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20.8.2018

Der Prager Frühling und die Deutschen (II)

Vergangenheitspolitische Lasten und Öffentlichkeit
Fortsetzung von Teil 1: Bundesrepublik und DDR und ihr Verhältnis zur CSSR

3. Vergangenheitspolitische Lasten



Zwei Jahreszahlen - 1938, das Münchner Abkommen, mit dem die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs begann, und 1945, das das Ende der deutsch-tschechischen „Konfliktgemeinschaft“ markiert - symbolisierten einen qualitativen Bruch in den jahrhundertlangen deutsch-tschechischen und deutsch-slowakischen Beziehungen. Im Zentrum der zwischenstaatlichen Beziehungen während des „Prager Frühlings“ stand die beiderseitige Haltung zum Münchner Abkommen von 1938. Das Finden einer gemeinsam getragenen Formel war auch 1968 eine Voraussetzung für die beiderseitig gewollte Aufnahme diplomatischer Beziehungen gewesen.

Für die DDR war die Beteiligung am Einmarsch in der Tschechoslowakei ein sensibles Terrain. Denn schon einmal waren Deutsche mit Panzern in Prag einmarschiert, im März 1939 unter Hitler. (© picture-alliance, CTK)


Die seit Jahrzehnten von der tschechoslowakischen Seite postulierte Forderung nach der Annullierung des Münchner Abkommens ex tunc, von Anfang an, ging auf die Haltung des früheren Präsidenten Beneš zurück, der seit 1940 im Londoner Exil bemüht war, das Münchner Abkommen als ein Akt der Aggression und den eigentlichen Kriegsbeginn zu präsentieren, dessen Legalität vom tschechoslowakischen Parlament niemals anerkannt worden ist. Eine Ungültigkeitserklärung eines von Anfang an nicht legalen Diktats hatte zudem den Sinn, die Kontinuität der tschechoslowakischen Staatlichkeit und die Integrität des Staatsgebietes zu sichern. Mit dem Aufkommen des Kalten Krieges wurde eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem völkerrechtlichen Charakter des Münchner Abkommens nicht mehr aktuell. Später wurde aus der Forderung nach der Erklärung der Ungültigkeit von Anfang an eine bewußt hoch gesetzte Hürde für einen eventuellen politischen Dialog mit der Bundesrepublik. Im Freundschaftsvertrag mit der DDR vom März 1967 wurde die tschechoslowakische Forderung nach Ungültigkeit des Münchner Abkommens „von Anfang an“ festgeschrieben.

In der Bundesrepublik vertrat die offizielle Politik bis in die 60er Jahre die Auffassung, dass das Münchner Abkommen von 1938 von Hitler mit der Besetzung der Rest-Tschechoslowakei zerrissen worden sei, eine der britischen Diplomatie entlehnte Formel. In der Note der Bundesregierung von 1966 wurde zudem betont, dass sie gegenüber der Tschechoslowakei keinerlei territoriale Ansprüche erhebt. Im Dezember erklärte Bundeskanzler Kiesinger im Bundestag, dass „das unter Androhung von Gewalt zustandegekommene Münchner Abkommen nicht mehr gültig ist.“[1] Seine Annullierung lehnte jedoch ein bedeutender Teil des konservativen Lagers ab. So bekräftigte der CSU-Vorsitzender Franz Josef Strauß im Oktober 1966, dass das Münchner Abkommen ein „völkerrechtlich absolut gültiges Dokument“ sei, dessen Annullierung nie die Zustimmung der CSU finden werde.[2] Erst recht kritisierten die Sprecher der Sudetendeutschen, dass „das Münchner Abkommen sozusagen feierlich auf dem Bonner Marktplatz verbrannt werden soll“. Wenzel Jaksch lehnte für die Sudetendeutschen die Verantwortung für die Zerschlagung der Tschechoslowakei ab: „Was hat mit unserem Heimatrecht zu tun, dass Hitler am 15.März 1939 nach Prag einmarschierte und das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen vergewaltigte? Die Schaffung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ war ein Akt der Reichspolitik Hitlers, für den ganz Deutschland verantwortlich ist. Warum sollen dafür allein die Sudetendeutschen opfern und büßen?“[3]

Eine juristische Auseinandersetzung mit der tschechoslowakischen Forderung nach einer ex tunc-Ungültigkeit führte zur Einschätzung, dass der Tschechoslowakei daraus zusätzliche Entschädigungsansprüche entstünden und den Sudetendeutschen zivilrechtliche oder sogar strafrechtliche Konsequenzen aufgrund ihrer reichsdeutschen Staatsangehörigkeit entstehen könnten. Die Bundesregierung hat schließlich auch unter der sozialliberalen Koalition den Standpunkt eingenommen, dass das Münchner Abkommen „seinerseits rechtswirksam zustande gekommen“ sei.[4]

An der Diskussion über das Münchner Abkommen hat sich 1968 nichts Wesentliches verändert. Die bundesrepublikanische Diplomatie versuchte, die sudetendeutschen Interessen zu integrieren. Die tschechoslowakische Diplomatie bestand auch unter Dubček darauf, dass die westdeutsche Distanzierung vom Münchner Abkommen unabhängig von der Niederlage Hitlers erfolgen müsse, damit der psychologische Eindruck nicht entstehe, nur der verlorene Krieg sei das Motiv für die Ungültigkeitserklärung. Es müsse „von Anfang an als Unrecht, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen“[5] charakterisiert werden. Auch in der öffentlichen Diskussion des Jahres 1968 richtete der Schriftsteller Pavel Kohout in seinem Briefwechsel mit Günter Grass (siehe weiter unten) an die bundesrepublikanische Öffentlichkeit den Vorwurf, hinter den westdeutschen Rechtspositionen verberge sich ein Unwille der Regierung, mit der Vergangenheit Schluss zu machen und ein Mangel an „tätiger Reue“.[6]

Angesichts der Äußerung des Sprechers der Sudetendeutschen Landsmannschaft Becher, die Sudetendeutschen müssten an den Verhandlungen beider Regierungen beteiligt werden, lehnte das tschechoslowakische Außenministerium jede Vermittlungsrolle der Landsmannschaft ab. Da über die „nazistische Vergangenheit“ und „Hassgefühle ihrer Funktionäre“ gegenüber der Tschechoslowakei keine Zweifel bestünden, sei man nicht bereit, mit ihnen zu verhandeln.[7]

Die Sudetendeutschen und die Vertriebenen wurden in der kommunistischen Propaganda auf die gleiche Stufe gestellt wie die NPD. Sie waren die sichtbarsten und lautesten „Revanchisten“, die aus dem Krieg nichts gelernt haben und offensiv für eine Revision der Kriegsergebnisse eintraten. Die NS-Vergangenheit zahlreicher Vertriebenenfunktionäre erleichterte diese Propaganda. Die sowjetischen Parteiführer und Ulbricht malten das Gespenst der Rückkehr der Sudetendeutschen an die Wand und versuchten ohne Erfolg, Dubček und die anderen Reformer zu erschrecken. So verbreitete Ulbricht während des Warschauer Treffens der fünf Parteispitzen der Interventionskoalition Mitte Juli, dass die tschechoslowakischen Vertreter mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft über die Rückkehr von Hunderttausenden Sudetendeutscher in die nördliche Tschechoslowakei verhandeln würden. Die Tschechoslowakei würde selbst mit Henlein, würde er noch leben, verhandeln. Kosygin behauptete im Gespräch mit dem entführten Dubček im Kreml drei Tage nach dem Überfall, in Eger würden laut Berichten des tschechischen Rundfunks 25.000 Sudetendeutsche tagen.[8] Der sich abzeichnende Dissens konnte wegen der militärischen Niederschlagung des Reformexperiments nicht mehr ausgetragen werden, aber rückblickend zeichneten sich bereits Konflikte und vergangenheitspolitische Streitdiskurse ab, die auch nach 1989 zur Geltung gelangten. Der tragische Ausgang des „Prager Frühlings“ veranlasste die Sudetendeutsche Landsmannschaft dazu, eine Parallele zwischen der militärischen Intervention im August 1968 und den Zusammenstößen zwischen der tschechoslowakischen Armee und den teilweise militant verlaufenden Demonstranten in den deutschen Siedlungsgebieten am 4.März 1919 zu ziehen. Unter „den Gewehrkugeln tschechischer Okkupanten erlitten sie ungefähr so viele Opfer an Toten und Verwundeten wie die Tschechen 1968 im Zeichen der sowjetischen Invasion.“[9]

In der Öffentlichkeit auf beiden Seiten gab es mehrheitlich nachdenkliche und selbstkritische Stimmen. Hatte Golo Mann die Frage gestellt und verneint, ob es 1968 auch dann zu einem solchen Freiheitsausbruch in der Tschechoslowakei gekommen wäre, wenn noch die Deutschen im Lande geblieben wären[10], so fragten sich manche tschechische Journalisten, ob denn die Diskriminierung der im Lande verbliebenen Deutschen, die sie in die Emigration treibe, für so ein kleines Land nicht ein wirtschaftlicher, aber auch ein politischer Verlust sei, denn die rund 250.000 im Land verbliebenen Sudetendeutschen, die ihre politische Loyalität in schweren Zeiten unter Beweis gestellt hätten, gehörten zum demokratischen Potential des Landes. Ihre Zahl schrumpfte auf 140.000. Obwohl während der acht Monate des „Prager Frühlings“ es kaum eine deutsche Emigration gegeben habe, steige nun die Kurve unaufhörlich.[11] Auch das Tabuthema der Vertreibung und der gewaltsamen Zwangsaussiedlung der Deutschen am Kriegsende wurde zum Gegenstand einer öffentlichen Reflexion. In einem Trialog des Historikers Milan Hübl, des Schriftstellers Jan Procházka und des Redakteurs Vladimír Blažek in der Brünner Kulturzeitschrift „Host do domu“ wurde in einer bis dahin undenkbaren Offenheit über das politische und moralische Versagen der tschechischen Nachkriegspolitik in ihrer Haltung zu den einheimischen Deutschen gesprochen.[12]

Obwohl diese Problematik nicht zu den zentralen politischen Diskursen des Jahres 1968 gehörte, war es natürlich, dass sie nicht aus der kritischen Reflexion über die eigene Geschichte ausgespart wurde. Im Zuge der Erneuerung der Zensur und Unterdrückung aller Reformansätze blieb nur eine kleine Spur des Reformgeistes in Bezug auf die im Lande lebenden Deutschen. In der neuen Verfassung, die die Föderalisierung des bis dahin unitären Staates besiegelte, wurde zum ersten Mal seit dem Kriegsende, die deutsche Minderheit genannt und damit den anderen Minderheiten im Land gleichgestellt.

4. Die Öffentlichkeit



Anders als die fast unsichtbar gewordene Außenpolitik zwischen der Bundesrepublik und der Tschechoslowakei waren die gesellschaftlichen und kulturellen Kontakte 1968 lebendig und vielschichtig. Sie stützten sich auf die in den 60er Jahren intensiveren kulturellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Tschechoslowakei. Eine Reihe tschechischer und slowakischer Autoren wie Bohumil Hrabal, Ladislav Mnačko, Milan Kundera u.a. fanden westdeutsche Verleger und waren 1968 keine Unbekannten mehr. Die rege tschechische Kleintheaterszene der 60er Jahre wurde in Westdeutschland aufmerksam verfolgt. Der Dramatiker Václav Havel und der Schriftsteller und Theaterautor Pavel Kohout unterhielten schon Jahre vor der großen Öffnung von 1968 Kontakte in die Bundesrepublik. Der IV.Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller 1967, der in einen politischen Konflikt mit der Parteibürokratie mündete, erregte in der Bundesrepublik große Aufmerksamkeit. Ein vom tschechischen Historiker Ivan Pfaff gefälschter Hilferuf der bedrängten tschechoslowakischen Schriftsteller an die Weltöffentlichkeit löste die Solidarität von Günter Grass und Heinrich Böll aus und leitete, vom falschen Alarm losgelöst, einen grenzüberschreitenden Dialog ein. Pavel Kohout und Günter Grass schickten sich Briefe über die Grenze, die im Wochenmagazin „Die Zeit“ und der tschechischen Zeitung der „Student“ abgedruckt wurden. Sie gaben Zeugnis vom damaligen Zeitgeist unter linksorientierten und politisch engagierten Schriftstellern aus beiden Ländern. Während Pavel Kohout, selbstgerecht und über weite Strecken einem doktrinären kommunistischen Geschichts- und Gesellschaftsbild verpflichtet, die Motive der westdeutschen Politik in Bezug auf die Tschechoslowakei in Zweifel zog und seinen Gesprächspartner über die vermeintlichen Vorzüge der eigenen Gesellschaftsordnung aufklärte, suchte der behutsamer argumentierende Sozialdemokrat Grass nach Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit im Geiste eines „humanen Sozialismus“. Wichtiger als der Inhalt war der Umstand des freien Gesprächs, der nach dem Wunsch beider Seiten vertieft, erweitert und institutionalisiert werden sollte.[13] Die zeitgleiche Studentenrevolte in Westeuropa, den USA und die Studentenproteste in Prag und Warschau haben zu Kontakten zwischen den Studentenvertretern über die Blockgrenze hinweg geführt. So hat der Berliner SDS zur großen Versammlung der Prager Jugend in der Fučík-Halle Mitte März eine Grußadresse geschickt, und Rudi Dutschke besuchte Ende März, kurz vor dem Attentat auf ihn, Prag, wo er vor Tausend Studenten an der Karlsuniversität sprach. Er wurde mit höflicher Distanz aufgenommen („Sprechen sie als Prophet oder als Politiker?“). Obwohl er die antidogmatische Erneuerung in der ČSSR begrüßte, warnte er zugleich vor der Verherrlichung der bürgerlichen Demokratie. Er glaubte, im sozialistischen Nachbarland finde eine „Überbaurevolution“ statt, während im Westen noch eine „Basisrevolution“ bevorstehe.[14]

Es war jedoch umgekehrt. Die Demokratisierung in der Tschechoslowakei leitete eine echte Systemtransformation ein, während der antiautöritäre Studentenprotest in Westdeutschland ein soziokulturelles Phänomen blieb, das Reformen angestoßen hat. Die Koinzidenz der Studentenbewegungen konnte nicht über die großen Unterschiede zwischen ihnen hinwegtäuschen. Während die westdeutschen Rebellen die tschechoslowakische Studentenbewegung als „ständisch“ und mit einem äußerst begrenzten Horizont, ohne politische Substanz und theoretisch fundierte Visionen handelnde Bewegung abstempelten[15], konnten die tschechoslowakischen Studenten nur wenig mit den kubanisch- chinesischen Idolen der neuen Linken etwas anfangen.

Die Neue Linke war in der tschechoslowakischen Jugend- und Studentenbewegung eine marginale Erscheinung. Allerdings wurde gegen die trotzkistisch orientierte Gruppe um die westberliner Studentin Sybille Plogstedt und Petr Uhl, die nach dem August 1968 gegen die fortschreitende Restauration aktiven Widerstand geleistet hat, der erste politische Schauprozess der „Normalisierungsära“ von Husák veranstaltet. Hatten westdeutsche Rebellen im Namen eines abstrakten Internationalismus ihre Proteste gegen den Schah von Persien, gegen Vietnam u.a. gerichtet, versuchten die tschechischen und slowakischen Studenten erst einmal Bedingungen für ein freies Handeln im eigenen Land herzustellen. Den „ahnungslosen Besserwissern“ aus dem Westen hielt Hannah Arendt die Aussage des tschechischen Studentensprechers und heutigen Außenminister Jan Kavan entgegen, der schrieb: „Meine Freunde in West-Europa pflegen zu sagen, wir kämpften nur für bürgerlich-demokratische Freiheiten. Aber ich scheine irgendwie zwischen kapitalistischen und sozialistischen Freiheiten nicht unterscheiden zu können. Alles, was ich sehe und erkenne, sind grundsätzliche Menschenfreiheiten.“[16] Obwohl Differenzen in Bezug auf Vietnam, auf die Haltung zum eigenen Staat und zur Nation eine ebenso tiefe Kluft zum Vorschein kommen ließen wie der Gesang der Internationale bei den SDSlern und das pietätsvolle und traditionsbewusste „gaudeamus igitur“ der Prager Studenten bei ihren Zusammenkünften, waren dennoch viele verbindende Elemente vorhanden. Der fortschrittsgläubige Zeitgeist der 60er Jahre, der weltweite Siegeszug elektronischer Geräte und damit der synchronen Verbreitung der Musik, des Films und kultureller Trends, des Geschmacks und der Mode, die Erfindung der Pille und die Veränderung der Sexualität, die allgemeine Aufbruch- und Reformstimmung eines beschleunigten wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritts, förderten die vorökologische Utopie einer neuen, sozial gerechten Weltordnung. Minirock und Beatles waren ebenso Symbole eines gleichzeitig erlebten Weltgeschehens wie der Krieg in Vietnam, die Ermordung von Martin Luther King oder später des 21.August 1968 in der Tschechoslowakei.

Die protestierenden Studenten in Ost und West waren die erste Nachkriegsgeneration, die sich aus primär moralischen Gründen gegen das eigene Establishment stellte. Die Empörung über das unbewältigte Erbe der nationalsozialistischen und der stalinistischen Vergangenheit stellte einen starken Protestantrieb dar. Blieb die westdeutsche Studentenrevolte weitgehend auf die Universitäten beschränkt, waren die Proteste der tschechoslowakischen Studenten, zumal nach der Intervention, in einen nationalen Konsens eingebetet. Das Selbstverbrennungsopfer der Studenten Jan Palach und Jan Zajíc war ein Fanal des moralischen und politischen Widerstandes gegen die äußere Gewalt, das das ganze Land erschütterte und mobilisierte, während der Mordanschlag auf Rudi Dutschke die politische Polarisierung und Gewaltmobilisierung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zum Ausdruck brachte.

Für eine ganze Generation war der „Prager Frühling“ ein Schlüsselerlebnis, das maßgeblich zur politischen Sozialisation beitrug, in dem es den Desillusionierungsprozess über die Natur der Sowjetunion beförderte. So schrieb Ulrike Meinhof, die später die terroristische „Rote Armee Fraktion“ mitbegründete, in der linken Studentenpostille „Konkret“ den Artikel „Der Schock muß aufgearbeitet werden“: „Die Betroffenheit ist total. Bis zu den Studentenunruhen der letzten zwei Jahre war die europäische Linke pro-sowjetisch(...)Am 21.August 1968 hat die europäische Linke ihre Solidarität, ihre Sympathie, ihre Dankbarkeit gegenüber der Sowjetunion als dem ersten sozialistischen Land, als dem Staat, der in Stalingrad den deutschen Faschismus besiegt hat, aufgegeben.“[17]

In Bonn, Frankfurt am Main und Westberlin veranstalteten die Studenten vor sowjetischen Militärmissionen spontane Demonstrationen. Anschließend entschuldigte sich der Kanzler Kiesinger bei dem sowjetischen Botschafter Zarapkin für die Tomatenwürfe der Studenten auf die sowjetische Vertretung. Ein beträchtlicher Teil der Studenten hatte jedoch erhebliche Probleme, plötzlich mit dem ideologischen Feind (Springer Presse) in einem Protestchor zu singen. Die Abgrenzung zum „rechten Protest“ versuchte der marxistische Philosoph Ernst Bloch mit der Verknüpfung von Prag und Vietnam herzustellen. Nur wer gegen Vietnam protestiere, habe auch das Recht, gegen die sowjetische Intervention in Prag zu protestieren. Anders als ein Großteil der linken Studenten hielt er am Emanzipationspotential des „Prager Frühlings“ fest: „Die schöpferischen Ereignisse, die die Tschechen und Slowaken in Prag angefangen haben, könnten wieder lebendig machen, was in der Brautzeit des Sozialismus erhofft wurde.“[18]

Die weltweite Renaissance des Marxismus in den 60er Jahren, die relativ starke kommunistische Bewegung in Westeuropa, die marxistisch inspirierten Befreiungsbewegungen in den Entwicklungsländern und die unterschiedlichen Sozialismusmodelle in China, Kuba oder Jugoslawien schienen jenen Recht zu geben, die die utopischen Potentiale des Sozialismus als einer alternativen Moderne zum liberalen Kapitalismus 1968 noch nicht für ausgeschöpft hielten. Der zivilisatorische Rückstand und das Wohlstandgefälle zwischen Ost und West wurden noch nicht als Folge der Planwirtschaft, sondern als eine historisch bedingte Entwicklung rezipiert. Der Dialog zwischen undogmatischen Marxisten und Christen drückte nicht nur die Bereitschaft aus, über die Blockgrenze hinweg nach einer neuen moralischen und ideellen Orientierung zu suchen, sondern war auch ein Beleg dafür, dass weite Kreise im liberal-bürgerlichen politischen Spektrum den politischen und wirtschaftlichen Status quo nicht für das „Ende der Geschichte“ hielten. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) zeigte, dass der allgemein vorherrschende Reform- und Modernisierungsgeist der 60er Jahre nicht vor der katholischen Kirche Halt machte. Die Demokratisierung im Osten und der Ausbau des Wohlfahrtstaates im Westen schienen den Konvergenztheoretikern recht zu geben, dass sich die beiden Systeme annäherten. Nicht der Klassenantagonismus oder die Eigentumsverhältnisse, sondern der wissenschaftlich-technische Fortschritt schien für die Wirtschaftsproduktivität von entscheidender Bedeutung zu sein. Ota Šiks „dritter Weg“ zwischen dem Kapitalismus und Kommunismus stieß im Westen auf ein großes Echo. In diesem Sinn befand sich das reformkommunistische Experiment ideologisch auf der Höhe des zeitgenössischen Irrtums.

Zum ersten Mal sah sich die westdeutsche Politik mit einem neuen Phänomen des „kommunistischen Helden“ konfrontiert. Alexander Dubček war sicher der erste Kommunist, der nach dem Krieg in der Bundesrepublik in der Illustrierten „Stern“ zum Mann des Jahres avancierte. Willy Brandt staunte öffentlich über dieses Phänomen, das erst zwei Jahrzehnte später bei Gorbačev voll zur Entfaltung kam. Für die Sozialdemokraten und sozialistisch orientierte Intellektuelle war der Reformversuch eine Inspiration.

Franz Josef Strauß, der konservative Bayer, wollte Dubček nicht schaden und enthielt sich bis August 1968 jeder Äußerung zu seiner Person. Zu Newsweek- Journalisten meinte er allerdings, dass es eigentlich angebracht gewesen wäre, klar zu sagen, „dieser Dubček ist der gefährlichste aller Kommunisten, denn er macht den Kommunismus im Westen annehmbar, täuscht unsere Öffentlichkeit und erweckt den trügerischen Schein, als ob es einen humanen Kommunismus gebe.“[19] Er sei zwar nicht dieser Meinung, sie wäre jedoch eher für ihn hilfreich als die allseitigen Lobeshymnen in den westdeutschen Medien.

Auch die liberale Gräfin Marion Döhnhoff schrieb „von einer der aufregendsten Entwicklungen unserer Zeit“, in der ein Volk sich nicht von den Verlockungen des Kapitalismus in den Bann schlagen lasse, sondern, von der Vision eines Sozialismus mit menschlichen Antlitz angetrieben, eine „höhere Form der Sozialität“ praktizieren wolle. Durch die Okkupation des Landes hätten die Sowjets sich vor der ganzen Welt als Imperialisten decouvriert. Die alte Geschichte von David und Goliath, vom Konflikt zwischen dem Geist und der Macht, wurde in Prag ein Stück Wirklichkeit. Die kleine ČSSR habe die Sowjetmacht in ihre Grenzen verwiesen, mehr als es der Supermacht USA je gelungen sei. „Heute sind die Tschechen und Slowaken, was ihre politische Reife anlangt, weiter als wir alle zusammen. Keiner ihrer Nachbarn, der sich nicht wünschte, so besonnen, so tapfer, so menschlich zu sein wie sie. Wenn einmal der Tag kommen sollte, an dem alle Existenz bedroht ist...möchte man sich nur eins wünschen: ihnen dann nicht nachzustehen.“[20]

Der nächtliche Überfall auf die Tschechoslowakei am 21. August hatte die ganze Welt aufgerüttelt. Auf Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes traf Heinrich Böll am 20.August in Prag ein und wurde Zeuge der militärischen Besetzung des Landes, aber auch der Sternstunde der tschechoslowakischen Geschichte – des friedlichen, zivilen Widerstand gegen die Okkupation des Landes, der „hörbar, sichtbar, greifbar und doch nicht zu fassen“ gewesen sei. „Es war der stolze, heilige, demokratische, nüchterne, geschlossene Widerstand von Realisten, einzigartig in Europa, einmalig in der Geschichte.“[21]

„Das Modell einer Hoffnung, das hier acht Monate lang verwirklicht worden war, wurde zerstört. In Prag und Bratislava war bewiesen worden, dass ein strenges doktrinäres System von innen heraus, aus der regierenden Partei heraus, unterstützt von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen...ohne Gewalt reformierbar war.“[22]

Bundeskanzler Kiesinger sprach Ende September gegenüber De Gaulle von einer „emotionalen Sympathiewelle für das unterjochte tschechoslowakische Volk“ in der Bundesrepublik, die von seiner Regierung nicht noch zusätzlich angeheizt werden durfte, um der SU keinen weiteren Vorwand für ihre Vorwürfe zu liefern, die BRD mische sich in die Ereignisse ein. Laut Protokoll meinte Kiesinger: „Man könne sagen, dass in diesen Wochen sich bei den Deutschen ein neues Bild von den Tschechen und Slowaken gebildet habe. Früher habe man die Tschechen und Slowaken etwa mit dem Bild des braven Soldaten Schwejk apostrophiert, heute sei die Bewunderung für dieses Volk weit verbreitet.“[23] Vor der Intervention hofften 50% der befragten Bundesbürger, dass mit dem „Prager Frühling“ eine freiere Entwicklung im gesamten Ostblock beginne. Auf den Einmarsch im August 1968 reagierten die meisten mit Empörung (52%), Mitleid(51%), Sorge (50%). 68% waren froh, dass die Tschechen und Slowaken keinen militärischen, sondern nur einen zivilen Widerstand geleistet haben. 38% waren der Meinung, dass der Westen nicht militärisch eingreifen konnte, sondern sich nur auf Proteste beschränken musste, 26% hätten ein entschlosseneres Vorgehen der Westmächte auf dem diplomatischen und wirtschaftlichen Gebiet begrüßt. Dennoch sprachen sich 58% der Befragten dafür aus, mit Ostberlin weiter Gespräche zu führen und 45% glaubten, dass sich in den nächsten 10-20 Jahren in Osteuropa eine fortschrittliche Richtung durchsetzen werde.[24]

Die Bevölkerung in beiden deutschen Staaten begrüßte die Reformen. Im besonderem Maß war das geteilte Deutschland von der Hoffnung auf einen friedlichen Wandel in Osteuropa fasziniert, denn es war die einzige Perspektive, die an der Teilung Deutschlands etwas ändern konnte.

Auch rückblickend wird der „Prager Frühling“ in Deutschland als eine demokratische Leistung der Tschechen und Slowaken betrachtet. Für viele Deutsche symbolisierte die Tschechoslowakei nach der gewaltsamen Unterdrückung des „Prager Frühlings“ einen tragischen Geschichtsort, eine Schnittstelle europäischer Konflikte. Mehr als manche Dispute über die wunden Punkte der deutsch-tschecho-slowakischen Geschichte hatten der „Prager Frühling“ und seine Niederwerfung zur Versöhnung beigetragen.

Fußnoten

1.
AdAP 1968, Dok 152, Anm.5,6, S.568
2.
Süddeutsch Zeitung 20.10.1966, vgl. Dokumente zur Sudetenfrage. Habel, Fritz, Peter (Hg.), München 1984, S.349, Anm.1.
3.
Die Ansprache von Wenzel Jaksch am Sudetendeutschen Tag am 19.6.1966, in: Dokumente zur Sudetendeutschen Frage 1916-1967, Nittner, Ernst (Hg.), München 1967, S.533.
4.
So die Klarstellung des Staatssekretärs Paul Frank gegenüber dem Sudetendeutschen Rat im Jahr 1973. Dokumente zur Sudetenfrage, S.389.
5.
AdAP 1968, Dok.223, S.877.
6.
Vgl. Anm. S.94.
7.
AdAP 1968, Dok.259, S.1019.
8.
Pauer: Prag 1968, S.119, 300.
9.
Entschließung der Sudetendeutschen Landsmannschaft vom April 1969 in: Dokumente zur Sudetenfrage, S.371.
10.
Mann, Golo: Imperialismus gegen Sozialismus, In: Tschechoslowakei. August 1968, Zürich 1968, S.7.
11.
Petřinová, Irena: Němci v Čechách, in: Reportér 17.4.1969.
12.
Trialog o roce 1945, in: Host do domu 5/1968, S.22-29.
13.
Günter, Grass, Pavel Kohout: Briefe über die Grenze. Versuch eines Ost-West-Dialoges., Hamburg 1968.
14.
Das Interview mit Rudi Dutschke in: Konkret 5.5.1968, S.19-23.
15.
Enszensberger, Hans-Magnus in: Die Studenten und die Macht, Kursbuch Nr. 13, Juni 1968, S.106f; Krahl, Hans-Jürgen: Zur historischen Dialektik der nachstalinistischen Reform in der CSSR. In: Deppe, Rainer, Heinrich, Brigitte, Bärmann, Michael: Die Tschechoslowakei von 1945-1968. Zwischen Kapitalismus und Revolution. Voltaire Flugschrift 26, Frankfurt a.M.
16.
zitiert nach Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, München 1970, S.103.
17.
Konkret Nr.10/1968, zitiert nach ČSSR. Fünf Jahre „Normalisierung“ 21.8.1968/21.8.1973.Dokumentation. Hamburg 1973, S.106.
18.
Gespräche mit Ernst Bloch. Traub, Rainer, Wieser, Harald (Hg.), Frankfurt a.M.1975, S.126-129.
19.
Strauß, Franz Josef: Die Erinnerungen. Berlin 1989, S.301.
20.
Maxa, Josef (Pseudonym für Stanislav Budín): Die kontrollierte Revolution. Anatomie des Prager Frühlings, Wien, Hamburg 1969, Vorwort, S.16f.
21.
Der Panzer zielte auf Kafka. Vier Tage in Prag. Der Spiegel 20.9.1968.
22.
Böll, Heinrich: Heimat und keine. Schriften und Reden 1964-1968, S.299.
23.
AdAP 1968, Dok.318, S.1250.
24.
Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1968-1973. Noelle, E., Neumann, E.P.(Hg.), Allensbach 1974, S.584f.

Jan Pauer

Jan Pauer

Dr. phil. Jan Pauer, geb. 1950; langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen mit dem Themenschwerpunkt CSSR. Mitherausgeber des Buches "Ringen um Autonomie: Dissidentendiskurse in Mittel- und Osteuropa" (Berlin 2017) und Autor des Buches "Prag 1968 - Der Einmarsch des Warschauer Paktes" (Bremen 1996). Außerdem Verfasser zahlreicher Fachaufsätze zum Thema.


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