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28.8.2012

"This Ain't California" – Ein Skater-Märchen

Der auf der Berlinale 2012 als Geheimtipp gehandelte Film "This Ain't California" (Deutschland 2012) erzählt eine kleine Kulturgeschichte des Skateboardens in der DDR. Regisseur Marten Persiel gelingt ein berührendes und mitreißendes Porträt einer Subkultur, deren junge Angehörige dem repressiven DDR-Staat ihre Freiheitsliebe entgegensetzen und diese auch ausleben. Doch auch Persiel selbst hat sich als Filmemacher Freiheiten herausgenommen: In seinem als Dokumentarfilm annoncierten Streifen verwischt er bewusst und für das Publikum nicht nachvollziehbar die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion.

Converse-Schuhe (© Wildfremd Production GmbH)


Der Traum von Freiheit



Ein paar Freunde, alle um die 18 Jahre alt, sitzen im Zug zurück nach Ost-Berlin. Sie kommen aus Prag, wo sie an einem internationalen Skateboard-Wettbewerb teilgenommen haben. Nun sind sie müde und verkatert. Alle Fenster der alten 6er-Waggons stehen offen, es ist heiß und die Mitropa-Vorhänge wehen im Wind. In Prag haben sie Gleichgesinnte aus aller Welt getroffen und für einen kurzen Moment hat sich für sie das Tor zur Welt geöffnet; Sie saßen neben ihren Idolen aus den USA auf der Rampe und plötzlich gab es kein "Osten" und kein "Westen" mehr, sondern nur noch ein "Wir", das in wilden Partys und vielen getauschten Adressen kumulierte. Der Samen für einen Traum war gesät und inmitten der Schläfrigkeit einer langen Bahnfahrt keimte plötzlich eine Idee davon, was sie eigentlich mit ihrer Heimat DDR verband: "Wir waren auf dem Weg zurück zu den Leuten, die nicht wussten wie groß die Welt war (…) Trotzdem war es schön nach Hause zu fahren. Das war unser Land (…) Wir waren, ohne dass wir das jemals gewollt hätten, Repräsentanten gewesen für die DDR. (…) Wir kamen zurück, um den anderen zu erzählen, dass die Welt nicht an der Mauer aufhört und dass wir umgeben sind von einer ganzen Generation von Leuten, die genauso ticken wie wir." So beschreibt Nico, einer der Jungen aus dem Bahnabteil, rückblickend dieses schwer greifbare Gefühl zwischen Wut, Trotz und Stolz, das in der DDR Ende der 1980er-Jahre längst nicht nur ein paar Skater erfasst hatte.

Ein Film, der Fragen aufwirft



"This Ain't California" entführt in eine bisher unbekannte Welt: in den Mikrokosmos der Skateboarder im real existierenden Sozialismus der DDR. Wenn das Licht im Kinosaal nach knapp 90 Minuten wieder angeht, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass so ein Leben als Skater in Ost-Berlin wirklich spannend gewesen sein muss. Dabei wird die DDR keineswegs verherrlicht. Ganz im Gegenteil. Der Film beschreibt anschaulich die gesellschaftlichen Zwänge, gegen die die "Rollbrettfahrer" rebellierten; er erzählt von Leistungsdruck, Beschattungen und Verhaftungen durch die Staatssicherheit. Glorifiziert wird das Jungsein, die magische Zeit zwischen Kindheit und Jugend, in der Hindernisse nur als Herausforderungen wahrgenommen werden und Spaß alles ist, was zählt. Regisseur Marten Persiel hat aus Archiv- und Amateurmaterialien, nachgestellten Szenen, Animationen und Interviews einen schnell geschnittenen, gefälligen Film arrangiert, der bereits auf diversen Festivals das Publikum begeistert und bedeutende Preise abgeräumt hat. Während der Film seit seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale weitgehend unhinterfragt als Dokumentarfilm vermarktet und so auch sehr positiv rezipiert wurde, mehren sich seit dem bundesweiten Kinostart die Stimmen, die dem Film einen nicht nachvollziehbaren Mix aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen vorwerfen und deshalb seinen Status als Dokumentarfilm in Frage stellen. Daher lohnt nicht nur ein Blick auf die Filmerzählung und die Produktion von "This Ain't California", sondern auch auf die Vermarktungsstrategie des Films, der wenige Tage nach seinem Bundesstart in die deutsche Vorauswahl für den Oscar® in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" aufgenommen wurde.


Lagerfeuergeschichten – ein alternatives Sittenbild der DDR



Still aus einer Animationssequenz: Skaten im Hinterhof (© Wildfremd Production GmbH)

Im Mittelpunkt von "This Ain't California" steht der Skater Denis Paraceck, genannt Panik. Denis ist die Hauptfigur und gleichzeitig der große Abwesende, denn im Film ist er 2011 als Soldat bei einem Bundeswehreinsatz in Afghanistan ums Leben gekommen. Der Film gleicht einem Nachruf, denn Denis' Tod wird zum Anlass für ein Treffen seiner ehemaligen Skateboard-Clique mehr als 20 Jahre nach der Wende. "So eine langweilige Beerdigung, das hätte Denis nicht gewollt", kommentiert Nico, einst der beste Freund von Denis, das Ereignis aus dem Off. Also versammeln sich die in die Jahre gekommenen Skater nach dem schweren Gang auf den Friedhof auf einer Berliner Industriebrache. Dort erzählen sie sich – und den Kameras – am Lagerfeuer Geschichten von damals. Dieses bildgewaltige Setting bildet das erzählerische Rückgrat des Films, der entlang Denis' Lebensgeschichte eine Art alternatives Sittenbild der DDR entwirft. Angefangen hat alles in einem Magdeburger Plattenbauviertel. Hier baut sich Denis mit zwei Freunden zwischen den Garagenhöfen sein erstes Skateboard zusammen. Von der Nachbarschaft kritisch beäugt, üben sie täglich neue Tricks und filmen ihre rasanten Fahrten mit einer geliehenen Super-8-Kamera. Denis ist schon damals ein Draufgänger, der bei seinen waghalsigen Manövern immer wieder "Asphalt frisst" – sehr zum Ärger seines Vaters, der aus ihm einen Leistungsschwimmer machen will. Doch Denis denkt gar nicht daran, sich zu fügen. Für ihn, so erinnert sich Nico, der das Geschehen im Wechsel mit Hexe, einer Freundin aus alten Tagen, auf sehr persönliche Weise kommentiert, ist das Skaten die perfekte Alternative zum strengen Kadersystem des DDR-Sports. Irgendwann 1985 hat er endgültig genug: Er bricht einen Schwimmwettkampf einfach ab, steigt aus dem Becken und kehrt damit seinem bisherigen Leben den Rücken. Diese Szene wurde wie andere emotionale Schlüsselmomente als angenehm zurückgenommene, monochrome Animation ins Bild gesetzt.

Bald vollzieht Denis den endgültigen Bruch mit dem Vater und haut ab von zu Hause, seinem Kumpel Nico hinterher, der nach Ost-Berlin gezogen ist. Fortan kurven sie dort auf ihren Rollbrettern über Straßen und Plätze – die Stadt als großer Skatepark. "Beton" heißt es im Film lakonisch, "hatten wir in der DDR ja genug". Unterlegt von einem packenden Soundtrack lernt man die kleine Szene der DDR-Skater kennen, die sich am Alexanderplatz mit Breakdancern, Punks und anderen Unangepassten mischte. Obwohl die Skater nicht politisch motiviert sind, stehen sie bald im Fokus der Staatssicherheit, der der nonkonforme Lebensstil von Denis & Co. ein Dorn im Auge ist. Hier der autoritäre Überwachungsstaat, dort die ungezügelten Jugendlichen – dieses wirkungsvolle Spannungsverhältnis ist tragend für den Film.

Als Mitte der 1980er Skateboarding trotz aller staatlichen Gegenpropaganda auch in der DDR immer populärer wurde, ändern die Sportfunktionäre und -funktionärinnen ihre Taktik und versuchen, die talentiertesten Rollbrettfahrer als "Übungsleiter" ins Boot zu holen. Panik und einige andere dürfen sogar zu internationalen Wettkämpfen ins Ausland reisen. Als sie dort jedoch Kontakt mit der westdeutschen Szene aufnehmen und später in Eigenregie die ersten Deutsch-Deutschen Meisterschaften in der DDR organisieren, ist es mit dem Spaß bald wieder vorbei. Denis landet nach einer Rangelei mit der staatlichen Aufsicht im Gefängnis. Mauerfall und Wiedervereinigung erlebt er hinter Gittern. Als er entlassen wird, ist nichts mehr wie vorher. In den Wirren der Nachwendezeit verliert sich seine Spur und erst die Nachricht seines Todes bringt die Skater wieder zusammen, zumindest ist dies die Legende, die der Film nährt.

Nach dem Filmerlebnis: Dokumentarfilm oder Spielfilm?



Offiziell läuft "This Ain't California" als Dokumentarfilm in den Kinos und lange Zeit warb die Produktionsfirma Wildfremd Productions damit, dass der Film "das Genre Dokumentarfilm neu definieren" werde. Inzwischen ist dieses Zitat von der Webseite verschwunden. Regisseur Marten Persiel und das Produzententeam bezeichnen ihren Film als "dokumentarische Erzählung", in der zwar einige Teile nachinszeniert seien, die aber, wie sie im Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung betonen, insgesamt auf der wahren Geschichte des Denis Paraceck beruhe. Mittlerweile ist allerdings bekannt, dass der weitaus größte Teil der vermeintlichen Archivmaterialien und Zeitzeugeninterviews mit Schauspielern und Schauspielerinnen inszeniert worden ist. Wenige Tage vor dem regulären Kinostart veröffentlichte die Produktionsfirma auf der eigenen Webseite (Schul-)Material zum Download, in dem auf die fiktiven Elemente des Films hingewiesen wird. Auf die kritische Nachfrage einer Zuschauerin während einer Diskussion in Leipzig zum Kinostart erklärte der Produzent Ronald Vietz schließlich, sie selbst hätten den Film nie als Dokumentarfilm bezeichnet.

Dokumentarfilm hin oder her: "This Ain't California" ist ohne Zweifel ein ungewöhnlich packender, persönlicher und schlüssig erzählter Film, der stilistisch an kreative US-amerikanische Independent-Produktionen erinnert: viel Musik, eine rasante Collage unterschiedlicher Filmmaterialien und Interviews, in denen die Sehnsucht nach dem Früher deutlich wird, als man jung und wild war.

Auf virtuose Weise spielt der Film über die gesamte Länge von 90 Minuten mit dem Spannungsverhältnis zwischen Erzählung und Wirklichkeit, Authentizität und Inszenierung. Tatsächlich hat "This Ain't California" die Diskussion darüber, was einen Dokumentarfilm ausmacht, durchaus neu belebt. Wer um die Thematik weiß, der wird auch im Film einige subtile Hinweise auf das Thema entdecken, etwa wenn der Erzähler selbst von der Legendenbildung im Zusammenhang mit Paniks Werdegang spricht. Interessant und durchaus zu hinterfragen sind indes die Aussagen des Filmteams zum dokumentarischen Gehalt ihres Films und auch der strategische Nutzen ihres Vorgehens für die Kinoauswertung, wobei jede Diskussion oder gezielte Nachfragen scheinbar unerwünscht sind. Damit wird möglicherweise die Glaubwürdigkeit der spannenden Story der DDR-Skater, die "This Ain't California" in dieser Form erstmals erzählt, aufs Spiel gesetzt.

Hintergründe – oder: Geschichte wird gemacht



Eine kurze Anfrage beim Bundesverteidigungsministerum hat ergeben, dass sich unter den in Afghanistan Gefallenen der letzten Jahre kein Soldat namens Denis Paraceck befand. Anders als im Film selbst und in Interviews behauptet, hat es die Person Denis Paraceck vermutlich nie gegeben. Vielmehr diente die Kunstfigur Denis dem Regisseur und Autor Marten Persiel und seiner Ko-Autorin Ira Wedel offenbar als ein leeres Gefäß, in das sie verschiedene Geschichten, auf die sie während ihrer Recherchen in der Szene der ehemaligen DDR-Skater gestoßen waren, hineingossen, um sie dann gebündelt und personifiziert erzählen zu können.

Gespielt wird Denis von dem Schauspieler Kai Hillebrand, der selbst Skateboard fährt. Auch die Aufnahmen des jungen Denis und seiner Freunde sind inszeniert und wurden nicht – wie im Film erzählt – von den Kindern selbst zu DDR-Zeiten mit einer Super-8-Kamera gedreht. Stattdessen wurden Skater und Skaterinnen gecastet und von professionellen Kameraleuten in Szene gesetzt. Die weiteren drei Hauptfiguren Nico, Hexe und Dirk, die am Lagerfeuer in ihren Erinnerungen schwelgen, sind ebenfalls keine Zeitzeugen, sondern werden von dem Synchronsprecher David Nathan (Nico), dem Musiker und Autor Martin "Gotti" Gottschild (Dirk) und der Musikerin Tina "Trillian" Bartel (Hexe) verkörpert. Sie treffen am Lagerfeuer allerdings mehrere echte ehemalige Skater vom Alex und erzählen gemeinsam mit ihnen davon, wie es "damals" gewesen ist. So werden fiktive Texte kunstvoll mit authentischen Erinnerungen verwoben, bis es für das Kinopublikum nicht mehr auszumachen ist, wer vor der Kamera eine Rolle spielt und wer tatsächlich aus dem eigenen Leben berichtet.

Ähnlich verfahren die Filmemacher auch mit anderen Zeitzeugeninterviews. So kommt ein DDR-Sportfunktionär zu Wort, der die Repressionen gegen Skater in den 1980er-Jahren verharmlost und sich gänzlich uneinsichtig gibt. Ein Musterbeispiel des ewig gestrigen Stasi-Mannes, mag man meinen, bis sich nach Recherchen heraus stellt, dass der "Funktionär" ein Schauspieler ist und dieses vorgeblich reale Interview nie stattgefunden hat. Der Film verzichtet auch an dieser Stelle auf einen erläuternden Hinweis. Eine Recherche der im Abspann erwähnten Personen verschafft hier ein wenig Klarheit.

Die Animationssequenzen bebildern schließlich die Ereignisse, bei denen es unrealistisch gewesen wäre, dass eine Kamera sie aufgezeichnet hätte. Dazu gehören Schlüsselmomente der Erzählung wie Denis' Ausstieg aus dem Schwimmsport und sein vermeintlicher Tod in Afghanistan, der in der Animation als Freitod dargestellt wird. Dabei sei er, so Regisseur Persiel, durchaus auf "Hochrechnungen" angewiesen gewesen, um zu erahnen, wie es gewesen sein könnte. Immerhin ist dies bei den Animationssequenzen – im Gegensatz zu den inszenierten dokumentarischen Szenen – fürs Publikum schon rein formal eher als konstruiert erkennbar.

Das Spiel mit den Genres



Es gibt viele Filme, die sich auf der Grenze zwischen den Genres bewegen. Wer sich an realen und/oder historischen Vorgängen orientiert, kann dafür die unterschiedlichsten filmischen Umsetzungen finden. Die Frage, ob sich ein Film schließlich als Spielfilm nach einer wahren Begebenheit, als Biopic, Mockumentary oder Fake-Dokumentarfilm geriert, hat oft mehr mit Vermarktungsstrategien als mit der tatsächlichen Art und Weise der Produktion des Films zu tun.

Im Fall von "This Ain't California" haben sich die Filmemacher darauf geeinigt, den Film als Dokumentarfilm ins Rennen zu schicken. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Deutlich wird jedoch, dass die sehr gekonnte Inszenierung des Faktischen hier nicht nur darauf zielt, ein paar erzählerische Lücken zu schließen, wie vom Filmteam lange behauptet. Ganz im Gegenteil bildet die Inszenierung stattdessen das erzählerische Gerüst, in das einzelne dokumentarische Teile eingewoben wurden, um die Authentizität des Films zu steigern und das Publikum emotional zu berühren. "Die Magie ist dahin, wenn ich alle in meinen Zauberkasten gucken lasse", begründet der Produzent Ronald Vietz die Machart des Films.

Die Produktion eines Dokumentarfilms birgt immer das Risiko, dass sich Mitwirkende unvorhergesehen verhalten oder einfach langweilige Dinge tun. Die Herausforderung für Dokumentarfilmende besteht deshalb darin, aus der Realität einen spannenden, ästhetisch anspruchsvollen Film zu gestalten, wobei der spielerische Umgang mit den formalästhetischen Besonderheiten des Genres gerade auch das Salz in der Suppe sein kann. "This Ain't California" geht sichtlich an die Grenzen des Dokumentarfilm-Genres und gestaltet Realität in einer Weise nach, die das Publikum im Augenblick des Filmerlebnisses nicht mehr als konstruiert wahrnehmen kann. Es bleibt zu diskutieren, ob diese Form der künstlerisch überhöhten Vermittlung von zeitgeschichtlichen Phänomenen oder deren (Re-)Konstruktion in der künstlerischen Bearbeitung etwa für künftige historische Vermittlungszusammenhänge in der Bildungsarbeit von Bedeutung sein kann. Dabei wäre es jedoch wünschenswert, wenn über die Frage, wie im Film Wirklichkeit rekonstruiert wird, eine offene und differenzierte Auseinandersetzung ermöglicht wird. Denn Film kann Bilder und Meinungen, die wir uns von Gesellschaft, der Welt und historischen Ereignissen machen, nachhaltig beeinflussen. Das ist eine der Stärken des Mediums, die jedoch auch Verantwortung mit sich bringt.

Luc-Carolin Ziemann

Luc-Carolin Ziemann

Luc-Carolin Ziemann hat Kultur-, Medien- und Politikwissenschaften studiert. Sie ist als Kuratorin, Autorin und Dozentin tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Dokumentar-, Experimental- und Kurzfilm sowie zeitgenössische Kunst.


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