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23.10.2014

Gangster Girls

Die österreichische Filmemacherin Tina Leisch stellt uns in dem vorliegenden Text ihren Film "Gangster Girls" vor. Der Film erzählt von Frauenschicksalen in einer Haftanstalt und zieht gleichzeitig die Institution des Gefängnisses als einer "Besserungsanstalt" in Zweifel. Ausgehend von einer Theaterinszenierung schafft sie einen kunstvollen und vielschichtigen Dokumentarfilm.

Szenenfoto aus "Gangster Girls", Österreich 2008, 79 min, (© KINOK)


Kunstvoll geschminkte Gesichter, Perücken, Gesang, Spiel und Tanz - ein Theaterworkshop im Frauengefängnis Schwarzau. Erzählt wird das Drama der Lebensgeschichten der inhaftierten Frauen, ein Stück um Betrug, Verrat und Mord. Die Frauen spielen ihren Alltag nach. In inszenierten Gesprächssituationen (in Küche, Wäscherei, Näherei) schildern sie außerdem, wie sie ins Gefängnis kamen und welche Erfahrungen sie hinter Gittern machen. Sie erzählen von ihrem früheren Leben und wie sie jetzt zu ihrer Tat stehen. Auch in diesen Szenen bleiben ihre Gesichter maskiert, was sie ein Stück weit zu Kunstfiguren macht. Sie stellen sich selbst dar. In der Brechung von Spiel und Bekenntnis, von szenischer Reflexion und authentischer Erfahrung entsteht ein vielschichtiges und widersprüchliches Bild der Institution Gefängnis und der Gesellschaft, die diese hervorbringt.
"Gangster Girls" ist ein Dokumentarfilm über über ein Theaterprojekt im Frauengefängnis Schwarzau. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)

Weit verbreitet ist die Illusion, die wirkliche Wirklichkeit würde sich zeigen, wenn man entweder frech mit der Kamera draufhält oder etwas nur behutsam genug begleitet. Eine naive Illusion. Nicht nur, weil nach der kinematografischen Unschärferelation der Kamerablick das Gefilmte immer schon beeinflusst, sondern weil ihr die noch naivere Illusion zugrunde liegt, die gesellschaftlichen Verhältnisse seien sichtbar oder sichtbar zu machen. Vielleicht zeigen sie sich ja manchmal, als mysteriöse Epiphanie in einer Einstellung, normalerweise ist aber Montage notwendig, um Dialektik herzustellen. Ohne Dialektik keine Gesellschaftsanalyse, anders gesagt: Erkenntnis ist kein Effekt des Hinschauens, sondern des Nachdenkens. Weil politisch engagiertes Dokumentieren also nicht so sehr sichtbar machen, als denkbar machen heißt, können manche Filme, die ihr Objekt offensichtlich "konstruieren", realistischer, dokumentarischer sein, als die nur genau beobachtenden. Es reicht aber nicht, Erkenntnisse zu produzieren, plus etwas Empathie, die dazu führt, dass das Publikum denen, in die es sich hineingefühlt hat, aus Rührung nachher ein paar Rechte mehr zugesteht als zuvor. Wohlmeinende Mitleidsdokus erniedrigen ihre ProtagonistInnen, deren Partei sie zu ergreifen vorgeben genauso, wie sie die angeklagten Ungerechtigkeiten zementieren, wenn sie sich nicht darüber im Klaren sind, in welchem Maße filmische Bilder Begehren produzieren, lenken und kodieren und es ihnen nicht gelingt, im Inneren der Bilder eine Umwertung der Werte vorzunehmen.

Die Grenzen eines Bildes müssen nicht den Rändern der Begriffe folgen, die Architektur eines filmischen Zusammenhanges muss nicht die Architektur eines theoretischen Gebäudes nachzeichnen, im Gegenteil. Gerade weil die Bilder ständig über die Ränder der Begriffe schwappen, die man sich von ihnen zu machen geneigt ist, gerade weil der durch Montage hergestellte filmische Zusammenhang eine Transversale zu den von der Theorie behaupteten Machtverhältnissen darzustellen vermag, können politische Dokumentarfilme Röntgenbilder der Sollbruchstellen von Herrschaftsverhältnissen sein. Indem sie zum Beispiel offenbaren, dass Herrschaft im selben Maße eine Konstruktion ist, eine Konvention, wie die filmische Sprache selbst.

Text: Tina Leisch

Tina Leisch

Über die Künstlerin

Tina Leisch

Tina Leisch, geb. 1964, lebt in Wien. Filme: Dagegen muss ich etwas tun. Portrait der Widerstandskämpferin Hilde Zimmermann (2009), Gangster Girls (2008), Riefenstahl-Remix (2003), Vergiss Europa. Ein Weiß-Schwarzfilm (1999)


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