischen Standards noch besser zu würdigen wisse. Beispiele für ein vergleichbares Argumentationsmuster lassen sich auch Jahrzehnte später noch finden. Im Westafrika der Zwischenkriegszeit beispielsweise sympathisierte ein beträchtlicher Teil der westlich gebildeten urbanen Jugend in den Küstenregionen mit dem Modernisierungsprojekt des britischen Weltreichs. Doch das Schweigen der Briten und Franzosen zur völkerrechtswidrigen Invasion des faschistischen Italiens in Abessinien (dem heutigen Äthiopien) 1935/36 zeigte ihren Unwillen, die selbstgesetzten moralischen Vorgaben eines "aufgeklärten Kolonialismus" – wie den Colonial Development Act – international durchzusetzen. Der Abessinienkrieg entlarvte für viele die Heuchelei der imperialen Zivilisierungsmission und beförderte die Entstehung radikalerer antikolonialer Strömungen in der Region.

Widerstand durch Abgrenzung: ethno-kultureller Nationalismus und Pan-Bewegungen

Die Widerstandsstrategien der Kolonisierten erschöpften sich beileibe nicht darin, die europäische, US-amerikanische oder japanische Variante der imperialen Zivilisierungsmission durch vorauseilende Assimilation zu unterwandern. Es lassen sich im Gegenteil auch zahlreiche Beispiele dafür finden, dass die Einheimischen es ablehnten, sich dem zivilisatorischen Kriterienkatalog des Gegners zu unterwerfen. Denn so wurden Unterschiede, welche die Beherrschten von den Herrschern trennten, sogar noch stärker akzentuiert, als dies die Vertreter der Kolonialmacht taten. Ethno-kulturelle Nationalisten betonten nicht nur ihre Differenz, sondern auch ihre kulturelle oder moralische Überlegenheit gegenüber den Kolonialmächten.

Die Lebensart des Westens, so die Argumentation, sei weder die einzig vorstellbare Form von Zivilisation, noch eine besonders nachahmenswerte. Sehr viel erstrebenswerter als eine "Nachäffung" Euro-Amerikas sei es, so die Führer der kulturalistisch argumentierenden antikolonialen Gruppen, sich an den eigenen Traditionen und religiösen Idealen zu orientieren. Seit dem späten 19. Jahrhundert zirkulierten unter den kolonisierten Eliten in immer größerer Intensität negative Bilder und Klischees, die "den Westen" zunehmend als materialistische, überindividualisierte kulturelle Entität festschrieben, der im unablässigen Streben nach Macht und Profit jegliche Spiritualität und moralische Autorität eingebüsst hätte. Eine der denkwürdigsten Äußerungen in diesem Sinne stellt Mohandas Karamchand Gandhis berühmte Schrift Hind Swaraj (etwa: '"Indische Selbstherrschaft") aus dem Jahre 1909 dar.

In diesem antimodernen Manifest bezeichnete der spätere INC-Präsident die westliche Zivilisation als eine "finstere" und "satanische" Krankheit, von der man sich unter keinen Umständen anstecken lassen dürfe. Indiens Rettung bestehe folglich nicht etwa im möglichst geschickten Kopieren des Westens und in der Übernahme seiner materiellen Errungenschaften, sondern vielmehr in einer Rückbesinnung auf die eigenen Werte, Traditionen und Institutionen. Während sich die meisten Antikolonialisten für eine zumindest selektive Übernahme westlicher Technologie und Wissenschaft bei gleichzeitiger Selbstvergewisserung der eigenen kulturellen oder religiösen Identität aussprachen, lehnte Gandhi in Hind Swaraj das gesamte Projekt der "westlichen Zivilisation" ab.

Selbst von den meisten seiner Landsleute begrüßte Neuerungen der kolonialen Moderne wie die Eisenbahn, das Telegraphennetz oder die westliche Schulmedizin waren für ihn als Bestandteile eines moralisch heruntergekommenen westlichen way of life genauso zu verurteilen wie offensichtlicher diskriminierende Ideologien, Institutionen und Praktiken der Kolonialmächte. Dabei war Gandhis konsequente Verdammung des Westens freilich zu nicht unwesentlichen Teilen von der Lektüre europäischer und amerikanischer Zivilisationskritiker wie Edward Carpenter, Henry David Thoreau oder Lew Tolstoi inspiriert.

Symbol des Fortschrittes und Symbol des "westlichen Materialismus": Das koloniale Eisenbahnnetz. Hier: Indien, ca. 1900 (© picture-alliance, United Archives/TopFoto)



In vielen Fällen war diese Rückbesinnung auf die angeblich überlegene eigene Kultur bzw. Zivilisation der Kolonisierten religiös unterfüttert. Zu diesem Zweck ließen sich praktisch alle grossen Religionen instrumentalisieren. Zahlreiche indische Nationalisten woben hinduistische Motive in ihre sehr unterschiedlichen antikolonialen Ideologien ein. Die ersten nationalistischen Protestaktionen auf Ceylon und in Burma bedienten sich einer buddhistischen Rhetorik. Es gab besonders viele einflussreiche Imperialismuskritiker, die ihre Inspiration und ihre Symbolik aus dem Islam bezogen. Der iranische Vordenker des Panislam, Dschamal ad-Din al-Afghani (1838–1897), verfasste erste antikoloniale Schriften bereits in den 1880er-Jahren.

Führende Intellektuelle der Zwischenkriegszeit wie der Dichter Muhammad Iqbal (1877-1938), der als geistiger Vater Pakistans gilt, nutzten bei der Artikulation ihrer Kritik an der imperialen Weltordnung ebenfalls Elemente der islamischen Tradition. Das gleiche gilt für prominente Vertreter der ägyptischen oder indonesischen Nationalbewegung. Die muslimische Händlervereinigung Sarekat Islam auf Java beispielsweise fungierte als erste Plattform für die Auseinandersetzung indonesischer Nationalisten mit der Kolonialmacht. Die oft elitären Mitglieder des Sarekat Islam machten unter anderem durch Petitionen und Demonstrationen auf soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Ausbeutung im kolonialen System aufmerksam.

Sogar das Christentum, das in vielen Teilen der (kolonisierten) Welt als "Komplize des Imperialismus" wahrgenommen wurde, konnte ideologische Schützenhilfe für Antikolonialisten leisten. In Japans wichtigster Kolonie Korea wurde es von Teilen der dortigen Emanzipationseliten als Ressource genutzt, um sich kulturell abzugrenzen und den Assimilationsversuchen der Besatzungsmacht zu widerstehen. Obwohl sie eine relativ kleine religiöse Minderheit darstellten, galten insbesondere koreanische Protestanten als große Patrioten und waren disproportional häufig in nationalistischen Parteien und Gruppierungen vertreten.

In Afrika spielten weniger religiöse Motive eine identitätsstiftende Rolle bei der Formierung antikolonialer Parteien und Organisationen als vielmehr die verschiedenen Spielarten des Panafrikanismus. Diese politisch-kulturelle Bewegung hatte sich in den 1890er-Jahren zunächst unter der Führung afro-amerikanischer und karibischer Intellektueller formiert und erfasste in den ersten drei Jahrzehnten große Teile der Eliten auf dem afrikanischen Kontinent. Ganz nach dem bereits von Gandhi benutzten Muster beschworen prominente Anhänger des Panafrikanismus wie Jomo Kenyatta oder Léopold Senghor – der spätere Ministerpräsident Kenias bzw. der spätere Präsident Senegals – nun die Größe und Einheit der afrikanischen Zivilisation und kontrastierten diese mit den "Defiziten des Westens". Einige andere Vertreter dieser Richtung, wie Kwame Nkrumah oder Julius Nyerere – nach der Unabhängigkeit Präsidenten in Ghana bzw. Tansania – versuchten zudem, panafrikanisches Gedankengut mit sozialistischen Ideologien zu fusionieren.

Der ghanaische Politiker Kwame Nkrumah (1909-1972) führte die Unabhängigkeitsbestrebungen der britischen Kolonie Goldküste an. (© dpa, dpa - Bildarchiv)




Frühe nicht-westliche Theoretiker des Kolonialismus

Neben den oben erwähnten nationalistischen Führern gab es bereits vor dem Ende der imperialen Weltordnung einige einflussreiche akademische Akteure aus Asien und Afrika, die stärker an einer wissenschaftlichen Analyse und intellektuellen Durchdringung des Phänomens Kolonialismus interessiert waren und nicht allein auf Munition für ihren politischen Kampf abzielten. Der bengalische Ökonom Benoy Kumar Sarkar (1887–1949) beispielsweise verstand sich nicht in erster Linie als politischer Aktivist, sondern war ein anerkannter Sozialwissenschaftler, der lange Zeit auch an europäischen und US-amerikanischen Universitäten unterrichtet hatte, bevor er 1925 eine Dozentur in Kalkutta übernahm.

Seine profunde Bildung in der indischen Tradition einerseits und seine Vertrautheit mit europäischen Sprachen und Wissen andererseits ermöglichten es ihm, dem kolonialen Projekt des Westens inhärente "epistemische Gewalt" zu erkennen und anzuprangern. Er betrachtete die globale Überlegenheit Euro-Amerikas seit dem späten 18. Jahrhundert als ein der Verkettung von historischen Zufällen geschuldetes, weltgeschichtlich letztlich wenig bedeutsames Intermezzo. Infolgedessen wehrte er sich auch heftig gegen "albinokratische" (d.h. auf die Herrschaft der Weißen zentrierte) historische Deutungen, welche die geopolitische Dominanz des Westens auf die "rassische" oder kulturelle Unterlegenheit von Afrikanern und Asiaten zurückführen wollten. Mit dem Kampf um die Repräsentationsmacht und akademische Deutungshoheit nichtwestlicher Kulturen und Gesellschaften und Geschichten nahm der Universalgelehrte somit bereits wichtige Themen der Postcolonial Studies, die sich ab den 1980er Jahren an westlichen Universitäten etablieren sollten.

Gelehrte aus den französischen Kolonien in Afrika und der Karibik traten ebenfalls in dieser ersten Welle imperialismuskritischer Theoriebildung hervor. Frantz Fanon (1925–1961) etwa, Psychiater und Philosoph aus Martinique, thematisierte die Problematik der Normalisierung und Internalisierung europäischer Sichtweisen und Wertmaßstäbe, Jahrzehnte bevor postkoloniale Theoretiker sich damit auseinandersetzten. In seinem viel beachteten Buch Peau noire, masques blancs (Deutsch als Schwarze Haut, weiße Masken) aus dem Jahr 1952 beschrieb er das paradoxe Verhalten seiner eigenen Schicht, der kolonisierten Intellektuellen, die permanent "weiße Masken" trügen, um unter den herrschenden Machtverhältnissen Anerkennung von außen zu erfahren und – schlimmer noch – sich selbst respektieren zu können. Fanons Position radikalisierte sich in den folgenden Jahren weiter.

1956, auf dem Höhepunkt des Algerienkrieges, gab er seine lukrative Stellung als Leiter einer psychiatrischen Klinik in Algerien auf und schloss sich stattdessen der militanten Befreiungsbewegung FLN an. Sein letztes, kurz vor seinem Tod 1961 erschienenes Buch Les damnés de la terre (Die Verdammten der Erde) avancierte in kürzester Zeit zum wichtigsten anti-kolonialen Manifest der 1960er- und 1970er-Jahre. Darin kritisierte er gemäßigte "evolutionäre" Formen antikolonialen Widerstands und propagierte Gewalt als den einzigen Weg, auf dem die Kolonisierten zu Befreiung und Versöhnung mit sich selbst gelangen könnten.

Weiterführende Literatur:

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Harald Fischer-Tiné

Harald Fischer-Tiné

Prof. Harald Fischer-Tiné ist Professor für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich.


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