zurück 
23.10.2014

Oral History

In seinem Film "Oral History" lässt der Regisseur Volko Kamensky Sprecherinnen von Erotik-Telefonhotlines spontan Geschichten erfinden. Diese Erzählungen kombiniert er mit Kamerafahrten vor idyllischen Landschaften - ein fast zufälliges Aufeinandertreffen von Bild und Ton. Wird man als Zuschauender/in davon irritiert oder akzeptiert man die leichten Brüche? In dem vorliegenden Text erläutert der Regisseur sein Filmwerk.

Szenenfoto aus "Oral History", Deutschland 2009, 22 min (© Volko Kamensky)


Vogelgezwitscher, ein lichtdurchfluteter Laubwald, darin eine Häusersiedlung, kein Mensch weit und breit. Irgendwie märchenhaft. Langsame Kamerafahrten. Telefonklingeln. Frauenstimmen erzählen aus dem Off verzückt von einem Ort am Waldrand, von Heimat und Gemeinschaft, Naturverbundenheit und Ausgrenzung.

Der Regisseur Volko Kamensky spricht über seinen Film "Oral History", in dem er sich an der Schnittstelle zwischen dokumentarischer und fiktionaler Darstellung bewegt. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)

Hier bin ich geboren, hier gehöre ich hin. Leise Zweifel am Zusammenhang von Erzähltem und Bildern stellen sich ein. Man will dem Film nicht recht trauen. Es wird sich zeigen, dass die vermeintlich autobiografischen Geschichten von Mitarbeiterinnen einer kostenpflichtigen Telefonhotline zum Thema "Dorf am Waldrand" frei erfunden wurden. Erfundene Geschichten als dokumentarisches Material, das auf Reales verweist: die konkrete Realität stereotyper kollektiver Vorstellungen. Performing Oral History.

Zwei Filme sind "Oral History" vorausgegangen: "Divina Obsesión" (1999) und "Alles was wir haben" (2004). Beide Filme leben von einer Spannung zwischen einer visuell vermittelten und einer akustisch wahrnehmbaren Wirklichkeit und arbeiten mit Interviews auf der Tonspur. Schon im zweiten Film wollte ich den Grad an Verstrickung zwischen Interviewer und Interviewtem inszenieren und damit ein Abhängigkeitsverhältnis reflektieren, das in mindestens zwei Richtungen funktioniert. Ich meine damit zum einen die Erwartungen und Wünsche des Filmemachers gegenüber den Aussagen des Protagonisten, von deren Gehalt die Qualität des gesamten Films abzuhängen scheint, und zum anderen das, was sich der Protagonist vom Film erwartet, wie er hofft, im und durch den Film wiedergegeben zu werden. Wie man sich gegenseitig Sprachrohr ist, oder allgemeiner Medium, aber auch Beschränkung. In "Oral History" ging es mir insbesondere um die widersprüchliche Situation, dass man ja sowieso nie alleine spricht, sogar dann nicht, wenn man gerade das Ureigenste formulieren möchte. Dass man mit jedem Wort, das man ausspricht, die Bedeutung derer wiederholt, die es schon vor einem gesprochen haben. Dass übernommene Vorstellungen und Vorprägungen all unsere Auffassungen und Wahrnehmungen durchdringen, und uns auch dann noch einholen, wenn wir uns vollkommen frei von jeglicher Ideologie wähnen.

Mir schien es aufschlussreich, diese Widersprüche - und viel größenwahnsinniger noch: die Widersprüchlichkeit der Welt - anhand einer Untersuchung von Zwischentönen und Unterschwelligem vorzunehmen, da ich darin mögliche verdeckte Übergänge vermutete. Ich wollte erfahren, wie die zwingende Distanz zwischen der Geschichte und den Geschichten, oder anders zwischen History und Story immer wieder aufs Neue hergestellt werden möchte. Ich wollte die Grundspannung zwischen dem Erfundenen und dem Vorgefundenen erfahrbar machen, und eben nicht der bequemen These anheimfallen, Spielfilm oder Dokumentarfilm, das sei doch das gleiche. Ein wenig schwindlig ist mir dabei geworden, und herausgekommen ist ein Heimatfilm über ein wohl merkwürdig vertrautes Land namens Bodenlosigkeit.

Text: Volko Kamensky

Volko Kamensky

Über den Künstler

Volko Kamensky

Volko Kamensky, geb. 1972, lebt in Hamburg. Filme (Auswahl): Oral History (2009), Alles was wir haben (2004), Divina Obsesión (1999).


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln